Magazin für die pädagogische Praxis

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Tanja und Johnny Haeusler re:publica, nowhere, Friedsocial media,

„Da kannst du als Erwachsener nur drei Schritte zurücktreten“

TINCON – Digitale Jugendkultur Peer to Peer

Tanja und Johnny Haeusler haben 2015 die „Teenageinternetwork Convention“ TINCON ins Leben gerufen, eine Konferenz für die digitale Lebenswirklichkeit von jungen Menschen zwischen 13 und 21. Die Veranstaltung, die regelmäßig in Berlin und Hamburg, aber auch in anderen deutschen Städten stattfindet, ist ausschließlich Jugendlichen vorbehalten und wird von diesen auch geplant.Ein Interview mit den Gründern des Jugendmedienfestivals über die Programmatik und Arbeitsweise.

Die TINCON möchte junge Menschen motivieren und Mut machen, die vernetzte Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Es gibt neben Vorträgen und Diskussionen mit YouTubern oder anderen Personen aus der digitalen Sphäre, Wissenschaftlern oder beruflichen Vorbildern auch Workshops oder Open-Mic-Sessions. Die TINCON wurde im Juni 2019 mit einem Grimme Online Award der Kategorie Spezial ausgezeichnet. Tanja und Johnny Haeusler haben zuvor die Konferenz re:publica mit gegründet und das Buch Netzgemüse geschrieben, mit dem sie – ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen mit zwei Teenager-Söhnen – Eltern eine gelassenere Einstellung zum Internet vermitteln.

Vera Lisakowski: Wie entsteht das Programm der TINCON?

Tanja Haeusler: Wir wussten schon in der Gründungsphase: Zwei Söhne nützen uns nichts, um ein Programm für junge Menschen zu entwickeln. Wir müssen das mit Jugendlichen zusammen machen, weil wir deren Internet überhaupt nicht kennen. Und so haben wir dann Jugendliche gesucht, die Lust hatten, ein Programm mitzugestalten. Wir haben abgefragt: Wie nutzt ihr das Internet? Welche Themen und Personen sind euch wichtig? Das machen wir bis heute so. Damals waren es zehn Jugendliche, inzwischen sind es 40, die sich an den Programmworkshops beteiligen. Sie gestalten mit uns gemeinsam. Sie geben uns die Themen vor, und wir sehen, dass wir sie umsetzen.

Warum ist das Programm so gestaltet, wie es ist: relevante Themen, auch vermittelt von bekannten Internet-Menschen und zum Beispiel viele Inhalte aus dem Bereich Gaming?

TH: Wir hatten immer den Traum, dass wir alle Jugendlichen abholen und dass wir die digitale Jugendkultur in ihrer Gänze abbilden. Es gibt viele Veranstaltungsangebote für engagierte junge Menschen, aber wir hatten das Gefühl, dass auch viele außen vor bleiben. Die wollten wir mit der TINCON und den niedrigschwelligen Angeboten, wie von bekannten YouTubern oder Games, gerne mitnehmen. Deshalb haben wir das Themenspektrum so weit gefasst, wie es eben ist.

Wissen aus erster Hand

Ein jugendliches Publikum ist ja das eine, aber wie viele der Speakerinnen und Speaker sind denn wirklich jung?

Johnny Haeusler: Etwa ein Drittel ist unter 21. Wir schauen, dass die Leute jung sind, aber es gilt wirklich: Thema first. Wir haben uns einen Leitsatz vorgenommen, der heißt: „Wissen aus erster Hand“. Wir versuchen Leute auf den Bühnen zu haben, die nicht aus der akademischen Sicht über ein Thema reden, sondern aus der praktischen – also aus Ihrer eigenen Erfahrung. Da gibt es keine Altersgrenze, aber beim Thema YouTube oder Instagram ist es natürlich normal, dass die Leute relativ jung sind, oft unter 30.

Zusätzlich haben wir einen Open Space mit einem Mikro und wer will, trägt sich in eine Liste ein und erzählt etwas zu einem Thema. was ihm oder ihr am Herzen liegt. Da stehen dann halt 15-Jährige vor 15-Jährigen – das funktioniert irre gut.

Seht ihr euch als ein Peer Education Projekt? Oder habt ihr das überhaupt nicht gedacht bei der Gründung?

JH: Als Schlagwort haben wir das nicht gedacht. Uns war immer klar, dass es kein pädagogisches Event ist. Es ging immer auch darum, Spaß zu haben und den Spaß, den man online haben kann, in die echte Welt zu bringen. Wir haben auch Speaker, die überhaupt keinen Lehransatz haben: Kathrin Fricke alias Coldmirror verehren wir und unsere Gäste als Entertainerin, deswegen ist sie jetzt zum vierten Mal dabei in Hamburg. Das ist dann einfach eine extrem unterhaltsame Stunde mit einer ganz tollen Frau. Wir haben nie den Anspruch gehabt, dass die TINCON ein Ersatz für Schule ist. Es ist ein Zusatzangebot. Für Schülerinnen und Schüler lohnt es sich total, auf einer TINCON dabei gewesen zu sein. Aber es war immer klar: Wir sind keine Medienpädagogen, sondern wir sind eher Kultur-Experten.

Youtuber Coldmirror, Liberarium und Kostas Kind bei der TINCON-Session „Eskapismus – Mental Health durch Fandom“. (Foto: TINCON / Gregor Fischer)

TH: Weil Johnny gerade Coldmirror erwähnte: Im Q&A am Ende ihres ersten Tracks war die erste Frage aus dem Publikum: „Wie geht es dir gerade?“ Das würden Erwachsene niemals einen Redner fragen. Aber bei der TINCON ergab sich daraus vor diesem großen Publikum ein ganz persönliches Gespräch. Im weitesten Sinne sind das natürlich auch pädagogische Angebote. Aber nicht mit dem vordergründigen Ziel, wir machen hier ein pädagogisches Angebot, sondern eher: Wir bringen Menschen miteinander in Kontakt. Die Netzwelt ist so losgelöst von der physischen Welt und man hat vielleicht nicht immer vor Augen, dass am anderen Ende auch ein Mensch sitzt. Da ist es wichtig, die Menschen zusammenzubringen.

JH: Wir investieren auch viele Tage und Abende in die Überlegung, wie wir bestimmte Themen auf der TINCON behandeln. Im letzten Jahr war von den Jugendlichen gewünscht, dass wir über „Mental Health“ sprechen, also über psychische Probleme – wirklich schwierige Themen. Wir haben ein Format entwickelt, wo zwei, drei verschiedene Leute aus der Netzszene darüber gesprochen haben, wie sie mit ihren Depressionen umgegangen sind. Coldmirror hat zum Beispiel erzählt, wie sie sich in Harry Potter reingesteigert hat und damit gegen ihre Depressionen angekämpft hat.

TH: Sie hat gesagt, dass sie immer auf den nächsten Film gewartet hat, um sich nicht umzubringen.

JH: Das ist schon krass. Aber damit bist du dann erst mal bei dem Thema. Danach brannte eine Diskussion los und ich habe noch nie so viele junge Menschen erzählen hören, wie kurz davor sie standen, sich selbst umzubringen. Sie haben sich miteinander unterhalten, eine Stütze geliefert und von ihren eigenen Erfahrungen berichtet. Das war echt bewegend. Da kannst du als Erwachsener nur drei Schritte zurücktreten und sagen: Lass die mal machen, das ist schon cool.

TH: Natürlich tauchte auch in diesen Gesprächen der Hinweis auf: Wenn es dir wirklich schlecht geht, such‘ dir Hilfe.

Ist diese gegenseitige Unterstützung vielleicht der Grund warum keine Erwachsenen an der TINCON teilnehmen?

JH: Das war von Anfang an eine Überlegung, noch bevor wir wussten, dass es auch zu so schweren Themen kommen kann. Aber wir haben selber oft erlebt, dass man sich anders benimmt, wenn man unter Menschen im gleichen oder ähnlichen Alter ist, als wenn die Eltern immer danebenstehen. Der andere Punkt war, dass wir zumindest zu Beginn ein großes Interesse von Marketingagenturen hatten, die gerne dabei sein wollten, um mal zu gucken wie die Jugend tickt. Wir wollten aber keine Zoo-Atmosphäre. Wir wollten nicht, dass da unten die Jugendlichen sind und da oben stehen die Marketingleute mit ihrem iPad und schreiben mit. Natürlich sind auch Erwachsene vor Ort, vom Brandschutz über Security, unserem Team oder Lehrkräften. Es geht um ein Gleichgewicht. Es muss sich anfühlen wie eine Konferenz mit Jugendlichen und nicht wie eine Konferenz, wo auch ein paar Jugendliche sind.

Basteln, was das Zeug hält! Jugendliche im DIY-Bereich der TINCON. (Foto: TINCON)

Jugendliche wollen Teil der Lösung sein

Zur TINCON kommen zum einen Klassenverbände mit ihren Lehrern, die dafür schulfrei haben. Und dann gibt es Einzelpersonen oder kleinere selbstorganisierten Gruppen, die aus eigenem Antrieb kommen. Seht ihr da Unterschiede in der Rezeption?

JH: Wenn die Schulklassen kommen, ist das Publikum sehr divers. Weil die Klassen divers zusammengesetzt sind. Das heißt unterschiedlichste Hintergründe, unterschiedlichste Bildungsstände. Der Nachteil ist, dass du dann einen Klassenverband vor Ort hast und den brichst du nicht auf in der TINCON. Will sagen: Die fünf Jungs oder die fünf Mädchen, die immer zusammenhängen, hängen auch auf der TINCON zusammen. Das ist anders bei denen, die einfach so vorbeikommen, auch wenn sie in einer Gruppe kommen. Da ist eine größere, ganz natürliche Offenheit da. Man will auch netzwerken und neue Leute kennenlernen. Aber auf der anderen Seite sind die Klassen wirklich bunter gemischt.

Ihr hattet gesagt, dass die TINCON für euch keine klassische Bildungsveranstaltung ist. Aber was nehmen die Jugendlichen mit?

JH: Ich glaube, in erster Linie eine Verbundenheit mit anderen. Man kann schon auch vorm Smartphone vereinsamen, wenn man dazu neigt. Mal vor Ort zu sein, zu sehen: Da sind noch viele andere hundert Jugendliche, die ähnliche Interessen haben wie ich. Und wir hoffen immer auf den Effekt, Themen mitzubekommen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie existieren.

TH: Ich würde außerdem hoffen, dass es eine Form von Bestärkung ist, zu erfahren, dass es einen Rahmen gibt, wo meine Themen ernst genommen werden. Wo sie nicht immer erst mal durch den Vernunftfilter gegossen werden, wo nicht dieses kritische Betrachten da ist, sondern ein Wohlwollen und ein wirkliches Interesse entgegengebracht wird.

JH: Genau: mal über YouTube zu reden, ohne zuerst darüber zu reden, wie problematisch das alles ist.

Wird tatsächlich immer zuerst über die Probleme kommuniziert?

JH: Wenn wir mit öffentlichen Stellen in Kontakt kommen, geht es im zweiten Satz häufig um die großen Probleme. Die gibt es natürlich. Aber, wir stellen schon fest, dass das viele Stellen eigentlich eher fragen: Was können wir dagegen tun? Und nicht: Wie können wir das Positive verbreiten?

TH: Für Jugendliche ist es auch schwer bei Problemen Ansprechpartner zu finden, die Kompetenz haben und auf Augenhöhe agieren können. Ich kann oft einer Vertrauenslehrerin gar nicht erklären, was konkret im Chat schiefgelaufen ist, weil sie gar nicht weiß, wovon ich spreche. Bei den Eltern ist es häufig ganz genauso. Da würde ich hoffen, dass wir eine Alternative bieten und auch eine gute Anlaufstelle sind, um auf diese Weise auch die negativen Aspekte zu besprechen. Aber halt auf Augenhöhe mit denjenigen, die ähnliche Probleme haben und die sich einfach fachlich auskennen.

Ist das der Punkt, wo ihr sagen würdet, da ist es gut, wenn Jugendliche mit Jugendlichen kommunizieren?

TH: Ich bin erstaunt, wie konstruktiv die Jugendlichen, mit denen wir reden, Probleme diskutieren. Insgesamt haben Jugendliche ein ganz großes Bedürfnis, Teil der Lösung zu sein. Das ist uns jetzt ganz plastisch vor Augen geführt worden bei den großen Demonstrationen über Artikel 17. Bei „Fridays for Future“ ja sowieso. Aber die machen ganz klar: Wir möchten in diese Diskussion mit einbezogen werden. Und gerade bei Artikel 17 war es sehr schade, dass man sich nicht wirklich mit denen unterhalten hat, die diesen Kulturraum auch nutzen. Das wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, Jugendliche auch in politische Debatten mit einzubeziehen. Eine verpasste Chance.