Wie lassen sich Strategien für das Gemeinwohl oder für Nachhaltigkeitsprozesse am besten partizipativ entwickeln? Das Institut für Partizipatives Gestalten (IPG) entwirft seit bald 20 Jahren gemeinsam mit Akteuren aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft nachhaltige und sinnvolle Lösungen in kollaborativen Beteiligungsverfahren. Dabei kombiniert das IPG aus seinem „Werkzeugfundus“ Online- und Offline-Methoden und-Verfahrensweisen, die auch für medienpädagogische Kontexte – gerade unter den Corona-Bedingungen – spannende Impulse liefern.
Onlinepartizipation spielt schon lange eine wichtige Rolle in öffentlichen Beteiligungsverfahren. Im Sinne von Transparenz und Inklusionist es wichtig, das Internet zu nutzen. Es ist aber genauso wichtig, auch Alternativen dazu anzubieten. Beteiligungsverfahren leben vom persönlichem Austausch und den Erfahrungen, die Menschen in der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit den Themen machen, die sie beschäftigen. Gerade bei besonderen Herausforderungen und in Krisenzeiten ist es wichtig, demokratische Teilhabe und gemeinsame Lösungsfindung zu ermöglichen. Der Gedanke, Beteiligung komplett ins Netz zu verlagern, liegt in Zeiten wie beispielsweise der Coronakrise nahe. Wir im Institut für Partizipatives Gestalten verfolgen einen anderen Weg. Wir fragen uns, was gelingende Beteiligung benötigt und wie wir die dafür notwendigen Qualitäten auch unter erschwerten Bedingungen erreichen können. Erst dann wählen wir aus vorhandenen und neu zu entwickelnden Methoden aus, verbinden Online-Werkzeuge und -Methoden für Einzel- und Kleingruppenarbeit sowie eine Kombination von Kommunikationskanälen in einer Form, dass ein optimaler Prozess entstehen kann.
Haltung und Prinzipien
Das IPG steht für die HALTUNG,
- die konkrete und fachliche Auseinandersetzung mit Themen, Planungen, Positionen, Orten und Konzepten in der Beteiligung zu unterstützen. Jede Entscheidung und jeder Entwurf benötigt eine fachliche Basis. Wir möchten auch Laien die Möglichkeit geben, sich in fachliche Themen einarbeiten zu können, damit eine fundierte Bewertung und Entwicklung stattfinden kann;
- den persönlichen Austausch von Menschen untereinander zu fördern, wertzuschätzen und ihn zu vertiefen, wo immer es uns möglich ist. Zum Diskutieren von Positionen und Entwickeln von Lösungen gehört unserer Meinung nach, dass sich Menschen authentisch begegnen, ihre Geschichten, Emotionen und Beweggründe miteinander teilen können und sich auf diese Weise tiefer miteinander beschäftigen und kennenlernen. Unsere Erfahrung zeigt uns, dass gute Entscheidungen, Entwürfe und Empfehlungen aus Empathie füreinander entstehen;
- Räume zu schaffen, indem Dynamiken, Prozesse und Konflikte, die sich aus unterschiedlichen Positionen und Wahrnehmungen ergeben, bearbeitet werden können. Wir erleben, dass es ein grundlegendes Bedürfnis vieler Menschen ist, an sich selbst und miteinander zu wachsen, sich zu entwickeln und sowohl individuelle als auch kollektive Potenziale zu fördern. Dafür müssen wir in einem sicheren, moderierten Rahmen Konflikte und Krisen bearbeiten können und die Weichen für positiven Wandel stellen;
- neue Zukunftsperspektiven kokreativ zu entwickeln. Wenn Menschen komplexe Projekte entwerfen, entwickeln und planen, benötigen wir eine Kreativität, die daraus entsteht, dass wir die oben genannten Möglichkeiten der Auseinandersetzung ermöglicht haben. Wenn wir miteinander, in Verbindung zu den Themen und entwurfsorientiert arbeiten, entstehen neue Räume, Konzepte, Ideen, Empfehlungen und Produkte, die tatsächliche Probleme lösen, Anforderungen bestehen und Bedürfnisse stillen.
Aus dieser Haltung ergeben sich für uns Planungs-Prinzipien für Beteiligung, die wir auch unter erschwerten Bedingungen, wie z.B. der Coronakrise, umsetzen können und wollen:
- Die Nutzung aller Kommunikationskanäle einbeziehen: Es gibt nicht nur eine Alternative zur direkten Begegnung. Neben dem Internet gibt es auch Post (Briefe und Pakete, Wurfsendungen, Aushänge), Telefon, Medien wie Radio und Fernsehen, die in Beteiligungsverfahren eingesetzt werden können.
- Den Fokus auf Inklusion legen: Alle Methoden und Formaten die wir nutzen, prüfen wir an dem Anspruch, einem größtmöglichen Publikum die Teilnahme zu ermöglichen. Wir wissen, dass die neuesten Internettechnologien noch nicht allen im gleichen Maße zur Verfügung stehen und auch neue Hürden aufbauen können.
- Begegnungen soweit möglich auf verantwortungsvolle Weise ermöglichen: Wenn Begegnungen mit Mindestabstand oder Begegnungen von kleinen Gruppen wieder möglich werden, kann man diese Möglichkeiten verantwortungsvoll nutzen: z.B. durch Open-Air-Treffen mit Abstand, kleine Fokusgruppen, Podiumsdiskussionen, Kettenbegegnungen mit Abstand und deren Übertragung im Internet.
- Methoden mit Augenmaß digitalisieren: Wenn durch die Digitalisierung Qualitäten verloren gehen, die für eine Methode entscheidend sind (z.B. persönliche Wahrnehmung), suchen wir nach alternativen Methoden, die die gewünschte Qualität gewährleisten. Methoden, die nichts an ihrer Qualität verlieren (z.B. Fragebögen), sollten dagegen umfassend ins Internet übertragen werden. Wenn Qualitäten nur in Kombinationen von analogen und digitalen Werkzeugen erzeugt werden können, binden wir sinnvolle Kombinationen in unsere Formate ein.
- Neue Methoden entwickeln: Als Methodenarchitekten sind wir es gewohnt, Methoden als Maßanfertigung zu entwickeln. Ohne die Möglichkeiten, die die Arbeit in größeren Gruppen bieten, müssen wir neue Methoden entwickeln, um gleiche und ähnliche Qualitäten in der Zusammenarbeit zu ermöglichen.
- Die Kontinuität aller formeller und informeller Verfahren aufrechterhalten: Wir sind uns der Wichtigkeit der Kontinuität von öffentlichen Verfahren bewusst. Unsere Verfahren gestalten wir daher auch unter gegebenen Bedingungen so, dass diese Kontinuität weiterhin gegeben ist.
BEISPIEL 1: DURCHFÜHRUNG EINER ONLINE- UND OFFLINE-KOMBINIERTEN PLANUNGSWERKSTATT (GESAMTDAUER CA. 14 TAGE)
PHASE 1: ONLINE-KONFERENZ PER COMPUTER ODER TELEFONTEILNAHME Begrüßung und Erklärung des Online-Prozesses, Einführungen, 1,5 Stunden Webkonferenz mit Impulsen, Erklärungen und Nachfragen im Zoom mit Aufnahme und anschließender Bereitstellung der Session zum nachträglichen Anschauen.
PHASE 2: EINARBEITUNG Arbeitsmaterialien zur Einzelarbeit werden online zur Verfügung gestellt oder per Post zugeschickt. Teilnehmende können sich individuell und in ihrer eigenen Zeit einarbeiten. Das können Texte, Onlinevideos oder tatsächliche Aufgabenblätter und Materialien für Zeichnungen, individuelle Beobachtungsgänge, Modellbau etc. sein. Zeitraum über ca. 3-4 Tage.
PHASE 3: ÖFFENTLICHES ONLINE FORUM MIT DISKUSSION ZU INHALTLICHEN FRAGEN 2 Stunden online moderierte Diskussion z.B. als Fishbowl oder mit Breakout-Sessions mit Aufnahme und nachträglicher Bereitstellung als Video.
PHASE 4: ENTWURFSARBEIT Teilnehmende arbeiten an individuellen Entwürfen, Lösungen und Vorschlägen mit zur Verfügung gestellten Arbeitsmaterialien, die sie online oder per Post einreichen können. Gruppensessions per Zoom sind in dieser Phase möglich. Diese eingesendeten Ergebnisse werden vom Durchführungsteam ausgewertet. Zeitraum über ca. 3-4 Tage.
PHASE 5: ABSCHLUSSFORUM Präsentation der Einreichungen in einer Videokonferenz und moderierte Online-Diskussion, nächste Schritte und Danksagung. Zeitraum: 2 Stunden.
Werkzeuge für partizipatives Gestalten
Unter Werkzeugen verstehen wir Methoden und Verfahren für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsbeteiligung. Im Folgenden geben wir einen kleinen Überblick über mögliche Werkzeuge, die wir in Kombination für die Verfahrensentwicklung einsetzen können, wenn persönliche Begegnungen eingeschränkt sind:
Ausschließlich Online
- Onlineforen (z.B. Discussionboards)
- Bewertungen, Umfragen und Abstimmungen
- Austausch und gemeinsames Bearbeiten von Dateien (z.B. über Clouds wie Nextcloud)
- kollaboratives Schreiben, Zeichnen (Online-Whiteboards, Nextcloud, Pads)
- Videotelefonate und -konferenzen (Jitsi, Skype, Google Hangouts, Zoom)
- Blogs, YouTube-Kanäle, Podcasts, Streams
Onlinevarianten gängiger Veranstaltungsformate
- Gruppenarbeiten, Webinare, Vorlesungen, Präsentationen
- Open-Space Online, Barcamps Online, Hackathons Online
- Diskussionen, Foren, Podiumsdiskussionen, Fishbowls
- Abstimmungstools (Doodle, Adhocracy etc.)
Kommunikationsmöglichkeiten ohne Begegnung und ohne Internet
- Telefonanrufe und Telefonabende
- Briefe, Kettenbriefe, Pakete
- Kommunikation über Radio und Fernsehen (z.B. Regionalsender)
- Distanzgespräche
- nonverbale Kommunikationsformen (z.B. Kunst, Musik)
- Aushänge, Flugblätter, Wurfsendungen
Formate bei teilweiser Beschränkung
- Fokusgruppen
- kleine Exkursionsgruppen
- wechselnde kleine Arbeitsgruppen vor Ort
- Wahrnehmungs-, Analyse- und Reflektionsmethoden
- Kreativ- und Innovativmethoden
- Visualisierungen, Aufstellungen, Prozessarbeitsmethoden
Online-Werkzeugkasten
In den letzten Jahren ist eine sehr umfangreiche Anzahl verschiedenster digitaler Beteiligungswerkzeuge entstanden. Hier einen umfassenden und erschöpfenden Überblick zu geben, ist nicht möglich. Um sich einen Überblick zu verschaffen, sind diese beiden Weblinks hilfreich:
Werkzeuge: participatedb.com/tools
Beispielverfahren: participatedb.com/projects
Die Website listet Kollaborationswerkzeuge sowohl aus dem Bereich Bürgerbeteiligung als auch aus dem Unternehmensumfeld auf, sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle. Je nach Verfahren und zu beteiligender Personengruppe kann also eine passgenaue Auswahl der Werkzeuge getroffen werden. Für die Auswahl von uns eingesetzter Werkzeuge haben wir Prinzipien, die uns als Navigationshilfe dienen:
- Die Werkzeuge sollen möglichst freie und quelloffene Software einsetzen.
- Die grundlegenden Prinzipien der Datensparsamkeit nach DSGVO werden erfüllt.
- Bei der Planung und Verfahrensgestaltung müssen die Schritte einer Auswertung der Ergebnisse und die transparente Verwertbarkeit auf Dauer sichergestellt sein.
- Bei längerem Einsatz müssen die Betriebskosten vorhersehbar und leistbar sein.
- Ein Transfer der Ergebnisdaten aus den Werkzeugen in offene Dateiformate ist möglich.
- Die Software wird auch perspektivisch weiterentwickelt und gepflegt.
Gerade kommunale und bereits partizipationserfahrene Auftraggeber haben häufig schon Entscheidungen bezüglich der einzusetzenden Software getroffen. Die Stadt Berlin setzt beispielsweise für alle Beteiligungsverfahren auf die Software Adhocracy, der Mehr Demokratie e.V. empfiehlt Consul. Verschiedene Gruppen der Fridays for Future setzen auf WeChange als gemeinsame Plattform. Jede der Plattformen hat einen idealen Einsatzbereich, den wir in unserer Verfahrensgestaltung berücksichtigen und gegebenenfalls durch die passenden Werkzeuge ergänzen. Zusammengeführt wird dies dann idealerweise auf einer gemeinsamen Projektwebsite, die die Schritte eines Verfahrens transparent und einfach zugänglich macht.
Methodologie der Verfahrensgestaltung
Ein gutes Verfahren besteht für uns in der sinnvollen Kombination dieser und anderer möglicher Werkzeuge für ein konkretes Beteiligungsvorhaben. Aus diesem Grunde bieten wir prinzipiell kein Gesamtpaket oder fertige Formate oder Onlinetools an, deren Logik sich der Prozess anpassen muss, sondern entwickeln Verfahren, die den Prozess, das Thema und die Aufgabenstellung bestmöglich unterstützen. Seit vielen Jahren kann man dieses Verfahrensdesign in unserer Ausbildung und unseren Workshops und in unserem künftigen Co-Creators Training erlernen.
So entstehen sinnvolle Verfahren erst aus dem bewussten Design einer Kombination von Werkzeugen: online und offline. Ein solches Vorgehen funktioniert gerade auch unter erschwerten Bedingungen wie jetzt in der Coronakrise. Im IPG haben wir in 14 Jahren Praxis eine eigene Methodologie der Verfahrensgestaltung entwickelt, die gerade jetzt, unter erschwerten Bedingungen ihr volles Potenzial entfaltet. So gelingt es uns trotz Kontaktbeschränkungen, inhaltliche Ziele in hoher Qualität zu erzielen.
In den Beispielen erläutern wir das Prinzip. Als Verallgemeinerung haben diese Beispiele selbstverständlich nicht die Detaillierung, die ein konkretes Verfahrensdesign hätte.
BEISPIEL 2: PARTIZIPATIVE COMMUNITYPFLEGE
Gute Beteiligung baut auf einer Community engagierter Teilnehmender auf. So kann man diese Gemeinschaft auch unter Bedingungen von Kontaktbeschränkungen pflegen:
- Virtuelle Führungen: Führungen werden als Videocast zur Verfügung gestellt.
- Partizipativer Videoblog: Videos mit Längen- (z.B. 3 Min.) und Mengenbegrenzung (z.B. 1 x) werden auf dem Handy oder mit der Webcam von Teilnehmern erstellt und in einen gemeinsamen Blog gestellt. So kann jeder gesehen und jede Stimme gehört werden und es entsteht ein Archiv aus wertvollen Beiträgen, das auch nachträglich erhalten bleibt. Dies kann eine Grundlage für spätere Onlinediskussionen sein
- Online-Podien und -Interviews und Talkshows mit geladenen Gästen: Mit oder ohne anschließende Diskussion können diese Gespräche mit geringem Aufwand organisiert und live gestreamt werden. Das verdichtet den Diskurs der Teilnehmenden zu bestimmten Themen, schafft die oft von Teilnehmenden geforderte längere und tiefere Diskussion und ermöglicht Aussprache, Verständnis und Erkenntnisgewinn. Mitschnitte könnten später ebenfalls veröffentlicht werden.
- Nutzung von Apps und Plattformen wie PLACEm (politikzumanfassen.de/placem) oder WeChange (wechange.de), mit denen ein vertraulicher Kommunikationskanal zur Community aufgebaut werden kann und die im Idealfall Open Source sind. Kettenbriefe: Teilnehmende schicken sich Fragen, Antworten, Entwürfe und Beiträge als Kettenbrief oder Päckchen in Reihe zu. Dies hilft vor allem über lange Zeiträume; mehrere Ketten können parallel gestartet werden und z.B. Gruppenarbeiten ersetzen.
Anmerkungen
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