Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein junges Mädchen, dass eine große, professionelle Filmkamera bedient. Rechts im Hintergrund zwei weitere Personen.

Am Puls der Zeit

30 Jahre jfc Medienzentrum

Ein Gespräch über Vergangenheit und Zukunft, Erfolge und Problembereiche, Erinnerungen, Einschätzungen und Träume mit Peter Stein, seit 30 Jahren Vorstand des Jugendfilmclubs Köln (heute jfc Medienzentrum) und Eva Bürgermeister, Geschäftsführerin seit 1994 (AdR: bis 2007)

Lieber Peter, versuche doch bitte mal 30 Jahre zurückzublicken. Wie hättest Du das jfc in einem offiziellen Rahmen damals vorgestellt?

Peter Stein: Ich hätte gesagt: „Der Jugendfilmclub ist ein Zusammenschluss von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, die sich um aktive Medienarbeit in Jugendheimen kümmern.“ − Mit der Eintragung in das Vereinsregister 1976 war das jfc zwar ein junger Träger der Freien Jugendhilfe, als Verein brachte er aber schon ein Stück Vergangenheit mit. Damals gab es die erste Welle hauptberuflicher Sozialpädagogen in den Jugendeinrichtungen, die ihre Arbeit neu qualifizieren wollten. Die Qualifizierung und Professionalisierung der Arbeit war unser Gründungsmotiv − dazu gehörte dann auch die Film- bzw. Medienarbeit.

Wo hast du denn damals gearbeitet?

Peter Stein: Ich war in Dormagen in einer ToT (Teil offenen Tür) tätig, die jahrelang geschlossen war und mit mir ihren Neuanfang nahm. Von daher war es spannend, die Arbeit inhaltlich neu zu gestalten. Es gab damals 40 Mitgliedseinrichtungen, die die ersten Jahre des jfc mitgeprägt haben. Dabei waren wir 8 oder 9 Professionelle, die anderen waren Ehrenamtler, die anfangs noch überwiegend aus dem katholischen Bereich kamen

30 Jahre später, Eva, wie würdest Du heute das jfc Medienzentrum vorstellen?

Eva Bürgermeister: Wir sind heute eine Fachstelle für die Kinder- und Jugendmedienarbeit, die alle Medien mit einbezieht, alle Angebots- und Arbeitsformen oder alle Einrichtungen/ Träger, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Wir beraten, qualifizieren Multiplikatoren, bieten Dienstleistungen und machen innovative Projektarbeit. Dabei sind wir nicht mehr, wie es damals der Fall war, auf Köln begrenzt, sondern sind ein NRW-weit tätiger Träger, der zum Teil auch Bundesprojekte durchführt.

Einst „Jugendfilmclub“ und heute „jfc Medienzentrum“ – schon in den Namen zeigt sich ja eine Weiterentwicklung.

Peter Stein: Zu Beginn standen natürlich die Filmarbeit und die Auseinandersetzung über Film mit gesellschaftlichen Themen im Mittelpunkt. Aber das war dennoch eine neue Form der aktiven Medienarbeit, aktiv, weil wir bewusst Filme eingesetzt haben, die unseren Vorstellungen entsprachen und vom Thema her mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu tun hatten. Wir hatten den Ansatz, den Jugendlichen über das Medium Film ihre persönliche Situation transparenter zu machen. Außerdem war die Filmarbeit eine politische Antwort auf das Kinosterben in den Vororten. Es ging um den Ansatz, ein Kino dort zu betreiben, wo sich Jugendliche aufhalten, die nicht in die Innenstadtkinos kommen.

Eva Bürgermeister: In der Rückschau hat sich vieles getan, gesamtgesellschaftlich und bezogen auf pädagogische Handlungsfelder wie auch das Selbstverständnis der Medienpädagogik. Sie hat sich – nicht zuletzt durch Dieter Baacke -in dieser Zeit als ernstzunehmende Wissenschaft etabliert. Und an vielen konzeptionellen Überlegungen waren wir immer maßgeblich beteiligt, da wir uns an der Schnittstelle von Theorie und Praxis bewegen. Für unser Selbstverständnis und die Entwicklung unserer Arbeit war immer wichtig, dass wir aus der Nähe zu den Kindern und Jugendlichen und den entsprechenden Institutionen der Kinder- und Jugendarbeit neue Impulse geben konnten.

Peter, du bis 30 Jahre im Vorstand, was hat dich über die lange Zeit an der Arbeit gereizt?

Peter Stein: 30 Jahre… Wenn ich zurückblicke, erscheint mir die Zeit nicht lang, weil sie halt sehr kurzweilig war. Ich habe in meiner täglichen Arbeit schwerpunktmäßig immer mit Medien gearbeitet, erst in der offenen Jugendarbeit, später in der Bildungsarbeit und im alternativen Kinobereich. Das jfc war für mich ein Ort, an dem die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen Energie und Kraft gegeben hat für mein eigenes Tun. Schließlich war jfc-Arbeit immer ein Stück Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen, bei denen die Medien ja in gewisser Weise Maßstäbe setzen.

jfc war nicht lange ein kleiner, lokal begrenzet Träger, sondern wurde recht schnell zu einer Einrichtung, die man heute als Medienkompetenzzentrum bezeichnen würde.

Peter Stein: Früher war er getragen von seinen Mitgliedseinrichtungen, die die Liebe zum Film einte. Mit dem Beginn der Videoarbeit – vor allem dem Videomagazin LURENS – hat es Ende der 70er nochmals einen Sprung gegeben. Durch das neue Sprachrohr Video kamen viele neue Mitglieder hinzu. Der Filmclub war damals ein sehr großer, engagierter Verein, der von vielen Personen getragen wurde. Wir hatten 160 Mitgliedseinrichtungen und wir waren manchmal 20 oder mehr Leute, die an einem Thema gearbeitet haben. Für mich ist das jfc deshalb heute kleiner als früher. Jetzt ist er eine professionelle Einrichtung mit einem eher kleineren professionellen Team, das sich den Fragen der Medienentwicklung stellt und Impulse und Unterstützung gibt für die Arbeit in Jugendarbeit und Schule, also seine Funktion hat im politischen Rahmen.

Wenden wir uns doch mal den Themen, Medien und Arbeitsformen im Laufe dieser 30 Jahre zu.

Peter Stein: Am Anfang war’s der 16mm-Film, wir haben sogar noch 8mm-Filme zu bestimmten Themen gekauft, Sie behandelten Themen wie Jugendarbeitslosigkeit, Lebensbilder, Träume und Phantasien. Beim Filmeinsatz ging es weniger um cineastische Fragen als darum: Was sagt und der Film oder wie setzt man den ein? Welchen Jugendliche zeigen wir ihn, was sind ihre Interessen, wie können wir mit dem Film nachher weiterarbeiten. Da gab es dann auch schnell Grenzen: hat der Film zu viel Gewalt, zu viel Sex. Im Filmclub gab es da sehr früh Evaluierungsbögen, um Einsatzempfehlungen für Filme geben zu können

Eva Bürgermeister: Von Anfang an waren die Themen Jugendlicher wichtig. Als in den 80er dann die Videowelle kam und die vielen Rambo- und Rocky-Filme, hat sich das jfc nicht nur mit den Filmen, sondern vor allem auch mit der Faszination der Jugendlichen auseinandergesetzt. Im jfc wurden diese Filme nicht verpönt, sondern der Ansatz einer „alltagsorientierten Filmarbeit“ entwickelt, die nicht nur auf den „guten“ Film setzt, sondern die Potentiale dieser Filmhits für die pädagogische Arbeit entdeckte und nutzte.

Anfang der 80ern war dann durch die Videotheken erstmals filmische Gewalt für Jugendliche verfügbar. Strukturell dem Bereich des Jugendschutzes zugeordnet, hat das jfc gerade zum Thema Gewalt wichtige Akzente gesetzt.

Eva Bürgermeister: Richtig, Horror- und Gewaltvideos waren damals im Gespräch und es gab noch sehr viel diese „bewahrpädagogischen Ansätze“ nach dem Motto: „Um Gottes Willen, ja nicht die Kinder mit sowas konfrontieren!“. Und wir sind genau den umgekehrten Weg gegangen. Wir setzen an den Interessen der Kinder und Jugendlichen an, wollen sie zum aktiven Nachdenken und zur Auseinandersetzung anregen, ohne ihnen ihre Vorlieben mies zu machen. Es ging uns vor allem darum, nach den Gründen zu forschen, warum Kids bestimmt Medien zu mögen.

Im Zusammenhang mit dieser Videothekengewalt-Debatte hat das jfc übrigens auch den Begriff des „präventive Jugendmedienschutzes“ mitgeprägt. Dahinter steckt die Idee, Kinder und Jugendliche durch aktive Medienarbeit zum souveränen Mediengebrauch – heute würde man Medienkompetenz sagen− zu befähigen. Quasi um potentiell negativen Folgen des Medienkonsums vorzubeugen, da Verbote sich nie als sinnvolle Strategie erwiesen haben. Ein Thema und auch immer noch eine Arbeitsform, die bis heute aktuell ist.

Viele Themen, Methoden, Konzepte, Medien haben sich aber auch überlebt und das jfc immer wieder gezwungen, neue Wege zu beschreiten.

Peter Stein: Am Filmbereich ist das gut ablesbar: In den 70ern gab es zwei erfolgreiche Events in Jugendzentren, die hießen Film und Diskothek. Dann kamen die großen Kinos und viele Hollywoodspektakel, da war das nicht mehr so attraktiv in Jugendzentren 16mm-Filme zu gucken. Wir haben dann verstärkt auf die aktive Videoarbeit gesetzt, uns aber dennoch entschieden, Filmarbeit als wichtigen medialen Ansatz für die Jugendarbeit beizubehalten. Es wurden Jugendfilmreihen in den Kinos gezeigt und als Highlights die Kinderfilmwochen – das waren die Vorläufer des Kinderfilmfestes Cinepänz – eingeführt, also neue Präsentationsformen, neue Anreize geschaffen.

Eva Bürgermeister: Dazu gab es Filmnächte oder Filmseminare, zum Beispiel zum Thema „Freche Mädchen im Film“, bei denen sich die Mädchen an verschiedenen Frauentypen reiben konnten. Oder es gab nach Filmen wie „Rambo“ das Rollenspiel „Rambo beim Arbeitsamt“, in denen die Jungs die Erfahrung machten, wie wenig alltagstauglich ihre Helden sind. Das Bundesprojekt „Filmsehen – Kino zum Anfassen“ hat diese Möglichkeiten in Zusammenarbeit mit Kölner Einrichtungen erprobt und für eine Arbeitshilfe aufgearbeitet

Peter Stein: Weil sich auch die Medien und die Jugendkultur weiterentwickelten, haben sich auch unsere Arbeitsstrukturen verändert. Wir haben beispielsweise aufsuchende Konzepte entwickelt, d.h. wir sind auf die Jugendlichen an ihren Orten zugegangen Außerdem haben wir stärker zielgruppenspezifisch ausdifferenziert.

Wie sieht es grundsätzlich mit der Entwicklung des Zielgruppenprofils aus? Das jfc Medienzentrum bedient heute ein viel größeres Zielgruppenspektrum als früher. Insbesondere die interkulturelle Filmarbeit hat viel Gewicht erhalten.

Peter Stein: Am Anfang der Arbeit standen besonders sozial schwache Jugendliche im Blick und das ist bis heute so geblieben. Und wir haben früh Migranten, damals meist Polen und Italienern, gearbeitet. Und natürlich waren wir aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit, durch Veranstaltungen oder Materialsammlungen für die pädagogische Arbeit.

Eva Bürgermeister: Insgesamt spielt im jfc die Interkulturelle und internationale Medienarbeit eine wachsende Rolle. Wir realisieren natürlich auch Interkulturelle Projekte im Veedel, aber auch große Projekte wie Rootes & Routes oder CrossCulture – Netzwerk für die interkulturelle Arbeit. In der Filmarbeit haben wir schon früh und mit großen Erfolg Filmprogramme gezeigt, die für einen interkulturellen Dialog förderlich sind, ´94 beim Türkei Filmfest, später beim Mittelmeer-Festival die Jugendreihe unter den Titel TeenTops. Aber auch bei Cinepänz und in der Jugendreihe See Youth zeigen legen wir viel Wert auf Internationale Produktionen, die Einblicke in die anderen Lebenswelten geben und sich für ein multikulturelles Publikum eignen. Die Medien sind verantwortlich für die Vermittlung von Bildern, Vorstellungen und Urteilen von Menschen. Daher beachten wir auch im Rahmen unserer Filmarbeit, bei Beratungen und eigenen Veranstaltungen den interkulturellen Dialog. Wir legen Wert auf internationale Produktionen, die Einblick in andere Lebenswelten geben und sich für ein multikulturelles Publikum eigenen.

Neue Arbeitsformen, neue Zielgruppen, neue Medien?

Peter Stein: Im jfc-Keller gibt es ein großes Lager musealer, sprich ausrangierter Technik: Mitte der 70er die ersten unbeweglichen Standrecorder, dann die 14zoll AKAI Anlage, das Schnittstellen-Studio Super 8, die ersten Comodore-Computer, die veraltete Technik vom ersten Radio-Studio… Nicht zu vergessen die Fotokameras, denn wir haben früher auch viel mit Fotografie gearbeitet, was ja heute bei den Multimedia-Projekten eine Renaissance erfährt. Das Bereitstellen von Ausleihtechnik war dabei immer eine wichtige Aufgabe des jfc, dieser Bereich ist stark im Rückzug. Technische Zugangsmöglichkeiten zu schaffen für die Bildungs- und Sozialarbeit spielet allerdings heute keine sehr große Rolle mehr, denn Technik ist viel einfacher und vor allen viele billiger geworden.

Eva Bürgermeister: Heute arbeiten wir als Medienzentrum natürlich multimedial. Der Hype der Neuen Medien ist allerdings abgeklungen, damit auch der Boom der Medienkompetenzförderprogramme, die vor allem auf Aneignungskompetenz setzt. Man Hält im Moment eher innen und schaut, was bringt uns diese totale Mediatisierung aller Lebensbereiche, war wollen wir eigentlich vermitteln. Die Medienkritik, die in den 90ern eher als „uncool“ galt, hat wieder mehr Gewicht bekommen. Das haben wir schon sehr frühzeitig mit Projekten wie KriKi-Online/ Spinxx begleitet

Aber natürlich gibt es auch immer wieder Modemedien. Das ist aktuell das Podcasting für einfache internetfähige Audioproduktionen und die Handyvideos. Da machen wir natürlich Angebote, weil die Jugendlichen sich damit beschäftigen und weil es für die Eltern ein großes Problem ist.

Mal eine persönliche Frage: Welches war das spannendste Projekt, der größte Erfolg, das schönste Erlebnis?

Peter Stein:Ich habe sehr gute Erinnerungen an die Anfangszeit, als wir mit sehr viel EngagementNeuland betreten haben. Diese Lebendigkeit in der Auseinandersetzung über eine Filmauswahl und die Entwicklung des jfc, das war einfach einmalig! Aber auch der Jugendaustausch mit Wolgograd war für mich ein Highlight. Besonders natürlich unser Besuch mit der Bratz-VideoRedaktion in Wolgograd 1992, wo wir die unterschiedlichen Welten kennen gelernt haben, direkt einen langen öffentlichen Auftritt im Lokalfernsehen hatten und unseren Film präsentierten, den wir beim Besuch der Russen in Köln gedreht hatten.

Eva Bürgermeister: Was mir in all den Jahren immer Spaß gemacht hat, sind die Diskussionen über Zukunft, über aktuelle Herausforderungen und dann diese kreativen Prozesse bei der Er-Findung von passenden Strategien. Toll finde ich auch jedes Mal, wenn man sieht, wie sich junge Leute, die im jfc ihre ersten Medienerfahrungen machten, weiterentwickelt haben. Ein aktuelles Beispiel.: Wir haben im Rahmen von Spinxx im Frühjahr einen Kritikergipfel durchgeführt, bei dem sich die Kinder und Jugendlichen aus unterschiedlichen Redaktionen zusammengefunden haben, um u.a. mit Joachim von Gottberg von der FSF (Freie Selbstkontrolle Fernsehen) über Jugendschutzmedien zu diskutieren. Da erlebt man dann wie selbstbewusst und medienkritisch die Kids nach 11/2 Projektjahren ihre Fragen stellen.

Sehr lebendig in Erinnerung habe ich auch das Projekt CrossCulture mit Jugendkulturen, die sich mit Hilfe eines Filmprofis selber darstellten. Großartig war dann auch die Abschlussveranstaltung, bei der Diskussionen zwischen Jugendforschern und sehr provokanten Vertretern aus Jugendszenen geführt und diese anregenden Filme präsentiert wurden Politik, Jugendszene, Medienpädagogen kamen zusammen und bildeten eine sehr bunte, kreative Mischung, es gab Diskussionen zwischen Jugendforschern und natürlich die Präsentation dieser anregenden Filme aus den Szenen.

Haben sich Leitlinien verändert? Welcher Herausforderung muss sich die Jugendmedienarbeit heute stellen?

Peter Stein: Computer haben heute die Welt, die Arbeit, die Kommunikation neu bestimmt. Damals ging es noch darum, die Medien voranzutreiben. Wir hatten noch Zukunftsvisionen, was alles möglich und was schön wäre, aber das ist heute alles schon da. Heute müssen wir schauen, wie wir mit den Medien umgehen, um „uns“ zu verbessern. Es geht nicht darum eine AKAI Anlage zu verbessern.

Eva Bürgermeister: Ein Satz von Franz Josef Röll fällt mir da ein: „Aktive Medienarbeit ist der beste Weg, Geheimnisse der Medien zu entschleiern. Das ist ein Satz, der aus den 70er/ 80er Jahren stammen könnte, der aber auch heute noch genauso gilt.

Peter Stein: Gleich geblieben ist auch die Angst vor dem Neuen bzw. neue Entwicklungen nicht durchblicken zu können. Was erwartet mich? Wie gehe ich damit um? Diese Fragen existieren heute noch und werden vielleicht immer schwerwiegender, weil es letztlich nicht allein um Medienkompetenz geht, sondern um grundsätzliche globale Veränderungen, die durch die Digitalisierung zentraler Lebensbereiche vorangetrieben werden. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es sicherlich, der Kluft, dem Auseinanderdriften der Generationen, in der Welt der Medien entgegen zu wirken.

Eva Bürgermeister: Richtig, deshalb haben wir auch im letzten Jahr erstmals mit ViSo! Videoseminare für die Generation PLUS ein Videoprojekt für die älteren Erwachsenen durchgeführt. Insgesamt geht es heute um Fragen der Orientierung im Mediendschungel, um die Verknüpfung realer sinnlicher und virtueller Erfahrungen und um neue Kommunikationsformen. Dabei sind die Beachtung von Partizipationschancen für Kinder und Jugendliche und die Entdeckung kreativer Potenziale bedeutsam. Und natürlich geraten Werte, Normen und Grenzen in der grenzenlosen Medienwelt zunehmend in den Blick. Wir müssen uns auch mit immer neuen Geschäftsmodellen beschäftigen und Strategien entwickeln mit Blick auf besonders werbeanfällige Kinder und Jugendliche. Überhaupt werden wir uns Mühe geben müssen, unsere Zielgruppe passgenau zu erreichen und negativen Entwicklungen rechtzeitig entgegen zu wirken

Viele Jugendarbeiter sprechen heute von prinzipiellen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Nachwuchs. Die Kids hätten heute eine unverbindlichere Haltung, kennen keine Grenzen, können in verschiedene Rollen schlüpfen, sind quasi als multiple Persönlichkeiten nur schwer fassbar!

Peter Stein: Ich kann mich heute sehr gut hinter den Medien verstecken, kann z.B. beim Chatten anonym bleiben. Außerdem, wird es immer schwieriger zu unterscheiden, was fiktiv und was real ist. Und es gibt heute so unendlich viele Informationen, und ich muss in der Lage sein, zu selektieren und Kontrollmöglichkeiten einzubauen.

Eva Bürgermeister: Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Generationen war nie frei von Problemen. Allerdings ist die Entwicklung nun so enorm schnelllebig, dass wir uns als Pädagogen von der Vorstellung verabschieden müssen, dass wir alles besser wissen. Manchmal sind es die Jugendlichen, die zunächst die Technik besser beherrschen und uns vermitteln. In dieser unglaublich vielfältigen und schnelllebigen Medienwelt geht es deshalb auch darum, Kindern und Jugendlichen zu helfen, sich selbst zu verordnen und Werte wie auch Perspektiven zu entwickeln. Wir müssen Angebote und Rahmenbedingungen schaffen, die sie da abholen, wo sie stehen, den Dialog – untereinander, aber auch interkulturell und intergenerativ – fördern, sie stärken und Erfolgserlebnisse vermitteln, damit sie z.B. in gemeinsamer Projektarbeit Verbindlichkeit und Verlässlichkeit erleben und schätzen lernen.

Für den Medienpädagogen hat die rasante technische Entwicklung zur Folge, dass er ständig seine Software- und Hardware-Kenntnisse auffrischen muss. Schon wieder kommt ein neues Schnittprogramm heraus, das er mal eben schnell beherrschen soll. Die Technik ändert sich rasant und überall treten im täglichen Umgang kleine Fehlerquellen, deren Behebung heute enorm viel Zeit frisst. Und dabei sollen Medien doch nur Werkzeuge sein.

Eva Bürgermeister: Richtig, die Pädagogen in der praktischen Medienarbeit sind da wirklich sehr gefordert, mit der technischen Entwicklung mitzuhalten. Insgesamt ist das Lernen weniger hierarchisch geworden. In unserer hochkomplexen Welt ist halt gemeinsames und vor allem lebenslanges Lernen erforderlich.

Peter Stein: Heute muss man immer aktuell über den Stand der Entwicklung informiert sein, aber man muss nicht alles können. Ich muss wissen, was ein IPod ist, was man damit machen kann und was damit gemacht wird, aber ich muss nicht unbedingt damit umgehen können. Oder, die Handys – für mich ist ja nicht interessant, dass man mit Handys filmen kann, sondern dass manche Kids das Handy dafür nutzen, kurze, dumme Filmsequenzen mit Gewaltszenen aufzuzeichnen, um damit zu protzen. Was machen die Jugendlichen mit den Medien, das ist doch die Frage.

Zum Schluss der Blick nach vorne. Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Peter Stein: Ich wünsche mir, dass wir in unserer Kreativität nicht nachlassen und neue Ideen entwickeln, wie wir den gesellschaftlichen und medientechnischen Wandel weiterhin aktiv begleiten können.

Eva Bürgermeister: Medienpädagogik muss sich noch mal stärker ins öffentliche Bewusstsein bringen und nicht nur über die aktuellen Diskussionen wie etwa über Gewalt und den vermeintlich schlechten Einfluss von Medien. Sie muss sich stärker als eigenständige Profession ins Gedächtnis rufen und ihre Kompetenzen deutlich machen.

Als Geschäftsführerin wünsche ich mir natürlich eine größere Planungssicherheit, wir haben viele Ideen und Konzepte in unseren Schubladen und Köpfen und es wäre schön, wenn wir etwas langfristiger Arbeiten könnten.

Und vielleicht finden wir noch einen knackigen Namen, der halt Tradition und Moderne verbindet. jfc Medienzentrum ist tatsächlich ein sehr sperriger Name. Außerdem träumen wir schon seit Jahren von einer Medienwerkstatt, in der wir – neben der mobilen Arbeit vor Ort – gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen produzieren können: in einem kleinen Studio mit all den technischen Finessen, die man so für eine moderne Medienproduktion braucht und die attraktiv für alle Altersgruppen ist. Manchmal wünsche ich mir zudem ein Stück Entschleunigung in unserer hektischen Zeit, mit mehr Zeit zum Nachdenken, über das was wir tun und tun müssen.