Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine Frau die ihre Hände in den Hosentaschen hält, steht vor einem Fenster und schaut nachdenklich hinaus. Das Fenster ist die einzige Lichtquelle, sodass der Rest des Bildes Schatten sind. Im Vordergrund ist der Schatten einer Pflanze zu sehen. Foto: Nora Wunderwald/Tierindir

„Social Media wurde zu unserem Katalysator“

Eine junge Bloggerin über Mediennutzung in Zeiten der Nachhaltigkeit

Die 22-jährige Studentin macht seit 2012 YouTube-Videos und hat sich über die letzten Jahre ihres Erwachsenwerdens hin zu einer sogenannten „Sinnfluencerin“ entwickelt. Das heißt, sie will ihren Followern vermitteln, wie sie nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für die Umwelt, das Klima und die Menschen das Beste herausholen können – und damit ein besseres (Zusammen-)Leben schaffen. Aber warum sind gerade die Medien wichtig und mit ihnen Leute, die für die Zukunft kämpfen?

Manchmal frage ich mich, wann bei mir eigentlich alles angefangen hat mit meinem Sinn für die Nachhaltigkeit. War es, als ich Vegetarierin wurde? Ich war damals 16 Jahre alt, folgte verschiedenen Bloggern und YouTubern und kam durch einen von ihnen auf eine Dokumentation namens Earthlings1. Diese Doku war kostenlos auf YouTube in mehreren 9-minütigen Teilen hochgeladen. Bereits nach dem ersten Teil sagte ich leise vor mich hin: „Ich werde nie wieder Fleisch essen.“ Zu sehen war, was passiert, wenn Menschen Tiere oder Tierprodukte essen. Das blanke Leid, wie ich es mir noch nie zuvor vor Augen geführt hatte, sprang mir entgegen. Ich saß an diesem Abend bedrückt am Abendbrottisch und erzählte meinen Eltern von meiner neuen Einstellung zum Essen. Ein Jahr später wurde ich vegan. Noch ein Jahr später kaufte ich so gut wie keine Produkte mehr in Plastik. Kaufte im Unverpackt-Laden ein. Die meisten Klamotten Secondhand. Oder bei Fair Fashion Brands. Doch wie kam dieser Wandel? Und was hatten die Medien damit zu tun?

Alles. Die Medien waren der Grund, warum ich mich entwickelte, wie ich mich entwickelte. Hätte ich weiter das Leben gelebt, das meine Eltern und Verwandten, auch Freunde und Bekannte, mir vorlebten, hätte sich wohl nie etwas geändert. Die Medien – speziell Instagram, YouTube, Netflix und ein paar richtig gute Bücher – eröffneten mir erst den Blick auf das, was eigentlich in unserer Welt schiefläuft. Das Thema Nachhaltigkeit interessierte mich. Sonst hätten mir die Algorithmen der Social Networks sicher auch nicht immer und immer wieder Werbung eingespielt für Menschen, Filme, Videos oder Bücher, die in diese Kerbe schlagen. Ich wollte lernen. Ich wollte mehr wissen. Also habe ich – wieder mal – sehen können, was für ein positiver Ort das World Wide Web sein kann. Ein Ort der Bildung, ein Ort der Informationen, ein Ort, der mich dort einsteigen ließ, wo ich einsteigen wollte. Und mir immer mehr gab. Ich fand also genau das, was ich suchte. Und manchmal auch das, was ich nicht suchte – zum Beispiel habe ich Käse viel zu sehr geliebt, um vegan zu werden. Aber die Recherchen dazu haben mir etwas anderes ans Herz gelegt. Okay then.

Greta, ich war eher da!

Ich wollte immer noch einen Schritt weitergehen. Vegan reichte irgendwann nicht mehr. Es sollte (für eine kurze Zeit) roh-vegan sein. Dann erfuhr ich durch eine Media-Convention von dem Konzept des unverpackten Einkaufens. Und stellt mein Leben von da an weitestgehend auf Zero Waste um. Und so geht das bis heute. Ich sehe die Medien als Spiegel der Gesellschaft, auch wenn das manchmal naiv sein mag. Aber nicht umsonst ist Greta Thunberg geworden, was sie geworden ist. Dieses Mädchen spiegelte medial wider, was (fast) eine ganze Generation beschäftigt.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Klassenkameraden in der Freistunde, auf dem Boden vor dem Klassenzimmer sitzend. Ich sagte zu ihm: „Das größte Problem, mit dem unsere Erde mal zu kämpfen haben wird, ist das Problem der Umwelt.“ Er lachte mich ein bisschen aus und sprach von anderen, eher gesellschaftspolitischen Problemen. Ich nahm meinen Satz und packte ihn in ein YouTube-Video auf meinem Kanal. Dort nahm ich meine Zuschauerinnen und Zuschauer eh die ganze Zeit auf meinem Weg mit. Jetzt also hergehört! Das Video hieß UMWELT, das Format „Großgeschrieben“. Dort verhandelte ich wichtige Themen, über die es zu sprechen galt. Der Zeitpunkt: 2016. Greta, ich war eher da! Aber ähnlich wie Greta habe ich das, was ich hatte, meine Plattform, genutzt. Ich habe gemacht, was mir nahelag und nahestand. Teils bin ich auf Ablehnung gestoßen, teils aber auch auf Jüngere oder Gleichaltrige, die auch begriffen hatten, dass sich etwas ändern musste. Social Media wurde zu unserem Katalysator. Was ich predigte (und es bis heute tue), ist die große Wirkung von kleinen, bewussten Entscheidungen, der Nachhaltigkeit zuliebe. Ich zeige, was ich vegan koche, was ich Secondhand einkaufe und wie Menstruationstassen funktionieren. Und dass uns das alles nicht den Spaß am Leben nehmen muss.

Doch noch mal einen Schritt zurück: Warum sind die Chancen der Online-Welt so bedeutend für das Thema Nachhaltigkeit? Zum einen, weil Leute eine Plattform bekommen, die sie sonst nur schwer bis gar nicht hätten. Leute zum Beispiel, die eben in Massentierhaltungs-Betrieben gruselige Sachen aufdecken. Oder in Nähereien (sogenannten Sweatshops) in Indien. Leute, die uns zeigen, wie mit fünf Hausmitteln eigentlich alles hergestellt werden kann, was ein Haushalt braucht. Menschen, die mit einem Helikopter über Gletscher fliegen – oder dem, was von einem Gletscher übriggeblieben ist. Dafür ist im Internet Platz. Wofür auch Platz ist: Austausch. Ich sehe was, was du nicht gesehen hast, ich schicke es dir, und so weiter. Es wird fleißig kommentiert, diskutiert, weitergeleitet und viral gegangen. Besonders für das Thema Nachhaltigkeit kann das Gold wert sein. Jedefrau und Jedermann kann eine Meinung haben. Und diese bekannt machen.

Das ist auch der Hintergrund meines Jugendmagazins TIERINDIR, welches ich mit zwei weiteren jungen Frauen, Studentinnen wie ich, gegründet habe. Wir möchten jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich und das, was in ihnen steckt, auszudrücken. Neben dem großen Thema „Erwachsenwerden“, sind Liebe, Freundschaft, aktuelle Themen und Kreativität an der Tagesordnung.

Nora, Imina und Luka, die Macherinnen des Jugendmagazins TIERINDIR. (Fotos: Nora Wunderwald/Tierindir)

So wird sich auch in unterschiedlichster Form mit dem Thema Klimawandel auseinandergesetzt. Denn spätestens, seitdem gefühlt die Hälfte der Schule freitags nicht mehr zum Unterricht erschien, ist jedem klar, dass etwas am Dampfen ist. Und die jungen Menschen schreiben darüber. Denn sie schreiben, was sie denken. Sie schreiben über Ängste, über Hoffnung, über Demos und über Streit. Sie schreiben, was sie sich wünschen und wie sehr sie alles nervt. Wir als Redaktion können vor allem eins tun: sie ernst nehmen. Publizieren, laut sein, für die gute Sache einstehen. Deswegen gibt es TIERINDIR mittlerweile auch als Printmagazin. Das mag sich widersprechen, auch wenn alles ganz klimaneutral abläuft. Wir wollten jedoch Bravo, Mädchen und Co. im Zeitschriftenregal Konkurrenz machen. Denn da fehlt eindeutig was. Satt haben wir’s, dass alles immer Friede-Freude-Eierkuchen ist und die Welt sich nur um Stars und Schminke dreht. Und viele Jugendliche haben das auch satt.

Die Zeit der nachhaltigen Entscheidungen ist gekommen! Auf der Leine an der Luft ist und bleibt die energieeffizienteste Art Wäsche zu trocknen. (Foto: Nora Wunderwald/Tierindir)

Nachhaltigkeit ist cool geworden

Folgendes würde ich mir wünschen: dass die Medien nicht nur zur Unterhaltung, sondern vor allem als wichtige Quelle von Wissen und Weiterbildung verwendet werden. Dass sie auf dieser Grundlage stärker akzeptiert werden – ich denke da vor allem daran, dass junge Menschen so oft schief angeschaut werden, wenn sie ihre Nase viel vor dem Bildschirm haben. Und: dass wir letztendlich trotzdem weg vom Konsumieren und hin zum Handeln kommen. Denn all die Informationen, all die Aufmärsche freitags auf der Straße, sie bringen uns nichts, wenn wir es dabei belassen. Wir sollten begreifen, dass jede und jeder von uns Verantwortung trägt. Zu schade wäre es, wenn alles nur auf die Großen abgewälzt werden würde. Jeder Einzelne muss handeln – und zwar strikt. Und Handeln kann auch heißen: das Telefon und den Laptop mal weglegen. Das Buch auch. Einen Spaziergang machen. Unberührt bleiben, für einen kurzen Augenblick. Merken, dass es nicht viel mehr braucht und dass letztendlich das da draußen – die Natur – das Wichtigste ist, was wir haben.

Deswegen glaube ich auch, dass endlich die Zeit der Nachhaltigkeit gekommen ist. Auch die Zeit der nachhaltigen Marken. Der nachhaltigen Freizeit-Aktivitäten. Der nachhaltigen Entscheidungen. Nachhaltigkeit gilt mittlerweile (schon fast) nicht mehr als „öko“. Es ist cool geworden, es wird langsam, aber sicher, zum Standard, es kann schick sein, es wird erschwinglicher, es zeigt uns Alternativen auf und lässt uns fragen, warum es denn nicht schon immer so war. Es sprießen immer mehr Nachhaltigkeits-Influencerinnen und –Influencer aus dem Boden; oder die, die ihre Sache schon lange machen, bekommen endlich mehr Aufmerksamkeit. Denn eine Nachfrage entsteht. Sie zeichnete sich lange Zeit auf den Straßen ab, freitags. Aber auch auf Instagram, auf YouTube, in Netflix-Dokus und in einem Spiegel-Bestseller nach dem anderen. Die Menschen sind laut, sie sind wütend. Sie sind aber auch traurig. Oder glücklich (über ihren tollen neuen Secondhand-Gürtel zum Beispiel). Aber vor allem: Sie sind. Sie existieren, sie werden gehört. Weil die Medien sie hörbar machen. Weil die Medien ihnen einen Platz geben. Platz, um den sie nicht kämpfen müssen, da er ihnen zusteht. Jetzt liegt es an den Individuen, diesen Platz richtig zu nutzen. Die richtige Message zu posten, den besten Link, die überzeugendsten (aber geprüften!) Facts.

Wir sind nun mal die Zukunft. Junge Menschen sind die Zukunft. Ob wir es wollen, oder nicht. Aber das, was die Zukunft beeinflusst, ist das Handeln aller. Ist der Umgang miteinander und mit unseren Problemen – zusammen. Nutzt die Medien. Nutzt Laptop, Tablet, Smartphone, Bücher, Fernsehen, Internet und Radio. Aber nutzt sie für die gute Sache. Mit einem Sinn für das wichtigste Thema unserer Generation: die Umwelt.


Anmerkungen
  1. 1. Earthlings, USA 2005, Regie Shaun Monson. Die Dokumentation über Fleischkonsum und Tiernutzhaltung zeigt das Elend der Tiere und die Brutalität der Menschen gegenüber der Tierwelt.