Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Standbild aus Film ''I am not your negro'' Quelle: I Am Not Your Negro / Salzgeber

Attitude matters

Filme mit Haltung – eine Empfehlungsliste

Unsere durch Klimawandel, Pandemie, Krieg und zahlreiche ungelöste soziale Fragen geprägte spätkapitalistische Gegenwart empfinden viele jüngere Menschen zunehmend als bedrückend. Überdies verstärken die Newsticker der omnipräsenten Medien das Gefühl, sich in einer endlosen Schleife aus Krisen zu befinden. Wie nur mit alledem umgehen? Wo Orientierung finden? Das Kino ist dafür kein schlechter Ort. Denn es vermag die Komplexität unserer Lebenswelt aufzugreifen und Identifikationsfiguren zu fokussieren, die sich den Herausforderungen stellen und eine klare Haltung einnehmen. Viele der Menschen in den hier zusammengestellten Filmen handeln entschlossen solidarisch und folgen einer moralischen Agenda. Sie entscheiden sich, aktiv zu werden und sich einzubringen – aus ganz unterschiedlichen Motiven, aber stets mit dem Ziel, die gemeinsamen Lebensverhältnisse zu verbessern. Unsere Auswahl zielt ganz bewusst auf ein jugendliches Publikum und erhebt wie immer keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

CITIZENFOUR

USA/D 2014, Regie: Laura Poitras, mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, Jacob Appelbaum, Julian Assange, Barack Obama u.a., 114 Minuten, FSK 0, empfohlen ab 14 Jahren

Faszinierender Doku-Thriller über die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden, der durch sein hier gezeigtes Treffen mit zwei investigativen Journalisten in einem Hotel in Hongkong 2013 den NSA-Überwachungsskandal lostrat. Mitte Juni 2013 schlug eine Nachricht wie eine Bombe in der internationalen Medienlandschaft ein: Der US-Auslandsgeheimdienst NSA ließ (und lässt vermutlich noch immer) offenbar alles und jeden überwachen. E-Mails, Telefonate, SMS: wüst wurde gesammelt und gespeichert, ohne jede gesetzliche Grundlage, nichts war sicher vor dem Zugriff – ein globaler Skandal. Ausgelöst hatten ihn die Enthüllungen eines eher unscheinbaren NSA-Mitarbeiters namens Edward Snowden. Dieser Mann machte seinen Insider-Kenntnissen in einem konspirativen Interview Luft, das die Filmemacherin Laura Poitras sowie die Guardian-Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill in einem Hongkonger Hotel mit ihm führten. Dem klug konzipierten Film gelingt es, jenseits des klassischen Reportageformats einen beinahe kriminalistischen Spannungsbogen aufzubauen und dabei ganz nah an die Person Snowden heranzuzoomen. Ein Lehrstück in Sachen Zivilcourage!

ERIN BROCKOVICH 

USA 1999, Regie: Steven Soderbergh, Darsteller:innen: Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhard, Peter Coyote, Conchata Ferrell u.a., 130 Minuten, FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren

Klug konzipiertes Justizdrama im Independent-Look, das eine gradlinige Inszenierung und eine Protagonistin mit jeder Menge Rückgrat aufbietet. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten: Julia Roberts verkörpert die ebenso hemdsärmlige wie trashige Anwaltsgehilfin Erin, die sich couragiert zur Umweltaktivistin „empowered“ und schließlich erfolgreich gegen die Vertuschungsstrategien eines scheinbar übermächtigen Energiekonzerns zu Felde zieht. Soderberghs Regie konzentriert sich dabei ganz auf die erstaunlichen Qualitäten seiner Hauptdarstellerin, derweil das Drehbuch gekonnt sämtliche Kitsch- und Klischeezonen umschifft. Toll ist zudem die glasklare Botschaft des Films: Engagiere dich gegen gesellschaftliche Missstände und nutze die Kraft deiner Überzeugungen, um sie zu überwinden. Die echte Erin Brockovich ist übrigens bis heute als Umweltaktivistin tätig.

I’M NOT YOUR NEGRO

F/USA 2016, Regie: Raoul Peck, 93 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 16 Jahren

Meisterlich montierter Essayfilm von Raoul Peck, der jüngst mit dem erschütternden Arte-Vierteiler „Rottet die Bestien aus“ die gängigen Narrative zum Rassismus des Westens dekonstruierte. Basis von „I’m Not Your Negro“ ist ein Textfragment des Schriftstellers James Baldwin, in dem dieser zu Beginn formuliert, was es bedeutet, in Harlem geboren und nicht weißer Hautfarbe zu sein: „Es ist ein großer Schock, im Alter von fünf bis sechs Jahren festzustellen, in der Welt von Gary Cooper der Indianer zu sein“. Gestützt auf Baldwins Wirken, beleuchtet Pecks faszinierender Film die US-Kulturgeschichte in Bezug auf die Repräsentation von Afro-Amerikanern. Dabei wird deutlich, dass Rassismus und Klassentrennung in unserer neoliberalen Gegenwart trotz aller Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre nach wie vor konstitutiv sind (was sich unter anderem im Racial Profiling der Sicherheitsbehörden äußert). Peck verfolgt dabei einen explizit aufklärerischen Ansatz, vermeidet es aber, einfache Botschaften zu produzieren. Dank dieser Vielschichtigkeit vermag er schonungslos in den Rückspiegel der Zivilisationsgeschichte zu blicken und gleichzeitig die aktuellen Entwicklungen bis hin zur Black-Lives-Matter-Bewegung zu reflektieren.

MILK  

USA 2008, Regie: Gus Van Sant, Darsteller:innen: Sean Penn, James Franco, Emile Hirsch, Josh Brolin, Diego Luna, Alison Pill, Victor Garber u.a., 128 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Drei Jahrzehnte nach dem Attentat widmete Hollywood dem 1978 ermordeten, ersten offen schwulen Stadtrat der USA ein hochkarätig besetztes Biopic, dessen universale Agenda bis heute nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat. Leidenschaftlich kämpfte der Stadtrat Harvey Milk im San Francisco der 1970er-Jahre für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und gegen ein Klima der Angst und Bigotterie – und bezahlte dafür schließlich mit dem Leben. In der Hauptrolle dieses bemerkenswerten Films brilliert Sean Penn, der die Figur in all ihrer Widersprüchlichkeit ausleuchtet und dabei keinen Leinwandheiligen, sondern einen Menschen mit Ecken und Kanten zeichnet, dessen Selbstermächtigung unmittelbar zur Identifikation einlädt. Letztlich aber ist es vor allem dem grandiosen Drehbuch und der souverän zurückhaltenden Regie Van Sants zu verdanken, dass uns eine eigentlich zutiefst traurige Geschichte als positive Erzählung in Erinnerung bleibt. 

DIE MOSKAUER PROZESS

D 2013, Regie: Milo Rau, 89 Minuten, teilweise OmdU, FSK 6, empfohlen ab 16 Jahren

Hochinteressante Doku des Schweizer Film- und Theaterregisseurs Milo Rau über sein Theaterprojekt, das anhand dreier nachgestellter Prozesse die Unterdrückung von Künstlern und Dissidenten in Putins Russland thematisierte. Nachdem das feministische Performance-Kollektiv „Pussy Riot“ im Februar 2012 vor dem Altar der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau sein „Punk-Gebet“ aufgeführt hatte, wurde dies von Kulturschaffenden und Intellektuellen im liberalen westlichen Ausland zu Recht als mutiger Protest gegen die Verflechtung von Politik und Kirche im autoritären Russland Wladimir Putins wahrgenommen. Die russische Justiz hingegen verurteilte die Künstlerinnen bereits im August des gleichen Jahres zunächst zu jeweils zwei Jahren Freiheitsentzug. Diesen Prozess und zwei weitere, bei denen Kunstfreiheit und Kirchendoktrin im Mittelpunkt standen, ließ der Theatermacher Milo Rau im Frühjahr 2013 in Moskau nachstellen und mit echten Beteiligten als Performance nachverhandeln. Herausgekommen ist ein Dokument gesellschaftlicher Zerrissenheit – obschon die angeklagten Kreativen in der „Theaterversion“ der Prozesse tatsächlich allesamt freigesprochen werden.

NOW 

Deutschland, Regie: Jim Rakete, mit Vic Barrett, Felix Finkbeiner, Marcella Hansch, Zion Lights, Nike Mahlhaus, Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Patti Smith, Wim Wenders, Heiko Maas u.a., 79 Minuten, FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren

Kult-Fotograf Jim Rakete porträtiert in seinem ambitionierten Kino-Debüt den rebellischen Kampf junger Klimaaktivist:innen gegen globale Erwärmung, Umweltverschmutzung und den Raubbau an fossilen Bodenschätzen. Seit dem Pariser Abkommen von 2015 hat die globale Klimaschutzbewegung etliche neue, jugendliche Mitstreiter:innen hinzugewonnen. Sechs von ihnen widmet sich diese Doku. Dabei erliegt Rakete zwar bisweilen allzu deutlich dem Charisma der Aktivist:innen und sympathisiert geradezu euphorisch mit ihnen, doch im Gegenzug haben die Interviewten wirklich Zeit, ihre Positionen vor laufender Kamera umfassend zu erörtern und auch die Konzepte zu formulieren, mit denen dem Klimawandel begegnet werden könnte. Durch Raketes eher performativen Ansatz kommen die Zuschauer:innen den Menschen hinter „Extinction Rebellion“, „Ende Gelände“ oder auch „Fridays for Future“ erstaunlich nah, so dass Beweggründe und Motive ihres Engagements für die Umwelt und ihr Streben nach Solidarität nachvollziehbar werden. 

RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH

D 2022, Regie: Andreas Dresen, Darsteller:innen: D: Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Sevda Polat u.a., 119 Minuten, FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren

Der Fall Murat Kurnaz als dramatische Komödie aus Sicht der herrlich burschikosen Mutter, die sich von Justiz und Bürokratie nicht einschüchtern lässt. Als ihr Sohn Murat überraschend nach Pakistan aufbricht, sind die Bremer Hausfrau Rabiye Kurnaz und ihr Mann Mehmet zwar besorgt, begreifen aber zunächst nicht das enorme Risiko dieser Reise. Doch dann stehen plötzlich Reporter vor der Haustür. Ihr Sohn ein Taliban? Für ein Kopfgeld an amerikanische Truppen verkauft? Interniert in Guantanamo? Schockiert wendet sich Rabiye an den spröden Anwalt Bernhard Docke, der ihr nichts Geringeres rät, als das Weiße Haus zu verklagen – was dann auch geschieht. Dem mit zwei Silbernen Bären ausgezeichneten Tatsachen-Drama gelingt ein feiner Spagat zwischen historischer Genauigkeit und unterhaltsamer Dramaturgie. Durch Haltung, Empathie und Beharrlichkeit erreichte die echte Mutter Kurnaz schließlich ihr Ziel. Die Comedienne Meltem Kaplan verkörpert diese unerschrockene Frau auf gewinnende Weise.

DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER

D 2015, Regie: Lars Kraume, Darsteller:innen: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Lilith Stangenberg, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Laura Tonke u.a., 105 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 12 Jahren

Psychogramm des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der die Verbrechen von Auschwitz Anfang der 1960er Jahre fast im Alleingang vor Gericht brachte. Trotz erheblicher Widerstände in Justiz und Politik ermittelte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im Nachkriegsdeutschland konsequent gegen NS-Verbrecher und trug dank seiner aufklärerischen Unnachgiebigkeit entscheidend dazu bei, dass auch dem lange Zeit flüchtigen Holocaust-Organisator Adolf Eichmann im Jahre 1962 in Israel der Prozess gemacht werden konnte. Kraumes Werk ist nicht in erster Linie biografisch angelegt, sondern zeichnet vor allem ein beklemmendes Sittengemälde eines geteilten Landes, in dessen Westzonen bereits das Wirtschaftswunder brummte und die jüngere Vergangenheit überdeckt werden sollte. Dem aufrechten und zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Juristen Bauer wird durch die prägnante Darstellung Klaußners dennoch ein verdientes Denkmal gesetzt.

UND MORGEN DIE GANZE WELT

Deutschland, Regie: Julia von Heinz, Darsteller:innen: Mala Emde, Luisa-Céline Gaffron, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Andreas Lust u.a., 111 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Junges politisches Kino, dessen Inszenierung nicht in jeder Hinsicht zu überzeugen vermag, das aber glänzend gespielt ist und durch große Aktualität und unmissverständliche Haltung besticht. Am Anfang des Films stehen Auszüge aus Artikel 20 des deutschen Grundgesetzes: „Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand“. Der Film fiktionalisiert nun gleichsam den Gesetzestext: Luisa ist 20, Jurastudentin mit bildungsbürgerlichem Hintergrund – und alarmiert vom Rechtsruck im Land. Um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen und nicht tatenlos zuzusehen, schließt sie sich der Antifa-Gruppe ihrer Freundin an, kämpft unerschrocken für ihre Überzeugungen, radikalisiert sich zusehends – und schreckt schließlich auch vor Gewalt nicht zurück. Eine grandios aufspielende Mala Emde verkörpert die zerrissene, suchende Hauptfigur in diesem packenden, aber in vielen Details leider nicht wirklich auserzählten Film, den man gut auch als Miniserie hätte realisieren können, um den vielen Aspekten und Nebenfiguren mehr Kontur zu verleihen. Trotzdem: unbedingt sehenswert!

DIE WELLE

D 2007, Regie: Dennis Gansel, Darsteller:innen: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul u.a., 103 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Pointiertes Drama, das Jürgen Vogel als ambitionierten Geschichtslehrer zeigt, der seinen Schülern im Zuge einer Projektwoche beweist, dass totalitäre Systeme jederzeit möglich sind. Die illuster besetzte und überzeugend inszenierte Sozialstudie beruht auf dem gleichnamigem Roman von Morton Rhue, der sich wiederum an wahren Begebenheiten an einer kalifornischen Highschool orientierte: Der eher anarchistisch geprägte Gymnasiallehrer Rainer Wenger organisiert eine Unterrichtseinheit zum Thema Autokratie und wagt das Experiment, seinen Schüler:innen im Zuge dessen bedingungslosen Gehorsam und strenge Disziplin zu verordnen. Überraschenderweise akzeptieren die Teenager den autoritären Stil relativ rasch, und es entwickelt sich eine Art „Bewegung“, die bald den gesamten Schulbetrieb zu erfassen droht. Trotz einiger Überzeichnungen eignet sich „Die Welle“ sehr für den Einsatz im pädagogischen Kontext – insbesondere dann, wenn die Themenfelder Totalitarismus und Diktatur im Unterricht als überrepräsentiert wahrgenommen werden.