Ein „digitales Klassenzimmer“, in dem zeitgemäße Technologien eingesetzt werden, das sich ansonsten jedoch verschließt und in dem veraltete Methoden mit neuen Mitteln verknüpft werden, wird kaum funktionieren. Manch ein einstmals auf hohem Niveau ausgestatteter schulischer Hightech-Standort fristet nur wenige Jahre später ein trauriges Dasein als kleines Technikmuseum. Welche Maßnahmen sind erforderlich, damit Bildung den Erfordernissen der digitalen Welt entspricht? Ein Überblick über die Strategiediskussion in den Ländern und innovative Lernkonzepte für die Schule. Vor allem aber ein Plädoyer für die Hinwendung zu offeneren Lernräumen.
Als ich um diesen Artikel gebeten wurde, kamen mir sogleich einige grundlegende Fragen in den Sinn, zuvorderst: Was ist überhaupt ein „digitales“ Klassenzimmer, welchen Anspruch knüpfen wir daran? Wenn wir uns den gesellschaftlichen und bildungspolitischen Diskurs anschauen, so ist diese Frage recht schnell beantwortet: Es handelt sich in aller Regel um ein Klassenzimmer, das nach aktuellem Standard mit möglichst zeitgemäßer und hochwertiger digitaler Technologie ausgestattet ist, einen hohen Digitalisierungsgrad aufweist. Nun gut. Das System Schule muss Schritt zu halten versuchen – aber ist dieses System, so wie es bislang angelegt ist, überhaupt in der Lage, den Herausforderungen der Digitalisierung und Globalisierung zu begegnen – vom konventionellen Klassenzimmer aus, wie auch immer es ausgestattet sein mag?
Führt die „systemimmanente Trägheit“ nicht zwangsläufig dazu, dass sich die tiefgreifenden Veränderungen der vielzitierten „Digitalen Revolution“ im Bildungssystem eher langsam, kleinschrittig, „evolutionär“ abbilden und vollziehen – und ist das grundsätzlich ungünstig?
Und was ist mit einem in technischer Hinsicht unzureichend ausgestatteten Klassenzimmer, innerhalb dessen regelmäßig ein lebendiger Diskurs über den digitalen Wandel in unserer Gesellschaft stattfindet, in dem reflektiert und diskutiert wird – ist das nicht auch in gewissem Sinne ein „digitales Klassenzimmer“, das sich den aktuellen Herausforderungen und der Lebenswirklichkeit stellt?
Werden nicht auch hier wichtige Kompetenzen angebahnt, die im Gesamtportfolio eine bedeutende Rolle spielen, indem von einer entsprechend sensibilisierten und engagierten Lehrkraft medienethische Aspekte oder Wirkungsthemen aufgegriffen und diskutiert werden, wozu sich fachliche Kontexte immer wieder anbieten?
Stehen gängige Schulbaurichtlinien, die erst nach und nach und sehr vorsichtig auf den Prüfstand gestellt werden, und die Herausforderungen des Lernens mit und über digitale Medien mit all ihren Implikationen nicht per se im Widerspruch zueinander?
Ist nicht eher eine Öffnung des Klassenzimmers in Richtung „digitaler Lernräume“ – zeitlich, räumlich, pädagogisch durchdacht und flexibel konzipiert – das Gebot der Stunde, um den Herausforderungen wirklich begegnen zu können? Eine Abkehr von der Klassenzimmer-Flur-Schule, wodurch offenere Lehr-Lernszenarien und Teamstrukturen – in der Schülerschaft wie im Kollegium – eher ermöglicht würden?
Natürlich ist eine jederzeit verfügbare, funktionstüchtige und auf die Bedarfe von Schule und Unterricht angepasste digitale Infrastruktur grundlegend, sie bietet – adäquat eingesetzt – vielerlei Chancen und neue Entwicklungswege. Diese zu erkennen, ist m.E. der Kern aller Überlegungen, denn am Ende wird vor allem die medienpädagogische Kompetenz und kluge didaktische Entscheidung der Lehrerin oder des Lehrers prägend dafür sein, wie gewinnbringend und erfolgreich die Arbeit im „digitalen Klassenzimmer“ verläuft und mit welchem – möglichst umfassenden – Kompetenzprofil die Schülerinnen und Schüler am Ende die Schule verlassen.
Entwicklungstendenzen der letzten Jahre
Es ist gute Tradition, dass wir uns innerhalb der Länderkonferenz Medienbildung zweimal jährlich über aktuelle Entwicklungstrends und Schwerpunktsetzungen in den jeweiligen Bundesländern austauschen. Ausgangspunkt sind dabei vor allem bildungspolitisch relevante Entscheidungen bzw. Vorgaben auf Bundesebene und deren Umsetzung. Bei den Recherchen zu diesem Artikel habe ich mir die verschiedensten Länderberichte seit dem Schuljahr 2011/2012 – vor allem im Kontext des damaligen Beschlusses der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Medienbildung in der Schule (8. März 2012) – noch einmal angeschaut.
In allen Bundesländern gab und gibt es immer wieder von der jeweiligen Landesregierung initiierte Programme unterschiedlicher Ausprägung und finanzieller Ausstattung. Mir begegneten dabei erneut vielfältige, ambitionierte Initiativen, Modellprojekte und Stellungnahmen, z.B.
- der Masterplan zur Medienbildung unter dem Titel Neues Lernen mit Medien (2011 bis 2015 in Bremen) – bewusst als Kontrapunkt zum oft zitierten „Lernen mit Neuen Medien“ gesetzt
- die Initiative Digitales Lernen Bayern (die eine breite Palette von Aktionsfeldern wie den „Medienführerschein“ berücksichtigte und ein Netzwerk von weit über 100 Referenzschulen für Medienbildung hervorbrachte)
- das Landeskonzept zur Stärkung der Medienkompetenz in Hamburg, vorbereitet seit 2011 und gestartet zum Schuljahr 2012/13, gekoppelt mit der Entwicklung einer schulisch-pädagogischen IT-Strategie und einem „Medienpass“ ab Klassenstufe 7
- das Landeskonzept Medienkompetenz in Niedersachsen – Ziellinie 2020, innerhalb dessen bereits seit 2008 Standards für Medienkompetenz in der Entwicklung waren, bezogen auf den Orientierungsrahmen Schulqualität und die Kerncurricula, gekoppelt mit dem Aufbau eines Referenzschulsystems; einen besonderen Schwerpunkt bildete auch die Filmbildung und deren verbindliche Einführung
- das Positionspapier aus Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2012 Medienbildung ist gemeinsame Zukunftsaufgabe als nur eine Quelle innerhalb einer Fülle von Maßnahmen, die den Blick auf einen notwendigen Wandel richteten, von der Wissensvermittlung zur Kompetenzorientierung, vom Frontalunterricht zum selbstständigen, entdeckenden Lernen, von homogenen zu heterogenen Lerngruppen oder von der Fixierung auf das Schulbuch zu mehrkanaligen Lernumgebungen
- Schule@Zukunft, bereits 2001 in Hessen gestartet und weiterhin fortgeführt, mit einem breiten Ansatz, z.B. der Verbesserung der IT-Ausstattung der Schulen einschließlich des Supports, der gezielten Lehrkräftebildung zur Förderung der Medienkompetenz und der Befähigung, Unterricht mit neuen Lehr- und Lernmethoden pädagogisch sinnvoll zu gestalten. Einige Jahre zuvor war bereits die Medienoffensive Baden-Württemberg mit Teilprojekten wie Aus-und Fortbildung, Vernetzung von Schulen, multimediale Lernsoftware und innovative Schulprojekte an den Start gegangen. In den letzten Jahren gab es viele spannende Entwicklungslinien – hier sei bespielhaft die Leitperspektive Medienbildung zur spiralcurricularen Verankerung im Bildungsplan genannt.
Meine Kolleginnen und Kollegen in den Ländern mögen mir das Ausschnitthafte dieser Darstellung, die der Zeichenbegrenzung des Artikels geschuldet ist, verzeihen. Die Reihe ließe sich noch sehr weit fortführen, manche Initiativen haben einen gewissen Wiedererkennungswert und könnten im Verlauf der Jahre durchaus unter veränderten „Labels“ neu aufgelegt werden. Ja, sie erlangen gegenwärtig im Zuge des DigitalPakt Schule neue Relevanz, zeigen sie doch, dass es viele konsistente Entwicklungslinien mit immer wiederkehrenden Fragen gibt.
Potenziale für das Lehren und Lernen
Als Rheinland-Pfälzerin möchte ich natürlich kurz auf unser umfassendes 10-Punkte-Programm Medienkompetenz macht Schule zu sprechen kommen, das bereits seit 2007 umgesetzt und von unserer Landesregierung seither mit hohen Millionenbeträgen gefördert wird, auch weiterhin zusätzlich zu den Mitteln des „Digitalpakts“.
Die 10 Punkte des Programms waren von Anfang an meiner Meinung nach sehr konsequent durchdacht, da notwendige Veränderungsprozesse durch das gleichzeitige Bewegen verschiedener Stellschrauben angestoßen werden sollten wie beispielsweise:
- das Ausloten der Potenziale digitaler Medien für Schul- und Unterrichtsentwicklung
- die Einbindung von Eltern durch z.B. medienpädagogische Abende und Platzierung der Thematik bei Landeselterntagen
- Peer-To-Peer-Konzepte (wie die später auch bundesweit etablierten Medienscouts)
- die Entwicklung neuer Konzepte für die Lehrkräftebildung
- der Verfügbarmachung hochwertiger Medien und Materialien und Gründung von Netzwerken und Bildungspartnerschaften
- der Förderung der schulischen IT-Infrastruktur
Fast ist es ein wenig symptomatisch war dabei, dass eine Reihe von Schulen das 10-Punkte-Programm zuvorderst als Ausstattungsoffensive begreifen wollten, obwohl sie in einer intensiven, 3-jährigen Projektphase von qualifizierten Kolleginnen und Kollegen des Pädagogischen Landesinstituts begleitet wurden, z.B. durch Arbeitstagungen mit unterrichtspraktischem Fokus oder bei der Medienkonzeptentwicklung.
Vielen Initiativen – egal wie breit aufgestellt, wie umfassend finanziert, dass sie aus nachvollziehbaren Gründen auf die jeweils zeitgemäße mediale Ausstattung setzten, seien es Laptopwagen, Interaktive Whiteboards, mobile Endgeräte (mit einer deutlichen Trendverschiebung in Richtung Tablets in den vergangenen Jahren) und dass grundlegende Fragen der Bildungsarbeit von der Ausstattung aus angegangen werden – ist gemeinsam: die Frage nach den Potenzialen für das Lehren und Lernen, die Frage der Akzeptanzsteigerung (des Einsatzes digitaler Medien – dessen Sinnhaftigkeit voraussetzend) oder der Implementation in die Curricula sowie Ausbildung von Lehrkräften.

Langfristige Strategien waren nicht in allen Fällen gegeben, Programme oft geleitet von bestimmten Schwerpunkten, z.B. der Entwicklung von Rahmenkonzepten, dem Voranbringen von Online-Distributionslösungen (mit einem eher mediendidaktischen Schwerpunkt) oder IT in der Schulorganisation (Stichwort: digitales Klassenbuch oder Lehrerzimmer), der Evaluation von E-Learning-Formaten im unterrichtsbegleitenden Sinne oder der intensiven Betrachtung des Flipped-Classroom-Prinzips: insgesamt ein spannendes Puzzle, dessen Teile ein sinnhaftes Ganzes ergeben können.
In fast allen Bundesländern ist der enge Schulterschluss mit den jeweiligen Landesmedienanstalten, die z.T. erhebliche Mittel in die Medienbildung investieren, prägend und bis heute, im Jahr 2019, dem „Jahr des Digitalpakts“, ziehen sich folgende Aspekte wie ein roter Faden durch die Fachdiskussion:
- Akzeptanz erhöhen
- Schwellen abbauen
- Potenziale ausloten
- neue Lehr-Lernkultur voranbringen
- Ausbau der IT-Ausstattung und Infrastruktur
- Standards in der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern neu definieren
- Möglichkeiten der „Medienkompetenzmessung“ bzw. der Dokumentation finden.
Merkmale für den gelingenden Wandel
Bei der Arbeit zu diesem Artikel habe ich mir verschiedenste Schulprofile und -berichte aus ganz Deutschland nochmals näher angeschaut. Von Schulen, die innerhalb der dargestellten und anderer bildungspolitischer Programme und Initiativen immer wieder von sich reden machten, die bei Berichterstattungen herangezogen wurden, die bei Großveranstaltungen als „Good oder Best Practice“ auftraten. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, keine Schule besonders herauszustellen, sondern die gemeinsamen Merkmale darzustellen, die zum Gelingen ihrer Arbeit beitragen.
Schulleitungshandeln und Steuerung Ein sogenannter „Megatrend“ wie die Digitalisierung verlangt dem Bildungsbereich und der Schule als Institution Einiges ab. Rasante Veränderungen führen nicht selten zu erheblicher Verunsicherung, sodass gewisse Beharrungstendenzen durchaus nachvollziehbar erscheinen: Warum ein Wagnis eingehen, wenn man sich in gewissen Routinen und vor einem bewährten Erfahrungshorizont bewegen kann? Schulleitungen und Steuergruppen müssen immer häufiger Entscheidungen treffen, deren Auswirkungen nicht in aller Konsequenz absehbar sind. Sich selbstbewusst und im Vertrauen auf das Kollegium auf neues Terrain zu begeben und damit auch auf Unsicherheiten einlassen zu können, ist von großem Vorteil. An einem Strang zu ziehen, ist unabdingbar. Doch ohne die Ermutigung und Unterstützung der Schulleitung wird es bei singulären Bemühungen engagierter einzelner Lehrkräfte oder Teams ohne Auswirkungen auf das Gesamtsystem bleiben. Nicht zuletzt kann es durchaus auch zermürbend sein, sich im Spannungsfeld mangelnder Wertschätzung und Förderung seitens der Verantwortlichen und der in der Alltagspraxis erfahrenen Begeisterung von Kindern und Jugendlichen zu bewegen. Erfolgreich arbeitende Kollegien können sich auf die Unterstützung ihrer Schulleitung verlassen, die das Anliegen innovativen Unterrichts ohne Wenn und Aber mitträgt – und vertritt.
Teamarbeit und Kollaboration Sich und die Klassentüre öffnen, so könnte man ein anderes Erfolgsgeheimnis kurz zusammenfassen. Lehrkräfte entwickeln oft ungeahnte Stärken, wenn sie sich gemeinsam und am besten auch vorurteilsfrei auf den Weg machen. Nicht jeder muss ein umfangreiches Spektrum an Handhabungskompetenzen haben, alle sollten jedoch medienpädagogisch aufgeschlossen sein und einen Blick auf die mediale Lebenswirklichkeit, die veränderten Sozialisationsbedingungen der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen haben. Verlässliche Absprachen im Team, wer z.B. innerhalb der Arbeit mit dem schuleigenen Mediencurriculum welchen Part übernimmt, sind unverzichtbar und zugleich motivierend, denn zusammen gelingt die anspruchsvolle Arbeit, der Kompetenzaufbau im Sinne der KMK-Strategie Bildung in der digitalen Welt (12/2016) besser. Und so kann auch die weniger technikaffine Lehrkraft im Kompetenzbereich „Analysieren und Reflektieren“ beispielsweise wertvolle Arbeit leisten: Themen wie Medienethik, Normen und Werthaltungen oder politische Meinungsbildung im Netz sind essentiell und können diskursiv, ganz ohne „High Tech“, aber im Bewusstsein dessen, was sich verändert, bearbeitet werden. Wo es die Stundentafel und Unterrichtsversorgung erlaubt, haben sich auch Team-Teaching-Ansätze bewährt: Eine medienerfahrene Lehrkraft begleitet eine weniger erfahrene und vermittelt ihr dadurch Sicherheit und Vertrauen, sich auf Neues einzulassen. Dies setzt natürlich eine entsprechende Vertrauensbasis und Offenheit voraus. Das Teilen von erfolgreich erprobten Konzepten und Materialien erleichtert die Alltagsarbeit, gewährleistet einen gemeinsamen roten Faden und ermöglicht die Transparenz, an der es mitunter mangelt.

Lernerfolge und Motivation Schulen, denen es gelingt, den viel zitierten „Mehrwert“ zu erzielen, vor allem erfahrbar zu machen, kommen am besten voran: Kein Artikel, kein Vortrag aus berufenem Munde kann die eigene Erfahrung ersetzen, Praxis sticht Theorie! Neue Lehr-Lernszenarien, die ein Höchstmaß an Eigenverantwortung und Kreativität ermöglichen, können die Motivation auf beiden Seiten steigern und führen oft zu überraschenden Ergebnissen. So machen Lehrerinnen und Lehrer mitunter spannende Erfahrungen, die sie im Vorfeld nicht erwartet hätten, z.B. beim Arbeiten mit einer Lernplattform, die eigenen didaktischen Prinzipien folgt, jedoch auch kreative Gestaltungsspielräume eröffnet, was nach meiner Erfahrung die Lehrenden und Lernenden gleichermaßen motivieren kann. Neue Möglichkeiten der Aufbereitung von Themen, Materialien und Übungsformen, des Bearbeitens und Lernens in eigenem Tempo, der Kommunikation und des schnellen Feedbacks, neue Instrumente, um Lernverläufe und Beurteilungskriterien transparenter zu machen, sind nur einige der Erfolgsfaktoren. Schulen berichten von einer teilweise höheren Motivation bei der Erledigung von Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung von Unterricht im Sinne des Flipped Classroom: Auf der Lernplattform bereitgestellte Inhalte werden im Vorfeld bearbeitet, sodass innerhalb des eigentlichen Unterrichts Themen und Problemstellungen intensiver bearbeitet und Fragen geklärt werden können. Und geht es beispielsweise um die Präsentation von Arbeitsergebnissen, so finden Schülerinnen und Schüler nicht selten spannende neue Instrumente und Darstellungsformen, ganz eigeninitiativ.
Handlungsrahmen ausschöpfen und erweitern Zu Recht werden oft starre Strukturen wie der 45-Minuten-Takt, räumliche Einschränkungen, Überfrachtung von Bildungsplänen und hoher Erwartungsdruck angesichts ständig neuer Herausforderungen beklagt, die ein Einlassen auf die „digitale Bildung“ hemmen. Aus vielen Jahren Beratung und Zusammenarbeit mit Schulen weiß ich jedoch auch, dass ein gemeinsamer Blick auf schon gelingende Arbeitsansätze, auf mögliche neue, methodisch-didaktische Herangehensweisen, die das bisherige mit neuem Arbeiten verzahnen, einen kleinen Schub verleihen kann. Ein Beispiel: Der Schulleiter einer Grundschule rief mich an, da er mit seinem Kollegium gerne in die Arbeit mit dem „MedienkomP@ss“ einsteigen wollte. Er erkannte die Notwendigkeit, sah aber wegen zeitintensiven Schwerpunkts „Schulgarten“ im Qualitätsprogramm wenig Handlungsspielräume. Im gemeinsamen Gespräch gelang es, das Eine mit dem Anderen in Beziehung zu setzen: Es war für ihn sofort nachvollziehbar, dass man in den Kompetenzbereichen „Anwenden und Handeln“ und „Produzieren und Präsentieren“ z.B. durch das Erstellen eines Pflanzentagebuchs mit einfachen digitalen Mitteln, mit Foto und Text – oder auch einfachen Wachstumstabellen – schnell einen Einstieg finden könnte. Auch eine Dokumentation oder eine kleine kindgerechte Werbekampagne zum schuleigenen Garten erörterten wir – und das grundlegende Verständnis war angebahnt: das Eine tun und das Andere nicht lassen – kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-auch!
Ebenso organisatorische Rahmenbedingungen und zeitliche Strukturen lassen sich, wenigstens partiell, aufbrechen, durch Projekte, Lernateliers, Öffnung von Schule und gemeinsame Arbeit mit externen Partnern: Dies erfordert natürlich die oben beschriebene Teamarbeit und Unterstützung durch die Schulleitung. Manche Schulen haben auf diese Weise auch einen neuen Tages- oder Wochenrhythmus eingeführt, der mehr Spielräume ermöglicht.
Beratungs- und Unterstützungssysteme Die Möglichkeit, auf möglichst unkomplizierte Weise verlässliche und kompetente Beratung und Begleitung abrufen zu können, ist oft ein entscheidendes Kriterium dafür, dass sich Schulen auf den Weg machen. Als wir in Rheinland-Pfalz im Jahr 2013 den Aufruf starteten, sich als Pilotschule für die Erprobung des MedienkomP@sses für die Primarstufe zu bewerben, gab es keinerlei Anreizsysteme im klassischen Sinne: weder technische Ausstattungskomponenten noch Entlastungsstunden oder eine zierende Plakette als besondere Profilschule – man ist ja manchmal erstaunt, wie wenig dann doch „zieht“!
Was wir anzubieten hatten, waren Beratung und Begleitung, Unterstützung und Coaching bei der Planung und Durchführung von Unterricht und Projekten, bedarfsorientierte schulinterne Fortbildung wie Nachmittagsworkshops oder Studientage, weiterhin die Möglichkeit, dass Schulen die Erprobungsfassung des MedienkomP@sses und begleitende Materialien vor allen anderen auf Herz und Nieren prüfen und an der endgültigen Version für den Regelbetrieb mitarbeiten, den Dingen also eine Richtung geben konnten.
Das waren letztendlich die Beweggründe dafür, dass sich binnen weniger Tage über 60 Schulen um die Mitwirkung bewarben. Durch entsprechende Sondermittel wurde es uns ermöglichst, insgesamt 17 Grund- und Förderschulen unterschiedlicher Vorerfahrungen und struktureller Bedingungen aufnehmen zu können: Die enge Kooperation in einer sehr intensiven Zeit brachte viele, absolut wertvolle Erfahrungen auch für uns als Team und Institut mit sich! Diese Erfahrungen mündeten in ein breit gefächertes Fortbildungsangebot und bedarfsorientierte Beratung. Aber das Richtige zur richtigen Zeit zu finden – und auch die Zeit für eine Teilnahme zu finden! – sind aus Sicht der Schulen weitere Herausforderungen.
Service- und Supportstrukturen Es zeigt sich immer wieder, dass Leistungen wie Systemadministration und schulinterner IT-Service zwar von einschlägig erfahrenen Lehrkräften durchaus erbracht werden können, diese Tätigkeiten jedoch enorme Zeitfresser sind, die darüber hinaus allerlei Unsicherheitsfaktoren mit sich bringen. Nicht selten wird der „Schul-Admin“ aus dem eigenen Unterrichtsgeschehen herausgerissen, weil eine Kollegin oder ein Kollege einen technischen „Notfall“ vermeldet.
Selbst wenn ein solches Engagement mit ein oder zwei Anrechnungsstunden aufgewogen wird – was kaum je dem tatsächlichen Aufwand entspricht –, kann das ein auf Dauer tragfähiges Konzept sein? Die Erfahrung lehrt uns: nein! Wenngleich ein Entlastungsmodell ein wichtiges Signal ist.
Das „Kerngeschäft“ von Lehrerinnen und Lehrern – fast klingt es profan! – ist das Unterrichten, und so sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie gute Rahmenbedingungen vorfinden, um sich auf das pädagogische Arbeiten mit und über Medien konzentrieren zu können. So verwundert es nicht, dass diejenigen Schulen am erfolgreichsten arbeiten, deren Schulträger standardisierte und professionalisierte Ausstattungskonzepte – die den zuvor kommunizierten pädagogischen Konzepten folgen – zugrunde legen, die eine solide langfristige Infrastrukturplanung nach transparenten Kriterien und definierten Standards realisieren.
Klar definierte Schnittstellen und Servicevereinbarungen zwischen Dienstleistern und Schulträgern schaffen Entlastung und ermöglichen die Konzentration auf das pädagogische Tagesgeschäft. Und nicht nur das: Neue Lehr-Lernszenarien werden ermöglicht! Und das ist das ganz Wesentliche.
Pädagogik vor Technik?
Damit Schulen Stärken entwickeln und Herausforderungen des digitalen Wandels begegnen können, sind Offenheit und Motivation, Kommunikation und Kooperation unerlässlich. Die rechtzeitige Einbindung aller Beteiligten, auch der Eltern, hilft Konfliktfelder zu minimieren. Die Klärung der pädagogischen Anforderungen an digitalisierte Lehr-Lernszenarien und der gemeinsamen Ziele in einem längerfristigen Prozess sind Voraussetzung. Wenn der definierte Leitsatz „Pädagogik vor Technik“ und die Verknüpfung mit einer systematischen Fortbildungsplanung im Zuge des Digitalpaktes tatsächlich Anwendung finden, könnte sich in Deutschland Einiges bewegen. Funktionierende, lernförderliche Infrastruktur, die Entlastung, nicht Belastung schafft, ermöglicht neue Spielräume. Technik wird nicht um der Technik willen eingesetzt, sie steht nicht im Vordergrund, denn es handelt sich um Instrumente, die sich der pädagogischen Zielsetzung unterordnen, ggf. kaum sichtbar werden.
Wenn es gelingt, die wesentlichen Fragen rund um medienbasierte bzw. -orientierte, „digitale“ Schul- bzw. Unterrichtsentwicklung und die dafür notwendige, verlässliche IT-Infrastruktur sinnvoll miteinander zu verzahnen, in längerfristig verlässlichen, strategischen Überlegungen zu bündeln, kann der DigitalPakt Schule zu einer Art Katalysator werden. Wie zumeist ist es eine Frage der Haltung, des Engagements und der Handlungskonzepte, wie ertragreich Entwicklungen verlaufen.
Derzeit deutet es sich in verschiedenen Bundesländern an, dass kommerzielle Anbieter eine Marktlücke für sich entdecken und ein neues Handlungsfeld erschließen: Schulen deren Medienkonzeptentwicklung als Dienst- und Bezahlleistung anzubieten. Dies kann dazu verleiten, die dringend notwendigen pädagogischen Diskussionen und Prozesse zu umgehen oder abzukürzen, um schnellstmöglich von den Fördermaßnahmen des DigitalPakts profitieren zu können – ohne eigene Überlegungen anzustellen. Das Ende von Lied wäre im schlechtesten Fall dann wieder das an anderer Stelle zitierte Technikmuseum im Schulgebäude, das am „Tag der offenen Tür“ bestaunt werden darf. In Rheinland-Pfalz ist erfreulicherweise zu beobachten, dass sich viele Schulen – noch vor der Veröffentlichung der Förderrichtlinien – mit der Aktualisierung und Fortschreibung ihrer Medienkonzepte beschäftigen, die sie durch die Teilnahme am Landesprogramm „Medienkompetenz macht Schule“ bereits haben. Dies dokumentiert sich in verstärkten Beratungs- und Studientagsanfragen beim Pädagogischen Landesinstitut. Und nicht zuletzt, im Sinne des „Sowohl-als-auch“: Der spannende Vortrag einer begeisterungsfähigen, talentierten Lehrkraft „face to face“ oder die unmittelbare Begegnung mit dem Lerngegenstand, wo möglich, werden weiterhin ihre Berechtigung haben und Vielfalt ermöglichen.
Links für die digitale Bildung in der Schule
- www.openadvent.de/index.php Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch unterstützt mit vielfältigen Ideen zum Lehren und Lernen im offenen Netz. (Letzter Zugriff: 25.08.2019)
- https://medienkompetenzrahmen.nrw Übersichtliches und praxisnahes Instrument für eine systematische Medienkompetenzvermittlung. (Letzter Zugriff: 25.08.2019)
- www.netzwerk-digitale-bildung.de Das Netzwerk versteht sich als offene, meinungsstarke und Orientierung gebende Struktur für die wichtigen Debatten und neuen Ideen aus der digitalen Bildungslandschaft. (Letzter Zugriff: 25.08.2019)
- www.digitale-schule.net/apps Hilfreiche Apps für den Bildungsbereich(Letzter Zugriff: 25.08.2019)
- www.sofatutor.com Für die Lernvideos, interaktiven Übungen und digitalen Anwendungen des online-Nachhilfeportals erhalten Lehrkräfte eine kostenfreie Lehrerlizenz.