Geschönte Werbung in Zeitschriften, sexy Selfies von Stars mit durch Schönheits-Ops oder Anabolika getunten Körpern auf Instagram und Magermodels im Fernsehen: Der übertriebene Körperkult in den Medien und vor allem auch der Markt der Möglichkeiten zur Körpermodifikation kann Jugendliche ganz schön unter Druck setzen. Einige Anregungen für die Medienarbeit zu Schönheitsidealen und Rollenbildern.
Das Jugendalter ist durch eine Reihe von Entwicklungsaufgaben geprägt: Der junge Mensch muss sich vor dem Hintergrund pluralisierter Lebenswelten und -entwürfe, nicht immer transparenter sozialer Normen und gesellschaftlicher Anforderungen vor allem selbst finden. Daher kommt der Identitätsentwicklung eine entscheidende Bedeutung zu. Mit Eintritt in die Pubertät sind Jugendliche durch neuroanatomische Veränderungen in der Lage, eigenes Handeln, Denken und Fühlen zu reflektieren und damit auch das eigene Wertesystem in Bezug zur Umwelt infrage zu stellen und sich „neu zu erfinden“. Integraler Bestandteil der Identität ist die äußere Erscheinung und das Körperbild. Da sich auch der Körper im Jugendalter substantiell verändert, gehen die vielschichtigen und komplexen biopsychosozialen Entwicklungsaufgaben und -herausforderungen „Hand in Hand“1.
Bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben sind die Gleichaltrigen, die sogenannten „Peers“, und die Medien besonders wichtig. Deren Einfluss bedingt sich dabei wechselseitig, da Peers nicht unabhängig von medialen Einflüssen agieren und Social Media von der Rückmeldung der (jugendlichen) User lebt.
Fragwürdige Rollenvorbilder
In den Medien wird größtenteils ein Schönheitsideal propagiert, das einen trainierten Körper und Schlanksein mit Leistung, Erfolg und Gesundheit assoziiert. Demgegenüber wird die Abweichung vom Schönheitsideal – fast im Sinne des Adipositas-Stigmas2– mit Faulheit, Antriebslosigkeit und geringer Sozialkompetenz in Zusammenhang gebracht. Zudem eröffnet die plastische Chirurgie immer neue Möglichkeiten, das äußere Erscheinungsbild zu verändern.
In der Öffentlichkeit stehende Männer wie Frauen unterziehen sich Schönheitsoperationen – und teilweise kommt ihnen tatsächlich nur deshalb öffentliches Interesse zu: Rodrigo Alves, der sich zahlreichen Operationen unterzieht, um seinem Kindheitsidol Ken immer mehr zu ähneln; Rick Genest, der ausnahmslos am ganzen Körper tätowiert ist und damit ein Kunstwerk darstellt; Kim Kardashian, die ihre Beine und ihr Gesäß hat operieren lassen; oder Martina Big, die sich einer Hormontherapie zum Bräunen ihrer Haut unterzogen hat, dabei versehentlich zu stark pigmentierte und nun als Massai in Nigeria durch deutsche Medien begleitet wird, sind nur einige Beispiele, die den Markt der Möglichkeiten zur Körpermodifikation veranschaulichen.
Jugendliche sehen sich also mit Rollenvorbildern konfrontiert, die den realen männlichen und weiblichen Durchschnittsmaßen in Westeuropa und den USA nicht annähernd entsprechen. Das kann die durch die ohnehin zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben bestehende Unsicherheit verstärken. Tatsächlich zeigen aktuelle Zahlen aus Deutschland, dass sich noch nie so viele Jugendliche so unzufrieden in und mit ihrem Körper gefühlt haben3– und nicht wenige konkrete Maßnahmen umsetzen, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Diäthalten, Kalorienzählen, die Beschäftigung mit dem eigenen Körperbild und exzessiver Sport gelten dabei als Risikofaktoren für die Entwicklung einer Essstörung4. Es ist anzunehmen, dass auch die Entstehung einer körperdysmorphen Störung, also einer Wahrnehmungsstörung des eigenen Körperumfangs, dadurch begünstigt wird.
Deshalb ist Präventionsarbeit mit Jugendlichen zum Themenkreis Körper, Identität, Körperbildstörung, Essen und Essstörung unerlässlich, um einen Rahmen zum Austausch und zur kritischen Reflexion zu bieten. Eisenmann, Fröschl und Stürzlinger5haben jüngst eine systematische Übersichtsarbeit zu evaluierten schulischen Präventionsprogrammen zur Vorbeugung von Essstörungen im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information veröffentlicht. Daraus lassen sich Empfehlungen für die wirksame Prävention von Essstörungen ableiten, die sich auf das Themenfeld „Körper und Schönheit“ übertragen lassen:
- selektive Präventionsprogramme (z. B. nur Mädchen, Kinder mit Übergewicht, nur Teilnehmerinnen älter als 15 Jahre),
- geschlechtsspezifische Ausrichtung der Angebote,
- teilnehmeraktivierende Präventionsprogramme anstelle frontal präsentierter Programme,
- mehrere Einheiten anstelle von einmalig stattfindenden Angeboten,
- Programme zur Akzeptanz des eigenen Körpers und Programme mit Dissonanzinduktion hinsichtlich des Schlankheitsideals anstelle ausschließlich psychoedukativer Programme,
- Durchführung durch Präventionsfachkräfte.
Der verantwortungsbewusste Umgang mit Medien wird hier zwar nicht explizit genannt, scheint aber vor dem Hintergrund des vor allem medial verbreiteten Schönheitsideals und der Nutzung sozialer Netzwerke insbesondere durch Jugendliche erforderlich.
Unperfekt schön – ein Präventionsprojekt
Daher wurde das gemischtgeschlechtliche Präventionsangebot zu Ess- und Körperbildstörungen „Unperfekt schön!“6entwickelt und methodisch fortlaufend an neue Trends angepasst. In der Entwicklungs- und Implementierungsphase wurde eng mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe zusammengearbeitet, um die Einheiten des Präventionsangebots auf die Lebenswelt junger Menschen abzustimmen.
Neben spezifischen Methoden zur Vorbeugung von Essstörungen – wie der Erstellung von Collagen, der interaktiven Arbeit mit Fallbeispielen Betroffener, der kreativen Auseinandersetzung mit körperlichen Folgen von Ess- und Körperbildstörungen sowie Genuss- und Achtsamkeitsübungen – werden auch andere Themen inhaltlich aufgegriffen, die sich dem Spektrum riskanten Schönheitshandelns zuordnen lassen. Darunter werden mit spezifischen Gesundheitsrisiken verbundene Verhaltensweisen verstanden, mit denen das eigene Aussehen manipuliert wird, um sich selbst und anderen (vermeintlich) besser zu gefallen.
Gegenstand des Präventionsangebots sind daher verschiedene Formen gestörten Essverhaltens (Magersucht, Bulimie, Esssucht) und entsprechende Risikoverhaltensweisen (Diäthalten, Kalorienzählen), körperdysmorphe Störungen (v. a. der „Adonis-Komplex“ – der eigene Körperumfang wird trotz objektiv vorhandener Muskelmasse als zu schmächtig wahrgenommen, was zu noch mehr Training führt), plastisch-chirurgische Eingriffe, Tanorexie (anhaltendes Verlangen nach gebräunter Haut) und zahlreiche Varianten der Body-Modifikation – vom Piercing über Tätowierungen bis hin zu neuen Trends, die aufgrund immer neuer technischer Möglichkeiten sowohl faszinierend als auch riskant sein können.
Eine interaktive Medieneinheit bildet den Schwerpunkt des Präventionsangebots, das mittlerweile in verschiedenen Varianten für die schulische und außerschulische Jugendarbeit vorliegt. Das Prinzip der Medieneinheit folgt dabei immer derselben Logik: Mit Leitfragen oder Fallbeispielen eingeführte Bilder werden mit Jugendlichen hinsichtlich ihrer Wirkung und ihres Selbstbezugs diskutiert. Im Sinne der Risikokommunikation werden potenzielle Gefahren des dargestellten Verhaltens erläutert.
Risiken des Schönheitswahns entdecken
Dabei können zum einen Bilder verwendet werden, die symbolisch riskantes Schönheitshandeln darstellen – wie in den Bildern 1 bis 4 exemplarisch zu sehen ist. Die Bilder können über Fallvignetten eingeführt werden, indem eine Geschichte zu dem Bild von der Präventionsfachkraft erzählt wird. Anschließend wird nach eigenen Erfahrungen der Jugendlichen mit dem beschriebenen Verhalten gefragt, um einen Austausch zu ermöglichen. Über das geleitete Entdecken von Risiken der Schönheitsverhaltensweisen werden Jugendliche zum kritischen Reflektieren der mit dem Schönheitsideal verbundenen Gefahren angeregt.
Zum anderen können Bilder von Prominenten gezeigt werden, die eine oder mehrere Formen riskanten Schönheitshandelns umsetzen. Massenmedial inszeniert und auch in Jugendkulturen bekannt sind zum Beispiel Madonna, Dieter Bohlen oder die durch Germany’s Next Topmodel bekannt gewordenen Gina-Lisa Lohfink und Micaela Schäfer. Aber auch die bereits oben erwähnten Martina Big, Rick Genest, Rodrigo Alves oder Kim Kardashian als stark körperlich veränderte Prominente bieten sich für einen Austausch über Körpermodifikationen an.
Als Leitfragen können folgende herangezogen werden:
- Wer ist das?
- Was fällt euch ganz spontan zu diesem Bild ein?
- Wie steht ihr zu …?
- Welche Gefahren sind eurer Meinung bzw. Erfahrung nach mit … verbunden?
Sensibilisierung und Wissensvermittlung
Für die praktische Umsetzung ist zu beachten, dass die Arbeit mit Bildmaterial immer auch als Furchtappelle wirken kann, die für sich genommen wenig wirksam sind und daher immer pädagogisch eingeleitet und kontextuiert werden sollten.7Die Arbeit mit Leitfragen oder Fallbeispielen ermöglichen einen Einstieg in das weite Themenfeld „Körper und Schönheit“, behandelt es aber nicht erschöpfend. Zu bedenken ist weiterhin, dass mit einmaligen Projekttagen, Workshops oder Unterrichtseinheiten in der Regel weder eine Verhaltens- noch Einstellungsänderung erzielt werden kann. Das pädagogische Ziel ist daher vielmehr in einer Wissensvermittlung und einer Sensibilisierung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit und medialen Rollenvorbildern zu sehen. Für einen nachhaltigen Erfolg einer Präventionsmaßnahme sollten daher mehrere Projekteinheiten unter dem Einsatz verschiedener didaktischer Methoden, die Schulung der pädagogischen Fachkräfte vor Ort und Elternabende realisiert werden.
Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass mit dem Projekt „Unperfekt schön“ keine Massenphänomene wie Schminken, Haarefärben, Tätowierungen oder Sporttreiben pathologisiert werden sollen. Sich aus zu probieren und zu verändern gehört ebenso zum Jugendalter wie „Helden der Jugend“, die nicht ausschließlich Korrelate der Globalisierung oder des World Wide Web sind, wie Elvis Presley, Jimmy Hendrix oder Marilyn Monroe als Idole der Nachkriegszeit zeigen. Helden und Idolen kommt in der Jugendzeit eine wichtige Funktion für die Identitätsentwicklung zu und sind seit Jahrzehnten aus der Jugendkultur nicht mehr wegzudenken. Gleichwohl eröffnen nicht nur das World Wide Web und soziale Netzwerke neue Möglichkeiten der schnellen und teilweise ungefilterten Nachrichtenverbreitung, sondern auch (medizin-)technische Fortschritte ein breites Repertoire an Optionen, den eigenen Körper zu verändern, um dem Ideal des perfekten oder einzigartigen Körpers näher zu kommen. Und diese Grenzen, vom „normalen“ bis hin zum „riskanten“ Schönheitshandeln sollten in der Präventionsarbeit genauso Berücksichtigung finden wie andere zentrale Themen des Jugendalters. Denn jeder Körper ist einzigartig und soll ein ganzes Leben möglichst lang gesund bleiben.