Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine konzeptuelle Skizze von "Molly Monster" mit Vermerken und Positionsangaben der Animateur:innen

Animationsfilm dauert halt!

Ein Gespräch mit dem Trickfilm-Produzenten Richard Lutterbeck

Trickfilmproduktionen sind höchst aufwändig: Für 90 Minuten Film werden ca. 130.000 Einzelbilder benötigt. Das Trickstudio Lutterbeck ist seit fast 30 Jahren Experte für dieses arbeitsintensive Genre. In dem Studio unter der Leitung des Produzenten Richard Lutterbeck und des Regisseurs Matthias Bruhn entstehen vor allem Animationsfilme für Kinder. Nach zahllosen Kurzfilmen und einer 52-teiligen Serie feierte 2016 mit „Molly Monster“ der erste Kinolangfilm für Vorschulkinder Premiere. Nun folgt der nächste Streich: ein Arthousefilm für die ganze Familie. Im Gespräch mit Petra Wonsowitz lässt Richard Lutterbeck uns hinter die Kulissen blicken und berichtet von den Topps und Flopps des Gewerbes, spricht von den Erfolgen und Hürden der Trickfilmproduktion.

Nach dem Erfolg mit „Molly Monster – Der Kinofilm“ eurer ersten Langfilmproduktion mit der aus dem Sandmännchen bekannten gleichnamigen Kurzfilm-Titelheldin, arbeitet ihr nun an eurem zweiten Langfilm, der auf ein älteres und breiteres Publikum abzielt. Wie kamt ihr auf die Idee die deutsch-deutsche Vergangenheit in einem Animationsfilm für Kinder aufzugreifen?

Lutterbeck: Auf die Idee Fritzi − Eine Wendewundergeschichte zu machen kamen wir tatsächlich durch unseren anderen deutschen Koproduktionspartner aus Ostdeutschland, die Balance Film. Die Kollegen aus Dresden haben uns das Buch „Fritzi war dabei“ vorgestellt und uns gefragt, ob wir gemeinsam einen Film daraus entwickeln wollen. Das Buch von Hannah Schott mit den Bildern von Gerda Raidt basiert auf Interviews, die die Autorin Hannah Schott mit vielen Erwachsenen gemacht hat, die damals zur Zeit des Mauerfalls Kinder im Alter von 9 oder 12 Jahren waren. Uns hat die Geschichte sehr gut gefallen und wir haben uns entschlossen, mit unserer „westdeutschen“ Sicht auf die Ereignisse an einer gemeinsamen Entwicklung mitzuwirken. Uns schien dabei sehr wichtig, dass man eine solche Geschichte über die deutsch-deutsche Vergangenheit auf emotionalem Weg einem jüngeren Publikum nahebringen kann, ohne in eine dokumentarische Form übergehen zu müssen. Fritzi ist als Familienfilm konzipiert. Die heutigen Kinder von ca. 8 -12 Jahren erleben eine wunderschöne Coming of Age-Liebesgeschichte, die Eltern können sich an ihre eigene Kindheit erinnern und für die Großeltern ist garantiert auch etwas dabei.

Beide Filme basieren auf Buchvorlagen. Haben es Filme mit bekannten Stoffen leichter, bei den Kindern angenommen zu werden? Was zeichnet eurer Meinung nach eine gute Geschichte aus?

Lutterbeck: Die Frage beschäftigt uns immer wieder: Was funktioniert in Deutschland im Kino oder auch im Fernsehen? Muss man einen Brand kaufen, um mit dem Film oder einer Serie erfolgreich zu sein oder kann man das auch mit originärem Stoff schaffen? „Molly Monster“ war damals nur ein kleines Bilderbuch von Ted Sieger, das kaum bekannt war. Ted hat daraus eine tolle Idee zu einem Kurzfilm entworfen, die dann mit unseren Partnern zu einer Serie weiter entwickelt wurde. Zunächst 52 Folgen für den Sandmann, dann einen 30-minütigen Weihnachtsfilm und schließlich der Feature-Film von 72 Minuten. Und auch das Buch zu „Fritzi“ war kein so großer Erfolg, dass man von einem Brand sprechen kann. Aber es ist eine großartige emotionale Geschichte, die wir erzählen wollen. Unser Film hat alles, was man für eine gute Geschichte braucht: starke Gefühle, Charaktere, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, eine kleine Liebesgeschichte, spannende Entwicklungen vor einer großen „Kulisse“ und auch noch einen Hund!

Viel Geld, viel Zeit und viele Leute

Wie entsteht denn überhaupt ein Animationsfilm? Wer will da alles mitmischen? Durch wie viele Hände geht das Buch, bis die Produktion endlich losgehen kann?

Lutterbeck: An Molly Monster – Der Kinofilm waren insgesamt circa 200 Leute über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren beteiligt: Zuerst wurde das Storyboard erstellt. Parallel dazu wurden die englischen Stimmen aufgenommen, die zu einem Animatic zusammengeschnitten wurden. So heißt eine schwarz-weiß Version des Films, in der die wesentlichen szenischen und dramaturgischen Elemente des gesamten Films zu sehen sind. Danach wurde für jede Szene das Layout angelegt, und anschließend arbeiteten viele Animateure an den verschiedenen Szenen des Films gleichzeitig. Dann wurde alles koloriert, das Ganze mit einem Hintergrund versehen, und die Spezialeffekte kamen hinzu. Während der Bildproduktion wurden die deutschen Stimmen aufgenommen, die Musik produziert und zum Schluss folgte die Tonmischung mit den Geräuschen und Spezialeffekten.

Aus einem Sketch wird ein Storyboard (unten). (Trickstudio Lutterbeck)

Bei „Fritzi“ ist es ähnlich. Schon allein, bis ein Drehbuch steht, das dauert! So haben wir beispielsweise sehr lange an dem Script zu „Fritzi“ gefeilt. Ich glaube, die ersten Versionen der Autorin Beate Völker entstanden 2011/2012. Wir haben 2012 auf dem Trickfilmfestival in Stuttgart damit den Drehbuchpreis gewonnen und sind jetzt mit dem Co-Autor in der achten Fassung. Bei der Weiterentwicklung des Drehbuchs haben neben den beteiligten Produktionsfirmen Trickstudio und Balance Film auch die Fernsehsender KiKa, Arte, MDR, NDR, WDR ihre Ideen und Wünsche zum Ausdruck gebracht, die wir natürlich alle zu berücksichtigen versuchen. Das klingt alles recht kompliziert, ist aber bisher sehr fruchtbar verlaufen.

„Fritzi“ soll 2019 in die Kinos kommen − planmäßig zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Die reine Produktionszeit wird dann etwa zwei Jahre dauern. Ein Viertel der Zeit wird für die Pre-Produktion benötigt. Das Jahr 2018 ist für die gesamte Animation geplant über einen Zeitraum von ca. 10 Monaten. Danach findet die Postproduktion statt, die auch noch einmal 20-30 Prozent der Zeit ausmacht. Viele Gewerke überlappen auch  einander: Die Musik kann beispielsweise schon beginnen, wenn der Schnitt fertig ist; die ersten Compositings werden gemacht, wenn die ersten Sequenzen schon komplett animiert und farbig sind.

„Molly“ und jetzt auch „Fritzi“ sind beides europäischen Koproduktionen. Wie lange habt ihr nach geeigneten Partnern gesucht?

Lutterbeck: Mit „Fritzi“ haben wir bereits vor 5-6 Jahren angefangen, wobei die Kollegen von Balance Film schon etwas länger mit der Entwicklung beschäftigt waren. Zunächst haben wir versucht ein deutsches Team aufzustellen, mit der Idee im Hinterkopf, einen hochprofessionellen Animationsfilm aus dem Stoff anzufertigen, der den heutigen europäischen Standards entspricht.

Wir erhielten bei der Entwicklung sehr große Unterstützung von der Film & Medienstiftung NRW und auch von der MDM (Mitteldeutsche Medienförderung), aber es stellte sich dann doch relativ schnell heraus, dass wir den Film alleine mit deutschen Mitteln nicht finanzieren können. Wir haben 2015 dann das Projekt auf dem Cartoon Movie in Lyon vorgestellt, um herauszufinden, ob das Projekt auch für den internationalen Markt interessant ist. Das Feedback darauf war insgesamt durchweg positiv. Viele Interessenten haben das Potenzial gesehen und tatsächlich auch ihre eigene Kindheit oder Jugend in dem Projekt reflektiert und die damit verbundenen Konflikte. Trotzdem war der Weg dann doch sehr steinig: Wie so oft bei internationalen Koproduktionen, klappt die eine oder andere Förderung oder Finanzierung dann doch nicht so wie geplant. Aber wir sind guten Mutes und sehr stolz darauf, dass wir jetzt mit dem tschechischen, dem luxemburgischen und mit dem belgischen Partner einen wunderschönen Animationsfilm herstellen können.

Realismus in FRITZI – EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE mit Illustrationen im Stil der Buchvorlage. (Trickfilmstudio Lutterbeck)

Die Geldbeschaffung ist sicherlich der neuralgische Punkt einer Produktion: Für „Molly“ kamen immerhin vier Millionen Euro zusammen, ein recht hoher Betrag für einen Kinderfilm. Ist es nach dem Erfolg internationaler (Kinder-)Animationsfilmen an der Kinokasse leichter geworden das Geld zusammen zu bekommen?

Lutterbeck: Bei „Fritzi “ wird das Budget auf über 5 Millionen Euro wachsen. Im Vergleich mit anderen europäischen Animations-Budgets befinden wir uns da aber nicht in der oberen, sondern eher im mittleren Bereich. Das Budget einer europäischen Filmproduktion ist mit einer amerikanischen Blockbuster-Produktion, die sich im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich befindet, absolut nicht vergleichbar. An der Kinokasse stehen die Filme aber dann doch im Wettbewerb, denn die Kinokarten kosten gleich viel. So wird dann um die Platzierung und die Abspielzeiten gestritten.

Die Finanzierung ist natürlich ein zentraler Punkt: Wenn ich eine Geschichte als Animationsfilm erzählen möchte, dann ist das komplizierter als einen Realfilm herzustellen. Animation dauert halt!

Animation ist teuer! Und es ist auch nicht unbedingt leichter geworden, insbesondere für anspruchsvolle Kinderfilme eine Finanzierung zu bekommen.

Wir haben es aber tatsächlich geschafft, und jetzt machen wir „Fritzi“ zu einem außergewöhnlichen Arthausfilm für Kinder!

Zusammenarbeit internationaler Partner

Wie schwierig gestalten sich bei mehreren internationalen Partnern die Absprachen? Nach welchen Kriterien ist der Produktionsablauf aufgeteilt und wie wird die Zusammenarbeit organisiert?

Lutterbeck: Die Arbeit mit mehreren Partnern macht die Produktion nicht immer leicht; eine gute Organisation ist da auf jeden Fall hilfreich.

Wir haben uns natürlich bei der Suche nach Finanziers die Möglichkeiten der internationalen Partner angeschaut, um von deren Stärken profitieren zu können. So übernimmt beispielsweise der luxemburgische Partner Doghouse Films die gesamte Background-Produktion und die Musik. Der belgische Partner Artemis übernimmt die Postproduktion und das Compositing. Und auch das tschechische Studio Maur Film hat sich mit seinen Animationsarbeiten einen Namen gemacht.

In welchen Bereichen ist denn das Konfliktpotenzial bei internationalen Produktionen besonders groß? Es gibt ja bestimmt unterschiedliche Vorstellungen, was Zeichenstil, Storytelling oder Musik betrifft?

Lutterbeck: Konflikte gibt es bei allen Produktionen immer wieder mal. Bei diesem Projekt sind wir als federführende Partner die Hauptproduzenten des Films. Das heißt aber nicht unbedingt, dass nur wir letztendlich die kreativen Entscheidungen treffen. Wir diskutieren natürlich alle Produktionsschritte mit unseren Partnern, wie man am besten zu Ergebnissen kommt. Wie schon erwähnt, arbeiten wir mit sehr professionellen Studios zusammen, die ihre Ideen in das Projekt einbringen. So profitieren wir letztendlich enorm davon, dass es in den Studios tolle Leute gibt, die an dem Projekt mitarbeiten und zu seinem Gelingen beitragen.

Happy End im Fantasieland – im „Mollyversum“ gibt es viele kleine Elemente, die nicht auf den ersten Blick auffallen (MOLLY MONSTER – DER KINOFILM). (Trickfilmstudio Lutterbeck)

Produktion im In- und Ausland

In der Animationsbranche hat sich in den letzten Jahren viel verändert, auch weil auf dem globalisierten Markt sogenannte „Discount-Player“ (beispielsweise aus Asien) aufgetaucht sind. Produziert ihr eigentlich alles selber – oder lagert ihr Teilproduktionen aus, weil das günstiger ist?

Lutterbeck: Den Begriff „Discount-Player“ kannte ich im Zusammenhang mit Animationsfilmen so noch nicht. Generell lässt sich dazu sagen: Im Animationsbereich, egal ob 2D oder 3D, wird international produziert, das heißt es werden häufig die besonders arbeitsintensiven Bereiche dorthin ausgelagert, wo sie kostengünstiger produziert werden können. Wir haben in Deutschland meistens nicht die Möglichkeit, Filmproduktionen komplett im Inland herzustellen. Wir versuchen zwar so viel wie möglich hier zu produzieren, müssen aber aus Kostengründen auch Teilbereiche im Ausland herstellen lassen. Uns ist es dabei aber immer wichtig, dass bestimmte künstlerische Arbeitsschritte noch Inhouse stattfinden, wie beispielsweise die Postproduktion oder das Compositing. So ist gewährleistet, dass wir auf jeden Fall auch über den Final Look entscheiden können und uns hier die Möglichkeit zum Eingreifen erhalten.

Neben der Geschichte ist bei einem Trickfilm ja auch der Animationsstil wichtig. Wie laufen denn die Entscheidungen für einen passenden Stil, der dem Film dann eine eigene Handschrift verleiht?

Lutterbeck: Für „Molly“ haben wir ja ein „Mollyversum“ entwickelt mit einfachen, klaren Formen. Der Detailreichtum liegt dort in den vielen kleinen Elementen, die man nicht immer auf den ersten Blick sieht.

Bei „Fritzi“ haben wir uns entschieden, die Illustrationen aus dem Buch „Fritzi war dabei“ ein wenig zu adaptieren und den Film als 2D-Animation zu realisieren. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten wäre auch eine 3D-Produktion leicht möglich, aber aufgrund unserer langjährigen Erfahrung im 2D-Bereich sowie der unserer Partner, fiel die Entscheidung zugunsten der 2D-Animation. Dadurch entsteht dann auch die ganz spezielle künstlerische und atmosphärische Handschrift, die den gesamten Film trägt und ihn zu etwas Besonderem macht.

Als Trickfilmer habt ihr ja während der Produktion weniger mit realen Kindern zu tun – auf jeden Fall dann aber doch bei der Synchronisation. Ist es schwierig an sychrontaugliche Kinder zu kommen?

Lutterbeck: Der Hauptcharakter des Films ist ein Mädchen von 12 Jahren. Da das Casting hierfür noch nicht begonnen hat, ist auch noch nicht klar, ob tatsächlich ein Kind oder doch eine junge Erwachsene die Rolle sprechen wird. Bei „Molly“ haben hauptsächlich Erwachsene gesprochen.  Da es sich um eine internationale Koproduktion handelt, werden wir zunächst alles in Englisch synchronisieren, damit unsere Partner auch alles verstehen können. Danach wird dann erst die deutsche Synchronisation stattfinden. Wir haben aber mittlerweile auch einen recht großen Pool an Kindern gecastet, die als Synchronsprecher geeignet sind.

Kinotod bei herrlichem Sommerwetter

Als Produzent hast du natürlich die Auswertung des Films im Blick: Welche Gesichtspunkte sind hierbei ausschlaggebend? Ich denke da mal an gutes Wetter beim Filmstarttermin.

Lutterbeck: Richtig: Herrlichstes Sommerwetter, mit 33 Grad Außentemperatur, kann den Kinotod für einen Kinderfilm bedeuten!

Bei „Fritzi.“ sind wir natürlich bestrebt ein spezielles Marketing-Konzept mit dem Verleiher zu erarbeiten, um dann termingerecht zum Oktober 2019 − also 30 Jahre nach dem Mauerfall – die Premiere in der Nikolaikirche in Leipzig stattfinden lassen zu können. Wir werden zudem aber auch parallel zur Produktion diverse Making-of-Events realisieren. Geplant ist beispielsweise eine Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte in Bonn. Durch solche Testscreenings kann man recht gut die Wirkung der Geschichte auf die Zielgruppe beobachten und herausfinden, wie die Emotionen oder die Handlung beim Publikum ankommen.

Auf welche Formen der Vermarktung setzt ihr denn besonders, damit sich der Film auf lange Sicht amortisiert?

Lutterbeck: Grundsätzlich hat es ein künstlerischer Film schwerer sich zu amortisieren als ein kommerziell ausgerichteter. Wir sind uns aber sicher, dass der Film seinen Weg zum Publikum finden wird. 

Natürlich spielt heutzutage bei der Vermarktung eines Films das virale Marketing eine besondere Rolle. Speziell bei einer Geschichte wie die von „Fritzi“ müssen wir uns genau überlegen, wie wir das Internet und die Sozialen Netzwerke als Marketinginstrument bestmöglich nutzen, um eine entsprechende Aufmerksamkeit zu erzielen. Nach der Kinoauswertung liegt im nichtgewerblichen Bereich eine weitere Vermarktungskette, die dann dort zu einem Longrunner werden kann. Besonders die Schulen oder andere öffentliche Einrichtungen erhalten die Chance, ein Kapitel aus der deutschen Vergangenheit aus einer persönlichen und emotionalen Perspektive zu erleben.

Ich wünsche gutes Gelingen für „Fritzi“. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Petra Wonsowitz, Medienpädagogin und freie Autorin aus Köln.