Experimentier mal! Mit dieser Aufforderung lud das fotopädagogische Projekt KameraKinder des jfc Medienzentrum Sechs- bis Zwölfjährige aus NRW ein, auf Entdeckungsreise in die Welt der Fotografie zu gehen. Das Spektrum der eingereichten Bilder zeigte dabei eine Bandbreite, die von der Analogfotografie bis hin zu ausgeklügelten digitalen Experimenten reichte.
Der elfjährige Luca aus Essen fotografiert sich in verschiedenen Rollen, als Kommissar, als Rockstar oder als Flieger, und probiert dabei jeweils andere Bildstile aus. Die siebenjährige Anna hingegen hat sich das iPad der Eltern geschnappt und mit einem Trickprogramm so lange experimentiert bis ihre Körperteile auf den Kaleidoskop-Bildern wie Fabelwesen aussehen. Andere junge Fotoforscher experimentierten mit Licht und Bewegung, stellten verschiedene Materialien zusammen, wählten ungewöhnliche Blickwinkel oder mixten Fotos am Computer neu zusammen.
Natürlich können Kinder fotografieren: Das dokumentieren tagtäglich die Fotos der Kinder, die unter einem Spitznamen ihre besten Fotos auf KameraKinder.de präsentieren und − häufig mit einer ganz eigenen Bildlichkeit − ihre Welt aus Kinderaugen zeigen. Im Fotofenster des Portals, aber auch bereits beim ersten Kinderfotopreis NRW zeigte sich eine große Experimentierfreude der Kinder. Warum die Fototüftelei also nicht in den Mittelpunkt des Wettbewerbs stellen und die Potenziale der Kinder weiter herausfordern.
„Experimentier mal!“ − diese Aufforderung an Kinder und Kindergruppen zum Sonderthema des zweiten KameraKinder-Wettbewerbs wurde begleitet von den Aktivitäten des Netzwerks Fotopraxis NRW. Das Netzwerk fotopädagogischer Einrichtungen beschäftigte sich nach dem vorherigen Jahresthema „Inszenierte Fotografie“ nun damit, wie sich mit neuen und alten Kameratechniken fotografisches Neuland betreten lässt.
Im Workshop „Kreative Fototechniken analog und digital“ konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, allesamt aus KameraKinder-Partnereinrichtungen, viele analoge wie auch digitale Methoden experimenteller Fotografie kennenlernen und ausprobieren. In einem zweiten Workshop standen die verschiedenen Lichtexperimente im Mittelpunkt. Inspiriert von den Fortbildungen fanden in den nachfolgenden Wochen in zahlreichen KameraKinder-Partnereinrichtungen Workshops statt, deren Ergebnisse beim Wettbewerb viele Preise einheimsen konnten.
Anders gucken – neu gestalten
Ungefähr die Hälfte der 1.300 eingereichten Fotos entfielen auf das Sonderthema, doch auch viele der Fotos, die unter der Kategorie „Freie Themenwahl“ einreicht worden waren, hatten experimentellen Charakter. Vielleicht auch als Anregung für die eigene Arbeit dient der nachfolgende Überblick über die kreativen kindlichen Fotoexperimente der KameraKinder abseits eingeschliffener Sehgewohnheiten,:
wobei bei dem ein oder anderen Foto nicht selten sogar mehrere unterschiedliche Formen Anwendung fanden.
Ungewöhnliche Blickwinkel: Die Welt von oben oder ganz unten − neue Sichtweisen aus extremer Perspektive: Gerne wird Schrift oder Spielzeug vor dem Objekt platziert und in eine Beziehung zum Hintergrund gesetzt.
Fake-Fotos 1 – Perspektive: Optische Spielereien, gezielter Einsatz fotografischer Perspektiven: Ein Kind steht auf der Hand eines anderen, ein Messer steckt in der Backe usw.
Analoge Experimente: Erstellung von Fotogrammen in der Dunkelkammer, Lochkamerafotos, Weichzeichnereffekte durch Vaseline auf einem Filter.
Bewegung – Schwung – Unschärfe: Bewegung bei langer Belichtungszeit, Mitziehen der Kamera, Zoomen beim Belichten.
Spiegelungen: Konkave oder konvexe Verzerrungen, Objekte spiegeln sich auf Fenstern, Brillen, Murmeln.
Experimente mit Licht, Farbe und Glas: Faszinierende Farbspiele mit verschiedenen gläsernen Objekten und farbigem Licht.
Gegensätze bewusst inszenieren: Formen, Farben, Materialien in den Kontrast setzen.
Verfremdung durch Bildbearbeitung: Natur in zauberhafter Atmosphäre: sich selbst oder andere Menschen verändern mit Bildbearbeitungs- bzw. Effektprogrammen/Apps, Experimente mit dem iPad
Collagen: Kombination bestehender Bilder, geklebt oder am Computer, Verwendung von Bildelementen zur Erstellung von Mustern.
Lichtmalerei: Entsteht bei Dunkelheit durch die Bewegung einer Lichtquelle (Taschenlampen, Feuerzeuge, Knicklichter, Kerzen, Wunderkerzen) oder durch Bewegung der Kamera.
Doppelbelichtung: Menschen und Objekte bewegen sich im dunklen Raum und werden dabei mehrfach geblitzt.
Laptop-Studio: Ein Objekt liegt auf einem Tuch auf der Laptop-Tastatur, auf dem Monitor ist ein ausgewähltes Foto zu sehen, Licht von oben auf das Objekt: Fertig ist das Ministudio.
Schwarz-Weiß-Fotografie: Verleiht eine Aura des Besonderen, fast schon ein Verfremdungseffekt.
Körper als Kompositionsmittel: Aus extremer Höhe und mit extremem Weitwinkel fotografiertes Arrangieren von Menschen zu Wörtern und Sätzen (Körperschreiber), Spiel mit Körpern in Raum.
Ton-Bild-Show – Geräusche zu Fotos: Bilder und Töne von Lieblingsorten der Kinder als audiovisuelle Präsentationen.
Sich in verschiedenen Rollen inszenieren: Kinder setzen ihre Helden, Lieblinge oder Märchenfiguren in Szene, Arbeit mit Kostümen und Kulissen.
Fake-Fotos 2 – Montagen: Inszenierung verkehrter Welten: Kind klebt an der Decke, Kind in der Flasche.
Inszenierung von Spielwelten: Eine Babypuppe liegt auf der Wiese in der Sonne, eine Playmobil-Figur zeigt uns eine schöne Landschaft, Autos beim Car-Crash.
Makrowelten: Ganz nah dran: Alltagsgegenstände, Naturmaterialien und Insekten genauer sehen als mit bloßem Auge.
Eine eindrucksvolle Leistungsshow kindlicher Kreativität bot sich den Besuchern der Ausstellung „Blick-Tricks“ mit allen eingereichten Bildern beim Kinderfotofest in Köln, in dessen Rahmen auch die Preisverleihung des Fotopreises mit 26 Gewinnern in den verschiedenen Kategorien stattfand. Doch die 300 anwesenden Kinder konnten auch selber zu Fotoforschern werden. Sie schlüpften in die Rolle intergalaktischer Spione und erforschten an insgesamt sieben Stationen den „Planet Experi“ (mehr Infos zur Experi-Ralley im Projektpool). Im Zentrum ihrer Mission standen kleine Aufgaben, die mithilfe von Fotoexperimenten gelöst werden konnten.
Probieren geht über Studieren – gerade Kinder erfahren durch Ausprobieren am besten, ob und wie etwas funktioniert. Die Vielfalt der unkonventionellen Techniken, die frischen Ideen und vor allem die unbändige Experimentierfreude der Kinder erstaunten und überzeugten sowohl die Veranstalter wie auch die Jury. Auch wenn kein Meister vom Himmel gefallen ist, alle waren sich einig: So mancher erwachsene Fotograf könnte sich von den jungen Fotoforschern eine Scheibe abschneiden. Das Urteil des renommierten Architekturfotografen und Jurymitglieds Hans Georg Esch über die farbigen Bildkompositionen der Preisträgergruppe KameraMidis lässt sich auf viele Arbeiten der Kinder übertragen: „Angefeuert durch diese Arbeit möchte man selbst wieder zum Experiment greifen.“