Rechtsextreme Narrative werden immer sichtbarer: im Alltag, in der Politik und auch in der Gaming-Welt. Im Rahmen der Gamescom hatten wir die Gelegenheit mit Matthias Heider vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena zu sprechen. Der Medienwissenschaftler forscht seit Jahren zu rechtsextremer Kommunikation und Framing auf Social Media Plattformen. Seine Forschung zeigt, dass Kinder und Jugendliche schon früh mit (rechts-)extremistischen Inhalten konfrontiert werden, über Videospiele und Plattformen wie Discord. Eine zentrale Rolle spielen dabei Spaß und Humor, die als eine „Codierung“ rechter Narrative fungieren, was zu einem Normalisierungseffekt beiträgt. Wer hinter diesen Strategien steckt und wie man richtig damit umgeht erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Der Beitrag ist im Rahmen eines MedienConcret-Barcamps auf der Gamescom entstanden.
Transkript
Highscore für den Hass? Rechtsextremismus in der Gaming-Welt
Moderatorin: Über drei Milliarden Menschen zocken weltweit. Gaming ist profitabler als Film und Musik zusammen. Doch für Kinder und Jugendliche ist es oft kein sicherer Raum. Hass, Hetze und Rechtsextremismus verbreiten sich über Voicechats und Plattformen wie Discord oder Steam.
Matthias Heider (Medienwissenschaftler): Überall gibt es Menschen mit rassistischen Einstellungen – und die werden auch im Gaming laut. Gaming ist ein sozialer Raum, in dem Radikalisierung stattfindet. Das geschieht oft schon sehr früh, da Extremisten nicht auf Altersbeschränkungen achten.
Der Normalisierungseffekt
Matthias Heider: Wenn Jugendliche ständig hasserfüllte Inhalte sehen, tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Es wird als „normal“ empfunden, sich gegenseitig aufs Übelste zu beleidigen. Dabei ist Gaming eigentlich ein Hobby der Diversität und Akzeptanz. Eine kleine Gruppe versucht jedoch, die Community ideologisch zu kapern.
Strategien der extremen Rechten
Sarah (Reporterin): Welche Ziele verfolgen diese Gruppen?
Matthias Heider: Sie wollen Räume für sich beanspruchen und andere ausgrenzen. Rechtsextreme Parteien wie die AfD oder die Junge Alternative entwickeln mittlerweile eigene Spiele oder nutzen Gaming-Slang in der Wahlwerbung. Sie knüpfen an Identitätsfragen an: „Wer ist ein richtiger Gamer?“ – analog zu „Wer ist ein richtiger Deutscher?“
Besonders betroffen sind Frauen: Über 70 Prozent haben bereits sexistischen Hass erlebt, was oft zu ihrem Rückzug aus den Communities führt.
Gefahren auf Plattformen wie Roblox
Matthias Heider: Auf Plattformen wie Roblox können User Inhalte selbst erstellen. Das wurde genutzt, um Anschläge wie den in Halle oder den 7. Oktober nachzuspielen. Da das Publikum extrem jung ist (ab 7 Jahren), fehlt die nötige Reflexion. Zudem ist die Plattform ein Risiko für sexuellen Missbrauch und Erpressung von Kindern.
Was können wir tun?
Matthias Heider: Die Verantwortung liegt bei den Unternehmen, die das Geld verdienen, aber auch bei Eltern und der Community selbst. Wir müssen „Gegenrede“ leisten. Ein Problem ist, dass sich Extremismus oft hinter Memes und Humor versteckt. Wer die Codes nicht kennt, erkennt den Nazi-Content nicht, der über den Bildschirm flimmert.
Fazit
Matthias Heider: Ich befürchte, dass sich die Lage verschärft, da aus den USA ein sehr aggressives Verständnis von „Free Speech“ propagiert wird. Mein Appell an alle Gamer: Wehrt euch, sucht euch Verbündete und unterstützt Betroffene. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen.