Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Jugendliche in einem dunklen Flur, die auf ihr Handy starrt.

„Das geht nicht einfach wieder weg“

Lebensperspektiven Jugendlicher in Zeiten der Pandemie

Mehr Games, Fernsehen, Internet – der gesteigerte Medienkonsum Jugendlicher, den massiven Einschränkungen durch Corona geschuldet, verschwindet sicherlich nach der Krise wieder. Andere Nachwirkungen wiegen höher, denn die psychische Belastung ist für junge Menschen besonders hoch. Manche Jugendliche werden sich angesichts der ihnen durch Covid-19 „gestohlenen Zeit“ als widerstandsfähiger erweisen als andere, die meist eh schon benachteiligt sind. – Um den Lebensgefühlen der Jugend, ihren Werten, Interessen, Hoffnungen auf die Spur zu kommen, hilft es, die aktuellen Jugendstudien zurate zu ziehen.

Kann ein Professor für Medienpädagogik an der Altersgrenze zur Pensionierung sinnvoll über Lebensgefühl und Zukunftswünsche junger Menschen mit besonderem Blick auf medien-kulturelle Aspekte schreiben? Kontakte zu Studierenden und jungen Leuten in meinem privaten Umfeld gibt es. Daraus und aus Medieninformationen entsteht ein Bild, wie junge Menschen derzeit denken. Das ist „mein“ Alltagswissen. Mit solchem Alltagswissen agiert jede(r) von uns Tag für Tag, es ist empirisch gewonnen, basiert auf Erfahrung – aber ist halt subjektiv. Wir halten es für wahr und suchen weniger nach Irritation denn nach Bestätigung dafür; die finden wir häufig in den „Echokammern“, der „Cloud“ unserer Medienauswahl und Kommunikationsumwelt. Das Alltagwissen ist auch (meist) nicht falsch, aber einseitig. Es sind bei meinem Beispiel eben nur ein paar junge Menschen, von denen ich einen Eindruck habe, und die stammen auch noch aus selektiven Lebenssituationen.

Was heißt denn hier „Jugend“?

An dieser Stelle kommt die „Wissenschaft“ ins Spiel. Empirische Studien darüber, wie junge Menschen ticken, sich verhalten und welche Interessen und Wünsche sie haben, gibt es regelmäßig. Viele dieser Studien sind interessengeleitet. „Interessen“ der Auftraggeber von Jugendstudien muss man kritisch mit bedenken, denn Wissenschaft sollte „neutral“ sein.

Wenn im Folgenden einige Studien genutzt werden, um dem Lebensgefühl junger Menschen auf die Spur zu kommen, dann kann das nur ein kleiner Blick auf „Trends“ sein. Die Jugend gibt es nicht! Letztlich betrachten wir eine Vielfalt junger Menschen, die wir von einem fließenden Altersübergang irgendwo um 12 Jahre bis zu einem ebenso fließenden Übergang unter 30 Jahren als „jugendlich“ bezeichnen. Diese Jugendlichen sind per se divers, also unterschiedlich. Jugendstudien versuchen, mehr oder weniger große Gruppen von jungen Menschen, die sich in bestimmten Aspekten ihrer persönlichen Merkmale, ihrer Herkunft, ihres Verhaltens und ihrer Einstellungen ähnlich sind, zu beschreiben und damit etwas Ordnung in die Vielfalt zu bringen.

Nehmen wir das Beispiel Jugendkulturen: Vor drei bis vier Jahrzehnten war es noch halbwegs möglich, konkrete Jugend(sub)kulturen wie Punks, Skinheads, Gothics, Emos etc. einzukreisen. Aber Jugendszenen waren auch damals schon wolkige Formationen mit sehr unscharfen Abgrenzungen und eher kleinen Kernen. Spätestens mit Beginn der 2000er-Jahre zerfleddern diese Szenen1 und sind kaum mehr als Jugendkulturen abzugrenzen und im Detail zu beschreiben. Auch eine populär-soziologische Eingruppierung von Jugendlichen nach Geburtsjahrgängen – die Millennials, Digital Natives, Generation X, Y, Z, bis zur Corona-Generation – sind plakative, aber wenig präzise und kaum hilfreiche Zuweisungen. Den Stempel „Corona“-Generation oder „Lost“-Generation2 lehnt die Mehrheit junger Menschen ab (vgl. JuCo).

Wissenschaftliche Empirie versucht, die subjektiven Eindrücke einzelner Menschen zu summieren, zu präzisieren und zu objektivieren. Das geschieht einerseits durch quantitative Befragungen von jungen Menschen selbst, aber auch von Eltern und Pädagog:innen, die mit jungen Menschen zu tun haben. Im Idealfall sind solche Befragungen repräsentativ, bilden also in einer kleinen Stichprobe das Spektrum der jungen Menschen in Deutschland hinsichtlich soziologischer Parameter ab (meist Alter, Geschlecht, Bildung, sozioökonomischer Status). Solche repräsentativen Befragungen liefern eher allgemeine Daten von Trends und enthalten selten Überraschungen, die man nicht vorher ähnlich vermutet hätte. Aber sie stellen hypothetische Annahmen und „Alltagswissen“ auf solidere Füße und ermöglichen Korrekturen. Hinsichtlich der Vielfalt der Lebensentwürfe und der Haltungen junger Menschen liefern qualitative Studien3 mehr Erkenntnisgewinn und Nutzen für die pädagogische Praxis. Sie befragen und erforschen eine kleinere Zahl von Teilnehmer:innen intensiver, sind aber hinsichtlich der Verallgemeinerung auf „die“ Jugend leicht kritisierbar.

Aktuelle Jugendstudien

Dieser Beitrag bezieht sich auf die folgenden empfehlenswerten Studien:

  • Sinus-Jugendstudie 2020. Durchgeführt im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Datenerhebung Mitte 2019 mit einer Nachbefragung zu Corona 2020 in einem eigenen angehängten Kapitel. In dieser stark qualitativ angelegten Studie treten gemeinsame Grundhaltungen bestimmter Gruppen, die sogenannten Sinus-Milieus, an die Stelle der klassischen soziologischen Merkmale.4
  • JuCoStudie 2021. Die Studie weist eine vergleichsweise hohe Beteiligung auf, ist aber nicht im strengen Sinn repräsentativ; das wird kritisch reflektiert und führte im Verlauf der bislang zwei Befragungen (JuCo I, Nov. 2020; JuCo II, April 2021) zu kritisch-konstruktiven Verbesserungen. Die umfangreiche Datenlage mit vielen authentischen Äußerungen von Jugendlichen ist detailliert aussagekräftig. Der am Konzept des „Wellbeing“ orientierte umfangreiche Forschungsansatz will junge Menschen stärker partizipativ in die Forschung einbeziehen und im Interesse der Kinder und Jugendlichen Handlungsperspektiven und -notwendigkeiten aufzeigen.5
  • Jugendstudie der TUI-Stiftung: Junges Europa 2021. So denken Menschen zwischen 16 und 26 Jahren. Die Studie ist repräsentativ nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildungsstand, und wurde in 7 europäischen Ländern 2021 zum wiederholten Mal durchgeführt, in Deutschland mit ca. 1.000 TN. Die Befragung erfolgte über die angemeldeten Nutzer des Online-Portals „YouGov.de“; dort kann man mit der Teilnahme an Umfragen etwas Geld verdienen.6
  • JIMplus-Studie 2020. Sonderauswertung der seit 1998 jährlich vom medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest durchgeführten JIM-Studie, die mit ca. 1.000 TN repräsentativ nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildungsstand ist. Die Erhebung wurde bereits im April 2020 durchgeführt, kann also nur Erfahrungen des ersten Lockdowns erfassen. Die JIM-Studie 2021 wird vermutlich im November des Jahres veröffentlicht und dürfte spannende Einblicke zu Veränderungen im Medienverhalten bringen.7
  • Copsy-Studie 2020/21; die als repräsentativ berechnete Längstschnittstudie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht in mehrstufigen Befragungen die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.8
  • DAK: Mediensucht 2020 – Gaming und Social Media in Zeiten von Corona. DAK-Längsschnittstudie: Befragung von Kindern, Jugendlichen (12-17 Jahre) und deren Eltern. Titel und der Auftraggeber Krankenkasse machen den Schwerpunkt deutlich.9
  • Vodafone Stiftung: Schule auf Distanz. Perspektiven und Empfehlungen für den neuen Schulalltag. Eine repräsentative Befragung von Lehrkräften in Deutschland. April/Mai 202010

Jung, sozial, verantwortungsbewusst

Die Sinus-Studie zeichnet vor Corona insgesamt ein „gedämpft optimistisches“ Bild von Jugendlichen in Deutschland. Zwei Drittel sehen eher optimistisch in die Zukunft; demgegenüber sind Sorgen und Ängste eher im individuellen Bereich angesiedelt und betreffen häufig Übergänge im eigenen Lebenslauf. Jugendliche sind in einem sehr hohen Maß verantwortungsbewusst und sozial eingestellt (Sinus, JuCo). Die Regelbrecher und Partymacher ohne Maske sind die Ausnahme, die jedoch leider in der Alltagswahrnehmung verstärkt durch Medienberichte eine (zu) große Aufmerksamkeit und Bedeutung bekommen. Trotz einer verbreiteten Verdrossenheit gegenüber der etablierten Politik sind politische Themen für die meisten Jugendlichen wichtig. Klimawandel und Umweltschutz sehen fast alle Jugendlichen als zentrale Themen einer Generationengerechtigkeit, die politisch eine viel höhere Priorität bekommen müsste.11 Die Angst wird geäußert, dass diese drängenden Probleme durch die Pandemie in den Hintergrund rücken. Im individuellen Bereich ist schon vor Corona die eigene Verantwortung für Gesundheit stärker ins Bewusstsein der Jugendlichen gerückt. Für mehr als 80 % der befragten Jugendlichen ist dieses Thema wichtig bis sehr wichtig12 und durch Corona ist es, zumindest vorübergehend, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

In ihren Kontaktbeschränkungen sind Jugendliche vor allem verunsichert, wenn sie sich in einer Übergangsphase befinden (Schulwechsel, Einstieg in den Beruf, Studienbeginn, Auslandsjahr). Die Auswirkungen der Pandemie treffen Jugendliche in sozial benachteiligten Milieus besonders hart.13 Die gesellschaftliche Kluft verstärkt sich, weil Jugendliche in bildungsfernen Milieus auch vor Corona schon mehr Sorgen und Zukunftsängste hatten. Jugendliche Zukunftskonzepte sind insgesamt eher bodenständig, stark alternative und individualistische Lebensentwürfe verfolgen eher wenige Jugendliche. „Die Ära generationsprägender Jugendkulturen bzw. Jugendsubkulturen ist endgültig vorbei (wenngleich immer noch Nischenszenen existieren), ebenso wie die viel zitierte ‚neue deutsche Spaßgesellschaft‘“.14

Ängstlich und sorgenvoll

Viele Werte und kulturelle Interessen differieren je nach „Milieu“. Aber für die Mehrheit stehen soziale Werte (Familie, Freunde, Treue, Altruismus, Toleranz) hoch im Kurs. Auf der anderen Seite sind Leistung und Selbstbestimmung für junge Menschen sehr wichtig, aber je nach Milieu unterschiedlich gewichtet. Insgesamt wird die derzeitige Jugendgeneration als „geerdet“ und mit einem Bedürfnis nach materieller und sozialer Absicherung skizziert: „Die Jugendlichen betrachten die Welt und ihre Probleme ernsthaft und realistisch, sind aber gleichzeitig (…) sehr besorgt und mitunter sogar ängstlich.“15

Jugendliche in ganz Europa erleben die Belastungen durch die Corona-Pandemie als sehr hoch. Sie machen sich Sorgen um (Groß-)Eltern und andere gefährdete Angehörige und befürchten, dass die Einschränkungen noch lange andauern. Mehr als 50 % finden eher negative Worte für ihre Gefühlszustände und ebenso viele sagen, dass sich ihre Lebenssituation verschlechtert habe. Mehr als ein Drittel kommen mit der Situation nicht gut bis schlecht zurecht. Die Mehrheit (74 %) hält sich überwiegend an die Maßnahmen und Empfehlungen zur Bekämpfung der Pandemie. Dabei steht der Schutz anderer als Motivation im Vordergrund. Vor allem Jugendliche, die selbst oder im nahen Umfeld direkt mit einer Virusinfektion zu tun hatten, sind ängstlich und sorgenvoll. Angst gehört plötzlich in einem für viele ungekannten Ausmaß zum Leben: Angst um die Eltern oder Großeltern, Angst vor einer Infektion, Angst vor der (eigenen) Zukunft …: Die Angst, dass das nicht einfach wieder weggeht, sondern dass gerade junge Menschen die Nachwirkungen noch lange zu spüren bekommen.

Den Politikern wird ein eher schlechtes Zeugnis ausgestellt und die Kritik an den Maßnahmen ist zwischen Sept. 2020 und April 2021 deutlich gewachsen (TUI). Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland durch die Kontaktbeschränkungen macht die Copsy-Studie sehr deutlich; sie ist höher, wenn Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss oder einen Migrationshintergrund haben und/oder auf beengtem Raum leben. Diese Zusammenhänge ziehen sich durch fast alle Studien.

Kein Grad mehr – für die meisten Jugendlichen ist der Klimawandel ein sehr wichtiges Thema. (Foto: „I Don’t Believe in Global Warming“ von .Martin.CC BY-ND 2.0)

Hoher Medienkonsum in der Zwangslage

Jugendliche sind als Mediennutzer:innen vorne dran. Sie besitzen nahezu alle ein Smartphone, nutzen vor allem darüber das Internet, aber auch Messenger wie beispielsweise WhatsApp sowie Social-Media-Angebote wie Snapchat, Instagram etc. Wenn die meisten Jugendlichen vor allem nicht auf Freunde und Familie verzichten wollen (Sinus), so wird gleichrangig das Smartphone genannt. Analoge und digitale Sozialkontakte gehören fast untrennbar zusammen und sind miteinander verzahnt. Jugendliche verändern durch ihr Nutzungsverhalten die traditionellen Medien: Sie lesen aktuelle Nachrichten online und nutzen Mediatheken und Streaming-Plattformen zum Musik hören und Video schauen.

Im Coronajahr ist die Bildschirmzeit deutlich gestiegen; das gilt für alle Altersgruppen, aber besonders für junge Menschen.16 Jugendliche bemerken selbst: Das fühlt sich nicht gut an und wird auf Dauer langweilig – aber sie sehen derzeit keine Alternative.17 Der Tagesablauf vor allem jüngerer Menschen hat sich durch die Pandemie stark verändert; Tätigkeiten zu Hause sind zeitlich stark ausgeweitet, so banale Tätigkeiten wie eine Zunahme beim Schlafen und deutliche Abnahme bei „Körperpflege/Anziehen“ sowie „unterwegs im öffentlichen Verkehr“ bekommen symbolische Bedeutung für eine veränderte Tagesstruktur und Balance des Lebensalltags.

Tabelle mit Studienergebnissen
Quelle: Sinus Jugendstudie 2020. Lebenswelten der 14- 17- Jährigen, S. 45.

Die Rangfolge der Tätigkeiten, die Jugendliche mehr als vor der Corona-Krise machen, wird angeführt von YouTube-Videos, es folgen Musik hören, Streamingdienste nutzen, fernsehen, erst dann spazieren gehen, lernen und andere analoge Tätigkeiten. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich wie üblich beim Computer spielen, das hat bei Jungen deutlich zugenommen; die Mädchen liegen beim Musik hören, Fernsehen, Lesen, Lernen und bei kreativen Tätigkeiten vorn (vgl. JIMplus). Deutlich zugenommen haben vor allem die „nicht-medialen Internetaktivitäten“, wozu neben Kommunikation auch Online-Gaming gerechnet wird. Das Lesen von gedruckten Büchern hat sich bei Jugendlichen auf niedrigem Niveau verdoppelt. Bei der Corona-Mediennutzung Jugendlicher lassen sich aus meiner Sicht sinnvoll unterscheiden:

  • der Gebrauch digitaler Medien im Kontext von Schule;
  • die Nutzung von Social-Media zum Aufrechterhalten der Kontakte zu Freunden und Peergroups;
  • die Nutzung von bevorzugt Streaming-Medienangeboten, um die freie Zeit zu füllen und das Abhängen zu ersetzen.

In allen drei Aspekten hat die jugendliche Mediennutzung deutlich zugelegt. Daraus aber eine neue Gefahr von Mediensucht abzuleiten, wie die DAK-Studie es nahelegt, scheint mir zu undifferenziert. Ich sehe auch keine Anzeichen, dass Corona eine „digitale“ Jugendkultur befeuern könnte. Die Einschränkungen der Pandemie haben (junge) Menschen in eine Zwangslage gebracht, in der sie auf digitale Medien angewiesen waren und sind. Daher die Zunahme – die sich wieder relativieren wird; denn die Sehnsucht nach analogen Kontakten ist groß und ohne diese sind die digitalen Bindungen nur halb so viel wert.

Verlässliche Informationen erwarten auch Jugendliche in Pandemiezeiten eher von öffentlich-rechtlichen Angeboten, das Vertrauen in Social-Media sinkt. Allerdings gibt es auch hier milieubedingte Spaltungen und der Echokammer-Effekt verstärkt sich: Fake-News und Verschwörungstheorien bekommen Zulauf unter denen, die in diese Richtung tendierten (Sinus, Anhang). Auch das Medienproblem einer sogenannten „falschen Ausgewogenheit“ bekommt größere Bedeutung: Wird z.B. neben einem Virologen, der die Notwendigkeit von Impfungen sachgerecht erläutert, aus Gründen der Ausgewogenheit auch ein Impfgegner präsentiert, dann kann das einen sachlich nicht angemessenen Eindruck von Gleichrangigkeit beim Zuschauer erzeugen.

Lehren und Lernen neu denken

In der Krise rächt es sich, dass Digitalisierung in Schulen vorher eher randständig und langatmig behandelt wurde und dass die Aktivitäten junger Menschen in sozialen Netzwerken eher kritisch und vor allem unter Risikoperspektiven thematisiert wurden.

Der Zwang zum Distance-Learning hat einen Digitalisierungsschub im Bildungswesen und einen Zugewinn an Medienkompetenz für Schüler:innen und Lehrer:innen gebracht (Vodafone). Aber so einfach wird sich das nicht verstetigen, denn der Wunsch nach Präsenz im Lernbereich ist groß: Schule könnte wieder Spaß machen, wenn nicht einfach alles wie vorher wird. Wie Erwachsene Homeoffice als Chance, aber auch als „Multistress“ beschreiben, so geht es Jugendlichen mit dem Home-Schooling. Eine vorherrschende Erfahrung war, dass Materialien und Aufgaben verteilt wurden, die selbstständig bearbeitet werden mussten. Das fordert Eigenständigkeit und kann sie fördern, denn Lernen heißt immer: selbst etwas tun. Aber es bringt Probleme, wenn niemand für Nachfragen oder benötigte Unterstützung und das Auffangen von Nicht-Verstehens-Frust da ist. Die erhöhte Verantwortung für Eltern ist gesellschaftlich ein Problem, denn soziale und leistungsmäßige Benachteiligungen vervielfachen sich. Die Perspektive darf nicht heißen, bekannten Unterricht digital zu optimieren, sondern Lehren und Lernen müssen neu gedacht werden.

Wenn Orte zum Abhängen fehlen

Jugendzeit und Jugendkulturen haben als wichtige Merkmale Räume und Orte, um sich zu treffen, miteinander zu kommunizieren und miteinander „abzuhängen“. Solche „Frei“-Räume waren einmal (autonome) Jugendzentren, Cafes, Clubs, aber auch öffentliche Plätze, Spielplätze in den Abendstunden, versteckte Ecken in Stadtteilen etc.; oft waren Graffiti-Gestaltungen ein Kennzeichnungs- und Abgrenzungsmerkmal. Diese Orte haben sich schon vor Corona von realen auch in virtuelle Räume verlagert, die von Jugendlichen als teils gleichwertig und als eigener Kulturbereich mit fließenden Übergängen zum Realraum erlebt werden. Die konkreten Treffpunkte sind durch die Pandemie stark eingeschränkt und ohne die realen Kontakte verändert sich offensichtlich auch die Relevanz des virtuellen Raumes. Social-Media-Räume und digitale Apps werden jetzt plötzlich zum alternativlosen Zwangsraum im dazu widerspenstigen Kontext von Zuhause und Familie.

Die psychische Belastung durch Corona wird von Mädchen stärker empfunden, die den digitalen Raum mit der Motivation von Kontakt, Kommunikation und Selbstdarstellung genutzt haben. Jetzt wird dieser Freiraum plötzlich zum schulischen Lernraum. Die entsprechenden Belastungen empfinden auch Jugendliche stärker, denen die „Orte zum Abhängen“ fehlen (JuCo). Das mag sich angesichts der Pandemie-Bedrohungen naiv und nebensächlich anhören; aber in diesen Freiräumen bewältigen Jugendliche wesentliche Aspekte der sogenannten Entwicklungsaufgaben.

Zwei Menschen die sich küssen wollen aber eine Maske auf haben
Küssen verboten – viele Jugendliche empfinden den Lockdown mit den Kontaktbeschränkungen als gestohlene Zeit. (Foto: Daniel Tafjord/Unsplash)

Die Krise und ihre Folgen belasten jene besonders stark, die auch bereits vorher erhebliche Nachteile hatten. Verschiedene Problemfaktoren hängen eng miteinander zusammen, ohne dass in die ein oder andere Richtung Kausalitäten deutlich bestimmbar wären: Wer sich „abgehängt“ und nicht beteiligt fühlt, hat seltener Online-Kontakte zu Freund:innen bzw. beklagt den Abbruch sozialer Kontakte durch die Pandemie; ebenfalls geben entsprechend Betroffene häufiger an, familiäre Sorgen und Geldsorgen zu haben (JuCo).

Benachteiligungen und Unsicherheitsfaktoren

Schon vor Corona benannten viele Jugendliche ihre Gefühle von Macht- bzw. Einflusslosigkeit und die Überzeugung, als Minderjährige nichts ausrichten zu können. 18 In der Situationsanalyse der JuCo-Studie wird deutlich, dass gerade in der Krise zwar  über Jugendliche als weniger mit ihnen gesprochen wird; ihre Ängste und Unsicherheiten, aber auch ihre Vorschläge werden kaum gehört. Es wird an ihre Verantwortung appelliert, sich in Solidarität zu den älteren Risikogruppen zurückzunehmen. Reduziert auf ihre Rollen als Schüler:innen und Azubis wird ihre Bildung in Gefahr gesehen. Aber ihnen werden keine Rechte zur Mitentscheidung eingeräumt, obwohl es doch um ihre Zukunft geht. Symbolisch dafür steht, dass die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz wegen politischer Geplänkel im Juni 2021 erst einmal gescheitert ist.

Die JuCo-Studie stellt sehr klar und nachvollziehbar heraus, dass junge Menschen in Corona-Zeiten das Gefühl haben, noch deutlich weniger gehört und beteiligt zu werden. Dabei summieren sich wiederum die Problemaspekte: Mangel an Beteiligung und Angst vor der Zukunft hängen eng zusammen. Und besonders betroffen sind davon Jugendliche in eher marginalisierten und finanziell schlechter gestellten Lebenssituationen. Jugendliche können sich unter den bestehenden Kontaktbeschränkungen viel schwerer organisieren – obwohl sie ja eigentlich in Sachen Social Media als kompetenter gelten; die Infrastrukturen realer Kontaktorte sind weggebrochen und offensichtlich funktionieren Aktionen und Beteiligung nur in einem guten Mix analoger und digitaler Kommunikationsformen. Die JuCo-Studie stellt einen engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Krisenbewältigung und Selbstwirksamkeit als wichtige Erfahrung der Jugendzeit heraus, bei der auch materielle und sozial-emotionale Ressourcen eng verzahnt sind.19

Verschiedene Studien markieren die Unterschiede zwischen Jugendlichen, die ihren Erfahrungen im Lockdown etwas Positives abgewinnen können und denjenigen, die die Krise als außerordentliche Belastung erlebten. Die folgenden Einschränkungen unterscheiden auch Jugendliche selbst:

  • Einschränkungen der Kontakte und Treffpunkte;
  • der Zwang, sich vor allem im häuslichen und familiären Umfeld zu bewegen;
  • die Veränderung des schulischen Kontextes; konkret ist die fehlende (Tages-)Struktur für all die (jungen) Menschen ein Problem, die sich latent auch vorher schon schlechter selbst organisieren und motivieren konnten;
  • Ängste gibt es bei Jugendlichen weniger um eine mögliche eigene Infektion, sondern eher um die Risiken von Angehörigen. Und Ängste gibt es an den Übergängen, zum Ausgang der Schulzeit, Abitur, Start in Ausbildung oder Studium etc.

Zuhören – beteiligen – stärken

Junge Menschen sprechen von gestohlener Zeit (JuCo); sie erleben die zeitliche Dauer der Pandemie subjektiv als länger im Vergleich zu älteren Menschen. Schulische Lernprozesse lassen sich (vielleicht) nachholen, aber bei jugendlicher Entwicklung und Pubertät kann man nicht die Pausentaste drücken und später einfach weitermachen. Anstehende Entwicklungsaufgaben lassen sich nicht zeitlich oder örtlich ins Home-Office verschieben. Wenn sich der Stress der Pubertät auf die heimischen vier Wände konzentriert, sind die Probleme vorprogrammiert. Für einige in der Jugendzeit anstehende Entwicklungsschritte sind die (realen) Kontakte zu Gleichaltrigen und zu den Szene-Treffpunkten elementar wichtig.

Digitalisierungsschub für die Schulen, aber Lernrückstände, Bewegungsmangel und hohe psychische Belastung für die Schüler:innen. (Foto: Pixabay)

Manche Jugendliche haben an Selbstbewusstsein gewonnen, weil sie gelernt haben, mit sich allein zurechtzukommen. Auf eine solche wachsende „Resilienz“ durch Krisenbewältigungsstrategien kann man hoffen, aber sie nicht politisch ins Kalkül ziehen, denn die Krise verschärft soziale Ungleichheiten. Ein Fazit der JuCo-Studie, die im Vergleich zu allen anderen Studien Jugendliche am meisten selbst zu Wort kommen lässt, kann man verallgemeinern: „wie wichtig es gerade während gesellschaftlicher Krisen ist, sich mit jungen Menschen über ihre Sorgen, ihr Wohlbefinden und ihre Ideen auszutauschen, sie in ihrer Autonomie anzuerkennen, sie zu stärken und zu befähigen sowie sich solidarisch mit ihnen zu zeigen.“ Dann ist vielleicht auch Corona irgendwann wieder weg aus den Köpfen und die Zukunft gehört den Jungen.


Anmerkungen
  1. 1. Vgl. Farin, Klaus: Jugendkulturen in Deutschland. Bonn: bpb 2011. Das vergriffene Buch steht als bpb-Dossier online zur Verfügung: www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland
  2. 2. . „Lost“ in der Bedeutung von ahnungslos, unsicher, bekam 2020 den Stempel als „Jugendwort“, wurde aber als solches nicht von Jugendlichen ausgewählt.
  3. 3. Es gibt in der Sozialforschung auch diverse Mixed-Formen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.
  4. 4. https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/311857/sinus-jugendstudie-2020-wie-ticken-jugendliche
  5. 5. www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-sozial-und-organisationspaedagogik/forschung/laufende-projekte/juco-und-kico/
  6. 6. www.tui-stiftung.de
  7. 7. www.mpfs.de
  8. 8. www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/child-public-health/forschung/copsy-studie.html
  9. 9. www.dak.de/dak/gesundheit/dak-studie-gaming-social-media-und-corona-2295548.html#
  10. 10. www.vodafone-stiftung.de/schule-auf-distanz
  11. 11. Sinus, S. 405
  12. 12. Sinus, S. 287
  13. 13. Dieses Fazit zieht auch ein vielschichtiges und aktuelles Handbuch zur Thematik: Dohmen, Dieter; Hurrelmann, Klaus (Hrsg.): Generation Corona? Wie Jugendliche durch die Pandemie benachteiligt werden. Weinheim: Beltz 2021
  14. 14. Sinus, S. 565
  15. 15. Sinus, S. 566
  16. 16. Veränderungen zeigen die ARD/ZDF-Massenkommunikation Langzeitstudie sowie die ARD/ZDF-Onlinestudie 2020. Vgl. v. Eimeren, B; Kessler, B; Kupferschmitt, T.: Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Mediennutzung, Motive und Bewertungen. Sonderauswertungen der ARD/ZDF-Massenkommunikation Langzeitstudie. In: MP 10-11/2020 www.media-perspektiven.de
  17. 17. Sinus, S. 586
  18. 18. Sinus, S. 567
  19. 19. Ein positives Medienbeispiel ist dafür der ZDF-Thementag am 21.6.21, der längerfristig in der Mediathek zugänglich ist: www.zdf.de/politik-gesellschaft/kinder-in-der-pandemie-100.html