Dass sich die Generation Selfie nicht für Geschichte begeistern lässt, hält unser Autorenpaar für ein Gerücht. In ihren Workshops zoomen sie anhand einer kleinen, feinen Auswahl aufregender Bilder in das Leben junger Leute in vergangenen Zeiten. Ihre Altersgenossen im digitalen Zeitalter entdecken dabei die Sinnlichkeit, narrative Kraft und sozialpolitische Relevanz von Fotografie – bevor sie selber zur Kamera greifen.
Was wären wir ohne Geschichte, ohne unsere Wurzeln, auf die alles zurückgeht und durch die wir unsere Welt verstehen lernen? Das gilt besonders auch für die Fotografie, ein vergleichsweise junges Medium, das in seiner 175-jährigen Historie eine unglaublich dynamische Entwicklung vom elitären Steckenpferd englischer Landedelleute bis hin zum omnipotenten Massenmedium durchgemacht hat. Es ist zugleich die Geschichte des buchstäblich bewegtesten Zeitalters der Menschheitsgeschichte, das die Fotografie geprägt hat, aber auch wesentlich von der Fotografie geprägt wurde. Diese Wechselwirkung ist zugleich auch ein Spannungsfeld, dessen ungeheure Tragweite nur schwer erfassbar ist. Zweifellos, wir sind mitten im Zeitalter der Bilder, des „Iconic Turn“, den der Literaturwissenschaftler William Mitchell und der Kunsthistoriker Gottfried Boehm schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts prophezeiten. Wer die Welt verstehen will, der muss die Bilder und ihre Mechanismen verstehen. Umso unverständlicher, dass Medien- und ganz besonders Fotokompetenz immer noch ein vernachlässigtes Feld in der schulischen Ausbildung darstellen.
Mit Bildern faszinieren und inspirieren
Aber Fotografie ist natürlich weitaus mehr als ein Medium zur zeitgeschichtlichen oder kulturhistorischen Dokumentation. Sie ist visuelles Tagebuch, Familienchronik, künstlerische Ausdrucksform und mit ihrer narrativen Kraft des „Es ist gewesen“ hat sie die Menschen von Anfang an fasziniert und fasziniert sie ungebrochen. Das beweist die Bildersintflut, die seit der digitalen Revolution nicht endend durch Kameras, Fotohandys und Computer spült.
Und so steht am Anfang unserer Fotoworkshops für Kinder und Jugendliche immer die Auseinandersetzung mit dem Kosmos der vorhandenen Bilder. Ein Kosmos, der schier unendliche Möglichkeiten bietet, daher ist eine sorgfältige Auswahl das A und O. Sinnlichkeit und narrative Kraft auf der einen und sozio-kulturelle Relevanz auf der anderen Seite sind die beiden Säulen, auf denen unser Konzept zur fotografischen Geschichtsvermittlung basiert. Dabei hat der theoretische Überbau durchaus auch praktische Aspekte, denn aus gestalterischer und technischer Perspektive ist der Diskurs mit den vorhandenen Bildern eine hervorragende Inspiration. Schließlich muss man, bevor man fotografieren lernt, erst einmal sehen lernen, und das kann man am besten anhand von guten Bildern, die faszinieren und inspirieren.
Digitale Fotografie scheint wie für Kinder gemacht. Es gibt kein Warten mehr wie noch zu analogen Zeiten und die Ressourcen sind in jeder Hinsicht unendlich. Das sind sicher auch Gründe, warum junge Menschen Fotografie so lieben und unsere Workshops fast immer ausgebucht sind. Sie halten mit Enthusiasmus fest, was sie bewegt– vielleicht auch, weil sie unbewusst fühlen, wie schnell diese wichtige Zeit in ihrem Leben vorbei ist.
Mit spannenden Fotos lassen sich Kinder und Jugendliche wunderbar für die Geschichte begeistern. In der HDTV- und 4K-Welt sind Kinder allerdings qualitätsverwöhnte Bildkonsumenten. Für die einführenden Power-Point-Präsentationen zu unseren Fotoworkshops betreiben wir darum eine umfangreiche Bildrecherche im Netz und greifen auf ein eigenes Archiv zurück, das mittlerweile rund 80.000 Fotografien aus allen Epochen und Stilrichtungen umfasst. Das konkrete Thema des Workshops gibt Sujets und Stilrichtungen vor. Egal ob Jugendkultur, Porträt-, Mode-, Straßen-, Tier- oder Sozialfotografie, in der visuellen Einführung zeigen wir thematisch ausgerichtete Bilder, die mit den Lebenswelten heutiger Kinder korrespondieren. Das macht ein verdichtetes Erleben und intensives Kennenlernen ganz unterschiedlicher Sujets möglich. Zugleich tauchen wir damit gemeinsam mit den Teilnehmern in die facettenreiche Welt der Fotogeschichte ein, denn oft gehören unsere Bildbeispiele zu den Icons des Mediums und stammen aus den Kameras der profiliertesten Fotografinnen und Fotografen. Fotogeschichte ist vielschichtig, so behalten wir bei der Bildauswahl immer die Entwicklung der Bildästhetik und Bildsprachen sowie die soziokulturellen Veränderungen im Auge. Hilfreich hierbei sind die Internet-Portale großer Archive wie die Library of Congress, das Time-LIFE-Fotoarchiv, Zeno.org, Flickr und natürlich die Google-Bildsuche. Nicht digitalisiertes Bildmaterial scannen wir nötigenfalls für die Präsentation ein. Wichtig ist, dass es sich um hochauflösende Bilddateien handelt, denn oft sind auch kleine Details für eine Zeitreise bedeutsam und faszinierend. So kann man sich buchstäblich in vergangene Leben und andere Welten hinein zoomen – ein Effekt, den Kinder lieben. Eine thematische Vorbereitung ist die Grundlage, denn Bilder machen Bilder! Das heißt: Je mehr wir sehen, desto mehr Ideen haben wir für unsere eigenen Fotomotive.
Visuelle Zeitreise in die Jugendkultur
Mit einem Dutzend Jungen und Mädchen sitzen wir in der historischen Kornbrennerei des Wilhelm-Fabry-Museums in Hilden, einem Industriemuseum. Die Projektion über den Beamer schafft in dem abgedunkelten Raum eine Atmosphäre wie im Kino. Wir machen eine visuelle Reise durch die Jugendkultur. Es ist der Beginn des Workshops „Identity that’s me – Identität das bin ich“, in dem der Fokus auf der Pubertät liegt, einer Zeit also, in der die ganze Welt auf dem Kopf zu stehen scheint. Wie waren Jugendliche im 19. und 20. Jahrhundert? Mit welchen Lebensumständen hatten sie es zu tun? Wie zogen sie sich an? Und was war ihnen wichtig? Was ist gleich und was ist anders?

Um 1900, Coney Island: Wir sehen eine Strandszene, drei kleine Mädchen vergnügen sich im flachen Wasser. Unsere jungen Kursteilnehmer sind davon überzeugt, dass dieses Bild höchstens 20 Jahre alt ist und die Kinder darauf hippe Sommerkleidung tragen. Verständlich, denn ihre feinen Kleider sind mit Rüschen verziert und scheinen zum Baden im Meer ganz ungeeignet. Amüsant, aber so sah Bademode halt aus am Anfang des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der nur wenige Menschen schwimmen konnten.
Dann machen wir einen Zeitsprung und befinden uns im Sommer des Jahres 1947. Sid Grossman fotografierte ausgelassen feiernde Jugendliche am Strand von Coney Island. Die Badekleidung hat sich nun verändert, das Aufnahmeformat auch. Grossman ist mit seiner dynamischen Kleinbildkamera ganz dicht an den Jugendlichen dran – fast so wie die Jugendlichen mit ihren iPhones heute. Es entstanden spannende Bilder, bei denen ein Kopf oder ein Arm schon mal abgeschnitten sein kann. Warum fotografierte er in diesem Stil? Ganz genau, die Stimmung war ihm wichtig, das Lebensgefühl, das wollte er mit seinen Bildern herüberbringen. In den 1950er Jahren war so eine Bildsprache außerordentlich innovativ. Eine bewegte Zeit verbringen nicht nur diese Jugendlichen am Strand. Mehr als zehn Jahre später zeigt der amerikanische Fotograf Will McBride eine ausgelassene Runde auf einem Boot auf der Havel. Die Gruppe macht Musik und wir kennen sogar den Namen der jungen Frau im schwarzen Schlabber-Pullover, die sich in Richtung des Fotografen dreht und ihm lachend zuwinkt. Sie heißt Efi und sie ist das Zentrum des Bildes. McBride steht erhöht und macht so die Aufnahme aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Er hält einen Augenblick voller jugendlicher Lebensfreude fest. Efi ist jetzt fast 70 Jahre alt und ist Ärztin.
Noch mehr Geschwindigkeit zeigt das 1964 in Japan aufgenommene Foto von Michael Rougier. Ein Junge mit Sonnenbrille rast auf einem Mofa durch die Landschaft. Aber wie hat Rougier das Tempo sichtbar gemacht? Er hat den Jungen mit seiner Kamera fixiert und sie während der Aufnahme mitgezogen. Der Mofafahrer bleibt so scharf und seine Umgebung löst sich beinahe in abstrakten Formen auf. So vermittelt Rougier uns mit seinem Foto ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das gerade in der Pubertät wichtig wird.
Mobilität auf Rädern findet sich in vielen Fotos, die wir für diesen Workshop zusammengestellt haben. Da wird das Auto schon mal zum Rückzugsraum für junge verliebte Paare. Bei dem Besuch eines Autokinos ersetzt es die Kinosessel oder verwandelt sich zum privaten Restaurant vor einem Drive Inn. Diese Fotos stehen für die sich verändernde Jugendkultur in den 1960er Jahren.
Gefeiert wurde schon immer, nur waren die Partygirls und -boys 1947 ein wenig anders gekleidet als heute. Dies beweisen die Fotos von Nina Leen. So trugen die Jungen Nadelstreifenanzüge und die Mädchen schicke Kleider. Die Haare waren aufwändig in Form gelegt. Bier und Wein sucht man auf dem Foto vergebens, dafür gab es Coca-Cola, denn die war damals schon beliebt – allerdings noch in Glasflaschen. Paartanz war en vogue, aber sittsam; geflirtet wurde dennoch. Trotzdem, es war eine Zeit der Normen und Kontrollen. Solche Aufnahmen ermöglichen wunderbare Sozialstudien.
Mode, Freizeit und soziale Umbrüche
In der Mode hat sich immer viel verändert, so trug man in den 1930er Jahren Sattelschuhe mit weißen Socken. 15 Jahre später waren die weißen Socken immer noch in, aber warum um Himmels Willen pinselt ein Mädchen sich durchsichtigen Nagellack auf die Wade? Sie klebt sich die Strümpfe fest, damit sie nicht direkt herunterrutschen? Ja, denn das galt damals als ziemlich uncool.
Zur Linken sehen wir einen Haufen watschelnder Gänse, zur Rechten eine Gruppe Mädchen in klassischer ungarischer Tracht. Elliott Erwitts Foto braucht eigentlich keine Erklärung. Was macht den Witz des Bildes aus? Et voilà, die Mädchen sind genauso formiert wie die Gänse und schnattern bestimmt genauso laut. Erwitt ist ein Meister darin, humorvolle Situationen aufzuspüren und sie im richtigen Augenblick festzuhalten. Es ist ein besonderer Blick auf unsere Welt, augenzwinkernd und humanistisch.
Das kleine dunkelhaarige Mädchen auf Robert Capas Bild sieht müde und traurig aus. Ihr Blick ist von Krieg und Flucht geprägt. Kein Wunder, das eindringliche Porträt stammt aus dem spanischen Bürgerkrieg. Das sind Themen, die wir nicht aussparen, wenngleich sie natürlich mit Bildbeispielen belegt werden, die für Kinder und Jugendliche geeignet sind und keinesfalls verstörend wirken dürfen. Doch die dunklen Seiten des Daseins sollte man nicht vergessen, schließlich sind sie ja auch oft ein Teil in der aktuellen Lebenswirklichkeit von Kindern. Also zeigen wir auch Bilder, die Kinder in der Uniformität totalitärer Gleichschaltung oder der Einsamkeit sozialer Ausgrenzung und Unsicherheit darstellen. Die Bilder werden relativiert durch Motive „zeitloser Stunden“, mit denen alternative Lebensweisen und entschleunigtes Dasein nachempfindbar gemacht werden sollen. Es sind die Momente, in denen unbeschwert gespielt und geträumt wird, ohne einen Gedanken an das „Später“ verschwenden zu müssen. Genau so einen Moment hielt William Gedney in seiner Aufnahme von 1964 fest, auf der drei barfüßige Mädchen in einer sonnendurchfluteten Küche innehalten. Lazy Afternoon: Man spürt förmlich endlose Ferien und ewigen Sommer – ein wirklich poetischer Moment.
Eine andere und sehr bewegende Sicht auf die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts schenkt uns Lewis Hine. Eine seiner Aufnahmen zeigt zwei kleine Jungs in einer Fabrikhalle, behände klettern sie auf einer großen Maschine herum. Besuchen die Kids ein Industriemuseum und haben das „Betreten verboten“-Schild ignoriert? Der vordere Junge ist barfuß und wirkt sehr konzentriert, der hintere schaut in die Kamera. Auf den zweiten Blick wird klar, dass das hier kein Spiel ist. Die Kinder arbeiten wie Erwachsene an einer Spinnmaschine. Ein Transmissionsriemen verweist darauf, dass die Anlage durch eine altmodische Dampfmaschine angetrieben wird – eine Erfindung des Industriezeitalters. Unfassbar, aber ganz genau so war das noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA. Der Fotograf Hine, der eigentlich Lehrer und Sozialarbeiter war, hat seine Fotografien detailliert beschriftet. Und so wissen wir, dass die zwei Jungen gerissene Fäden zusammenknüpfen. Durch ihre Körpergröße können sie das geschickter als die Erwachsenen und sind obendrein billiger.

Lewis Hine hat zahlreiche Aufnahmen von Kindern bei der Arbeit gemacht. Er dokumentierte die schlimmen Konsequenzen, aber durchaus auch den Stolz der Kinder darauf, ihre Familien zu unterstützen und früh ein Teil der Erwachsenenwelt zu sein. Auf einem weiteren Foto posieren drei Mädchen, selbstbewusst schauen sie in die Kamera. Die Mittlere hat die beiden anderen in die Arme genommen. So zeigen die „Spinner-Girls“, dass sie nicht nur Kolleginnen, sondern auch gute Freundinnen sind. Es entstanden viele berührende Aufnahmen, die im Kampf gegen die Kinderarbeit zu einem entscheidenden Faktor wurden. Hine erreichte mit seinen Fotografien schließlich, dass Kinder nicht mehr in Fabriken arbeiten müssen, sondern in die Schule gehen können. Die Bilder von Lewis Hine ziehen „unsere“ Jugendlichen ganz in den Bann. Sie wollen immer mehr seiner Fotos aus der Zeit der sozialen Umbrüche sehen. Die interessieren sie offenkundig mehr als Freizeitkultur und Mode.
Fotos, die im Kopf bleiben
Gute Bilder bleiben im Kopf und im Herz und aus ihnen entstehen neue gute Bilder. So bleibt auch Lewis Hine in den Köpfen. Und später am Nachmittag, im praktischen Teil des Workshops, stellen einige unserer jungen Fotografen die Bilder des großen Sozialreformers nach. Die historische Kornbrennerei liefert dabei die ideale Kulisse. Inzwischen haben wir ein spezielles Workshop-Angebot, das sich nur mit Lewis Hines sozialdokumentarischer Fotografie befasst.
Wir schauen gemeinsam noch viele weitere Fotografien an, unter anderem von Heinrich Zille, Alfred Eisenstaedt und Rineke Dijkstra. Wir sehen Kinder beim ausgelassenen Spiel, Jugendliche in der Unsicherheit des Heranwachsens und dem Sich-Hineinfinden in die Welt. Bild für Bild baut sich so ein Mosaik auf, das ein geschichtliches Dokument ist und belegt, wie Fotografen aus verschiedenen Epochen festgehalten haben, was Menschen begegnet und was ihnen wichtig war. Es zeigen sich erstaunliche Parallelen zu heute, auch wenn sich vieles radikal geändert hat. Aber gespielt wird heute immer noch, und gelacht, geweint und geflirtet. Und das alles wird fotografiert.