Schaffen wir das mit den vielen Geflüchteten hierzulande? Wenn sich junge Leute zum Thema Flucht und Asyl eine Meinung bilden, nutzen sie journalistisch aufbereitete News auf allen Kanälen, häufig „ergoogeln“ sie sich aber auch ihre Informationen und lesen die Postings in den sozialen Netzwerken zwischen Like-Kultur und Hate Speech. Die neuen Kommunikationsräume im Internet bieten große Informationsvielfalt, wobei den „Online-Intermediären“ im gesellschaftlichen Diskurs eine Schlüsselrolle für die Meinungsbildung zukommt. Kompetenzen im Umgang mit Filtermechanismen und den vielfältigen Quellen im Internet werden immer wichtiger.
Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien.
Auch wenn das Diktum von Niklas Luhmann in seiner Absolutheit nicht stimmt, verweist es gleichwohl auf die zentrale Rolle von Kommunikationstechnologien für die individuelle Informiertheit. Dies gilt gerade für Jugendliche, wie eine im Mai 2016 veröffentlichte Kooperationsstudie der Landesanstalt für Medien NRW und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zu Einstellungen gegenüber Flüchtlingen ein weiteres Mal bestätigte: Fernsehen, Zeitung, Internet und Radio sind für die dort befragten 6- bis 19-Jährigen wichtige Quellen zu Informationen über dieses aktuelle politische Thema, auch weil nur etwa ein Drittel dieser Altersgruppe bereits persönlichen Kontakt zu Geflüchteten hatte.1
Universalmedium Internet
Mit dem Übergang von der Kindheit ins Jugendalter werden die vielfältigen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, spürbar wichtiger. Gerade Teenager nutzen die Online-Medien für ihr alltägliches Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements, also zur Darstellung der eigenen Interessen und Erlebnisse, zur Pflege sozialer Kontakte und zur Orientierung in der Welt.2 Für das Informationsverhalten im engeren Sinne ist das Internet wichtig, weil es unterschiedliche Informationsbedürfnisse befriedigen hilft, die vom Wunsch nach dem generellen und tendenziell ungerichteten „Informiert-Sein“ über themen- und gruppenbezogene Informationsbedarfe bis hin zu konkreten Problemlösungsstrategien reichen. Mit anderen Worten: Das Internet ist längst ein Universalmedium geworden, das für eine Vielzahl von Zwecken eingesetzt werden kann und so Funktionen anderer Medien(technologien) übernimmt, ohne diese jedoch vollständig zu verdrängen.

Deutschlandweite repräsentative Befragungen stützen diese Diagnose: So zeigt der aktuelle „Digital News Survey“, eine jährlich durchgeführten Studie zur Informations- und Nachrichtennutzung, dass das Fernsehen nach wie vor diejenige Nachrichtenquelle ist, die von den meisten Menschen in Deutschland regelmäßig genutzt wird.3 Doch das Internet hat in den vergangenen Jahren aufgeholt und ist an anderen Mediengattungen wie Radio oder Print vorbeigezogen. Bei den unter 35-Jährigen liegt es für die generelle Nachrichtennutzung mittlerweile sogar vorne: Jeweils etwa die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen (52 %) und der 25- bis 34-Jährigen (49 %) nennt Online-Medien als Hauptnachrichtenquelle.
Neue Kommunikationsräume
Dieser Wandel im Informationsverhalten wirkt sich wiederum auf Prozesse der Meinungsbildung aus. Seit den 1970er-Jahren haben zahlreiche kommunikationswissenschaftliche Studien gezeigt, dass journalistisch-massenmediale Angebote hierfür eine sehr wichtige, aber nicht allein entscheidende Rolle spielen.4 Menschen erfahren dort, welche Themen und Ereignisse auf der „gesellschaftlichen Tagesordnung“ stehen. Wie sie diese Informationen in ihr Weltbild einordnen und welche Haltungen sie dazu beziehen, kurz: welche Meinung sie sich zu aktuellen Themen bilden, von denen sie aus den Massenmedien erfahren, hängt allerdings in hohem Maße von Gesprächen innerhalb des sozialen Netzwerks von Familie, Freunden, Bekannten, Vereins- oder Arbeitskollegen etc. ab.
Das Internet setzt diesen Prozess zwar nicht grundsätzlich außer Kraft, weicht aber die einst sehr scharfe Trennung zwischen journalistischen Massenmedien auf der einen Seite und den Konversationen im sozialen Umfeld auf der anderen Seite deutlich auf. Dafür ist vor allem der Bedeutungsgewinn von „Online-Intermediären“ verantwortlich: Suchmaschinen (wie z.B. Google) erschließen den Zugang zu den vielfältigen Informationsangeboten und -quellen des Internet, Multimedia-Plattformen wie z.B. YouTube stellen Infrastruktur für die Speicherung und Verbreitung von Inhalten aller Art zur Verfügung, und Netzwerkplattformen ( z.B. Facebook) oder Instant-Messaging-Dienste (z.B. WhatsApp) schaffen Kommunikationsräume, um in unterschiedlichen Graden der Öffentlichkeit Informationen austauschen und kommentieren zu können.
Die Schlüsselposition von Suchmaschinen, uns Nutzern die unübersehbare Vielfalt der Informationen im Netz zu erschließen, ist seit Jahren bekannt. Die Werte schwanken zwar je nach Studie und Untersuchungsmethode, doch viele kommerzielle wie nicht-kommerzielle Webseiten erhalten zwischen 30 und 50 Prozent −bei Wikipedia sogar fast 85 % − ihrer Zugriffe über Suchmaschinen.5 Zugleich ist bekannt, dass in diesem Bereich seit Jahren Google ein Quasi-Monopol innehat und in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, mehr als 90 Prozent aller Suchanfragen vermittelt.
Doch auch Plattformen wie Facebook oder Twitter, mit deren Hilfe Menschen mit ihrem erweiterten sozialen Umfeld interagieren können, sind eine wichtige Quelle für Nachrichten, wie der bereits zitierte „Digital News Survey“ zeigt: Fast ein Drittel (31 %) der Befragten nutzt regelmäßig solche sozialen Medien, um sich über gesellschaftspolitische Themen zu informieren. Für sechs Prozent aller erwachsenen Deutschen, und sogar für 16 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sind sie gar die Haupt-Nachrichtenquelle (vgl. Abb. 1). Die aktuelle JIM-Studie, die auch die unter 18-Jährigen in den Blick nimmt, bestätigt nicht nur die wichtige Stellung von Suchmaschinen und „Online-Communities“ (wie Netzwerkplattformen und Instant-Messaging-Dienste dort zusammengefasst werden), sondern macht ergänzend auch deutlich, dass in dieser Altersgruppe die Videoplattform YouTube für viele Jugendliche eine wichtige Anlaufstelle ist, um sich über Themen zu informieren.6
Die Macht der Algorithmen
Zahlen zur Verbreitung von Informationsintermediären allein können uns allerdings noch keinen Aufschluss darüber geben, wie sie Prozesse der Informiertheit und der Meinungsbildung beeinflussen. Vielmehr ist es unerlässlich, auch ihre „Kommunikationsarchitektur“ in den Blick zu nehmen, die sich aus dem Zusammenspiel ihrer technologischen Merkmale und unseres alltäglichen Gebrauchs ergibt. Bei allen Unterschieden zwischen den oben genannten Gattungen lassen sich so mehrere grundlegende Gemeinsamkeiten identifizieren, die die gegenwärtige Informationsumgebung von Jugendlichen prägen:
Erstens erschließen Intermediäre Informationen aus zahlreichen unterschiedlichen Quellen. Sie können professionell produzierte journalistisch-redaktionelle Nachrichten oder von Experten verifizierte Daten ebenso zugänglich machen wie kollaborativ erstellte Informationssammlungen (z.B. Wikipedia) oder nutzergenerierte Inhalte. Vor diesem Hintergrund bezeichnen sich Intermediäre selbst oft als „Plattformen“, die keine eigenen Inhalte produzieren und zudem den vorgehaltenen oder erschlossenen Informationen gegenüber grundsätzlich neutral gegenüber eingestellt seien. Doch rechtliche Rahmenbedingungen in einzelnen Ländern oder auch die „Community Standards“ einzelner Anbieter wirken darauf ein, welche Inhalte verfügbar gemacht werden dürfen. Die aktuellen Diskussionen um die Rolle von Facebook bei der Bekämpfung von extremistischer „Hate Speech“ zeigen aber zugleich, wie schwer es ist, allgemein verbindliche und interkulturell geteilte Maßstäbe für die Grenzen der freien Meinungsäußerung zu definieren, wenn ein Intermediär weltweit agiert.
Zweitens sorgen Intermediäre für die Entbündelung von Informationen bei gleichzeitiger algorithmischer „Neubündelung“. An vielen Stellen erreichen Nachrichten den Empfänger nicht mehr in etablierten publizistischen Paketen mit eigenen zeitlichen Rhythmen (wie z.B. die „Ausgabe“ einer Tageszeitung oder die „Nachrichtensendung“ im Fernsehen), sondern in Form von augenblicklich erstellten und ständig aktualisierbaren „Trefferlisten“, „Streams“ oder „Feeds“. In diese Informationssammlungen können die oben erwähnten vielfältigen Quellen einfließen, deren Passung und Bündelung im Wesentlichen durch algorithmische Filterung geleistet wird. Dies geschieht beispielsweise durch Prüfung der Relevanz für einen Suchbegriff oder durch das bevorzugte Anzeigen von Informationen, die aus dem Kontaktnetzwerk eines Nutzers stammen. Wie diese Algorithmen funktionieren und welche Parameter sie im Einzelnen heranziehen, ist allerdings den meisten Nutzern nicht bekannt, auch weil die genauen Details in der Regel als Geschäftsgeheimnisse gehütet werden.
Wie entsteht Öffentlichkeit?
Aus diesen Entwicklungen folgt drittens, dass Intermediäre die Personalisierung von Informationsangeboten verstärken. Dies kann nutzerseitig gewollt und bewusst geschehen, zum Beispiel indem bestimmte Quellen bevorzugt beachtet werden. Die Entscheidung, mit bestimmten Personen auf einer Netzwerkplattform „befreundet“ zu sein, fügt dem eigenen Informationsstrom immer auch eine weitere Quelle hinzu. Personalisierung geschieht aber zugleich unbemerkt oder sogar ungewollt, weil Intermediäre Empfehlungs- und Filtermechanismen einsetzen, die vergangenes Nutzerverhalten oder Metadaten über eine Person und ihre soziale Einbettung auswerten, um bestimmte Informationen ein- bzw. auszublenden.

Die Folgen dieser Entwicklung für die individuelle Informiertheit, aber auch für gesellschaftlichen Zusammenhalt, werden unter dem Stichwort der „Filter Bubble“7 diskutiert. Damit ist der Umstand gemeint, dass Menschen sich nur noch in einer „Informationsblase“ aufhalten, die ihr früheres Verhalten und vorgefasste Meinungen bestärkt. Dies wiederum würde die gesellschaftlich notwendige Konfrontation mit widerstreitenden Positionen und solchen Informationen, die nicht ohne Weiteres ins eigene Weltbild passen, tendenziell erschweren. Empirische Forschung konnte aber bislang nicht eindeutig klären, ob sich diese Entwicklung in den letzten Jahren verstärkt hat oder ob nicht umgekehrt Jugendliche online aus einer größeren Informationsvielfalt auswählen.
Intermediäre sind also mehr als nur eine weitere Quelle von Informationen. Sie schaffen Kommunikationsräume mit eigenen Mechanismen und Regeln, in denen sich ihre Nutzer zu allen erdenklichen Themen austauschen können. Sie erfordern aber auch eigene Kompetenzen, um Jugendliche – aber nicht nur die – zu einem aufgeklärten und selbstbestimmten Umgang zu befähigen. Das betrifft erstens das Wissen um die oben skizzierten Organisationsprinzipien: Gerade weil die technisch-algorithmische Filterung oft von anderen Auswahlentscheidungen − die beispielsweise in journalistischen Redaktionen getroffen werden − abweichen kann, muss zumindest ein Grundwissen über diese Formen der Sortierung und Relevanz-Zuschreibung vorhanden sein. Das bedeutet nicht, dass wir alle zugrundeliegenden Algorithmen in ihrer mathematischen Komplexität verstehen müssten. Doch uns muss klar sein, dass einige grundlegende Parameter (z.B. der Einfluss von Aktualität oder von meinen eigenen Präferenzen, wie sie sich in meinen bisherigen Klicks, Likes etc. ausdrücken) darauf Einfluss haben, was mir angezeigt wird. Dieser Art von Transparenz der eigenen Funktionsweise sollten sich auch die Plattformbetreiber nicht länger entziehen dürfen, sondern sie sollten uns Nutzern dabei helfen, solche Kriterien nachvollziehen zu können.
Kompetenz der Quellenkritik
Zweitens ist die Kompetenz der Quellenkritik auch unter gegenwärtigen Bedingungen unerlässlich: Woher stammt eine Nachricht, die mir eine Bekannte auf Facebook in den Newsfeed teilt, ursprünglich? Kann ich der Quelle vertrauen, sollte ich meiner Bekannten vertrauen, oder gibt es Hinweise darauf, dass strategische Interessen vorliegen, mir also etwas „verkauft“ werden soll oder es sich gar um Kommunikation in Täuschungsabsicht handelt, also um Fakes, Gerüchte oder Lügen? Nicht immer wird man dies zweifelsfrei bestimmen können, aber zumindest einige Kriterien für die Beurteilung von Informationen sollte man kennen, darunter nicht zuletzt die etablierten publizistischen Marken, hinter denen professioneller und durch verschiedene Kontrollorgane regulierter Journalismus steht. Die JIM-Studie 2014 lieferte Hinweise darauf, dass Jugendliche einen solchen Vertrauensvorschuss geben, weil eine deutliche Mehrheit angab, bei widersprüchlicher Berichterstattung eher der Tageszeitung (40 %), dem Fernsehen (26 %) oder dem Radio (17 %) zu vertrauen als dem Internet (14 %).8
Drittens schließlich müssen wir Jugendliche in die Lage versetzen, sich selbst aktiv zu relevanten Themen einbringen und den eigenen Anliegen Gehör verschaffen zu können. Das müssen nicht immer die großen gesellschaftlichen Fragen sein; solche Formen der Teilhabe können sich auch in den Clan- oder Gilde-Gemeinschaften von Online-Spielen oder in Diskussionsforen zu szene- oder subkulturspezifischen Themen finden. Überall dort kann Medienkompetenz in breiter angelegte Fähigkeiten der demokratischen Partizipation übergehen: Die eigenen Interessen und Vorlieben in Wort oder Bild ausdrücken, Haltungen und Meinungen in Argumente fassen, andere Meinungen anhören und abwägen, letztlich also verständigungsorientiert kommunizieren zu können, ist nicht immer einfach. Im Internet kann es sogar noch schwerer sein, weil nicht immer klar ist, wer mein kommunikatives Gegenüber ist und weil Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie dazu führen können, dass die lauteste, schrillste, extremste Meinung am meisten Anklang zu finden scheint. Und doch führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns dafür einsetzen müssen, dass Jugendliche das Internet auch als Raum der aufgeklärten demokratischen Teilhabe erfahren können.
Dieser Beitrag ist eine in Teilen erweiterte und aktualisierte Fassung eines Textes, der in der Lehrerhandreichung „Geflohen – vertrieben – angekommen?! Aspekte der Gewaltmigration im 20. und 21. Jahrhundert“ (Hrsg. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) erschienen ist.