Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Mikrofon aus dem der sich wiederholende Schriftzug „fake news“ kommt.

Die Graswurzel-revolution der Medienbildung

Über die neuartige Macht der Desinformation und die konkrete Utopie der redaktionellen Gesellschaft

Wie werden wir resilient gegen die gewaltigen Desinformationswellen in den sozialen Medien, die in Kombination von gezielter Propaganda und algorithmischer Plattform-Logik unsere Demokratie unterhöhlt? Sei skeptisch, prüfe erst, sende später – die Auseinandersetzung mit solcherart Standards des guten Journalismus können ganz allgemein die Basis einer handlungsorientierten Kommunikationsethik bilden und uns – vereint mit einer Stärkung der Urteilskraft, weit über die Schulen hinaus – medienmündig machen.

Manchmal, in dunklen, pessimistischen Momenten denke ich: Was muss eigentlich noch passieren, bevor eine lethargische Bildungspolitik – trotz des Desinformationsgewitters der Gegenwart – aus ihrem Tiefschlaf erwacht? Was braucht es, bevor die Medienpädagogik ihr oft anspruchsloses, verdruckst-opportunistisches Herumgefloskel über irgendwelche Digitalkompetenzen einstellt und endlich zu einer klaren Sprache findet? Und was muss geschehen, bevor die offene Gesellschaft begreift, dass sie mit ihrer Weigerung, Medienbildung mit normativer Entschiedenheit zu betreiben, sehenden Auges ihre eigenen Grundlagen zerstört?

Verschmutzung der Informationskreisläufe

Nach den Pro-Brexit-Feldzügen, dem Wahlsieg Donald Trumps mithilfe von Putins Trollen, nach der Pandemie-Infodemie und im Gewirbel der Fake-News zum Ukraine-Krieg sind drei Befunde unabweisbar. Erstens destabilisiert die systematische Verschmutzung der Informationskreisläufe überall auf der Welt Demokratien und verleiht Antiliberalen Auftrieb, wie zahlreiche Studien im Detail zeigen. Zweitens sind die asymmetrischen Wahrheitskriege skrupelloser Populisten im Verbund mit den Fehlanreizen der sozialen Netzwerke – Dissens schüren, aufpeitschen, emotionalisieren – geeignet, die Fähigkeit von Politik und Gesellschaft zu untergraben, aktuelle Großkrisen zu lösen. Denn diese Krisen (man denke beispielhaft an den Klimawandel) setzen einen basalen Realitätskonsens, einen gemeinsamen Fokus und ein Denken in der langen Linie voraus. Wenig ist also gerade jetzt so nötig wie die Kombination von Konsens, Kompromissfähigkeit, Konzentration und langfristiger Strategiebildung. Und doch wird genau diese Gesprächs- und Strategiefähigkeit ganzer Gesellschaften im Zusammenspiel von gezielter Propaganda und algorithmischer Plattform-Logik unterminiert.

Und drittens ist längst offensichtlich, dass Desinformation tötet, und zwar ganz direkt und unmittelbar. Denn irgendwann greifen die QAnon-Spinner zu den Waffen oder stürmen das Kapitol. Und nur mal nebenbei: Durchschnittlich 40 Minuten nach der Installation der TikTok-App sind die Userinnen und User das erste Mal mit Falschmeldungen und russischer Propaganda aus dem Ukraine-Krieg konfrontiert. Sie sehen Video-Fakes, aber natürlich auch viele authentische Bilder des Schreckens, Explosionen, Erschießungen. TikTok liefert aktuell hochemotionales Echtzeit-Fernsehen im Schnipsel-Format für junge Menschen, ein Mischprogramm aus Lüge, Wahrheit und Gewalt, ungefiltert, ohne klärende Einordnung.

Medienbildungsoffensive von unten

Was folgt aus all dem? Muss man den Kampf gegen Desinformation verloren geben? Ich denke nicht. Was nötig wäre, ist eine Art Graswurzelrevolution der Medienbildung, die aus dem Journalismus kommt. Und tatsächlich, dafür gibt es Ansätze und Anzeichen, die Hoffnung machen. Journalistinnen und Journalisten gehen in die Schulen, erarbeiten Lehrmaterialien, engagieren sich in der Lehrerfortbildung. Es gibt Online-Workshops, Podcasts, Medien-Projekte mit neuen faszinierenden Initiativen und Kooperationen, Initiativen, die die Medienmündigkeit in der Breite der Gesellschaft steigern wollen. Die Grundidee dieser Medienbildungsoffensive von unten ist bestechend einfach. Sie besagt: Journalismus ist viel mehr als ein Beruf. Denn in den journalistischen Idealen und Maximen – „Prüfe erst, publiziere später!“, „Analysiere deine Quellen!“, „Höre auch die andere Seite!“, „Orientiere dich an Relevanz und Proportionalität!“, „Sei skeptisch!“ – liegt eine konkrete Kommunikationsethik, die heute alle angeht. Natürlich gibt es auch schlechten Journalismus, Herden- und Meuteverhalten, doofes Clickbaiting, sinnlose Skandalisierung, klar. Aber in der Kenntnis der basalen journalistischen Regeln der Informations- und Quellenprüfung steckt tatsächlich eine Chance. Hier sind die Anfänge einer praktischen Utopie zu entdecken. Hier findet sich ein Ausweg aus dem Desinformationsspektakel in Richtung einer redaktionellen Gesellschaft von Bürgerinnen und Bürgern, die medienmächtig sind und medienmündig.

Hand mit Handy auf dem Tiktok-Suchergebnisse für ''ukraine-Krieg'' zu sehen sind
Mischung aus Lüge, Wahrheit und Gewalt – TikTok ist auch Plattform für russische Propaganda und Falschmeldungen.

Ist damit alles gelöst? Gewiss nicht. Denn noch fehlen erprobte Konzepte der Plattformregulierung, die einerseits die Kommunikationsfreiheit und den Mündigkeitsgedanken schützen, aber es andererseits erlauben, Hassrede und Falschnachrichten wirklich massiv zu begrenzen. Noch fehlt die effektive Handhabe im Umgang mit professionellen Bullshittern, Spin-Doktoren oder auch Spin-Diktatoren, die ihr eigenes Volk mit einer Kombination aus Propaganda und Terror in eine riesenhafte Sekte verwandeln wollen, in eine Gemeinschaft der fanatisiert Gläubigen, die entweder auf Bestellung jubeln oder nach ein paar Schauprozessen in einer Gefängniszelle zum Schweigen gebracht werden. Ja, es stimmt: Die gewaltigen Desinformationskosten, die in den letzten Jahren offensichtlich geworden sind, erfordern eine entschiedenere, schärfere Gegenwehr der offenen Gesellschaft. Und die Gewaltaufrufe in den Katakomben der Telegram-Kanäle müssen mit anderer Härte und Geschwindigkeit verfolgt werden.

Pressekodex

Ethische Standards für den Journalismus (Zusammenfassung)
1. Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ (Pressekodex)
2. Sorgfalt:Die journalistische Sorgfaltspflicht ist oberstes Gebot und ist nur durch umfassende Recherche gewährleistet.
3. Richtigstellung:Sollte sich eine Berichterstattung als falsch erweisen, muss eine Richtigstellung an vergleichbarer Stelle und in vergleichbarem Umfang erfolgen.
4. Grenzen der Recherche:Bei der Recherche dürfen keine unlauteren Methoden angewendet werden. Journalist:innen sollten sich in aller Regel als solche zu erkennen geben.
5. Berufsgeheimnis:Eine in einem Gespräch vereinbarte Vertraulichkeit gilt es zu wahren. Das gilt auch für Hintergrundgespräche. Journalist:innen sollten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, um Informanten zu schützen.
6. Trennung von Tätigkeiten:Journalist:innen und Verleger:innen dürfen keine Nebentätigkeiten ausüben, die die Glaubwürdigkeit der Presse infrage stellen.
7. Trennung von Werbung und Redaktion:Werbung muss als solche gekennzeichnet werden. Journalistische Arbeit und PR-Erzeugnisse sind klar voneinander zu trennen.
8. Persönlichkeitsrechte:Das Privatleben jedes Menschen ist zu achten. Besonders gilt hier der Opferschutz in der Kriminalberichterstattung. Grundsätzlich besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit an Informationen über Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren.
9. Schutz der Ehre:Kein Mensch darf durch unangemessene Darstellung in seiner Ehre verletzt werden.
10. Religion und Weltanschauung:Diese dürfen nicht geschmäht werden.
11. Sensationsberichterstattung und Jugendschutz:Verzicht auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Beachtung des Jugendschutzes.
12. Diskriminierungen:Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.
13. Unschuldsvermutung:Die Berichterstattung muss frei von Vorurteilen erfolgen. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
14. Medizin-Berichterstattung:Medizinische Themen müssen sachlich aufbereitet werden, damit keine Ängste oder Hoffnungen geschürt werden.
15. Vergünstigungen:Bestechungen, wie z.B. Geschenke, müssen abgelehnt werden, sofern sie die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion beeinträchtigen.
16. Rügenveröffentlichung:Dem Grundsatz der fairen Berichterstattung folgend, sind vom Deutschen Presserat öffentlich ausgesprochene Rügen zu veröffentlichen.

Diese Übersicht erhält nur kurze Erläuterungen. Der ausführliche deutschen Pressekodex findet sich hier: presserat.de

Kraft des Diskurses

Im Akt der Bekämpfung von Desinformation verteidigt eine Demokratie aber immer auch ihre eigene Würde und ihre eigenen Werte. Sie muss also schon in der Art der Auseinandersetzung zeigen, dass sie den Aufklärungsgedanken nicht verloren gibt. Und eben darin liegt die eigentümliche Schönheit jeder Bildungsidee: Sie setzt bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils auf das bessere Argument, auf die Kraft des Diskurses.

Was bleibt also anderes, als auf die Mündigkeit des Einzelnen und die Stärkung der Urteilskraft zu vertrauen, die in den Schulen trainiert werden muss, aber eben nicht nur hier? Aus meiner Sicht wäre es, auch jenseits der Schulgebäude, lange schon ein Gebot der Stunde, ein großes Gespräch über publizistische Maßstäbe und die Schulung der Urteilskraft zu initiieren. Es wäre ein Austausch und eine Debatte, die auch dem Journalismus nützen könnte und die eine bestenfalls verschlafene Bildungspolitik inspirierte. Diese braucht – jenseits einer bloß naiv-modischen Technikfaszination und des allgemeinen Digi-Blabla – dringend normative Klarheit.

Vielleicht haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, also Lust, mit ein paar Menschen Ihrer Wahl über die neuartige Macht der Propaganda, den Wert des unabhängigen Journalismus und die besten Wege zur Medienmündigkeit zu debattieren? Damit wäre viel gewonnen, denke ich. Die Idee der redaktionellen Gesellschaft wäre dann, und sei es nur für ein paar Stunden, ein Stück gelebter Wirklichkeit.

Dieser Essay basiert auf einem Beitrag für den Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV).