Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein kleines, hellblaues altes Auto von hinten. Im Hintergrund ein Geländer und ein Fluss. An der Heckscheibe des Autos ist ein Schild mit der Aufschrift "DDR" angebracht.

Bilder nach drüben

Die Wiedervereinigung und die Mediengesellschaft in den neuen und alten Bundesländern

„Studieren in Fernost“  heißt eine ironische Werbekampagne im Internet, die das Image der Unis in den neuen Ländern aufpolieren soll. Manche Vorurteile, manche Bilder vom Osten unserer Republik sitzen tief, obwohl sich 20 Jahre nach dem Mauerfall die meisten Bilder aus Ost und West aneinander angeglichen haben. Das anstehende Jubiläum bietet Anlass, die Rolle der Medien im Wiedervereinigungsprozess mit Blick auf die aktuelle mediale Aufbereitung der Wendezeit zu beleuchten.

Der Titel meines Beitrages ist ein Westtitel. Das will ich anmerken, weil ich aus dem „Drüben“ komme, also aus dem Osten, der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone, späteren DDR und damit aus den jetzigen neuen Bundesländern. Für mich waren es nämlich die „Bilder von drüben“ mit denen ich in Südthüringen aufgewachsen bin und dann in Brandenburg und Sachsen, exakt in den Bezirken Suhl, Potsdam und Leipzig in der DDR gelebt habe. Ein Transfer von „Ost-Bildern“ in den Westen blieb bis 1989 hingegen eine Ausnahme: getragen von politisch ambitionierten Filmfestivals und gelegentlichen Fernsehangeboten von ARD und ZDF.

Dass diese Aussage heute marginal klingt, ist beruhigend und problematisch zugleich. Die Beruhigung resultiert aus dem Umstand, dass es seit zwei Jahrzehnten kein politisches und mediales “Hüben” und „Drüben” mehr gibt, offenbar aber ein mentales, womit ein Problem benannt wäre.

Vom kulturellem Wert des Vergangenen

Der Umgang mit dem Jahr 1989 und insbesondere mit den Jahren davor scheint gerade besonders schwierig: Der 20. Jahrestag des Mauerfalls fällt in ein „Super-Wahljahr“, was leider dazu führt, dass die notwendige Auseinandersetzung über die politischen und medialen Entwicklungen in Ost und West dem Wahlkampf geopfert wird bzw. zumindest geopfert scheint. 

Will sagen: Pauschale Werturteile nützen uns weder in der Bewertung der Vergangenheit  noch in der Gegenwart. Womit die Frage nach dem Wert der „Bilder nach (oder: von) drüben“  zu stellen wäre?  Haben die Bilder jeweils zum besseren Verständnis (im Sinne von Verstehen) der anderen Seite beigetragen, oder haben sie eher die bereits vorher ausgeprägten Mentalitäten bestärkt? Wie hoch war bzw. ist eigentlich die Bereitschaft in Ost und West zur kommunikativen Aneignung der jeweils anderen Bilder entwickelt? Geht es nicht eigentlich auch um traditionelle – und durch einen föderalen Staat bewahrte – kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Ethnien (Sachsen, Friesen, Bayern, Franken etc.)?

Doch zurück zu den Bildern von und nach drüben. Unser Alltagsgebrauch von Bildbearbeitungsprogrammen am Computer wie Photoshop sollte uns eigentlich aus eigener praktizierter Bearbeitungserfahrung gelehrt haben: Die Differenz zwischen Abgebildetem und fotografischem/filmischem Abbild kann zwar durch die verschiedenen digitalen Bearbeitungsprogramme größer geworden sein,  das Abbild selbst ist in seiner physischen Beschaffenheit nicht beeinflussbar. Wir kennen das aus Alltagsbegegnungen mit bis dato nur von Bildern bekannten Stars (SchauspielerInnen, SportlerInnen, PolitikerInnen etc.).

Am Anfang war das Wort

Ich will damit aber auch darauf hinweisen, dass die (zum Teil nachträgliche) Bebilderung der „Wendezeit“ wie auch deren narrative Aufarbeitung, das Ereignis selbst  nur unzureichend spiegeln können. Die reproduzierte und zum Teil neu kompilierte Bilderflut zum Thema: Ost-West vor der Wende und zum gleichen Thema nach der Wende, sollte uns auch im Zeitalter der Bilder nicht vergessen lassen, dass am Anfang das Wort war (Johannes-Evangelium). Ich will die Problematik der Bilder und Worte nach drüben und von drüben am Beispiel einiger Losungen der Montagsdemonstrationen in Leipzig diskutieren. Am 4. September 1989 war im Anschluss an das schon traditionelle Friedensgebet in der Leipziger Nikolai-Kirche auf dem Nikolai-Platz zum ersten Mal der Sprechchor „Wir wollen raus“ zu hören; ein verzweifelter Aufschrei  der Menschen, die wie viele hunderttausend Andere mit dieser DDR nichts mehr zu tun haben wollten, Bereits zwei Wochen später wurde daraus das ein neues Selbstbewusstsein demonstrierende „Wir bleiben hier!“ Mit den Losungen „Wir sind das Volk“ und „Demokratie – jetzt oder nie“ behaupteten sich die DDR-BürgerInnen endgültig gegen den Alleinvertretungsanspruch, den die Partei- und Staatsführung ihnen gegenüber bis dato gebraucht und zum Teil brutal durchgesetzt hatte. Dieses selbstbewusste Volk wollte sich zunächst nur von einer korrupten, autoritären und auch unfähigen Partei- und Staatsführung emanzipieren, aus einem bis dato verordneten politischen Bewusstsein waren selbstbewusst vorgetragene politische Statements geworden, wie z.B.: „Entmilitarisierung von Schule und Studium“, „Demokratischer Sozialismus ohne Machtmonopol der SED“, „Die Stasi sollte in die Kohle und Schnitzler in die Muppetshow“ oder „Neue Wahlen, reale Zahlen“.

Nach der Grenzöffnung am 9. November war dann auf der Montagsdemo am 13. November in Leipzig erstmals die Losung „Deutschland, einig Vaterland“ hörbar, gab es Transparente mit Losungen wie: „SED nein danke“, „Volksentscheid zur Wiedervereinigung“, „Die SED muss bezahlen mit freien Wahlen“, aber auch: „Gorbi out, Umwelt out, es schallt ein Schrei nach Westgeld laut“.1 Die Entwicklung von dem ostdeutschen Volk zu einem deutschen Volk ist nach meinem Überblick filmisch bisher kaum behandelt worden. Offenbar sind die Motive für dieses Handeln noch immer unklar.

Bildmedien im Wiedervereinigungsprozess

Was sagen uns also die Fotos aus dem Herbst 1989 in Leipzig, die einmal die Plakate mit der Losung  „Wir sind das Volk“ und ein paar Wochen später die Losung „Wir sind ein Volk“ zeigen?  Waren es die gleichen DemonstrantInnen, die innerhalb weniger Wochen eine neue Identität entwickelten, oder haben nach dem 9.November auch andere DemonstrantInnen die Straße für ihre politischen Visionen genutzt?

Nun war ja auch das „Westfernsehen“ offiziell dabei, während die frühen Montagsdemonstrationen in Leipzig unter keinem „medialen Schutzschirm“ stattfinden konnten. Das „Westfernsehen“ als wichtigste Informationsquelle der meisten DDR-BürgerInnen, aber auch das sich gerade reformierende „Ostfernsehen“  funktionierten nach dem November 1989 also als eine Art Beschützer der DemonstrantInnen (im Beisein von Kameras wird die Stasi nicht eingreifen), während vorher nur die privaten Bilder und Filme  für eine eher fragile Sicherheit sorgten.

Welche Bilder von welchen Plakaten mit welchen Slogans wurden jetzt gezeigt? Die mediale Berichterstattung „brachte nach außen hin ein Bild von den Leipziger Demonstranten, das mit dem, was vor Ort zu erleben war, nur bedingt übereinstimmte. In den Medien überwogen die Wiedervereinigungs- und gesamtdeutschen Losungen. Vergleicht man …. die gesammelten Texte, wird jedoch deutlich, dass dies 1989 stets nur ein  Thema unter anderen war. Transparente, die für eine Eigenständigkeit der DDR plädierten, waren quantitativ in annähernd gleichem Umfang vertreten, nur wurden sie nicht so aggressiv präsentiert“.2 Haben also die Bildmedien den Vereinigungsprozess beeinflusst?

Nein und ja: Nein, weil der entscheidende Teil der „friedlichen Revolution“ weitgehend ohne Begleitung durch die Bewegtbildmedien stattfand: „Die entscheidenden Demonstrationen in Leipzig, die Montagsdemonstrationen, sie waren zunächst Demonstrationen ohne Fernsehbegleitung. Die zehntausende von Leipziger Bürgern, sie sind zunächst ohne Kameras der westlichen Medien marschiert“.3 Ja, weil die Bewegtbildmedien, nachdem sie es konnten (Ostfernsehen) bzw. durften (Westfernsehen), dem Stimmungswandel in der ostdeutschen Bevölkerung eine mediale Plattform gaben, z.B. die Wut  zeigten auf sich selbst, Jahre lang  wider besseren Wissens ein Lügengebäude ertragen und damit mit getragen zu haben oder auch die Sorge, weiter „Bürger zweiter Klasse“ bleiben zu müssen!

Die Straßen in vielen ostdeutschen Städten waren zu Diskursorten geworden und Plakate und Transparente in der DDR einst „Verlautbarungsorgane“  für ein paar Monate zu Flächen für Phantasie, Kreativität und politische Willensbildung.

Wunsch nach kommunikativer Begegnung

Für mich war 1990 ein Jahr der kommunikativen Begegnungen. Ich hatte zu Beginn des Jahres an der HFF Konrad Wolf als wissenschaftlicher Mitarbeiter angefangen und sollte dort ein Institut für Medienforschung aufbauen und einen medienwissenschaftlichen Studiengang entwickeln. Medienwissenschaft und Medienforschung zählten in der DDR zu den bürgerlichen Wissenschaften und so galt es, den Neuanfang auch in bisher verpönten wissenschaftlichen Disziplinen zu wagen.

Für diesen  Neuanfang fanden sich sehr schnell Partner aus den neuen und aus den alten Bundesländern. Wichtig für die Etablierung einer – für den Osten weitgehend neuen – Wissenschaftsdisziplin in Lehre und Forschung waren besonders Kolleginnen und Kollegen aus den alten Bundesländern. Manche waren dabei vorrangig an Professorenstellen oder Immobilien interessiert, die meisten aber an einer ernsthaften Zusammenarbeit.  

Dies meint zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem Hans-Bredow-Institut, mit der HFF in München, mit den Hochschulen in Hannover und Oldenburg, mit dem Adolf-Grimme-Institut oder auch die mit Prognos Basel. Es gab den ersten und einzigen deutsch-deutschen Filmtag in Babelsberg und den ersten (und letzten) medienwissenschaftlichen Tag der DDR am 24.3.1990 mit der  Gründung der Interessengemeinschaft Medienforschung in Berlin4 und eine Vielzahl von Bemühungen zur Bewahrung ostdeutscher Strukturen (NORA: Nordostdeutsche Rundfunkanstalt, Filmverband).  Mit dem Beitritt der neuen Bundesländer zur Bundesrepublik Deutschland waren die meisten dieser Bemühungen obsolet geworden: Der Filmverband regionalisierte sich ebenso wie der Rundfunk, und die neuen BundesbürgerInnen wollten neben der neuen Reisefreiheit auch eine Medien- und Kulturfreiheit. Statt DEFA-Filmen lieber Sex-Videos und statt Neues Deutschland lieber BILD, während die bundesdeutschen Fernsehstationen  ihre Vorliebe für die Kinderfilme der DEFA entdeckten.

Die Kommunikations- und Medienwissenschaftler aus den neuen Bundesländern wurden in die DGPuK und/oder in die GMK aufgenommen und gründeten z.B. Regionalgruppen der GMK in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Das Institut für Medienforschung der HFF realisierte gemeinsam mit dem Hans-Bredow-Institut ein Forschungsprojekt zum Thema „Der 3. Oktober 1990 im Fernsehen und im Erleben der Deutschen5. Fast gleichzeitig realisierte es für Prognos Basel Forschungsprojekte in Osteuropa, organisierte Tagungen und Seminare zu Themen wie „Serie – Kunst im Alltag“, „Der DEFA-Spielfilm in den 80er Jahren – Chancen für die 90er?“ und „Neue Produktionsformen der Film- und Fernsehproduktion“. Auf Empfehlung einer hochkarätig besetzten Struktur- und Entwicklungskommission wurde außerdem ein wissenschaftlicher Studiengang „AV-Medienwissenschaft“ mit einer künstlerischen Zugangsprüfung entwickelt. Mit der Genehmigung und Implementierung des Studiengangs im Herbst 1993 wurde das Forschungsinstitut aufgelöst. 

In dem von Anfang an stark forschungsorientierte Studiengang konnte aber seit 1993 eine Vielzahl von Forschungsprojekten realisiert bzw. mit realisiert werden.  Ein Schwerpunkt lag und liegt dabei bei der Erforschung der AV-Kindermedien (DEFA-Kinderfilme, DDR-Kinderfernsehen, Wissenssendungen im Kinderfernsehen etc.), weitete Schwerpunkte liegen in der Rezeptionsforschung und in den neuen Medientechnologien und neuen Formaten.

Emotionsgeleitete Sichtweisen

Fast zwei Jahrzehnte nach der Wende kann festgehalten werden, dass die Bilder von hüben und drüben weitgehend austauschbar geworden sind. Sicher, der MDR und der RBB nutzen in ihren Programmen häufig die Programmreserven des ehemaligen DDR-Fernsehens, während die anderen ARD-Anstalten die Archive der ARD nutzen. Natürlich werden damit bei einem Teil der ZuschauerInnen auch nostalgische Bedürfnisse befriedigt, sowohl die nach einer wohlsituierten BRD als auch die nach einem „wohlgeordneten“ Leben in der  DDR. Für die meisten sind es aber wohl einfach nur Erinnerungen an die in diesen Zeiten gelebten Leben: an die damals gefahrenen Autos, getragenen Frisuren und Kleidungsstücke, gehörte Musik, bewohnten Wohnungen, gesehenen Filme und gelesenen Bücher etc.

Diese Erinnerungen betreffen natürlich auch die Jahre 1989 und 1990. Die Zeit der Wende ist gegenwärtig ein Thema fiktiver Geschichten und politischer Diskurse, wobei – erwartungsgemäß – sowohl in den fiktiven Geschichten als – leider – auch in den politischen Diskursen die Emotionen (noch) zu überwiegen scheinen. Eine rationale, primär theoriegeleitete Sichtweise auf diese Zeit scheint bzw. ist, z.B. aus Gründen von Persönlichkeitsrechten, gegenwärtig noch nicht möglich.  

Überraschungen wie der Aktenfund Kurras wird es sicher auch noch zu Entwicklungen und Personen der Wendezeit geben, und die Bilder dazu werden wahrscheinlich zuallererst im Netz zu finden sein. Denn die Bilderwelten haben längst im Netz ihren Ort gefunden, und das Netz hat Gott sei Dank, zumindest bis jetzt, kein hüben und drüben.


Anmerkungen
  1. 1. Leipziger Demontagebuch: Demo, Montag, Tagebuch, Demontage, zusammengestellt von Wolfgang Schneider, Leipzig und Weimar 1990, S. 104f
  2. 2. Ebenda, S. 172.
  3. 3. Deppendorf, Ulrich (1990): Die Rolle des Westfernsehens bei der revolutionären Wende. In: Ludes, Peter (Hrsg.): DDR-Fernsehen intern. Berlin, S. 350
  4. 4. Daraus wurde im Juni 1990 eine Gesellschaft für Kommunikationsforschung und Medienwissenschaften.
  5. 5. Friedrich Krotz/ Dieter Wiedemann (Hrsg.) : Der 3. Oktober 1990 im Fernsehen und im Erleben der Deutschen. Hamburg 1991.