Endlich wird es dunkel im Kino und die Vorstellung beginnt: Neue Erfahrungen erwarten die Kinder, die ihre Gefühle enorm in Wallung bringen werden. Jenseits des digitalen Fast Foods konzentrieren sich die jungen Zuschauer im Kino ausschließlich auf das Leinwandgeschehen; ein intensives Erlebnis, das seine Spuren hinterlässt: Die Kinder dürfen sich groß und stark fühlen und/oder können viel über das Leben erfahren. Filme erlauben ihnen durch die Vorwegnahme schwieriger Situationen ein Probehandeln und können so ihre Psyche stärken.
Bereits in frühem Alter machen sich Kinder mit Filmen vertraut. Sei es, dass sie sich ganz traditionell vor dem Schlafengehen im Fernsehen Das Sandmännchen ansehen oder eher zeitgemäß auf dem eigenen Tablet das Video-Angebot von YouTube nutzen. Schon im Vorschulalter gestalten sie über Kinderfilme und -serien ihre wechselnden Erlebnis- und Fantasiewelten aus. Gestern noch Teletubbies, heute Bibi und Tina und morgen Star Wars. Die Filme geben ihnen unterschiedliche Anhaltspunkte, die Welt zu ordnen. Sie stellen Fragen und formulieren Antworten, die in den Kindern auf Ausdruck drängen. Von den Filmen fühlen sie sich verstanden. Oft schneller als es ihre Eltern mitvollziehen können, entwickeln sie sich zu recht kompetenten Filmkonsumenten.
Die Wucht der großen Bilder
Und trotzdem bedeutet es für Kinder einen großen Schritt, das vertraute Zuhause mit einem Kinosaal einzutauschen und unter den dort gegebenen Bedingungen einen längeren Spielfilm zu sehen. Denn mit Kino ist eine besonders intensive Erlebnisform verbunden. Sie dauert relativ lange und findet in der Dunkelheit mit vielen anderen und ohne verfügbare Anhaltspunkte für eine Mäßigung statt. Nicht selten kommen bei der ersten Vorstellung daher Ängste oder Abwehrformen auf. Die Kinder fühlen sich nicht nur von den großen Bildern auf der Leinwand, sondern auch von den Emotionen überfordert, die in ihnen belebt werden.
Viele versuchen ihre Erregung zu unterdrücken und zeigen sich auffällig unbeeindruckt von der Wucht der großen Bilder. Das kann in einigen Fällen in eine Über-Distanz führen, aus der heraus sie sich nur noch wenig beeindrucken lassen. Bei anderen Kindern spitzen sich Unruhe und Angst derart zu, dass sie von ihren Eltern beruhigt oder gar hinausbegleitet werden müssen. Kindern, die von ihren Eltern zu früh ins Kino geführt werden, kann dieser außergewöhnliche Ort der Filmunterhaltung daher manchmal für Jahre verschlossen bleiben. Wenn aber der Übergang gelingt, eröffnet sich den Heranwachsenden ein faszinierender Raum, in dem sie unterschiedlichste Erlebniswelten in hoher emotionaler Intensität auf sicheren Stühlen durchleben können. Die wenigen Ablenkungsmöglichkeiten lassen sie für ein bis zwei Stunden an ein und derselben Sache dranbleiben, sie mit allen Verheißungen, Risiken und Konsequenzen auszukosten. In den durch Diffusion und schnellen Wechsel gekennzeichneten, zeitgenössischen Tagesläufen hebt sich diese Art des konzentrierten Durchlebens als etwas Besonderes ab.
Während die modernen, portablen Bildmedien heute weitgehend dazu genutzt werden, den Alltag zu gestalten, seine Leerläufe zu überbrücken, ist das Kino noch immer ein Experimentierfeld für neue und außergewöhnliche Erlebniswelten. Seine Angebote bilden eine vielfältige Reihe zwischen zwei typischen Ausprägungen. Filme des einen Typs greifen die rasanten, technischen Entwicklungen bei der Bildgestaltung und zeitgenössische Trends auf, um spektakuläre Erlebnisräume zu schaffen. Die des anderen Typs konzentrieren sich auf eher zeitlose, universale Thematiken des menschlichen Lebens und nutzen die filmischen Darstellungsmittel dafür, bewegende Proberäume für die Entwicklungsprobleme der Psyche zu schaffen.
Spektakulär oder tief bewegend
Rasante Action, Magie und Suche nach dem Unmöglichen bestimmen die Plots des ersten Typs. Kinder lieben solche Filme, weil sie ihr bewegliches und neugieriges Fantasieleben so wundervoll zuspitzen. Beschleunigungen geben ihnen das Gefühl, vieles auf einmal und in kürzester Zeit durchmessen zu können. Ungeheuer, Kampfmaschinen und Superhelden verleihen ihrer Sehnsucht nach Größe und Kraft ein mitreißendes Ausdrucksfeld. Comic und Komödie führen sie in blitzschnelle Drehungen und Kehrtwenden hinein. Überzeichnungen heben aus normalen Handlungen witzige Nebenbilder heraus. Die Kinder erhalten einen anschaulichen Anhalt für die ihnen eigene Funktionslust bei der Entdeckung von Welt und Psyche. Für die Zeit des Kinobesuchs wachsen sie förmlich über sich und ihre begrenzten Möglichkeiten hinaus. Ohne die Last der Verantwortung und Unwägbarkeiten der Gefahr auf sich nehmen zu müssen, können sie sich buchstäblich zu Riesenkräften aufschwingen. Wer kann es ihnen verdenken? In ihren Tagesläufen werden Kinder permanent mit Verboten, eigenen Grenzen, aber auch den Schwächen Erwachsener konfrontiert.
Die im vorigen Absatz beschriebenen Filme entfalten bei Kindern und Jugendlichen eine enorme Anziehungskraft und bilden den Schwerpunkt der heutigen Kinounterhaltung. Mit ihren sich eher langsam entfaltenden, psychologisch vertieften Erlebniswelten stoßen Filme des zweiten Typs auf deutlich weniger Begeisterung als die physischen Beeindruckungen ihres Gegenparts. Sie sind eher auf stille psychische Entwicklungen aus. Aber ihre emotionale Wirkung ist um einiges stärker. Von ihnen können Kinder manchmal derart stark in ihren intimen Hoffnungen und Befürchtungen angerührt werden, dass sie sich überfordert fühlen. Es geht dabei zum Beispiel um Verlusterfahrungen, die heftig an altersbedingte Abhängigkeiten rühren. Viele Eltern haben beobachtet, wie verzweifelt ihr Kind reagierte, als in dem berühmten Disney-Film das kleine Reh Bambi seine Mutter verlor. In anderen Produktionen geht es um mit dem Heranwachsen verknüpfte Desillusionierungen und um die Akzeptanz der eigenen Grenzen. Oder die Filme behandeln Segen und Brüchigkeit von Freundschaft und erster Liebe oder die Schwierigkeit, eine Halt verleihende Richtung im Leben zu finden. Das sind universale Entwicklungsaufgaben, an die heute manche Kinder eher über das Kino, als über die Institutionen der Erziehung herangeführt werden.
Filme sehen lernen
In der westlichen Kultur findet ein Streit der Lebensordnungen statt, der sich auch in dem Kinofilmangebot für Kinder und Jugendliche abbildet. Dementsprechend knüpfen die Filme des ersten Typs heute an der allgemeinen Faszination für ein „Schneller, Höher, Weiter“ an und wiegen ihr junges Publikum in dem Gefühl, auf der Seite der Gewinner zu sein. Die andere Sorte Film bringt dafür das angesammelte Wissen der Menschheit über ihre Selbsttäuschungen, Krisen und Entwicklungsprobleme ein. Aber wie jede Kunst ist auch das Kino auf die aktive Entfaltung seiner Angebote angewiesen. Auch wenn Filme stark beeindrucken oder tief bewegen, muss man nicht auch explizit verstehen, an welchen lebensbestimmenden Punkten sie einen berühren. Wie die bildende Kunst einen Stuhl verlangt, so braucht der Film kundige Menschen und Institutionen, die sein Wissen und seine gestalterische Intelligenz herauszuheben verstehen. Filme zu sehen und dann in den Alltag zurückzukehren hinterlässt noch keinen Anstoß fürs Leben. Werden Kinder und Jugendliche aber methodisch und empathisch an die Filmkunst herangeführt, können sie deren oft hohe emotionale Intelligenz für ein besseres Verstehen der Welt und für ihre eigene Entwicklung nutzen. Das vorliegende Heft leistet auf diesem Feld einen interessanten und fachkundigen Beitrag.