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Ein Mann fotografiert mit seinem Handy zwei junge Frauen, die von Zuckerwatte abbeißen.

Inspirationen für die Identitätsbildung

Warum Instagram mehr ist als eine Plattform zur Selbstdarstellung

Was machen meine Freunde, Bekannten, die Stars und Idole? Wie wirke ich auf andere, bekommen meine Fotos viele Likes? Instagram thematisiert wichtige Entwicklungsaufgaben Jugendlicher, kein Wunder, dass das Netzwerk bei ihnen so beliebt ist. Ob Posen, Sprüche, Kleidung oder Lifestyle, bei den Social-Media-Stars gucken sich Jugendliche eine Menge ab – leider aber auch alte Rollenklischees, die viele Influencer:innen mit ihren Foto-Postings repräsentieren. Pädagogische Fachkräfte können Jugendliche bei der Einordnung von Schönheitsidealen, Genderstereotypen und Wertorientierung auf der Plattform unterstützen. Und mit ihnen gemeinsam entdecken, dass Instagram mehr zu bieten hat als Oberflächlichkeiten.

E-Girl (Quelle: Irisloveunicorns/YouTube)

Nehmen Sie noch eine Kamera mit in den Urlaub oder auf Familienfeste? Viele Menschen beantworten diese Frage vermutlich mit einem klaren „Nein“. Kameras an Smartphones haben sich in den letzten 15 Jahren immer weiter verbessert, die Digitalkamera – einst praktischer Begleiter – erscheint mehr und mehr wie ein überflüssiges Relikt. Noch dazu haben die Fotos auf dem Smartphone einen weiteren Vorteil: In Sekundenschnelle kann man sie auf dem Gerät bearbeiten oder mit Freunden, Familie oder auch Unbekannten teilen.

Wie relevant vor allem das Teilen der Bilder sein kann, zeigte sich am 6. Oktober 2010. Am Tag der Veröffentlichung der Instagram-App registrierten sich bereits 25.000 Menschen und noch im November desselben Jahres waren mehr als eine Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform aktiv. Instagram war die erste Smartphone-App, bei der Fotos im Mittelpunkt standen, spontan geteilt und bearbeitet werden konnten. Kein Wunder, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schnell Interesse an der App zeigte. 2012 kaufte er sie schließlich den Gründern Kevin Systrom und Mike Krieger ab. Instagram florierte weiter, denn irgendwo mussten die immer besser werdenden Fotos der Smartphonekameras schließlich hin.

Was geht ab auf Instagram?

2016 übernahmen Systrom und Krieger das Story-Feature, das zuvor nur der Konkurrent Snapchat angeboten hatte. Zu den Postings in Fotoalben-Manier, die man durch vertikales Scrollen konsumiert, kam nun die horizontale Nutzung der Story-Funktion. Stories sind nur 24 Stunden verfügbar, eignen sich hervorragend für spontane Einblicke, Kurzvideos und natürlich all die Filter, die bereits bei Snapchat beliebt waren. Ein großer Mehrwert für die Plattform, die Ende 2016 bereits 600 Millionen Nutzerinnen und Nutzer hatte.1

Zwei Jahre, nachdem die beiden Gründer Instagram verlassen haben, brachte Instagram im Sommer 2020 die nächste große neue Funktion heraus. Instagram-Reels kopieren genau das, was auf der Konkurrenzplattform TikTok hervorragend funktioniert: kurze Videoclips, die mit Musik oder eigenem Ton unterlegt werden. Ganz neu für Instagram ist hier die Ausspielweise: Statt nur Follower:innen oder Profilbesucher:innen werden öffentliche Reels durch einen Algorithmus auch vielen Fremden angezeigt. So kann ein Reel innerhalb weniger Minuten über tausend Aufrufe erzielen. Berühmt werden über Nacht ist damit nicht mehr nur auf TikTok möglich. 2020 hatte die Plattform so über eine Milliarde aktive Nutzerinnen und Nutzer, etwa 21 Millionen davon aus Deutschland.2

Essen, Haustiere, Freunde und schöne Momente. Die ersten Fotos auf Instagram wurden noch vor Veröffentlichung der App von Gründer Kevin Systrom geteilt und zeigen, worum es viele Jahre auf Instagram ging. (Screenshot Instagram-Profil @kevin)

Screenshot Instagram-Profil @kevin: Essen, Haustiere, Freunde und schöne Momente. Die ersten Fotos auf Instagram wurden noch vor Veröffentlichung der App von Gründer Kevin Systrom geteilt und zeigen, worum es viele Jahre auf Instagram ging.

Dabei werden die Instagram-Fans immer jünger. Die KIM-Studie 2020 zeigt, dass bereits 30 % der 6-13-Jährigen Instagram nutzen.3 Die App, die durch Kommentare, Likes, direkte Nachrichten, Videochats und vielem mehr zu einem sozialen Netzwerk gewachsen ist, ist für 35 % der Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren das beliebteste Internetangebot (beliebter ist nur YouTube) und belegt auch bei den wichtigsten Apps nach WhatsApp den zweiten Platz.4 Was macht die Plattform also gerade für junge Nutzer:innen so interessant?

Sehen und gesehen werden

Was oberflächlich anmutet, ist ein zentrales Bedürfnis in der Jugendzeit – Sehen: Was andere aus der Peergroup machen, was Idole vorleben, was gerade angesagt ist. Selbst gesehen werden: sich ausprobieren können und direktes Feedback darauf erhalten. Diese Funktionen kann die Plattform Instagram für Jugendliche erfüllen. Je nach Entwicklungsstand und aktuellen Entwicklungsthemen werden andere Bereiche oder Funktionen für Jugendliche interessant.

Slide in meine DMs“ ist ein beliebter Spruch unter Instagram-Nutzer:innen. In jemandes DMs (Direct Message=Privatnachricht) zu sliden,kann für Jugendliche für den Aufbau ersten Kontakts stehen, häufig mit, manchmal aber auch ohne die Intention eines Flirts. Denn auch das Kontaktaufbauen und Kontakthalten zu Freunden und Bekannten gehört für viele Jugendliche zu den zentralen Funktionen der Plattform Instagram. Hier bekommt man durch die Stories und Postings mit, was die anderen erleben, wer mit wem wie gut befreundet ist und auch, welche Beziehungen sich vielleicht wieder auflösen. Ein direkter Austausch mit anderen über die Privatnachrichtenfunktion ist möglich, ebenso wie der Austausch über andere, denn Postings oder Stories können an andere Nutzer:innen verschickt werden.

Nicht zu unterschätzen ist die soziale Unterstützung, die sich Jugendliche häufig ganz selbstverständlich gegenseitig auf Instagram zusichern. Unter Postings von Mädchen finden sich oft unzählige Kommentare von Freundinnen, die wie eine warme Dusche aus Komplimenten wirken können: „Wie hübsch du bist 😍“ „Du Model🔥🔥🔥!“ „Lieb dich Bebi!❤️“. Doch auch Jungen gehen nicht leer aus. Von Freunden und Freundinnen erhalten sie anerkennende Kommentare, Komplimente oder lustige Sprüche, die den Grad der Freundschaft untermauern können: „Bester Mann, lass mal wieder treffen!“, „Nice 😎“.

Die Sorge, dass Jugendliche auf Instagram zu viel von sich preisgeben, ist sicherlich berechtigt. Für einige junge Nutzer:innen sind ein öffentlicher Account und regelmäßige Postings und Stories ein Teil des Alltags. Sie möchten Teil der Instagram-Community sein, ihre Follower:innenzahl steigern, vielleicht sogar richtig bekannt werden. Einige Jugendliche nutzen jedoch auch ohne Zwang einen privaten Account und teilen ihre Inhalte nur mit Personen, die sie zuvor als Follower:innen bestätigt haben. Ob dies zum Schutz der eigenen Privatsphäre geschieht oder eher einen exklusiveren Eindruck (du kannst meine Inhalte nur sehen, wenn du durch eine Anfrage zeigst, dass du an mir interessiert bist) erwecken soll, ist zumindest für den Effekt der Einstellung nebensächlich. Junge Nutzer:innen schützen sich damit vor den Blicken Fremder.

Doch auch vor den direkten Blicken ins Gesicht der eigenen Follower:innen schützen sich einige Jugendliche. Es ist eine Art Trend, das eigene Gesicht auf Postings nicht zu zeigen und es beispielsweise mit der Hand, den Haaren oder durch Abwenden zu verdecken.

Wem schaust du beim Leben zu?

Jugendliche folgen vor allem Freunden und Bekannten, doch Stars und Sternchen haben einen festen Platz im Newsfeed der jungen Nutzer:innen. Egal aus welcher Branche: Kaum ein Star ist nicht auf Instagram vertreten. Besonders erfolgreiche Stars aus Deutschland sind vor allem Fußballspieler, wie Toni Kroos (@toni.kr8s) mit 27,7 Millionen Abonnent:innen oder Musiker:innen wie Capital Bra (@capital_bra) oder Loredana (@loredana). Doch neben Stars, die auch aus den klassischen Medien bekannt sind, bietet Instagram auch eine große Auswahl an Social-Media-Stars. Während sie aus dem Leben vieler Jugendlicher nicht wegzudenken sind und bereits seit Jahren die Cover von Jugendzeitschriften zieren, spielen sie im Leben älterer Generationen kaum eine Rolle. So kann es leicht passieren, dass die Relevanz dieser Social-Media-Stars, der Influencer, unterschätzt wird.

Dass Influencer Influencer heißen, weil sie eben genau das tun, nämlich beeinflussen, hören die Stars und Sternchen der Social-Media-Welt meist nicht gerne. Auch Jugendliche beschreiben Influencer lieber als Inspirationsquelle denn als Beeinflusser:innen, obwohl sie dies in Bezug auf Kaufentscheidungen zweifelsfrei auch sind. Mehr als die Hälfte der in der Postbank-Jugend-Digitalstudie 20195 befragten Jugendlichen hatten in den letzten 6 Monaten ein Produkt aufgrund von Influencerwerbung gekauft, 31 % davon ließen sich von Influencern auf Instagram ködern.

Wer Julia (@xLaeta) folgt, erhält fast täglich Foto-Postings im Hochglanz-Look: Julia am Strand, Julia in der Hängematte, Julia neben einem Stapel zu verlosender iPhones. Die Posen ähneln sich: Mal ist der eine, mal beide Arme gehoben, die Hände versinken im Haar. Gerne bildet sie sich schräg von hinten ab, zeigt einen scheinbar zufälligen Blick über die Schulter. Ist sie von vorne zu sehen, dann wird der Körper in eine S-Form gerückt oder zumindest ein Bein ausgestellt. Schon auf den Fotos in Julias Profil erfährt man: Julia hat kürzlich geheiratet und reist gerne. In ihrer Story und den vielen Story-Highlights nimmt Julia ihre Follower:innen mit in ihren Alltag. Hier sieht man ihre Brautkleider, die Anprobe, Einblicke ins Hochzeitfest und natürlich viele tolle Videos von ihren Reisen. Im Story-Highlight „J“ zeigt Julia Ausschnitte aus ihrem Beziehungsleben mit ihrem Partner Jonas, dessen Gesicht die Fans jedoch nie zu sehen bekommen. „Wir werden bestimmt ein tolles Rentnerehepaar. Unser größtes Hobby ist Mitte 20 schon Spazieren“ oder „Wir können zusammen fett werden <3“ schreibt sie zu den hier gespeicherten Videoausschnitten. Tagesaktuell liefert sie in ihrer Story zudem Einblicke in das, was sie gerade so macht. Ausmisten. Ein Fertiggericht zubereiten und anschließend mit Rabattcode bewerben. Ihre schlafende Katze und ihre neuste Errungenschaft: rosafarbene FFP2-Masken.

Immer sexy und fröhlich: Erfolgreiche Vorbilder für weibliche Selbstinszenierung. (Screenshot: Instagram Profil @xLaeta).

Bei Luca (@laserluca) – der wie Julia auch auf YouTube erfolgreich ist – sehen die Foto-Postings zumindest in Bezug auf Perspektive und Posen anders aus. Luca fotografiert sich gerne von unten, schaut selten in die Kamera, sondern blickt eher in die Ferne. Er posiert gerne in der Hocke oder im Sitzen und nach Möglichkeit vor teuren Autos.

In seinen Stories zeigt Luca sich beim Autofahren, beim Bilder aufhängen mit seiner Mutter. Er erzählt auf seinem Spaziergang und bei einem Arztbesuch von seinem Tag und postet auch immer wieder Fotos von seinem Essen, Schnappschüsse mit Sonnenuntergang oder mit Freunden.

Lässig und cool in männlichem Umfeld – ebenfalls stereotype Inszenierung (Screenshot: Foto-Postings aus dem Instagram Profil von @laserluca)

Unter Einfluss: populäre Wertevermittlung

Warum schaut man sich so etwas an? Eine Frage, die wohl bei den allermeisten aufkommt, die nicht mit Vorbildern auf YouTube, Instagram oder TikTok aufgewachsen sind.

Behält man die entwicklungsbedingten Bedürfnisse junger Menschen im Blick und betrachtet die Inhalte der meisten Influencer mit dieser Brille, zeigt sich schnell: Hier werden fast alle Entwicklungsaufgaben thematisiert und beispielhaft beantwortet.

So stehen bei den allermeisten Influencern auf Instagram deren Körper im Mittelpunkt. Wie inszeniert man diese, in welche Kleidung packt man sie, welche Markenlogos sollten idealerweise zu sehen sein? Die Studie Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien der MaLisa-Stiftung zeigt, wie häufige Posen von weiblichen Influencern aussehen und wie diese und die Bildbearbeitung auch von jungen Mädchen übernommen werden.6 Den eigenen Körper, der sich in der Pubertät stark verändert und entwickelt, neu kennenzulernen, ist keine leichte Aufgabe. Sich hier an Influencern zu orientieren, scheint eine gute Lösung zu sein. Die Likeanzahl unter deren Postings erweckt den Anschein: Das kommt gut an!

Orientierung bieten Influencer aber nicht nur in Bezug auf Körper und Selbstdarstellung, sondern auch wenn es um Freundschaft, Familie und Beziehung geht. Was unternimmt man gemeinsam? Was ist ein romantisches Ziel in einer Beziehung (siehe „Wir können zusammen fett werden“) und welchen Stellenwert hat die Familie (gerne genutzter Bildtitel von Influencern „Family first“). So vermitteln Influencer auch Wertvorstellungen, zu denen auch Freiheit, Abenteuer und Luxus gehören können – denn kaum ein Influencer zeigt keine Urlaubsfotos an Traumstränden oder in exklusiven Locations.

Moderne Version des amerikanischen Traums

Besonders spannend kann das für Jugendliche sein, weil es so erreichbar scheint. Influencer wirken nahbarer als viele andere Stars, vermitteln allzu gerne den Eindruck „Ich bin genau wie du!“ – nur eben zufällig bekannt geworden. Sie verkörpern so eine moderne Version des amerikanischen Traums: Wenn du authentisch, also du selbst bist und dabei zufällig fantastisch aussiehst – dann kannst auch du zum Star auf Instagram werden und deine Träume wahr werden lassen.

Wer genauso attraktiv, beliebt, lustig oder erfolgreich werden will wie die Vorbilder auf Instagram, erhält hier auch noch mehr oder weniger konkrete Anleitung dazu. Abschauen kann man sich neben den Posen auch lustige Sprüche, Hobbys und tolle (Foto-)Locations. Darüber hinaus teilen insbesondere weibliche Influencer aber auch Tutorials für Frisuren, Make-up oder zur Bildbearbeitung.

Interessant ist für Fans auch: Was tust du, um so einen Körper zu haben? Informationen zur Sportroutine und zur Ernährung sind daher oft besonders gefragt. Es ist also kaum verwunderlich, dass viele Influencer genau diese Inhalte wieder und wieder teilen und konkrete Proteinriegel, Abnehm-Tees oder Diätshakes als Mahlzeitersatz bewerben. Das dies gerade für die häufig junge Zielgruppe, die den eigenen Körper eigentlich erst kennen und lieben lernen muss, brandgefährlich sein kann, haben die digitalen Vorbilder dabei selten im Blick.

Erfolgreich sind sie außerdem mit einer in der Regel sehr stereotypen Geschlechterdarstellung, was sich schon an den hier beispielhaft gewählten Influencern @xLaeta und @laserluca zeigt. Mädchen und Frauen zeigen sich zierlich, immer fröhlich, nahbar und auch dankbar für alles, was sie erreicht haben und erleben dürfen. Jungen und Männer wirken gerne bereits durch die Perspektivwahl größer, stärker, haben ihre Partnerinnen im schützenden Arm. Sie sind auch mal lustig, präsentieren materielle Statussymbole und zeigen ihre Talente und dass sie ihren Erfolg (auch) ihrem Können zu verdanken haben.7

Instagram vs. Reality

Die so vermittelten Ideale und Wertvorstellungen bedürfen einer Einordnung. Für einige junge Menschen geschieht dies ganz automatisch im Abgleich mit dem Alltag und Vorbildern, die man auch aus dem „real life“ kennt: Eltern, Geschwister, Lehrkräfte oder Bekannte.

Dennoch ist eine pädagogische Einordnung von Influencern sinnvoll und gewinnbringend: sowohl für Jugendliche als auch für Fachkräfte oder Eltern. Im Gespräch über die liebsten Influencer lässt sich gut erkennen, welche Entwicklungsthemen besonders relevant sind. Geht es beispielsweise vor allem um Körper und Aussehen? Oder doch eher um mögliche Partnerschaften oder gar konkrete Berufswünsche? Je nach dem können genau diese Themen nochmals hinterfragt werden. Muss man wirklich so aussehen? Gibt es in der scheinbar perfekten Beziehung der Influencer tatsächlich nie Streit oder Ärger und ist der Beruf Influencer wirklich genauso, wie er von den Stars vor der Kamera dargestellt wird? In kritischen Gesprächen geht es nicht darum, Influencer und deren Arbeit abzuwerten. Viel eher gilt es, Jugendliche durch offene Fragen zur Reflexion anzuregen und den Raum für Gespräche auf Augenhöhe zu bieten.

Was ist mir wichtig im Leben, wofür möchte ich stehen? Auch eigene Wertvorstellungen entwickeln sich Schritt für Schritt in der Jugendzeit. Mit Jugendlichen über diese zu sprechen und sie im Anschluss mit dem abzugleichen, was Influencer von sich auf Instagram teilen, kann zu spannenden Ergebnissen führen. Möglicherweise stellt sich so nämlich heraus: Meine Influencer legen viel mehr Wert auf Reichtum und Schönheit als ich. Spätestens dann wird es spannend, sich nach passenderen Alternativen umzuschauen, die es mittlerweile glücklicherweise auch auf Instagram in großer Zahl gibt. Jugendliche können sich in oftmals gegenseitig Accounts und Influencer empfehlen. Dennoch ist es ratsam, als Fachkraft zumindest einige eigene „Lieblingsaccounts“ im Kopf zu haben.

Selbstliebe, Information, Austausch

Auch wenn vor allem diejenigen Influencer, die allen Klischees und Stereotypen entsprechen, aktuell noch über die größten Reichweiten und meisten Likes bestätigt werden, gibt es Alternativen.

So zeigen Frauen wie Natalie Stommel, dass Selbstliebe auch dann angebracht ist, wenn man selbst nicht auf jedem Foto oder bei jedem Blick in den Spiegel so aussieht wie ein Supermodel. Accounts wie @danamercer oder @celestebarber laden zu einem Instagram-vs-Reality-Vergleich ein. Solche Accounts eignen sich gut für die pädagogische Arbeit und als Gesprächsanreiz.

Screenshot Instagram-Posting von @natalie_stommel.

Screenshot Instagram-Posting von @danamercer.

Mit ihren Accounts zeigen Louisa Dellert (@louisadellert) und Diana zur Löwen, dass auch Frauen auf Social Media mit eigener Meinung, Recherche und politischen Ansichten erfolgreich sein können und sich Hasskommentare nicht gefallen lassen müssen.

Screenshot: Posting aus dem Instagram-Profil von @louisadellert. Die Aktivistin setzt sich kritisch mit verschiedenen gesellschaftsrelevanten Themen auseinander.

funk, das junge Angebot von ARD und ZDF, bietet auf Instagram einige Kanäle, die durch ansprechendes Storytelling Informationen vermitteln und zum Austausch oder Nachdenken über gesellschaftliche Themen anregen. So berichten die jungen Reporter:innen der @news_wg über aktuelle politische Themen, interviewen Expert:innen und führen immer wieder auch kleine Selbsttests durch. Bei @maedelsabende geht es jede Woche um ein neues Thema, das von den Gesichtern hinter dem Account aufbereitet und durch Interviews mit Betroffenen oder Expert:innen ergänzt wird.

Screenshot Instagram-Profil @maedelsabende: Jede Woche ein neues Thema gibt es mit den Reporter:innen von @maedelsabende.

Screenshot Instagram Profil @news_wg: Vom digitalen Impfpass über Rechtsextremismus bei der Polizei bis hin zu Ad-Tracking auf Social Media. Der Account @news_wg bereitet aktuell Themen für die junge Zielgruppe auf.

Spannend sind gerade auf diesen Accounts auch die Kommentarspalten, in denen häufig ein reger Erfahrungs- und Meinungsaustausch stattfindet. Der Account @klima.neutral des WDR geht einen ähnlichen Weg. Auch hier berichten junge Journalist:innen über brisante Themen rund um Umwelt- und Klimaschutz. Doch nicht nur bunte Stories und hübsch aufbereitete Informationen können auf Instagram beeindrucken. Der Account @wasihrnichtseht macht auf schwarz-weißen Textpostings auf Rassismuserfahrungen von Schwarzen Menschen in Deutschland aufmerksam. In den Kommentaren schildern Follower:innen ähnliche Erfahrungen oder sprechen ihre Solidarität gegenüber betroffenen aus.

Screenshot Instagram-Profil @wasihrnichtseht. Hier werden Rassismuserfahrungen sichtbar gemacht.

Screenshot von @tagesschau: 6.700 Zuschauer:innen sind auf Instagram bei einem Livestream von @tagesschau dabei. Die Nachrichtensendung überzeugt hier neben Livestreams und Stories mit jungen Reporter:innen auch mit Info-Postings.

Entdeckungen unter der Oberfläche

Instagram – eine Plattform, die viel für ihre Oberflächlichkeit und überperfekten Bilder von Stars und Sternchen (und Jugendlichen!) kritisiert wird – bietet längst weit mehr als das. Doch um die Vielfalt der Angebote einzelner Akteur:innen zu entdecken und in der pädagogischen Praxis einzusetzen, ist ein Blick unter die Oberfläche der Plattform nötig. Es mag utopisch sein, dass Jugendliche durch medienpädagogische Unterstützung in ihrem Instagram-Feed nur noch Inhalte finden, die sie bestärken und informieren. Doch einzelne informative Accounts und Influencer, die mit Schönheitsidealen oder Genderstereotypen brechen, können im Newsfeed für Jugendliche bereits gewinnbringend sein. So kann es auch die Aufgabe medienpädagogischer Angebote sein, genau diese Accounts zu kennen, zu empfehlen oder auch selbst zu entwickeln. Dazu ist das Eintauchen in die Plattform und die Auseinandersetzung mit Influencern nötig: durch offene Gespräche mit Jugendlichen, Recherche auf der Plattform oder vielleicht sogar durch die Konzeption eigener Accounts.


Anmerkungen
  1. 1. Vgl. www.tagesschau.de/wirtschaft/instagram-125.html
  2. 2. 2. Vgl. www.futurebiz.de/artikel/instagram-statistiken-nutzerzahlen
  3. 3. Vgl. KIM-Studie: www.mpfs.de/studien
  4. 4. 4. Vgl. JIM-Studie: www.mpfs.de/studien
  5. 5. Vgl. www.presseportal.de/pm/6586/4389180
  6. 6. Vgl. https://malisastiftung.org/wp-content/uploads/Selbstinzenierung-in-den-neuen-Medien.pdf
  7. 7. ebd.