Wenn Jugendliche Probleme haben, sind meist nicht die Eltern oder Lehrkräfte, sondern die Sozialen Medien die erste Anlaufstelle. Dort finden sich neben esoterisch angehauchten Tipps und fragwürdigen Heilungsversprechen mit teilweise unlauteren Geschäftsmodellen auch jede Menge nützliche Information und emotionale Unterstützung für Betroffene. Doch verstärken die erfolgreichen und aktiven Influencerinnen mit ihrer beschönigten Social-Media-Realität nicht die Probleme von Menschen mit Problemen noch weiter? Und wie wird auf den diversen Plattformen über Angststörungen, Depression oder ADHS gesprochen? – Ein Streifzug durch einige der Angebote, die jungen Menschen helfen können.
Jeder, oder besser: jede, hat derzeit ADHS. So scheint es, wenn man auf Social Media, insbesondere auf Instagram und TikTok, unterwegs ist. Ist es ein Trend, bei dem möglichst viele mitmachen? Oder ist es einfach nur sichtbarer? Letzteres, meint Angelina Boerger, die auf Instagram den Kanal @kirmesimkopf betreibt und ein gleichnamiges Buch geschrieben hat. Auf Instagram berichtet die junge Frau über ihren eigenen Weg der jahrelangen Unsicherheit, warum alles in ihrem Leben so chaotisch verläuft und sie „nichts geregelt“ bekommt. Sie erzählt von der Diagnose im Erwachsenenalter, von geschlechtsspezifischen Unterschieden bei ADHS und dass es deshalb bei Frauen oft unerkannt bleibt. Außerdem gibt sie einen ehrlichen Einblick in ihren Alltag mit verpassten Zügen und ungeöffneten Rechnungen. Unter ihren Reels häufen sich dankbare Kommentare von Nutzerinnen aus ihrer „kirmunity“, die aufgrund ihrer Aufklärungsarbeit nun auch eine Diagnose suchen oder sich endlich verstanden fühlen.

„Ich ersetze keine Diagnose“
Angelina Boerger war früher eine der Presenterinnen des WDR-Angebotes Mädelsabende und hat dort bereits öffentlich gemacht, dass sie unter ADHS leidet. Sie recherchiert die Fakten, immer wieder betont sie, dass sie keine Ärztin ist und sie lediglich von sich selbst als Betroffene spricht. Ähnlich verantwortungsvoll geht Nessa auf ihrem TikTok-Kanal @nessadhs mit ihren Veröffentlichungen um. „Ich ersetze keine Diagnose“, steht über dem Kanal – sonst hingegen setzt sie sich mit ihrer ADHS sehr humorvoll auseinander. In ihren Sketchen turnt sie mehr oder minder geschickt um einen Wäscheständer herum, weil auf einmal alles andere wichtiger ist, als die Wäsche aufzuhängen, oder führt Dialoge wahlweise mit der ADHS oder ihrem Gehirn.
Auch Nessa berichtet ausschließlich aus ihrem eigenen Leben und auch auf ihrem Kanal zeigen die Kommentare, dass sich die Zuschauerinnen in ihrer Darstellung wiederfinden. Gerade junge Rezipient:innen könnten aber auch überinterpretieren – wer kann schon immer gut Entscheidungen treffen oder reagiert souverän auf Kritik? So können einzelne zutreffende Symptome schnell zu einer Selbstdiagnose werden, ohne diese überprüfen zu lassen. Andererseits hilft genau diese lockere Darstellung, die neurodivergente Störung zu entstigmatisieren und überhaupt auf sie aufmerksam zu machen.
Ähnlich ist es mit der Depression. Nach dem Suizid des Fußballers Robert Enke 2009 entwickelte sich auch unter Prominenten und Sportler:innen ein Bewusstsein dafür, offener mit der Erkrankung umzugehen, das bis heute anhält. Eine vermeintliche Schwäche wurde öffentlich gemacht. Zum fünften Todestag Enkes twitterten unter dem Hashtag #notjustsad viele Betroffene über ihre Erfahrungen. Seitdem ist Depression im Social-Media-Mainstream angekommen: Wissenschaftskanäle wie Quarks vom WDR oder Informationsmedien wie das ZDF posten regelmäßig Inhalte dazu.
Besonders greifbar wird es aber, wenn Influencerinnen und Influencer darüber berichten. Zuletzt machte Louisa Dellert, die erst Fitness-Influencerin war und dann zur Nachhaltigkeits-Aktivistin wurde, auf ihrem Instagram-Kanal @louisadellert einen depressiven Erschöpfungszustand öffentlich und erzählte, welche Symptome sich zeigten und wie sie nun damit umgeht. Auch andere auf Social Media aktive Prominente erzählen von ihren Erkrankungen, die Comedienne Hazel Brugger oder die Autorin Sophie Passmann sind darunter.

Banalisierung ernsthafter Probleme
Die Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber liebt Schnecken, Spinnen und Insekten. Entsprechend informiert sie auf ihren Social-Media-Kanälen genau darüber oder regt sich über vermeintlichen Bienenschutz auf. Dies neben ihrer Arbeit als Autorin, und neuerdings studiert sie wieder. Das alles gelingt ihr trotz einer Depression mit extrem schwierigen Phasen, die sie schonungslos darlegt. So beschreibt sie anschaulich, dass sie zwar an einem Roman schreiben kann, aber für das Öffnen ihrer Post Hilfe benötigt, dass sie nach Tagen erstmals wieder für einen Spaziergang nach draußen gehen kann und wie ihr Naturfotografie hilft. Einerseits tröstlich zu sehen, dass Jasmin Schreiber trotz ihrer Depression so erfolgreich ist. Andererseits ist ihr Pensum schon für Menschen ohne Depression überfordernd. Und das kann zum weiteren Problem für Menschen mit Problemen werden: Auf Social Media wird ohnehin eine beschönigte Realität vorgelebt. Bei aller Ehrlichkeit über mentale Probleme handelt es sich doch zumeist um höchst erfolgreiche Personen, mit denen „normale“ Depressive nicht mithalten können.
Hinzu kommen viele Accounts, die mit ermunternden Sprüchen auf rosafarbenem Hintergrund vorgeben, aus einer Depression oder anderen mentalen Problemen heraushelfen zu können. Diese immer gleichen, oft esoterisch angehauchten Tipps tragen zu einer Banalisierung ernsthafter Probleme bei wie auch zweifelhafte Influencer:innen-Aktionen. So lud Cathy Hummels, die selbst unter Depressionen litt und ein Buch darüber geschrieben hat, im November 2022 eine Gruppe reichweitenstarker Influencerinnen zu einem Retreat nach Rhodos ein. Drei Tage Sonnenschein, Yoga und Malen am Strand, begleitet von zahlreichen Sponsoringpartnern, sollten auf Mental Health aufmerksam machen. Auch wenn anerkannt wurde, dass es Aufmerksamkeit auf mentale Gesundheit lenkt, warfen ihr gerade Betroffene daraufhin vor, psychische Krankheiten zu bagatellisieren.
Psychische Erkrankungen lassen sich nicht mit Mädelsurlaub, Luxushotel, Rabattcode, Smoothiemixer und Mandelmilch therapieren.
@ann_waeltin auf Twitter zum Retreat von Cathy Hummels
Heftig reagiert auch der Fotograf und Journalist Martin Gommel auf alle, die meinen, psychische Krankheiten mit aufmunternden Weisheiten, Dankbarkeitsaffirmationen oder Coaching-Programmen heilen zu können. Gommel schrieb zunächst auf seinen Social-Media-Accounts, dann auch im Magazin Krautreporter über seine schwere chronische Depression. Inzwischen kommentiert er heftig Coaches und macht so auch Nicht-Betroffene darauf aufmerksam, dass hinter den meisten Versprechen auf Heilung lukrative Geschäftsmodelle, wenn nicht gar Betrug stecken.
Infos, Tipps und Gespräche auf dem Klo
Umso wichtiger also, dass es gerade für die junge Zielgruppe verlässliche Informationen zu mentaler Gesundheit gibt. Für sie ist Social Media die erste Anlaufstelle, viel niedrigschwelliger als das Gespräch mit Eltern oder Lehrer:innen. Das hat auch das öffentlich-rechtliche Content-Netzwerk @funk erkannt. Seit Oktober berichtet zum Beispiel der 19-jährige Levi Steudler auf dem TikTok-Kanal @dusch.gedanken über mentale Gesundheit und seine eigene Therapie. Dabei teilt er sowohl die Probleme, die ihn beschäftigen wie die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit seinem Therapeuten. Das ist manchmal banal, trifft aber die Lebensrealität der jungen Zielgruppe, wie die bestätigenden Kommentare zeigen.
Du bist einfach mein Safe Space.
Kommentar unter einem TikTok auf @dusch.gedanken.
Bei @dusch.gedanken ist die Community und das gegenseitige Bestärken dort ganz klar Ziel des Kanals. @funk bietet aber auch Infokanäle zum Thema, so zum Beispiel mit dem YouTube-Angebot Psychologeek. Derzeit moderieren die jungen Psycholog:innen Urooba Aslam und Riccardo Frink die wöchentlichen Folgen, in denen es um Lernblockaden, Tricks von Supermärkten oder Trauer geht. Die gut recherchierten Beiträge bieten zwar keine emotionale Unterstützung, wie ein persönlicher Account, aber viele sachliche Informationen – und eine rege Interaktion mit den Zuschauenden, die auch eigene Themen vorschlagen können.
Um jugendliche Nutzer:innen zu erreichen, die nicht speziell einem Psychologie-Angebot folgen, tauchen die Themen oft auch in den allgemeinen Kanälen von @funk auf. @maedelsabende richtet sich speziell an junge Frauen und bestärkt darin, dass Vieles, mit dem die Zielgruppe struggelt, normal ist, sei es der eigene Körper, die Sexualität oder eben die Psyche. Auch bei @aufklo ist Mental Health in den Gesprächen in der Klokabine immer wieder Thema. Essstörungen, Probleme speziell von jungen LGBTQI, Depressionen oder auch Angststörungen werden thematisiert. Und eine der Moderatorinnen, Lisa Sophie Laurent – früher bekannt durch ihren Kanal @ItsColeslaw – leidet unter einer Angststörung. Von dieser erzählt sie auf ihren privaten Kanälen, gibt Tipps für den Umgang damit und zeigt zum Beispiel, wie sie sich wieder an das Autofahren herangetraut hat. Unter ihren Reels geben sich die Nutzer:innen vielfach gegenseitig Tipps, wie zum Umgang mit Panikattacken.
Danke fürs Aufmerksam machen! Hatte oft das Gefühl, meine Panik wäre nicht ‚schlimm genug‘, weil man es mir äußerlich nicht ansah.
Kommentar unter einem Reel von Lisa Sophie Laurent

Im Sog immer problematischerer Videos
Eine Angststörung hat auch Karina Spiess, die auf Instagram als @kikidoyouloveme darüber und über ihre Reizdarmerkrankung aufklärt. Als „Kackfluencerin“ möchte sie Tabus brechen und erzählt insbesondere in den Stories, welche Angstzustände sie gerade hat und wie schwierig es ist, Dinge zu erledigen, die für andere ganz normal sind. Ähnlich offen und detailreich, aber mit viel weniger Follower:innen, ist Kea von Garnier, die so auch Nicht-Betroffene dafür sensibilisiert, dass Studium, Reisen oder auch medizinische Behandlungen nur mit erheblichem Mehraufwand zu realisieren sind.
Toni ist Anfang 20 und eine hübsche, scheinbar lebensfrohe junge Frau. Wer ihre Arme oder Beine auf ihren Instagram- oder TikTok-Accounts @toniwillleben sieht, merkt aber schnell, dass ihr Leben bislang schwer war – und dass sie immer noch heftige psychische Probleme hat, unter anderem auch eine Angststörung. Als Kind und Jugendliche war sie oft in der Psychiatrie, weil sie ein selbstverletzendes Verhalten gezeigt hat – starke Vernarbungen zeugen bis heute davon. Auf ihren Kanälen feiert sie ihre Erfolge, zeigt aber auch die Rückschläge, berichtet von erneuten Klinikaufenthalten und von Medikamentenumstellung. Dabei gibt sie keine Auskunft darüber, wie genau sie sich verletzt hat – sie möchte warnen, keine Anleitung geben.
Und doch kann bei diesem Angebot gut beobachtet werden, wie unterschiedlich sich die Algorithmen auf den Plattformen Instagram und TikTok verhalten. Auf beiden werden einige der Videos wegen möglicherweise verstörender Bilder erst nach Nachfrage angezeigt. Bei TikTok schleichen sich aber nach dem Ansehen von Tonis TikToks in den „Für-Dich-Feed“ – also die eigene Startseite – nach und nach andere Videos ein mit expliziteren Beschreibungen auch von Klinikaufenthalten, mit Selbstmordgedanken, mit Fehlinformationen oder mit Inhalten, in denen sich die Protagonist:innen über psychische Probleme lustig machen. Gerade für die Hauptzielgruppe von TikTok problematisch, da sie mit diesem Algorithmus in einen Sog immer problematischerer Videos geraten können – und der Grund, warum einige Organisationen mit ihren Informationsvideos nicht auf TikTok vertreten sind.
Nicht mehr allein
Organisationen, die Hilfe anbieten, werden aber nur auf sozialen Medien von jungen Betroffenen gefunden. All die privaten und journalistischen Angebote können aufmerksam machen, Normalität oder ein Gemeinschaftsgefühl und Austausch schaffen. Sie können unterstützen, aber nicht konkret helfen. Dafür braucht es professionelle Organisationen zu Hilfe oder Selbsthilfe.
Speziell an Jugendliche und junge Erwachsene richtet sich krisenchat.de – und genau für sie sind auch die Social-Media-Kanäle gestaltet, mit Videos, die an das tägliche Erleben anknüpfen. Beratung findet dort nicht statt, sondern per Chat über SMS oder WhatsApp. Auf der Seite geht es um eine Sensibilisierung für Themen, mit denen man nicht alleine bleiben muss. Krisenchat hat außerdem noch ein spezielles Angebot für eine besondere Zielgruppe: Sie bieten Chats auch auf Ukrainisch und Russisch an für junge Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind.
Aber auch die privaten Kanäle können schon etwas bewirken, sogar strukturell, wie Angelina Boerger von @kirmesimkopf berichtet: Durch ihre Arbeit hätten schon Studierende der Psychologie die Relevanz von ADHS und die mangelhaften Behandlungsmöglichkeiten erkannt und würden sich nun im Studium darauf spezialisieren – obwohl sie das ursprünglich gar nicht vorhatten.
Social Media – Angebote zu Mental Health
- Kirmes im Kopf: www.instagram.com/kirmesimkopf
- Nessadhs: https://www.instagram.com/nessadhs/ (auch auf TikTok)
- Jasmin Schreiber: www.instagram.com/lavievagabonde
- Martin Gommel: www.facebook.com/martingommel
- dusch.gedanken: www.tiktok.com/@dusch.gedanken
- psychologeek: www.youtube.com/@psychologeek_funk
- Auf Klo: www.youtube.com/c/aufklo
- Lisa Sophie Laurent: www.youtube.com/@LisaLaurent
- Mädelsabende: www.instagram.com/maedelsabende
- Kikidoyouloveme: www.instagram.com/kikidoyouloveme
- Kea von Garnier: www.instagram.com/keavongarnier
- krisenchat.de: www.instagram.com/krisenchat.de
- krisenchat_ukrainian: www.instagram.com/krisenchat_ukrainian