Magazin für die pädagogische Praxis

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Eine junge Frau, die auf einem Kinosessel im freien sitzt, umgeben von weiteren

Dazed and Confused

Dem jugendlichen Filmgeschmack auf der Spur

Ist Fatih Akins „Tschick“ eindeutig ein Jugendfilm oder doch eher ein Film für Erwachsene mit Jugendlichen in den Hauptrollen? Ist Jugendfilm, wenn Jugendthemen drinstecken – oder wenn Jugendliche ins Kino gehen? Sicher ist eigentlich nur eines: DEN Jugendfilm gibt es nicht, bekräftigen unsere beiden Autoren. Der sogenannte Jugendfilm sei so schwer einzugrenzen wie die Jugend selbst.

Ende August kommt mit einer Adaption von Jugend ohne Gott ein dystopischer Jugendfilm deutscher Produktion in die Kinos — an sich scheinen die Dystopien im Jugendkino aber „abgefrühstückt“ zu sein. Die international erfolgreiche Panem-Reihe als Zugpferd des Trends ist abgeschlossen, genau wie die Adaptionen der Maze Runner– und Die Bestimmung-Bücher. Welches Subgenre den nächsten Hype auslösen könnte, ist ungewiss: Der Flop der Power Rangers ließ für jugendliche Superhelden noch nichts Gutes hoffen – aber vielleicht wird ja Valerian – Die Stadt der tausend Planeten eine Ära der Weltraumabenteuer mit jungen Protagonisten einläuten, als jugendlicheres, schrilleres „Pop“-Pendant zu Star Wars und Star Trek.

Der Film würde damit – zumindest scheinbar – einen generellen Trend des Jugendfilms fortsetzen: Denkt man an die großen Kinoerfolge der letzten eineinhalb Jahrzehnte, an Harry Potter (2001-2011), die Twilight-Saga (2008-2012) und die Tribute von Panem (2012-2015), so scheinen sie jeweils eine „verjüngte“ Version ihrer erwachsenen Konterparts zu sein, großzügig mit Coming-of-Age-Motiven angereichert. Statt des schroffen Zauberers Gandalf steht für Kinder die gütige Vaterfigur des Albus Dumbledore bereit, aus blutrünstigen Vampiren werden verunsicherte Teenager und der Fokus von Dystopien auf die Auseinandersetzung mit grundlegenden gesellschaftskritischen Fragen tritt in der „Jugendfassung“ gegenüber klassischen Coming-of-Age-Narrationen in den Hintergrund.

Kann man den Jugendfilm auf eine solch einfache Formel herunterbrechen? Jugendliche Protagonisten, weniger Gewalt, kaum Sex, dafür erste Liebe, Identitätssuche und weitere Entwicklungsthemen – und schon haben wir eine klare Abgrenzung zum „Kino der Erwachsenen“? Mitnichten. Schon deswegen nicht, weil wir gar nicht immer dieselben Filme meinen, wenn wir vom Jugendfilm sprechen.

Jugendfilm – Eine Frage der Perspektive

Es gibt nicht die eine Definition des Kinder- und Jugendfilms, „je nach Perspektive fällt diese anders aus“, so bringen es die Literaturwissenschaftler Tobias Kurwinkel und Philipp Schmerheim in ihrer Publikation „Kinder- und Jugendfilmanalyse“ auf den Punkt: „So kann ein Film als Kinder- und Jugendfilm definiert werden, wenn Kinder und Jugendliche ihn schlicht rezipieren (…). So kann ein Film aber auch als Kinder- und Jugendfilm definiert werden, wenn die Hauptfiguren Kinder und Jugendliche sind oder wenn ein Publikum dieses Alters die Reflexion eigener Welten erkennen kann.“1

In der Praxis werden verschiedene Kriterien der Zuordnung häufig miteinander kombiniert: Wenn Erwachsene Filme für Kinder und Jugendliche empfehlen, spielen für diese Empfehlung oft formale Kriterien eine Rolle (normative Def.), auch geht die Empfehlung mitunter mit einer ausdrücklichen Altersempfehlung einher. Ein anderes Beispiel für eine Mischform von Zugängen wäre das Heranziehen formaler Qualitäten eines Films, um dessen Beliebtheit bei Jugendlichen (handlungsorientierte Def. = faktische Kinder- und Jugendfilme) zu erklären. Eine deutlichere Unterscheidung verschiedener Definitionsformen könnte hier dazu beitragen, gängige Annahmen auf den Prüfstand zu stellen oder markante Unterschiede zwischen Kinder- und Jugendfilmen herauszuarbeiten.

So liegt die Vermutung nahe, dass es bei Jugendlichen eine größere Kluft zwischen intendierten und faktischen Jugendfilmen gibt, als dies bei Kinderfilmen der Fall ist – schließlich sind Jugendliche in ihrer Filmauswahl weniger Reglementierungen unterworfen: Sie haben – von der Altersfreigabe her – die Auswahl zwischen dem Großteil aller Kinostarts und gehen zunehmend ohne erwachsene Begleitperson ins Kino. Welche Filme sind es unter diesen Voraussetzungen, die besonders viele Jugendliche in die Kinos locken? Und in welchem Verhältnis stehen diese (faktischen Jugend-)Filme zu den Filmen, die – etwa aus formalen und inhaltlichen Gründen – für Jugendliche empfohlen werden? Fallen diese Filme zusammen oder ergeben sich aus den mehrheitlich rezipierten Filmen neue Hinweise darauf, was Jugendlichen formal oder inhaltlich besonders zusagt, was einen „jugendlichen Filmgeschmack“ ausmachen könnte? Um uns dieser Frage zu nähern, werfen wir im Folgenden einen Blick auf einige Statistiken der Filmförderungsanstalt (FFA), die unter anderem Erhebungen zu den Top 75-Titeln2 sowie zu den Kinobesucherinnen und -besuchern des jeweiligen Kinojahres veröffentlicht.3

Einer für alle und alle für einen!

Am auffälligsten ist bei den Top 10 des Jahres 2015 vor allem eines: wie wenige Unterschiede es bei den besucherstärksten Filmen der verschiedenen Altersgruppen gibt:

Top 10-Titel 2015 – Altersgruppen (Basis: Besuche in Mio.)4

10-19 Jahre20-29 Jahre30-39 Jahre40-49 Jahre50-59 Jahre60+ Jahre
Fack Ju Göhte 2Fack Ju Göhte 2MinionsSpectreHonig im KopfHonig im Kopf
MinionsFifty Shades of GreyStar Wars: Das Erwachen der MachtHonig im KopfSpectreSpectre
Star Wars: Das Erwachen der MachtMinionsSpectreStar Wars: Das Erwachen der MachtStar Wars: Das Erwachen der MachtFrau Müller muss weg!
Fast & Furious 7Fast & Furious 7Fifty Shades of GreyFack Ju Göhte 2Fack Ju Göhte 2Heidi (2015)
Honig im KopfStar Wars: Das Erwachen der MachtHonig im KopfMinionsJurassic WorldFack Ju Göhte 2
Jurassic WorldSpectreJurassic WorldJurassic WorldFifty Shades of GreyStill Alice – Mein Leben ohne Gestern
Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2Jurassic WorldFack Ju Göhte 2Fifty Shades of GreyEr ist wieder daDie Frau in Gold
Alles steht KopfAvengers: Age of UltronFast & Furious 7Alles steht KopfMinionsEverest (2015)
Der NannyDie Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2Alles steht KopfEr ist wieder daDer Hobbit: Die Schlacht der fünf HeereIch bin dann mal weg
Pitch Perfect 2Honig im KopfDie Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2Shaun das Schaf – Der FilmFrau Müller muss weg!Fifty Shades of Grey

Eine eher kleine Anzahl von Filmen dominiert die Top Ten-Listen aller Altersgruppen: Fack Ju Göhte 2 und Honig im Kopf haben Eingang in alle Alterskategorien gefunden, fünf Titel waren bei gleich fünf Altersgruppen erfolgreich und weitere fünf Titel bei mindestens zweien. Mit insgesamt fünf Titeln, die nur in ihrer Altersgruppe auftauchen, sind es die ältesten Kinogänger, die etwas „aus der Art schlagen“ – Jugendliche hingegen locken offenbar tendenziell ähnliche Filme in Scharen ins Kino wie das Gros des restlichen Publikums. Schaut man auf die letzten fünf Jahre zurück, werden zwar Schwankungen sichtbar.5 Als Trend lässt sich diese Beobachtung dennoch bestätigen.

TOP 10 TITEL 2016 / Altersgruppe 10 bis 19 Jahre

  1. Pets
  2. Zoomania
  3. Ice Age – Kollision voraus!
  4. Star Wars: Das Erwachen der Macht
  5. Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs
  6. Phantastische Tierwesen und wo
    sie zu finden sind
  7. Rogue One: A Star Wars Story
  8. Findet Dorie
  9. Ein ganzes halbes Jahr
  10. Willkommen bei den Hartmann

Verwunderlich ist das ähnliche Konsumverhalten von Jugendlichen und Erwachsenen mit Blick auf die entsprechenden Titel nicht: Gerade bei Familienfilmen und Blockbustern ist es schließlich das erklärte Ziel, ein altersübergreifendes und damit möglichst großes Publikum anzusprechen. Genauso wenig verwundert die Dominanz bestimmter Genres in den Top 10-Listen (Komödie, Science-Fiction, Fantasy und Action), da diese besonders geeignet sind, ein breites Zielpublikum zu erreichen.

Sieht man sich vergleichend die besucherstärksten Filme der 10-19-Jährigen aus dem Jahr 2016 an6, glänzen Filme, in denen Jugendliche die Protagonisten sind und die sich schwerpunktmäßig mit jugendlichen Lebenswelten auseinandersetzen, vor allem durch Abwesenheit – sieht man vom eher als Kinderfilm einzuordnenden dritten Teil von Bibi & Tina einmal ab. Wir haben es also mit faktischen Jugendfilmen zu tun, die nach einer normativen Definition keine sind.

Das Bild im Jahr 2015 ist durchmischter, aber selbst wenn man sich auf die handlungsorientierte Definition beruft und die Rezeption fokussiert, fragt sich doch, was damit gewonnen ist, die von Jugendlichen meistgesehenen Filme als faktische Jugendfilme einzuordnen, wenn diese mehrheitlich auch von den anderen Altersgruppen rezipiert werden? Ist es nicht viel aussagekräftiger, diese Filme als „All-Age-Filme“ in den Blick zu nehmen?

Wen interessiert’s?

Vielleicht gehörten auch Sie zu denjenigen, die sich fragten, warum die eingangs erwähnte „Twilight-Saga“ so überaus erfolgreich war und die in verschiedenen Artikeln Erläuterungen zum Twilight-Hype lasen, um zu verstehen, was diese (gern verspotteten) Filme für Jugendliche so reizvoll machte. Dabei hätte man genauso gut die Gegenfrage stellen können: Warum schauten sich so viele Erwachsene eine Teenager-Romanze an? Im Jahr 2012 waren immerhin 69 % der deutschen Zuschauerinnen und Zuschauer von Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht, Teil 2 über 20 Jahre alt.7 Kein Einzelfall: Beim Abschluss der Tribute von Panem-Reihe (Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2) waren rund drei Viertel der Kinozuschauer Erwachsene.8

Angesichts der der bedienten Genres (Sci-Fi/Action/Fantasy) und der – gerade für Jugendfilme überdurchschnittlich hohen – Produktionskosten der Filme, die nach dem kommerziellen Erfolg des jeweils ersten Teils nochmal aufgestockt wurden9, wäre man versucht, die Zusammensetzung des Publikums als reines „Blockbuster-Phänomen“ abzutun. Aber auch bei kleineren Produktionen lässt sich weder im Nachhinein über die Zuschauerzahlen noch im Vorhinein durch die Produktions- und Verleihfirmen klar bestimmen, welches Alterssegment die wichtigste Zielgruppe darstellt. Dies macht die folgende Aussage des Tschick-Produzenten Marco Mehlitz deutlich:

„(…) Dabei ist der Film [Tschick] gar nicht so einfach zu positionieren. Ist er ein Jugendfilm oder ein Film für Erwachsene mit Jugendlichen in den Hauptrollen? Ist er Mainstream, ist er Arthouse? Ein bisschen saßen wir zwischen den Stühlen. (…) Da muss man erst einmal den richtigen Hebel finden, um den Film auszuwerten.“10 Tatsächlich zeigt sich in den Zuschaueranteilen, dass der Anteil der 10-15-jährigen Zuschauer mit 19 % zwar deutlich über dem Durchschnittswert lag, das Interesse an „Tschick“ sich aber ansonsten recht gleichmäßig auf alle Altersgruppen verteilte (mit einem ebenfalls überdurchschnittlichen Anteil der über 60-Jährigen):11 Aus handlungsorientierter Sicht ist die Zuordnung von „Tschick“ als Jugendfilm nicht so klar – obgleich sie, geht man von formalen und inhaltlichen Kriterien aus, unstrittig ist. So erweist es sich als Gewinn, sich die unterschiedlichen Definitionsmöglichkeiten des Jugendfilms zu vergegenwärtigen, denn genau solche Reibungspunkte führen zu spannenden Fragen: Aus welchen Gründen rezipieren Erwachsene Coming-of-Age-Filme? Sind vielleicht die Lebensgefühle, die einst als typisch für die Jugendzeit galten, heute auch in späteren Altersphasen zu finden – beispielsweise aufgrund längerer Ausbildungszeiten und späterer Familiengründung? Welche Rolle spielt der Erzählzeitraum? Ist etwa ein Film wie Junges Licht, der von einer Kindheit im Ruhrgebiet der 60er-Jahre erzählt, nicht für die damals 12- und heute ca. 60-Jährigen sehr viel spannender als für die heutigen Jugendlichen – trotz des jungen Protagonisten?

Hauptsache kein Kinderkram

Mit der Thematisierung der Zuschaueranteile haben wir unsere Aufmerksamkeit bereits auf die relativen statt der absoluten Zuschauerzahlen gerichtet. Geben uns womöglich jene Filme Aufschluss über einen spezifisch „jugendlichen Filmgeschmack“, bei denen Jugendliche besonders große (oder besonders geringe) Anteile der Gesamtzuschauerinnen und -zuschauer darstellten? Die im Folgenden aufgeführten Titel sind den Zahlen der Top 75-Titel im Jahr 2016 entnommen, der prozentuale „Publikumsanteil“ ist jeweils in Klammern angegeben.12

Auf eine genaue Auswertung der Titel bei den 10-15-Jährigen verzichten wir an dieser Stelle, denn wie erwartet dominieren hier viel Kinderfilme, wobei FSK-16-Titel die Schlusslichter bilden. Interessanterweise traf aber eine Romanadaption über Highschool-Schüler, die durch die Teilnahme an einem Online-Game zunehmend gefährlichere Mutproben bewältigen, ganz offensichtlich bei beiden Altersgruppen einen „Nerv“: Mit einem Gesamtanteil von 57 % war der im aktuell populären Neo-Achtziger-Look inszenierte Thriller Nerve der Film unter den Top 75-Titeln mit dem höchsten Anteil der beiden jüngsten erfassten Altersgruppen (10-15 u. 16-19 Jahre) am Kinopublikum. Somit liefert „Nerve“ das Beispiel eines Films, dessen Thematik (u.a. – scheinbare – Anonymität und Gruppendynamiken in sozialen Medien) für eine spezielle Altersgruppe besonders relevant ist und der tatsächlich überwiegend von genau dieser Altersgruppe (den „Digital Natives“) rezipiert wird.

Mit der jüngeren Altersgruppe teilen die 16-19-Jährigen auch ein eher geringes Interesse für Filme mit Protagonisten im Seniorenalter – darüber hinaus ist aber vor allem eine deutliche Abgrenzung erkennbar: Die beiden Filme mit dem höchsten Anteil des jüngsten Publikums (Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft, Alvin und die Chipmunks: Road Chip) wurden von älteren Jugendlichen klar gemieden, zwei weitere Kinderfilme befinden sich ebenfalls auf der „Abschlussliste“ (im Jahr 2015 sind es sogar insgesamt 6). Der Blick auf die „Top“-Liste der 16-19-Jährigen bestätigt ferner die verbreitete Annahme, dass Horrorfilme tendenziell auf ein jüngeres Publikum abzielen und gibt offenbar Kritikern Recht, die Komödien wie Dirty Grandpa einen „pubertären Humor“ bescheinigen. Dennoch bleibt es schwierig, Jugendliche als Publikum mit „eigenen“ Filminteressen zu beschreiben, denn während die Abgrenzung „nach unten“ funktioniert, lässt sich eine Abgrenzung zum „erwachsenen Publikum“ nur schwer vornehmen: Alle Filme, bei denen die 16-19-Jährigen einen hohen Anteil am Gesamtpublikum hatten, verzeichneten vergleichbare Anteile beim Publikum zwischen 20 und 29 Jahren, zum Teil auch noch in der darüber liegenden Altersgruppe.

Geschmacksnoten

Die hohe Anzahl von verkauften Kinokarten allein beschreibt aber nur unzureichend die Wertschätzung der Filme durch das Publikum. Spannend ist daher auch die Beschäftigung mit den Filmbewertungen, welche die FFA in einigen Publikationen ebenfalls erfasst hat. Haben Sie eine Vermutung, welcher Film im Jahr 2015 von den 10-19-Jährigen die Bestnote bekommen hat? Vielleicht einer der zehn meistgesehenen Filme?

Filme mit hohem Anteil am Gesamtpublik (Altersgruppe 16 bis 19 Jahre)

  1. Bad Neighbors (25%)
  2. Conjuring 2 (24%)
  3. The Purge: Election Year (24%)
  4. Dirty Grandpa (22%)
  5. Nerve (20%)
  6. Sausage Party – Es geht um die Wurst (20%)
  7. How to be single (18%)
  8. Suicide Squad (17%)
  9. Ride Along: Next Level Miami (17%)
  10. Die Bestimmung – Allegiant (16%)

Filme mit niedrigem Anteil am Gesamtpublik (Altersgruppe 16 bis 19 Jahre)

  1. Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft (0%)
  2. Toni Erdmann (0%)
  3. Hail, Caesar! (1%)
  4. Frühstück bei Monsieur Henri (1%)
  5. Alvin und die Chipmunks: Road Chip (1%)
  6. Ich bin dann mal weg (1%)
  7. Heidi (1%)
  8. Trolls (1%)
  9. Ein Mann namens Ove (1%)
  10. Money Monster (2%)

Was immer Sie raten, Sie liegen wahrscheinlich falsch – oder ist Ihnen tatsächlich als erstes Still Alice – Mein Leben ohne Gestern in den Sinn gekommen, der Film über eine 50-jährige Linguistin, bei der Alzheimer diagnostiziert wird? Nicht minder überrascht in den Top Ten der Jugendlichen das kontrovers diskutierte Biopic über einen Scharfschützen (American Sniper) — ebenfalls nicht unbedingt der Erzählstoff, dem man intuitiv eine hohe Jugendaffinität zuschreiben würde.13 Unerwartet fallen aber auch Bewertungen anderer Altersgruppen aus: Im Jahr 2014 landete mit Das Schicksal ist ein mieser Verräter die Adaption eines Jugendbuch-Bestsellers über zwei krebskranke Jugendliche in den Top Ten der meistgesehenen Filme der 10-19-Jährigen – taucht aber bei den Top Ten der am besten bewerteten Filmen nicht bei ihnen auf, dafür aber in allen (!) anderen Alterssegmenten.14

Zwar muss man vorsichtig sein, zu weitreichende Schlüsse aus diesen Benotungen zu ziehen: Gerade wenn ein Film eher wenige Besucherinnen und Besucher einer Altersgruppe hat, ist von einer sehr bewussten Filmauswahl auszugehen. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn die Zufriedenheit im Anschluss an den Kinobesuch sehr hoch ist. Auffällig ist dennoch, wie wenige der meistgesehenen Filme sich auch in der Liste der am besten bewerteten Filme wiederfinden — eine Beobachtung, die alle Altersgruppen gleichermaßen betrifft und darauf hinweist, dass aus dem Erfolg eines Films an der Kinokasse nicht automatisch auf herausragende Bewertungen durch das Publikum zu schließen ist. Auffällig ist weiterhin, dass erwachsene Zuschauer intendierte Kinder- und Jugendfilme ebenso zu schätzen wissen wie Jugendliche jene Filme, die man eigentlich dem „Kino der Erwachsenen“ zuordnet. Auch anhand der „Qualitätszuschreibungen“ sind also systematische Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen nicht so leicht auszuweisen.

Der Jugendfilm, das unbekannte Wesen

Wenn über den Jugendfilm gesprochen wird, scheint allen klar zu sein, was der Diskussionsgegenstand ist: In der Regel ist dann von intendierten Jugendfilmen die Rede, die auf Basis formaler und inhaltlicher Kriterien zu solchen deklariert werden. Das verwundert nicht, denn versucht man, den Jugendfilm über die von Jugendlichen rezipierten Filme zu bestimmen, erweist sich das als schier unmöglich – jedenfalls dann, wenn man Jugendfilme gegenüber Filmen für Erwachsene abgrenzen möchte. Doch wie wiederum soll man diese bestimmen? Jenseits des Kinder- und Jugendfilms werden vornehmlich Genrezugehörigkeiten und Publikumssegmente in den Blick genommen, wobei das Alter eine Rolle spielen kann, aber auch eine Reihe weiterer Merkmale wie Geschlecht, Bildungshintergrund, Familienstatus.

Kaum jemand vereinheitlicht die Zuschauergruppe der „Erwachsenen“ in der Weise, wie es tendenziell geschieht, wenn über Jugendliche als Zielgruppe gesprochen wird. Sicherlich gibt es weitere Beispiele wie „Nerve“, die v.a. bei einem bestimmten Alterssegment auf besonders großes Interesse stoßen. Und sicherlich hat es seine Berechtigung, Filme, die sich mit der Phase des Erwachsenwerdens auseinandersetzen, Jugendlichen besonders ans Herz zu legen. Aber das Label „Jugendfilm“ zu vergeben, kann auch blinde Flecken erzeugen – zum Beispiel für das Interesse Erwachsener an diesen Erzählungen. Wenn sich ein Trend feststellen lässt, dann doch vor allem, dass es immer mehr Filmen gelingt, ein altersübergreifendes Publikum anzusprechen – oder umgekehrt: immer mehr Zuschauerinnen und Zuschauer sich aufgeschlossen für die Filme zeigen, die primär auf eine abweichende Altersgruppe abzielen.


Anmerkungen
  1. 1. Tobias Kurwinkel/Philipp Schmerheim (2013): Kinder- und Jugendfilmanalyse. Konstanz/München, S. 15.
  2. 2. Bei zum Teil weit über 500 Kinostarts in einem Kalenderjahr klingen die Top 75 nach einer bescheidenen Auswahl – diese Filme versammelten in den letzten zwei Jahren aber gut drei Viertel aller Kinobesucherinnen und –besucher auf sich.
  3. 3. Siehe www.ffa.de/studien-und-publikationen.html
  4. 4. Siehe www.ffa.de/der-kinobesucher-2015.html
  5. 5. 2014 sind es die Jugendlichen, die bei ihren Top-10-Filmen am stärksten von den anderen Altersgruppen abweichen.
  6. 6. Siehe www.ffa.de/der-kinobesucher-2016.html
  7. 7. Siehe zu den Zuschaueranteilen www.ffa.de/auswertung-der-top-75-filmtitel-des-jahres-2012-nach-soziodemografischen-sowie-kino-und-filmspezifischen-informationen.html
  8. 8. Siehe www.ffa.de/auswertung-der-top-75-filmtitel-des-jahres-2015.html
  9. 9. Bei „Die Tribute von Panem“ von 78 Millionen US-Dollar beim ersten Film auf 130 Millionen für den zweiten Teil, siehe dazu die Zahlen auf www.boxofficemojo.com
  10. 10. Deutscher Filmpreis: „Es war ein Wahnsinnsjahr!“ Zum sechsten Mal fand die Produzentenrunde im Vorfeld des Deutschen Filmpreises statt. Die Nominierten sprachen im Exklusivgespräch Klartext. In: Blickpunkt Film, Heft 18/2017, S. 24-34, hier S. 33.
  11. 11. Siehe www.ffa.de/auswertung-der-top-75-filmtitel-des-jahres-2016.html
  12. 12. Siehe www.ffa.de/auswertung-der-top-75-filmtitel-des-jahres-2016.html
  13. 13. Siehe www.ffa.de/der-kinobesucher-2015.html
  14. 14. Siehe www.ffa.de/kinobesucher-2014.html