Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Hände eines Kindes, welches ein Smartphone darin Hält. Abgestützt auf einem gemalten Bild. Auf dem Handy sieht man das selbe Bild, in der App "Draw your Game". Foto: LAG Lokale Medienarbeit

Digital & inklusiv

Jugendmedienarbeit ermöglicht Teilhabe für alle

Wir alle finden es praktisch, eine Textnachricht einzusprechen statt sie einzutippen, in einem lauten Umfeld einen Film mit Untertitelung zu verfolgen oder weitere Assistenzfunktionen zu nutzen. Menschen mit einer Behinderung profitieren von digitalen Medien. Sie können eine Tür zu neuen Erfahrungen, zu Kreativität und Selbstwirksamkeit sein. Haben Sie diese Tür schon ein wenig geöffnet? Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen, vermeidbare Barrieren abbauen, das können Schritte in Richtung einer inklusiven Haltung sein. Unsere Gesellschaft hat diese Schritte hin zu mehr Partizipation, Wertschätzung und Anerkennung nötiger denn je. Mit einer Inklusiven Medienarbeit können wir dazu beitragen

Jugendliche mit einer Einschränkung haben es immer wieder mit Behinderungen zu tun. Ihre Art und Weise in der Welt zu sein, ist vielfältig und oft anders, als wir es vielleicht gewohnt sind. Das gibt uns eine einzigartige Chance, eigene Standpunkte zu reflektieren und neue Verhaltensweisen zu entdecken. Begegnen wir zum Beispiel Luisa, die blind ist, wundern wir uns darüber, dass sie ihr Handy ans Ohr hält und eine sehr schnell abgespielte Sprachaufnahme zu hören ist. Wirklich schnell! So schnell, dass wir sie kaum verstehen können. Luisa nutzt dann nämlich gerade einen Screenreader, um ein Webangebot zu erfassen. Die Webseite wird dabei vorgelesen und Informationen können nutzbar gemacht werden. Luisa erfährt so von einem tollen Medienprojekt – vielleicht in Ihrer Einrichtung! Digitale Medien machen´s möglich! Im Datennetz ist es zuerst einmal egal, ob ich mobilitätseingeschränkt bin, wie ich aussehe, oder wo ich mich gerade befinde. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Einschränkungen auszugleichen und das Medium so zu nutzen, wie es für mich persönlich passt.

Digital ist besser!

Jugendarbeit ohne digitale Angebote ist heute nicht mehr vorstellbar. In der Pandemie konnten Fachkräfte auch während Ausgangssperre und Quarantäne mit den Jugendlichen im Kontakt bleiben, sie unterstützen – auch im digitalen Raum. Viele Kolleg:innen haben die Chancen der digitalen Welt erkannt und sich auf den Weg gemacht. Social-Media-Posts wurden gestartet, virtuelle Jugendzentren aufgebaut, Angebote und Spiele auf Discord gemacht. Die Kreativität war enorm und das Angebot vielfältig. Wenn man genauer hinsieht, fiel allerdings auf, dass nicht immer alle Jugendlichen mitgedacht wurden. Insbesondere die mit einer Behinderung blieben oft außen vor.

Dabei bietet gerade die digitale Welt viele Möglichkeiten der Partizipation und Teilhabe für alle. Eine Frage der Haltung? Wie wäre es, wenn das Ziel unserer Arbeit wäre, alle Menschen zu erreichen? Wenn Medien als Mittel zur Begegnung genutzt würden, um Ausgrenzung zu vermeiden.? Könnten wir eine Haltung entwickeln, die inklusiv ist? Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 hat sich zwar schon einiges getan, genug aber lange noch nicht.

Natürlich ist es nie möglich, wirklich jede:n zu erreichen, aber die Tür ein wenig zu öffnen und Barrierefreiheit herzustellen, ist gar nicht so schwer und nutzt allen! Mit ein paar Anregungen, guten Methoden und Beispielen aus der Praxis möchte dieser Artikel Mut machen, von Anfang an alle mit einzubeziehen und nicht erst im Nachhinein das Inklusions-Pflaster draufzukleben – oder es schlimmsten falls sogar zu vergessen.

Wir Menschen möchten nicht ausgegrenzt werden und möglichst in allen Bereichen des Lebens teilhaben. Inklusion ist mit der UN-Behindertenrechtskonvention ein Menschenrecht und im Bildungssystem umzusetzen. Medienbildung gehört natürlich auch dazu. Um Medien selbstbestimmt nutzen zu können ist, es wichtig, Menschen mit einer Einschränkung von Anfang an mitzudenken. Vermeidbare Barrieren können bewusst gemacht und Medienangebote für alle konzipiert werden.

Vertontes Spiel zum Thema „Private Daten“ – mithilfe des Audiostifts mit Sprachausgabe müssen besprochene Bausteine in eine Reihenfolge gebracht werden. (Foto: LAG Lokale Medienarbeit)

Von vornherein soll die uneingeschränkte Teilhabe für Menschen mit und ohne Behinderung möglich sein – zumindest aber sollten Angebote barrierefrei zugänglich sein. Digitale Medien eröffnen die Möglichkeit, selbstbestimmt teilzuhaben, sich zu informieren und natürlich auch selbst aktiv zu werden und eigene Positionen und Meinungen in die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn Jugendliche mit einer Behinderung Medien nutzen können und gemeinsam mit anderen in Medienprojekten zusammenarbeiten und ein gemeinsames Produkt erstellen, wird deutlich: Alle können profitieren, beispielsweise Jugendliche ohne Behinderung, die andere Standpunkte, Lebensentwürfe und Fähigkeiten kennenlernen und dies von Anfang an als normal erleben.

Nicht nur Menschen mit einer Behinderung profitieren von Inklusiver Medienarbeit, auch Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete, und eigentlich wir alle. Denn je mehr Möglichkeiten der Partizipation es gibt, umso leichter fällt es uns, den für uns passenden Weg der Teilhabe zu gehen. Was können wir also tun, damit unsere medienpädagogische Praxis ein bisschen inklusiver wird?

Wie barrierefrei ist unsere Website?

Um die eigenen Angebote bekannt zu machen, haben soziale und kulturelle Einrichtungen eine Webseite, vielleicht auch einen Blog und Postings in Sozialen Medien. Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung BITV soll eine umfassend und grundsätzlich uneingeschränkt barrierefreie Gestaltung moderner Informations- und Kommunikationstechnik gewährleisten. Sie gibt einen Überblick, was wichtig ist, damit die eigenen Angebote barrierefrei werden.1

Heutzutage ist die Umsetzung einfacher geworden als noch vor einigen Jahren. Das gilt auch in Sachen Barrierefreiheit. WordPress bietet beispielsweise kosten- und barrierefreie Themes an, die einen einfachen Einstieg ermöglichen. Über das kostenlose Plugin ReadSpeaker kann man sich die Seite auch vorlesen lassen – wenn man z.B. schlecht sieht oder nicht lesen kann. Auf der Seite erscheint dann ein Button mit der Aufschrift „Vorlesen“ und das funktioniert wirklich gut. Auf unserer Website inklusive-medienarbeit.de können Sie es ausprobieren.

Für die Fotos, Logos und Abbildungen auf dem Webangebot gilt: Alternativtext einfügen! Webseiten oder Dokumente sind erst dann barrierefrei, wenn Grafiken und Bilder, die Informationen vermitteln, beschrieben und als Alt-Text hinterlegt werden. Blinde Menschen surfen mit Screenreadern durch das Internet: Diese Software liest den Alt-Text vor oder gibt ihn über eine Braille-Zeile in Punktschrift aus.

Bilder auf der Website mit Alternativtext zu versehen, ist ohne viel Aufwand möglich und ermöglicht es Menschen mit einer Sehbehinderung zu erfahren, was auf dem Foto zu sehen ist. Um gute Alternativtexte zu machen, ist es hilfreich, sich vorzustellen, was auf dem Foto zu sehen ist und dies möglichst knapp zu beschreiben.

Tipps für Alternativtexte zu den Bildern der eigenen Website

  • Nur die wichtigsten Informationen des Bildes wiedergeben (40  – 80 Zeichen). Nicht unnötig aufblähen: „Auf dem Bild zu sehen ist eine junge Frau …“, sondern: „Junge Frau…“
  • Grafiken ( z.B. Diagramme) enthalten oft mehr Infos, als sich mit 40  – 80 Zeichen wiedergeben lassen. Lösung: Das Diagramm im Haupttext beschreiben. Im Alt-Text darauf hinweisen ( z.B. Diagramm: Wahlbeteiligung nach Alter. Nähere Infos im Text.).
  • Alternativtexte sind keine Bildunterschriften. Sie geben nur die Info wieder, die sonst visuell vermittelt wird.
  • Bildunterschriften geben weitere Infos, die auch für Sehende wichtig sind und die man nicht unbedingt  auf dem Bild sieht (Name der abgebildeten Person etc.).
  • Auch Logos sollten beschrieben werden: „Logo von xyz“.

Weitere Informationen dazu gibt es auch auf der nimm!-Akademie unter dem Menüpunkt Digital barrierefrei!2 

Alternativtexte bei Fotos sind übrigens auch in Sozialen Medien möglich. Wie das funktioniert und noch mehr dazu finden Sie in der Publikation Dabei sein und mitreden! Social Media für alle3. Auch die Auswahl der Fotos kann Inklusion fördern oder nicht. Welche Personen sind auf den Fotos zu sehen? Welche Bildsprache wähle ich, um Menschen mit einer Behinderung oder auch Personen mit Migrationshintergrund darzustellen? Kommen überhaupt Jugendliche mit einer Behinderung vor? Gutes Bildmaterial gibt es in der Fotodatenbank Gesellschaftsbilder4 (kostenfrei mit Fotografennennung für nicht nicht-gewinnorientierte Zwecke). Die Motive lassen sich auch gut in Projekten einsetzen, um über die Darstellung von Behinderung zu diskutieren.

Vorlesefunktionen sind nicht nur für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung hilfreich. Auch ältere Personen, Menschen, die nicht lesen können oder die deutsche Sprache (noch) nicht gut beherrschen, profitieren. Methoden aus der Inklusiven Medienarbeit konnten wir bereits erfolgreich in Projekten mit jungen Geflüchteten einsetzen.

Assistive Technologien – Unterstützt kommunizieren mit schriftbasierten Talker-Apps

Kostenlose Tools: Vocable AAC, Meine zweite Stimme, SprachAssistent AAC, Marlems Communicator

  • Speech-to-Text – Kostenlose Tools: Automatische Transkription (Google), Group Transcribe (Microsoft Garage, iOS), Speechnotes/Sprachnotizen (browserorientiertes Angebot)
  •  Gedrucktes vorlesen – Gedruckten Text mit der Mobilgerätkamera fotografieren, in digitalen Text umwandeln und von der Sprachausgabe des eigenen Geräts vorlesen lassen: Claro ScanPen (für Android kostenlos) und Google Lens.
  • Automatische Untertitelung – (Stichpunkt Videokonferenzen & Schwerhörigkeit) bei Google Meet und Skype aktivieren.
  • Kopfsteuerung – für Menschen, die ihre Hände und Arme nicht für die Bedienung von Tastatur, Touchpad und Maus einsetzen können: Windows-Geräte mit kostenfreier Software zum Herunterladen (z.B. Evicam, Camera Mouse), auf Apples Mac-Geräten seit Update auf macOS 10.15.4 ist Headtracking in den Bedienungshilfen für Menschen mit Behinderung vorinstalliert.
  • Textbasierter Sprachassistent – für Menschen mit Körper und Sprachbehinderung: PyAssistant.
  • Untertitel schnell erstellen – mit Untertitel-Software wie Subtitle Edit.
  • iPad-Tastatur mit vereinfachter Tastaturbelegung – für Menschen mit Lernschwierigkeiten: Keedogo Plus.
  • KI-Tools für Blinde – sind darauf trainiert, kurze Texte, Dokumente und Währungen, aber auch Barcodes oder Farben zu erkennen und den Anwender:innen vorzulesen bzw. die sich dahinter versteckenden Informationen akustisch auszugeben, z.B. Seeing AI.

Ausführliche Beschreibung und Einsatzempfehlungen unter www.inklusive-medienarbeit.de/assistive-technologien

Aktive Medienarbeit als Eisbrecher

Digitale Medien haben einen großen Vorteil: Sie sind schnell an unterschiedliche Bedarfe anzupassen und können die Kinder und Jugendlichen bei ihren Stärken abholen. Ob Comic, Film, Hörspiel/Podcast oder erste Erfahrungen mit Coding und Making – aktive Medienarbeit kann ein echter Eisbrecher sein. Denn Medien interessieren alle und können ein verbindendes Element in der Gruppe bieten. Einen eigenen Film zu drehen, einen Podcast zu gestalten oder erfolgreich zu programmieren, gibt allen Jugendlichen das Gefühl, etwas Tolles geschaffen zu haben, selbstwirksam zu sein und zusammen mit anderen etwas produziert zu haben. Über digitale Medien können Barrieren abgebaut und Gruppenprozesse moderiert werden. Mit ein paar Tricks, die es zu beachten gilt, haben alle die Möglichkeit, sich ganz nach den individuellen Fähigkeiten zu beteiligen. In inklusiven Gruppen erfahre alle Beteiligten, dass die Gesellschaft divers ist, es andere Lebensentwürfe, Haltungen und Möglichkeiten des Ausdrucks gibt. In der heutigen Zeit sind das immer wichtiger werdende Fähigkeiten, die auch über die aktive Medienarbeit gestärkt werden können.

Mit den produzierten Beiträgen inklusiver Gruppen gelangt deren Sichtweise in die Öffentlichkeit. In den öffentlich-rechtlichen und privaten Medien wird seit einiger Zeit Wert auf mehr Diversität gelegt. Die aktive Medienarbeit gibt den Jugendlichen aber selbst eine Stimme, ermöglicht ihnen, sich und ihre Interessen darzustellen und damit an der Gesellschaft teilzuhaben. Über eine große Methodenvielfalt kann dies gelingen – und sogar auch Spaß machen!

Wer ein Medienangebot für Teilnehmende mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedarfen durchführen möchte, der sollte sich zuerst fragen: Wie kann ich ein Projekt so anpassen, dass meine Zielgruppe teilhaben kann? Es gilt, eine Haltung des Adaptierens zu entwickeln – und nicht sofort davon auszugehen, was alles NICHT geht aufgrund von Einschränkungen. Dafür sollte man eine Grundkenntnis über die Bedarfe von Zielgruppen haben –  z.B. beim Zugang zu digitalen Medien. Gleichzeitig sollte man dieses Wissen nicht zu starr auslegen bei der Projektplanung: Auch innerhalb von Zielgruppen gibt es große Unterschiede! Immer zu empfehlen: Ein Vorabaustausch mit (Vertreter:innen von) Zielgruppen. Faustformel (und zwar für alle Projekte!) sollte sein: genug Zeit, ein guter Betreuungsschlüssel, Alternativen und Binnendifferenzierung. Workshops für Teilnehmende mit Einschränkungen anpassen und gemeinsam Spaß haben – die LAG Lokale Medienarbeit NRW stellt Methodenkarten mit spannenden Projektideen zum Download bereit.


Anmerkungen
  1. 1. www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/BJNR184300011.html
  2. 2. www.nimm-akademie.nrw/digital-zusammen/digital-barrierefrei
  3. 3. www.medienarbeit-nrw.de/angebot/publikationen/schriften-zur-lokalen-medienarbeit
  4. 4. https://gesellschaftsbilder.de