Weltweit schätzt die „Generation Handy“ ein cooles Smartphone als ständigen Wegbegleiter. Für junge Geflüchtete ist der kleine Alleskönner aber wahrlich kein Luxusgegenstand, sondern erfüllt wesentliche Grundbedürfnisse – auf der Flucht und beim Ankommen im fremden Deutschland. Bei der Mediennutzung und den medialen Vorlieben junger Geflüchteter gibt es aber auch viele Parallelen zu den mediatisierten Lebenswelten einheimischer Jugendlicher; schließlich spielen bei der Mediensozialisation heute neben den lokalen auch globalisierte Faktoren eine Rolle.
In den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sind Medien mittlerweile eine der wichtigsten Instanzen. Insbesondere mobile Medien spielen hierbei eine immer größere Rolle, handelt es sich doch um die Technik, welche sich in der Menschheitsgeschichte am schnellsten ausbreitete.1 So überrascht es auch nicht, dass mittlerweile weltweit mehr Menschen Zugang zu mobilen Medien wie Handy oder Smartphone als zu sanitären Einrichtungen haben. Die lebensweltliche Relevanz der mobilen Medien wird jedoch nicht nur im Alltag deutlich, sondern auch in Krisensituationen, wie etwa in Flucht- und Migrationsprozessen.
Überlebenswichtige Fluchthelfer
Unter den Geflüchteten, die letztes Jahr nach Deutschland kamen, befanden sich zahlreiche Jugendliche, viele von ihnen unbegleitet. So spärlich ihr Gepäck zumeist auch war: Ein Smartphone trugen praktisch alle bei sich. Es hilft bei der Informationsbeschaffung im Herkunftsland, dem Navigieren der Fluchtrouten per GPS, dem Aussenden von Notrufen in seeuntüchtigen Schiffen auf dem Mittelmeer, für die Kommunikation mit Freundinnen und Freunden wie auch mit Angehörigen im Herkunfts- wie im Ankunftsland. Zudem ermöglicht es einen Zugewinn an Autonomie, sowohl gegenüber staatlichen Behörden als auch gegenüber Schleppern und anderen, die von der Situation Geflüchteter profitieren. Eine Geflüchtete berichtete beispielsweise, wie sie anhand von Mapping-Apps erkannte, dass ein Taxifahrer sie zu betrügen versuchte. Das Smartphone bietet aber auch spirituelle Unterstützung, etwa über eine App, die Muslimen die Richtung von Mekka und die Zeiträume zum Beten anhand der GPS-Location anzeigt.
Without it I would´n move an inch.2
Die Organisation des Fluchtprozesses kann dabei dank digitaler Kommunikation flexibler an die sich beständig veränderten Situationen an den Grenzen und auf der Route, mit der insbesondere syrische Flüchtlinge im letzten Sommer und Herbst konfrontiert waren, angepasst werden. Entsprechend gibt es ganz unterschiedliche Netzwerk- und Kommunikationsstrukturen, die sich herausbilden. Ein syrischer Geflüchteter berichtete zum Beispiel, wie sich eine 70-köpfige Gruppe syrischer und irakischer Geflüchteter nach Ankunft in Serbien in zehn kleine Untergruppen aufspaltete, um gegenüber der Polizei weniger aufzufallen. Zuvor hatte die große Gruppe Schutz geboten vor räuberischen Banden im Grenzgebiet Griechenland-Mazedonien. Die Anführer der Untergruppen waren diejenigen mit den besten Smartphones und dem schnellsten Internet. Untereinander teilten sie sich über WhatsApp zur Erhöhung der Sicherheit ihren Standort mit oder tauschten sich untereinander via Facebook aus.
Menschliches Grundbedürfnis
Eine andere Geflüchtete hielt in Echtzeit Kontakt zu ihren Verwandten, die bereits erfolgreich nach Deutschland gelangt waren. Diese real-time-Connection riss niemals ab: Als die Motoren des Schiffes bei der Mittelmeer-Überfahrt stoppten und die Situation unklar erschien, war die Familie im deutschen Flüchtlingsheim um das Smartphone versammelt und hielt ebenfalls den Atem an. Wieder andere Flüchtlinge verfolgten eine komplett autonome Strategie, bei der keinerlei Kontakt zu anderen Geflüchteten – auf der Route, im Herkunfts- oder Ankunftsland – bestand. Hier wurde mittels Facebook-Gruppen und Fernsehnachrichten die Fluchtroute geplant und abgestimmt.
So unterschiedlich die verschiedenen Strategien aber auch sein mögen, eine kohärente Kommunikationspraxis wird immer wieder deutlich: die Live-Aushandlung bzw. der real-time-Charakter von Kommunikation und Informationsbeschaffung. Bei sich potenziell täglich ändernden Fluchtrouten genügt es eben nicht, die Flucht im Vorhinein zu planen – vielmehr ist es vonnöten, jederzeit online und bereit zu sein, flexibel und in Echtzeit auf neue Herausforderungen zu reagieren. Spricht man im Alltagsleben mittlerweile von einer micro-coordination3, also der Alltagsorganisation durch mobile Medien bis ins kleinste Detail, entsteht in kontemporären Fluchtprozessen eine mobile transnational coordination, d.h. eine mediatisierte und grenzüberschreitende In-situ-Logistik mit unterschiedlichen Komplexitäts- und Ausprägungsstufen. Diese „migrantischen Digitalitäten“4 sind unverzichtbar geworden: „Without it, you will die.“, fasst ein junger Syrer daher die Rolle des Smartphones auf der Flucht zusammen. Der Zugang zum Internet ist für viele Geflüchtete zu einem menschlichen Grundbedürfnis geworden, worauf auch internationale Organisationen wie das UNHCR reagiert haben, welches etwa in jordanischen Flüchtlingscamps SIM-Karten an syrische Geflüchtete verteilt. Für die Flucht stellen sich somit neben altbekannten Problemen auch neue Herausforderungen, wenn etwa neben Schlafen, Essen und Trinken auch das Aufladen des Telefons zentral wird, ebenso wie der Zugang zu SIM-Karten, die zur begehrten Ware gleich nach Grenzüberschritt werden.5
Fenster in die Welt
„I learned in internet more than in school.”6 Die zentrale Rolle des Smartphones setzt sich auch nach Ankunft in Europa fort, da aus Mangel an alternativen Medien wie Laptop, Fernseher oder Spielekonsole der kleine Bildschirm des Smartphones zum „Fenster in die Welt“ wird. Die Motive der Mediennutzung sind hierbei mannigfaltig: Langeweile überbrücken, privater Rückzug aus der Tristesse des Alltags in der Flüchtlingsunterkunft oder mit Peers, Familie und anderen Daheimgebliebenen in Kontakt bleiben – als „sozialen Klebstoff des migrantischen Transnationalismus“ hat Steven Vertovec7 das Smartphone bezeichnet. Neben Kommunikation und Unterhaltung steht aber vor allem die (Selbst-) Organisation des Alltags im Ankunftsland auf der mobilen Agenda: vom Sprachenlernen über Informationsbeschaffung (Bahn-App, Google Translate) bis hin zur Kontakt- und sogar Beziehungssuche durch Apps wie Tinder, Lovoo oder Grindr sind die Mediennutzungsmuster dabei ähnlich vielfältig wie bei deutschen Jugendlichen.
„Internet ist gleich mit Essen“ lautet eine auf einem Interviewzitat basierende gleichnamige Studie unter unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland.8 Die Autoren stellten hierbei heraus, dass die digitalen Medien ausnahmslos eine hohe Relevanz für Geflüchtete besitzen – und ein frei verfügbares WLAN für die Jugendlichen teilweise mehr Wert ist als das ihnen zugeteilte Taschengeld.
Geflüchtete Migrantinnen und Migranten nutzen digitale Technologien und soziale Netzwerke wie Facebook aber auch für die Erschließung und Gestaltung des urbanen Raums. Darauf haben zivilgesellschaftliche Initiativen im letzten Jahr, etwa in Berlin, durch zahlreiche Aktivitäten reagiert.9 Das Erkunden der neuen Umgebung ist nicht selten von Pragmatismus und Erfindungsreichtum geprägt: So versenden manche Geflüchtete bei Verabredungen neben dem Standort häufig auch Fotos der eigenen Perspektive und den Straßenschildern per WhatsApp, damit die anderen Peers auch ohne Sprachkenntnisse den Ort finden.
Wie im Fluchtprozess ermöglichen digitale Medien einen Zugewinn an Kontrolle in einer von Entrechtlichung geprägten Situation, beispielsweise gegenüber behördlichem Versagen. Eine syrische Geflüchtete berichtete etwa, dass sie im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo), dessen unhaltbare Zustände im letzten Sommer medial weit diskutiert wurden, die eigene Wartenummer auf dem Display fotografierte. So hatte sie einen Beweis, falls sie – wie es anderen vor ihr erging – trotz Nummer nicht aufgerufen werden würde.10
Genauso wie Deutsche Jugendliche
„Love watching martial arts movies.“11 Die Möglichkeiten digitaler Medien nicht nur für individuelle, sondern auch für kollektive politische Interventionen verdeutlichten auch die Silvester-Vorfälle in Köln. Nachdem sexuelle Übergriffe unter anderem durch Asylbewerber dokumentiert wurden, gründeten Flüchtlinge selbstorganisiert Facebook-Gruppen, in denen sich mehrere zehntausend Mitglieder klar von den Übergriffen distanzierten und sich, obwohl nicht involviert, öffentlich dafür entschuldigten. Mittels koordinierter Facebook-Aktionen und -Demonstrationen kamen diese digitalen Sympathiebekundungen auch in der realen Welt an.12 Die digitale Identität fungiert als ausgestreckter Arm des politischen Handelns, wo im realen Leben vielleicht sonst noch die Sprachkenntnisse oder die tatsächlichen Kontakte fehlen. Sie ermöglicht somit ein Einbringen in und Gestalten des neuen Ortes, trotz rechtlicher und sprachlicher Hürden.
Die ausdifferenzierte Smartphone-Nutzung jugendlicher Geflüchteter verdeutlicht dabei auch, welche Fallstricke die dominante Ethnisierung und Kulturalisierung gesellschaftlicher Gruppen mit sich bringt: Auch Jugendliche aus Syrien oder dem Irak sind zunächst einmal vor allem junge Menschen, die in Zeiten transnationalisierter und mediatisierter Lebensformen sich genau wie ihre deutschen Altersgenossen für die neuesten Smartphones, das langersehnte Update von Call of Duty oder den aktuellen Jason Statham-Film interessieren. So ist es auch keine Überraschung, dass sie neben Familie und Freunden auch ihre XBox oder den Laptop vermissen. Sie erinnern daran, dass „postmigrantische“ Lebenswelten nicht von vermeintlich homogenen Herkunftskulturen geprägt sind, sondern im Mittelpunkt vielmehr Lebensstile stehen, die von lokalen wie globalisierten Faktoren gleichermaßen geprägt sind. Samsung, Selfies und Skype verweisen dabei auf Gemeinsamkeiten, die den Begriff der „Integration“ ins Wanken bringen. Die „Willkommenskultur“, sie muss auch digital werden.