Das Internet spielt eine wichtige Rolle für junge LGBTQ+ Menschen, denn dort finden sie Informationen zu ihrer sexuellen Orientierung, können sich miteinander austauschen und – anders als offline – sein, wie sie wollen. Auch für unseren jungen Autor, auf YouTube bekannt als Einjans, ist das Netz ein „Safe Space“, an dem er herausfand, wer er ist und wie er sich wohlfühlt. In den Communities sozialer Medien findet er intensiven Diskurs zu für ihn wichtige Themen und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Nun möchte er zur Transgeschlechtlichkeit aufklären und queere Jugendliche mit seinen Videos in ihrem Selbstfindungsprozess unterstützen.
2014, mit 14 Jahren, startete ich meinen YouTube-Kanal. Ich sprach über Themen wie Sexismus, was mich am Social Media-Verhalten mancher Menschen aufregte oder parodierte Schminkvideos. YouTube wurde mein Hobby, bei dem ich mich kreativ ausleben und mich obendrein noch mit Menschen mit ähnlichen Interessen und Ansichten austauschen konnte. Nicht nur hier, sondern auch auf Instagram und Twitter, fand ich die Community, die mir in meinem bisherigen Umfeld gefehlt hatte. Meine wichtigsten sozialen Kontakte spielten sich online ab, und meine besten Freund:innen lernte ich fast alle zuerst im Internet kennen.
Queere Menschen finden einander

Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, begannen sich immer mehr meiner Freund:innen und Bekannten auf Twitter zu outen, und ich stellte fest, dass ein großer Teil meines Umfelds queer war. Viele Leute wundern sich darüber, dass sich nach und nach ganze Freund:innenkreise als LGBTQ+ outen; sie meinen daran erkennen zu können, das LGBQ+ nur ein Trend sei. Aber queere Menschen finden einander − selbst wenn sie nicht geoutet sind. Bestimmte Gemeinsamkeiten machen sich im Umgang miteinander bemerkbar, es muss gar nicht ausdrücklich darüber gesprochen werden. Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, dass junge LGBTQ+ Menschen, denen im Alltag oft ein Gefühl der Zugehörigkeit fehlt, sich lieber mit Gleichgesinnten umgeben.
Und diese Zugehörigkeit ist im Netz sehr einfach zu finden. Es ist möglich, gezielt nach Interessen zu suchen, Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick zu erkennen und sich ohne zu großes Risiko zu outen. In einigen Online-Communitys scheinen das Bewusstsein und die Akzeptanz für marginalisierte Gruppen höher und die Hemmschwelle, sich beispielsweise mit queeren Themen auseinanderzusetzen, ist relativ gering. Es herrscht oft ein viel breiter gefasstes Verständnis von queeren Identitäten als in der Mehrheitsgesellschaft und je sichtbarer die Breite des LGBTQ+ Spektrums wird, desto mehr Menschen finden sich darin wieder.
Durch den intensivenDiskurs über LGBTQ+ Themen in meinem Freund:innenkreis und auf meiner Timeline wuchs auch mein persönliches Interesse daran. Bald begann ich mich zu fragen, ob mein starkes Interesse möglicherweise darauf hinwies, dass ich mich mehr mit der Thematik identifizieren konnte, als mir bisher bewusst war. Relativ schnell kam ich zu dem Schluss, dass ich wahrscheinlich bisexuell war, aber ein richtiges Coming-out hatte ich nicht, außer, wenn es im Gespräch zufällig thematisiert wurde. Es gab aber einen anderen Teil der LGBTQ+ Community, der mich viel mehr interessierte: Transgeschlechtlichkeit.
Aufwachsen im Internet
Über meine Generation heißt es oft, wir seien mit dem Internet aufgewachsen. Ich sage lieber: Ich bin im Internet aufgewachsen. Denn für mich hat es sich immer wie ein realer Ort angefühlt. Dabei ist mir bewusst, dass „das Internet“ ein riesiger Begriff ist. Das Internet ist natürlich kein abgegrenzter Raum, der sich von der „richtigen“ Welt unterscheidet, es ist ein Teil von dieser, und alle Themen unserer Gesellschaft finden sich auch im Internet wieder. Natürlich gibt es queeren Aktivismus nicht nur online, aber er ist dort oft einfacher zugänglich, und die Wahrscheinlichkeit, rein zufällig mal über einen Aufklärungspost zu stolpern, ohne gezielt danach gesucht zu haben, ist groß.


Wenn ich hier also vom „Internet“ spreche, meine ich die Communitys, denen ich angehöre oder angehört habe und die für mich ein Safe Space waren. Ein häufiger Kritikpunkt an den sozialen Medien ist, dass diese „unauthentisch“ seien. Menschen verstellen sich, zeigen sich ausschließlich von ihrer besten Seite und lösen damit unrealistische Erwartungen aus. In sozialen Medien können wir vorgeben, zu sein, wer und was wir wollen. Doch genau das macht sie zu einem perfekten Ort für diejenigen, die offline nicht so sein können, wie sie sind oder sein wollen – zum Beispiel trans*1 Menschen. Im Internet ist es einfacher, zu passen2. Es lässt sich kontrollieren, was die Menschen vom eigenen Gesicht oder Körper sehen, niemand fragt nach dem Ausweis oder der Geburtsurkunde und wenn man will, hören Menschen nicht einmal die eigene Stimme. Die Dinge, die trans* Menschen den Alltag oft schwermachen, lassen sich im Internet leichter und schneller umgehen. Mir haben soziale Medien in meiner Selbstfindungsphase die Möglichkeit gegeben, mich ohne viel Aufwand oder Risiko selbst auszuprobieren und herauszufinden, wer ich bin, was ich will und womit ich mich wohlfühle. Und so ist es für viele queere und besonders trans* Menschen.
Just an Ally
In meiner Kindheit erinnere ich mich an so gut wie keine Repräsentation von trans* Menschen. Ich hatte vielleicht einmal davon gehört oder im Fernsehen die ein oder andere Person gesehen, aber richtig verstanden, was Transgeschlechtlichkeit bedeutet, hatte ich nicht. Außerdem waren die wenigen Menschen, die öffentlich sichtbar waren, fast ausschließlich trans* Frauen, mit denen ich mich keineswegs identifizieren konnte. Meine erste Begegnung mit einem anderen trans* Mann hatte ich mit 14 Jahren, als sich ein Sprachassistent meiner Schule vor meiner Klasse als trans outete. Auch damals verstand ich noch nicht alle Aspekte des Themas, aber mir war schnell klar, dass ich irgendwie mehr Verständnis für seine Situation zu haben schien als meine Mitschüler:innen. Erst als sich ein bis zwei Jahre später immer mehr meiner Bekannten im Internet als trans* outeten, begann ich mich genauer mit Transgeschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Ich las Foren- und Blogeinträge zu dem Thema, schaute mir Dokumentationen an und suchte gezielt nach Accounts von trans* Menschen, die öffentlich über ihre Erfahrungen sprachen. Aus reiner Solidarität natürlich! Nicht, weil ich mich selbst darin wiederfinden konnte. Das versuchte ich mir zumindest einzureden. Doch irgendwann war es einfach zu offensichtlich, dass mich das Thema Transgeschlechtlichkeit so überdurchschnittlich stark interessierte, weil ich mich selbst darin wiederfand. Als ich diesen Gedanken einmal zugelassen hatte, schienen viele Dinge in meinem bisherigen Leben auf einmal viel mehr Sinn zu ergeben. In der ersten Zeit teilte ich diese Gedanken mit niemandem. Nach und nach öffnete ich mich jedoch gegenüber vereinzelten Freund:innen und schließlich teilte ich meine Überlegungen auch auf meinem privaten Twitter-Account. Mit 17 Jahren outete ich mich schließlich zum ersten Mal offiziell in einem Tweet als genderqueer und bat alle, mich ab jetzt Jans zu nennen. Kurz darauf outete ich mich auch bei meiner Familie und in der Schule, und einige Monate später lud ich mein erstes Coming-out-Video auf YouTube hoch. „Ich bin kein Mädchen. Wie viel Junge ich bin, weiß ich noch nicht so genau“, sagte ich damals, da ich merkte, dass meine Selbstfindungsphase immer noch nicht komplett abgeschlossen war. Dass ich nicht wirklich genderqueer, sondern ein binärer trans* Mann bin, stellte sich dann im Laufe der nächsten Jahre in einem stetigen Prozess heraus. Mit diesem Prozess ging ich recht offen um, bis ich mich mit 19 Jahren schließlich wieder in einem YouTube-Video offiziell als trans* Mann outete und allen mitteilte, dass ich ausschließlich mit männlichen Pronomen angesprochen werden möchte und auch eine medizinische Transition3 plante.

Out and proud?
Seit meinem Coming Out sind LGBTQ+ und vor allem trans* Themen, auch wenn ich mich thematisch nicht festlege, zu meinem Schwerpunkt auf YouTube geworden. Lange Zeit wollte ich das nicht, da ich mich nicht auf mein Queer-Sein reduzieren wollte. Doch mit der Zeit wurde es unvermeidbar, da mir diese Themen zu wichtig sind, um nicht darüber zu sprechen. Darüber hinaus bin ich froh, wenn ich für junge queere Menschen das tun kann, was viele andere YouTuber:innen für mich getan haben. Ohne queere und insbesondere trans* Menschen, die in der Öffentlichkeit über ihren Weg sprechen, hätte ich meinen nie beginnen können. Repräsentation und Aufklärung sind der erste Schritt zur Selbstfindung. Wäre ich nicht zufällig im Internet auf diese Inhalte gestoßen, hätte ich möglicherweise nie ausdrücken können, warum bei mir immer alles so wenig zusammengepasst hat. Und ich hätte erst recht nicht erfahren, dass es Möglichkeit gibt, dies zu ändern und als Mann zu leben.
Auch für die Transition selbst sind Informationen, die innerhalb der trans* Community online geteilt werden, nahezu unverzichtbar. Es gibt nur wenige offizielle Informationen zu den Angeboten für trans* Menschen, die nicht gebündelt zu finden sind: Ob Hormontherapie, Operationen oder die Namensänderung – alles müssen sich trans* Menschen Schritt für Schritt selbst zusammensuchen. Einen Überblick über diesen Dschungel an Bürokratie zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Zum Glück gibt es viele trans* Menschen, die ihren Weg online dokumentieren und von Erfahrungen berichten. Besonders auf YouTube gibt es viele, die jeden einzelnen Schritt genau erklären, um anderen trans* Menschen den Weg zu erleichtern. Ähnlich sieht es mit medizinischen Informationen aus. Viele Ärzt:innen sind nicht besonders erfahren im Umgang mit trans* Menschen; so ist es überaus hilfreich, dass es auf YouTube bereits eine ganze Reihe an Erklärvideos gibt oder man auf Twitter nach den Erfahrungen anderer trans* Menschen fragen kann.
Meine Transition hat mein Leben gerettet, und die queere Community im Netz hat mir die Informationen und den Austausch geliefert, die ich brauchte, um die Transition überhaupt erst zu beginnen. Nicht alle queeren Menschen haben die Möglichkeit, Aufklärungsarbeit zu leisten, und niemand ist verpflichtet, dies zu tun. Manche Menschen können sich nicht outen, ohne sich in Gefahr zu bringen, manchen fehlt die Plattform, viele sind es einfach leid, nach Jahren immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten. Doch solange ich mich emotional in der Lage dazu fühle, möchte ich diese Fragen beantworten. Für die, die es nicht können. Irgendjemand muss es schließlich tun. Unsensible Fragen sind unglaublich anstrengend, besonders, wenn sie die eigene Existenz in Frage stellen, doch solange die Leute Fragen stellen, besteht noch die Chance, etwas in ihren Köpfen zu verändern. Trotzdem ist diese Arbeit meist alles andere als leicht. Einerseits ist das Sprechen über LGBTQ+ Themen mein Hobby, andererseits aber auch meine Lebensrealität, aus der ich mich nicht einfach zurückziehen kann, wenn es mir zu viel wird. Ich gerate oft in einen Zwiespalt, in dem ich zwar froh bin, wenn Leute mir Fragen stellen und dazulernen wollen, ich aber gerade einfach keine Kraft dafür habe. Ich musste erst lernen, zu manchen Gesprächen und Diskussionen Nein zu sagen, aber finde es schwer, das mit meinem Anspruch an mich selbst, grundsätzlich für alle Fragen offen zu sein, zu vereinbaren.
Hass online und offline
Natürlich habe ich im Laufe der Jahre nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Diskriminierung von LGBTQ+ Personen existiert im Internet genauso wie außerhalb des Internets. Das macht sich schnell bemerkbar, wenn ein Post mal die eigene Bubble verlässt und man sich plötzlich inmitten eines Shitstorms wiederfindet. Allerdings habe ich auch im „echten“ Leben Diskriminierung erlebt und das nicht unbedingt weniger als im Internet. Natürlich können Hass und Diskriminierung im Internet schneller außer Kontrolle geraten, wenn innerhalb von kürzester Zeit Hunderte bis Tausende von Kommentaren auf einen einprasseln, darunter möglicherweise Androhung von Gewalt oder der Veröffentlichung privater Informationen. Es darf nicht unterschätzt werden, wie organisiert manche Shitstorms sind und wie schnell sie jemanden bis in alle Lebensbereiche verfolgen können.
Trotzdem darf dabei nicht vergessen werden, dass auch Offline-Diskriminierung in allen Lebensbereichen stattfindet. Das Argument, Cybermobbing sei deshalb schlimmer als anderes Mobbing, weil es die betroffene Person überall hinbegleitet, funktioniert bei Queerfeindlichkeit nicht. Denn die kann ebenfalls überall vorhanden sein – sei es in der Schule, auf der Arbeit, beim Einkaufen, im Elternhaus oder bei Ärzt:innen. Ich möchte die Gefahr durch Hass im Internet keineswegs kleinreden, jedoch ist diese für mich nichts weiter als eine neue Erscheinungsform des Hasses, der ohnehin schon in unserer Gesellschaft existiert. Und trotz all dieser Schwierigkeiten würde ich niemals auf die Arbeit im Netz verzichten. Die gegenseitige Unterstützung innerhalb der LGBTQ+ Community ist mir viel mehr wert als der Gegenwind von außen.