Unsere Gesellschaft leidet öffentlicher denn je. Nachdem Social Media Apps wie Instagram zunächst vor allem genutzt wurden, um Highlights des Alltags zu posten, hat sich die Selbstdarstellungskultur auf den Plattformen gewandelt. Junge Menschen inszenieren dort auch ihre mentalen Krankheiten und emotionalen Krisen, wobei sich die Vielfalt des individuellen Umgangs mit dem Leiden auch in der Variationsbreites der visuellen Auftritte spiegelt. Warum ist diese Veränderung der Darstellung psychischer Krankheiten und Störungen so wichtig und wieso polarisiert dieses Thema immer noch so stark?
Als Erstes vorneweg: Allein die Tatsache, dass wir heute offen über unsere Probleme und psychische Verfassung sprechen, erscheint wie ein völliger Tabubruch im Vergleich zur Vergangenheit: Als historisch extremste Beispiele seien an dieser Stelle die lebensgefährlichen Exorzismen und die gefängnisartigen „Irrenanstalten“ genannt, in denen Menschen angekettet und gequält „zur Vernunft gebracht“ werden sollten.
Später ging die sogenannte Boomer-Generation größtenteils zu einer anderen Art lebensbedrohlicher Taktik über, indem sie die Existenz psychischer Störungen einfach zu ignorieren versuchte, mit verheerenden Folgen. In den 1980er und 90er Jahren gab es dann zwar eine große Bewegung mit Subkulturen, die das öffentliche Leiden zelebrierten. Doch Jugendkulturen wie Grunge und Emo waren vor allem an einen Musikstil, eine Mode geknüpft. Es ging nicht um die individuelle Person, die mit ihrem Namen und ihrer persönlichen Situation an die Öffentlichkeit tritt.
Vom Todschweigen zur Glorifizierung
In den 2000er Jahren wuchs mit dem Aufkommen der Sozialen Medien und der zunehmenden Individualisierung in unserer Gesellschaft das Kommunikationsbedürfnis. Beschränken wir uns einmal auf das Beispiel Instagram, dieses äußerte sich zunächst in sehr oberflächlicher Weise, Insta-Accounts ähnelten einem öffentlichen Fotoalbum mit schön inszenierten Mahlzeiten, Urlaubsbildern und privaten Meilensteinen. Mittlerweile hat sich das allerdings komplett verändert.
Als ich 2015 erstmals im Bereich der Trendforschung meine Fühler ausstreckte, zeigte sich mir immer deutlicher: Intimität und Verletzlichkeit sind längst kein Tabuthema mehr und austauschbare Oberflächlichkeit wird zunehmend uninteressant.
Auf ästhetischer Ebene stellte sich das folgendermaßen dar: Inhalte mit emotionalen Themen, ungeschminkte Selbstportraits, aber auch persönliche Bildunterschriften mit schwindelerregend hohen Zeichenzahlen vermehrten sich plötzlich auf den Profilen explosionsartig. Auch in der Popkultur wurde ein Wandel sichtbar; stereotypische Geschichten über Depressionen und Anorexie wie die heftig wegen der Glorifizierung von Anorexie kritisierte Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht („13 Reasons Why“, 2017), wichen zunehmend Produktionen, die bei diesen, aber auch anderen heiklen Themen mit mehr Feingefühl operieren.
Stilisierung der Krankheit
„Sick Style“ beschreibt einen neuen Trend auf sozialen Plattformen. Der Name entstand 2015 in den Anfangszügen meiner gleichnamigen Masterthese im Studium der Trendforschung, in der ich mich mit der neuen Ästhetik des Leidens auseinandersetzte. Um diesem speziellen Phänomen auf den Grund zu gehen, trieb mich die Frage an: Wenn jede:r versucht, gesund und glücklich zu sein – wo hat dann das Kranke, das Prekäre seinen Platz?
Ein spezieller Fokus richtete sich dabei auf die Darstellung der mentalen Krankheiten und emotionalen Krisen in den Sozialen Medien. Das liegt daran, dass sich hier visuell ein großes Spannungsfeld aufgetan hat, ausgelöst durch den Versuch Unsichtbares sichtbar zu machen. Doch so authentisch die Krankheit auch dargestellt sein mag, die Entscheidung zum öffentlichen Kranksein ist immer auch ein „Style“. In dem Moment, in dem auf den Auslöser oder den share-button gedrückt wird, vollzieht sich eine Stilisierung. Es gibt nun eine Absicht, eine:n Absender:in, eine:n Empfänger:in und eine Botschaft. Doch wie sieht diese Botschaft genau aus? Der neue, digitale Mental-Health-Kosmos ist extrem fluid. Mit einem großen Spektrum von süß über seriös bis extrem prekär:
Galgenhumor: Insider-Witze über das Leben mit ADHS oder Depressionen zeigen den Alltag mit der Krankheit, wollen das aber mit Humor vermitteln, um den traditionell düsteren Themen die Schwere zu nehmen.

Statements: In mal längeren, mal kürzeren Statements werden Gedanken, Kritiken, Tipps und oftmals auch hilfreiches Therapiewissen geteilt. Generell ist eines der Hauptmerkmale dieser Trendbewegung neben dem Selbstausdruck die Suche nach Informationen und Wissen. Der Vergleich zu einer digitalen Selbsthilfegruppe bietet sich an.

Spektrum: Die Vielfalt unseres individuellen Umgangs mit dem Leiden spiegelt sich auch im visuellen Auftritt der „Sick Styles“ in Sozialen Medien: Von süßen Illustrationen mit pinkfarbenen, von Blumen umrahmten Gehirnen, zu höchst Besorgnis erregenden Instagram-Storys aus der Psychiatrie.
Die Autor:innen dieser Inhalte sind oft genauso divers wir ihre Bildsprache: Ob Mann, Frau, Teenager, oder LGBTQ+-Angehörige, von der Fachkraft bis zum Auto-Mechaniker sind alle vertreten. Klar unterscheiden lassen sich vor allem die einzelnen Probleme: Vom Coming-Out in der Schule, Burnout, Körperdysmorpher-Störung bis hin zum Mental Load, also der Last der alltäglichen Verantwortung, die junge Eltern oft beschäftigt.

Nehmt uns Ernst!
Immer wieder wird die Frage gestellt, warum es plötzlich okay ist, nicht okay zu sein. Und geht es bei dem Ganzen nicht einfach nur um Aufmerksamkeit? Im Zuge der Trendbeobachtung verbringe ich Stunden damit, Artikel über Jugendliche mit ein und derselben Problematik zu lesen: Sie leiden, verletzen sich oder begehen gar Selbstmord − doch im privaten Umfeld will selten jemand etwas gewusst haben. Dabei wurde gleichzeitig das Gefühlsleben bis ins kleinste Detail auf den Sozialen Profilen geteilt, es gab Livestreams von Panikattacken, tägliche Instagram-Storys mit Updates über suizidale Gedanken und Schnappschüsse aus dem Therapie-Tagebuch.
Diese Diskrepanz zwischen dem digitalen und dem analogen „Kranksein“ ist kein Einzelfall. Klar, oft sind diese Situationen in der Realität enorm komplex. Ich bin keine Psychotherapeutin, habe jedoch viele Jahre Erfahrung in der Mental-Health-Trendforschung. In Interviews mit Betroffenen und Expertenrunden mit praktizierenden Psychotherapeut:innen wurde vor allem ein Bedürfnis sehr deutlich: Das Gefühl, gesehen zu werden und einen Ort zu haben, wo man über seine Probleme sprechen kann. Der Appell der Betroffenen: „Nehmt uns ernst.“
Diese Verbindung macht einen wichtigen Teil der Anziehungskraft zwischen Sozialen Medien und der Mental-Health-Gemeinschaft aus. Denn offen psychisch krank zu sein bedeutet auch heute noch, mit einem Stigma oder zumindest einem gewissen Grad an Unverständnis zu leben. Es braucht diese offenen globalen Plattformen, um allen jeweils gewünschte Level an selbstgewählter Selbstdarstellung zu gewährleisten mit Aussagen, Bildern oder Memes, Coming-Outs oder auch Beschreibungen von Schizophrenie-Symptomen.
Die Schweizer Psychotherapeutin Dr. Lic Phil. Andrea Toygar bestätigt diese These in einem Interview mit mir: „Speziell bei Personen mit bipolaren Störungen beobachte ich dies [den Wunsch nach Selbstdarstellung auf Sozialen Plattformen] oft: Die Diagnose wird beinahe zur Identität. Es gibt den Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, einen Namen, so gibt es neue Familien an neuen Orten, und jetzt, wo alles schnell und digitalisiert ist, gibt es dieses immense Bedürfnis, neue Orte der Wärme zu schaffen und neue Arten von Gruppierungen. Etwas, das pathologisiert wurde, wird in ein kollektives Selbstverständnis umgewandelt: ,Wir wissen, wovon wir reden‘.“
Schmaler Grat zur Verherrlichung
Durch einen offenen Austausch, neue (digitale) Communities sowie ein breites verfügbares Therapiewissen wird die persönliche Last bei schwierigen Themen enorm gemindert. Aber es ist ein schmaler Grat zur Verherrlichung. Generell ist dies im Allgemeinen ein zunehmendes Risiko in der Populärkultur: Darstellungen des verrückten Genies Batman, des suizidalen aber genialen Künstlers Vincent Van Gogh, all der missverstandenen Außenseiter:innen oder Blogs, Pinterest- und Tumblr-Profile voll mit jungen, wunderschönen aber abgemagerten und weinenden Mädchen mitsamt gekonnt verschmierter Wimperntusche. Die dunkle Seite des Sick Styles ist zweifellos ebenfalls eine übermäßige Identifikation mit der eigenen Krankheit. Und der Wunsch, „krank“ zu bleiben, um mehr Aufmerksamkeit zu haben und seinen Platz im neuen Mental-Health-Kosmos zu sichern. Ja es geht um Aufmerksamkeit, aber die fehlt der Generation Z an anderen, den analogen Orten offensichtlich.
After all pain is pain, no matter how pretty.
I-D Magazine, 2017
Die sozialen Medien und deren Selbstdarstellungskultur ist nicht per se gut oder schlecht. Sie spiegeln vielmehr die Gesellschaft und deren Themen. Genauso sollen die Erkenntnisse über die neue Ästhetik des Krankseins keine Wertung darstellen. Sind alle krank, die krank aussehen? Nein. Ist es nur ein oberflächlicher Hype, den Teenager missbrauchen, um sich interessanter zu machen? Nein. Es handelt sich um ein komplexes Universum, in welchem auf der einen Seite entstigmatisiert und normalisiert wird, was lange niemand ausgesprochen hat. Auf der anderen Seite gehört zur Normalisierung auch, dass Teile des Diskurses über Erkrankungen aus dem Kontext gezogen werden oder falsch übersetzt in der Populärkultur auftauchen − wie die Therapiesprache, die mittlerweile in den täglichen Gebrauch eingeflossen ist.
Wichtig ist, dass wir uns ohne Illusionen mit den Konsequenzen dieser neuen Entwicklung auseinandersetzen. Dazu gilt es, den bereits erwähnten Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden, aber auch Medienpädagogik als ernstzunehmenden Faktor präventiv zu fördern. Kinder müssen lernen, sich von prekären Inhalten des Internets abzugrenzen, im Konsum, in der Produktion und der Weiterverbreitung. Weder das Internet noch Menschen lassen sich absolut kontrollieren, die Haltung von Pädagog:innen und Bezugspersonen sollte deshalb niemals verurteilend, sondern aufklärend und interessiert sein.