Emojis, Hashtags, Memes und jede Menge ästhetische Fotos mit jungen Frauen: Die rechte Szene kennt die Vorlieben und Codes der heutigen Jugend – und setzt sie gezielt ein, um Jugendliche zu rekrutieren. Die emotional stimulierenden Bilder und Texte auf Instagram und Co. stecken voller Botschaften, die Rassismus und eine demokratiefeindliche und nationalistische Haltung befeuern. Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV analysierte 4.500 rechte Insta-Accounts.
Instagram ist eine der wichtigsten Plattformen der Welt. Jeden Tag nutzen Millionen Menschen weltweit die App aus dem Hause Facebook. Für den Großteil von ihnen ist die Welt auf Instagram bunt, harmlos und unpolitisch: Speziell junge Menschen posten Fotos von stimmungsvollen Szenen in der Natur, liefern Impressionen von früheren Reisen oder teilen gut inszenierte Schnappschüsse von liebevoll angerichtetem Essen. Im Instagram-Kosmos präsentieren sich Models, die gleichzeitig Produkte anpreisen und bewerben, Künstler:innen preisen dort ihre Werke an.
Die Nutzerinnen und Nutzer der Plattform konsumieren diese Inhalte, drücken mit ihren Likes Zustimmung aus und folgen denjenigen Accounts, für deren Inhalte sie sich interessieren. Mit anderen bekannten oder gleichgesinnten Menschen können sie auf Instagram kommunizieren. Die große Bedeutung der Plattform haben auch Medienhäuser erkannt, die ihre Inhalte mittlerweile ebenfalls auf Instagram ausspielen.
Unterhaltung, Kommunikation, Information: Instagram befriedigt all diese Bedürfnisse. Und die Welt dort, so will es der Facebook-Konzern, ist schön. Wenn eine Plattform für viele Menschen attraktiv ist, dann ist das auch für Kreise interessant, die aus dieser Attraktivität ihren Profit ziehen wollen. Bereits in der Vergangenheit und bei anderen Anlässen hat sich gezeigt, dass speziell rechte und rechtsextreme Gruppen sehr frühzeitig die Potentiale einer Plattform erkennen und diese für sich nutzen.1
Nährboden für radikale Ideologien
Deswegen gibt es auch eine dunkle Seite Instagrams. Eine Welt, in der es heißt, dass es großartig sei, eine weiße Hautfarbe zu haben und dass weiße Menschen sich nicht mit anderen vermischen sollten. Instagram bietet deswegen auch den Nährboden für diejenigen, die glauben, Deutschland und Europa würden von ausländischen Invasoren überrannt. Geschichtsrevision und Verherrlichung der NS-Zeit sind dort ebenfalls gängig.2
Die führenden Köpfe der rechten und rechtsextremen Bewegungen im deutschsprachigen Raum kennen und verstehen die Dynamik der Plattform sehr gut. Durch geschickte Tarnung sind sie in der Lage, offenkundige Schwachstellen des Instagram-Algorithmus für ihre eigenen Zwecke auszunutzen und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um radikale Inhalte zu streuen und Jugendliche an sich zu binden. Das sind die zentralen Ergebnisse der #KeinFilterFürRechts-Recherche des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.
Das Netzwerk, das das Rechercheteam unter die Lupe nahm, umfasste mehr als 4.500 Accounts. Es gliedert sich in drei Bereiche: Der parlamentarische Arm der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Bewegung wird von Mitgliedern und Gruppen der Partei Alternative für Deutschland (AfD) gebildet. Die AfD ist Teil der Parlamente auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. Im Bundestag stellt sie die größte Oppositionsfraktion. Mandatsträger und Mandatsträgerinnen der Partei kommunizieren über ihre Instagram-Accounts, Gleiches gilt für Parteiorganisationen wie Fraktionen oder Landesverbände. Parteigrößen wie Alice Weidel geben über Instagram Einblick in ihr Privatleben, zum Beispiel postet Weidel dort Fotos von Spaziergängen im Wald.
Die politische Vorarbeit für die AfD leisten verschiedene Vorfeldorganisationen, die ebenfalls auf Instagram aktiv sind. Dazu gehört die rechtsextreme sogenannte „Identitäre Bewegung“ und die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestufte Jugendorganisation der AfD, die „Junge Alternative“. Zusammen mit einflussreichen rechten Medienmachern setzen sie die Themen, die von der AfD später in den politischen Diskurs eingebracht werden: Liebe zum Vaterland, Ablehnung der Rundfunkgebühren und der „Mainstream“-Medien sowie Kritik an der Bundesregierung und komplette Leugnung der Corona-Pandemie.
Auch die Diffamierung des Islam und das Abarbeiten am politischen Gegner gehören dazu, speziell der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Diese Themen der rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien, Gruppen und Organisationen finden Anklang bei der entsprechenden Community. Dort finden sich Unterstützer und Unterstützerinnen der sogenannten „Identitären Bewegung“ oder selbsternannten „Patrioten“ aller Altersgruppen.

AfD, Vorfeldorganisationen und Community arbeiten gemeinsam daran, Themen anschlussfähig zu machen und damit den gesellschaftlichen Diskurs nach rechts zu verschieben. Ihr offenkundiges Ziel: die radikale Durchsetzung von „white supremacy“ und die Errichtung eines autoritären oder totalitären Staats, in dem Minderheiten keine Rechte mehr eingeräumt werden.
Unschuld mit Hakenkreuz
Für dieses Vorhaben machen sie sich die Wirkweise der Plattform Instagram zunutze. Dabei war es insbesondere ein Foto, das das Rechercheteam über Monate begleitete: Ein Instagram-Post zeigt ein schlafendes blondes Baby in einer Wiege, umgeben von einer Decke und Spielzeug wie einem kleinem Plüschwolf und einem hölzernen Schwert. Das warme Licht trägt zur Inszenierung bei. Das Baby soll die pure Unschuld verkörpern.
Das Bild gefiel mehr als 600 Nutzerinnen und Nutzern, als das Rechercheteam es entdeckte. Die gesamte Bedeutung wird allerdings erst klar, wenn man das Bild mit den Kommentaren aus der Community in Verbindung setzt: Das Baby sei ein „Kämpfer“, wie ein Nutzer unter das Bild schreibt. In einigen Jahren werde es bereit für die „Frühlingsangriffe“ sein. Erst dann fiel auf: Unter dem Kopf des Babys ist ein hölzernes Dekorationsstück platziert, es stellt eine Schwarze Sonne (Sonnenrad) dar – eines der bekanntesten rechtsextremen Erkennungssymbole der Neuzeit, das aus mehreren übereinander liegenden Hakenkreuzen besteht. Ein Kleinkind neben einem Neonazi-Motiv: Das ist sie, die dunkle Seite Instagrams.

Die Vermittlung von rechten bis rechtsextremen Inhalten geschieht auf Instagram meist auf subtile Art und Weise. Ähnliches gilt auch für die zahlreichen Accounts von jungen Frauen, die in dem Netzwerk an verschiedenen Stellen auftauchen und die von vielen Aktivisten gefolgt werden. „Es ist den Rechten schon lange bewusst, dass Frauen friedliebender wirken“, erklärte Karin Degen, die an der Universität Bamberg zum Thema „Gender und Sexualität in Social-Media-Diskursen der extremen Rechten“ promoviert.3
Bereits vor Jahrzehnten hätten Frauen auf Demonstrationen Plakate mit Hassbotschaften getragen. Diese Tradition setze sich nun in den sozialen Medien fort, beschreibt Degen: Frauen würden immer dort gezielt „vorgeschickt“, wo es gelte, die „Ideologie durch die Hintertür“ einzuführen. Sie alle vermitteln traditionelle Rollenbilder, die eine bestimmte Weltsicht transportieren: Alles, was nicht deutsch, weiß oder christlich ist, stellt eine Gefahr dar. Im analysierten Netzwerk auf Instagram fand das Rechercheteam einiger solcher Accounts, die von Frauen geführt werden – und teilweise fünfstellige Follower-Zahlen erreichen.
Kampfsport, Musik und sexy Frauen
Eine Insiderin erklärte dem Rechercheteam, dass ein Feindbild „den Leuten immer tröpfelnd“ eingeflößt werde. Sie betont auch die Bedeutung Instagrams für die Szene, weil die Plattform dabei helfe, das Netzwerk stabil zu halten und zu füttern. Andere Meinungen kämen dort nicht herein, alle bekämen immer mehr vom selben zu sehen.
Mithilfe eines fiktiven Accounts, mit dem das Rechercheteam über Monate in der Szene aktiv war, sollten diese Aussagen bestätigt werden. Nach nur einigen Tagen Aktivität wurden etliche rassistische Memes in die Timeline gespült: zynische Sprüche über eine angebliche „Islamisierung“, Screenshots von Artikeln aus der rechten Medienszene und Einladungen zu Veranstaltungen rechtsextremer Bewegungen: Es ist eine Art von rechter Dauerbeschallung, die bei den Nutzerinnen und Nutzern in erster Linie Ängste und Wut, also negative Emotionen, wecken soll – damit sie selbst aktiv werden.
Denn Rekrutierung ist eines der wesentlichen Ziele der Aktivitäten der rechten bis rechtsextremen Szene. Über verschiedenste Themen sollen Jugendliche auf die eigenen Inhalte aufmerksam werden, denen die rechtsextreme Stoßrichtung nicht immer auf den ersten Blick anzusehen ist. Die Subkulturen Kampfsport und Musik, für die sich besonders junge Männer interessieren, sind dafür passende Beispiele. Über den allgemeinen Trend zu Gesundheit und Selbstoptimierung, der sich durch Fitnessstudio-Besuche und gestählte Muskulatur auszeichnet, möchte die rechte Szene junge Männer zur Wehrhaftigkeit animieren und sie durch die Vermittlung von Kampfsporttechniken für den Straßenkampf fit machen.
Ähnliche Mechanismen finden sich bei einer näheren Analyse der Accounts, die der Subkultur Musik zuzuordnen sind. Rund um das Label „Neuer Deutscher Standard“ entwickelte sich ebenfalls eine Community. Zwei Rapper, die mit bürgerlichen Namen Christoph Aljoscha Zloch und Kai Naggert heißen, bildeten zwischenzeitlich die Speerspitze dieser Community auf Instagram. Zloch wurde in der Vergangenheit vom bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft, weil er Symbolik und Ideologie der sogenannten „Identitären Bewegung“ in seinen Liedern verbreitet habe. In einem dieser Lieder habe er den Verschwörungsmythos des sogenannten „Großen Austausches“ propagiert, auch antisemitische Codes fänden sich in anderen Liedern. Instagram galt dabei als Sprachrohr, über das Zloch mit seinen Fans in Interaktion treten konnte.
Das Rechercheteam merkte selbst, dass es mit zunehmender Dauer immer mehr Beispiele aus der rechten Gedankenwelt auf Instagram angezeigt bekam – dafür gibt es technische Gründe. Es gibt ausreichend Hinweise darauf, dass auch auf Instagram sogenannte Filterblasen entstehen können, ähnlich wie bei Facebook. Grundsätzlich ist dieses Feld aber noch zu wenig erforscht. Carolina Are ist Doktorandin an der Universität London, sie untersucht Algorithmen und die Verzerrungen, die sich dadurch ergeben können. „Eine der wichtigsten Funktionsmerkmale des Instagram-Algorithmus sind Vorschläge“, sagt Are. „Wer viele Beiträge eines bestimmten Stils ‘liked’, wird immer mehr vom gleichen vorgeschlagen bekommen.“
Was tun?
Hinzukomme, dass auch Hassrede auf Instagram momentan nicht gut reguliert sei. Die Plattform tue sich ebenso schwer mit verbotenen Symbolen, ergänzt Are. Ein ehemaliger Entwickler von Instagram bestätigte sogar, dass sich bei Facebook „niemand angeschaut“ habe, „wie deutsche rechtsextreme Accounts und Symbole erkannt oder bekämpft werden können.“ Instagram hat also offensichtlich nicht auf dem Schirm, welche problematischen Dinge auf der eigenen Plattform passieren. Was alles als Vehikel für rassistische Hassrede genutzt werden könne, sei nur schwer zu erkennen, erklärt der frühere Instagram-Entwickler. Zuerst müsse ein Mensch das Problem definieren und dann den Computer schulen. Das ist bisher offenbar nicht passiert.4
Instagram selbst verweist auf die „klaren Regeln“ in den Community-Standards, die für „gefährliche Individuen und Organisationen“ gelten. Inhalte würden dementsprechend entfernt, gerade auch aus dem Neonazi-Kontext. So zumindest die Version der Plattform. Das Bild mit dem Baby und dem Sonnenrad entfernte Instagram erst auf Hinweis des Rechercheteams.
Wie also umgehen mit dieser Recherche und ihren Ergebnissen? Fundamental ist es, erst einmal die Relevanz der Plattform zu verstehen. Warum sind Jugendliche ständig bei Instagram aktiv? Dort können mehrere Bedürfnisse auf einmal befriedigt werden: Kommunikation, Unterhaltung, Information. Aber eben auch Manipulation, Verschwörungsideologie und Rekrutierung findet dort statt, maßgeblich befeuert durch die rechte bis rechtsextreme Szene in Deutschland. Auf die Plattform selber zu vertrauen, könnte sich als Trugschluss erweisen, weil dort nicht genug dagegen unternommen wird.
Vielmehr wird es darauf ankommen, Lehrende und Lernende darin zu schulen, das Nutzungsverhalten von Instagram zu reflektieren und zu erkennen, dass mit der freien und kostenlosen Verfügbarkeit auch Dinge ermöglicht werden, die unsere Demokratie gefährden. Das Verständnis der Codes und Erkennungszeichen der rechten bis rechtsextremen Szene ist dafür enorm wichtig. Das Erscheinungsbild der Neuen Rechten hat sich gewandelt: Es sind nicht mehr Glatzköpfige in Springerstiefeln, sondern normal gekleidete junge Menschen, die auf der auf den ersten Blick so unschuldigen Plattform Instagram von ihrem Alltag berichten – und die Ideologie durch die Hintertür einschleusen.