„Unsere Geschichte ist zu Ende erzählt“, so hat Jürgen Klopp seinen Entschluss zur Trennung von dem über sieben Jahre hinweg von ihm höchst erfolgreich trainierten Verein Borussia Dortmund vor nicht allzu langer Zeit begründet. Seine Worte gehören zu den zahlreichen möglichen Beispielen dafür, dass man sich in vielen Bereichen des Lebens immer wieder auf die Macht von „Geschichten“ beruft und auch das eigene Leben nach dem Modell bestimmter Erzählungen ordnet und interpretiert. Was genau aber versteht man unter einer „Erzählung“ und welche Funktionen kommen dem „Erzählen“ als kultureller Handlungsform zu?
Erzählt wurde und wird in allen menschlichen Gesellschaften, mit und ohne künstlerischen Anspruch, spontan oder institutionalisiert, in mündlicher und schriftlicher Form, mithilfe von Worten, Gesten oder Bildern und in Mischformen wie etwa dem Film oder Comic. Aus formaler Sicht lässt sich eine „Erzählung“ – unabhängig von ihrer jeweils konkreten Gestalt – als die „Darstellung einer nicht-zufälligen Ereignisfolge“ verstehen, das heißt mit jeder Erzählung verbindet sich der Entwurf einer temporalen und kausalen Ordnung im Sinne einer (Re)Konstruktion von Kausalzusammenhängen zwischen Ereignissen in der Zeit. Erzählend ordnet der Mensch ein mehr oder minder zufälliges Geschehen in Geschichten ein, die „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“ haben und in denen Ereignisse auseinander und nicht bloß aufeinander folgen. Aus anthropologischer Sicht dienen Erzählungen also zur kognitiven Verarbeitung von raum-zeitlichen Daten, sie schaffen eine wesentliche Voraussetzung für unser Verständnis von Wirklichkeit und eine erfolgreiche Orientierung in der Welt.
Identität durch Narration
Im Blick auf das viel diskutierte Verhältnis von Erzählung und Erfahrung spricht der Philosoph Bernhard Waldenfels in seiner Phänomenologie der Aufmerksamkeit von einer gegenseitigen Abhängigkeit, der zufolge nicht nur die Erzählung einer Erfahrung, sondern auch die Erfahrung einer Erzählung bedarf: „Die Erzählung bezieht sich auf eine Erfahrung, die erst im Erzählen und Wiedererzählen Gestalt gewinnt.“1Im Sinne eines solchen Wechselverhältnisses treten Ereignisse überhaupt erst im Medium der Erzählung aus dem prinzipiell offenen Raum der Erfahrung als solche hervor und gewinnen deutliche Gestalt.
Gut vereinbar mit dem phänomenologischen Gedanken des „Verstricktseins“ von Menschen in Geschichten ist, dass auch Neurobiologen, Psychologen und Soziolinguisten dem Erzählen eine zentrale Bedeutung für die Konstruktion von menschlicher Identität zuschreiben. Neurobiologische Studien stellen so zum Beispiel die Ausbildung der hirnphysiologischen Grundlagen für die Entstehung und Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Phänomen des Erzählens. Dieser Zusammenhang gilt sowohl aus phylogenetischer als auch aus ontogenetischer Perspektive, das heißt für die Entwicklung des Affen zum Menschen und die des Kleinkindes zum Kind. Und aus der Sicht von Psychologen bildet sich ein Selbst, ein Ich überhaupt erst durch die Fähigkeit zur narrativen Organisation von Geschehen aus. Belegen lässt sich diese These nicht nur an den klassischen Großformen der telelogischen Linearisierung von individuellem Leben wie der Autobiographie, sondern auch an verschiedenen Formen von mündlichen Erzählungen und Alltagsgeschichten, von mythischen, genealogischen und nationalen, von Lebens-, Geschlechter-, Beziehungs- und Familiengeschichten, die dem Entwurf von Selbst- und Fremdbildern dienen.

Multiperspektivischer Wissensspeicher
Der enge Zusammenhang von Erzählen und Identität gilt aber offenbar nicht nur für die verschiedenen Formen von individuellen und kollektiven Selbstentwürfen in bestimmten Geschichten. Dass dem Erzählen und Hören von Geschichten überhaupt, das heißt unabhängig von deren Inhalt, eine entscheidende Bedeutung in der Entwicklung von menschlicher Identität zukommt, legen empirische Studien zumindest nahe. Personen, denen es schwerfällt, sich längerfristig auf bestimmte Handlungsziele zu konzentrieren, oder aber Personen, die besonders umstands- und kritiklos die Ziele ihrer sozialen Umgebung übernehmen, können sich diesen Studien zufolge in der Regel nicht daran erinnern, dass ihnen als Kindern in ihrem Elternhaus umfassendere Geschichten vorgelesen oder erzählt worden sind; bei Personen, die so etwas wie kontinuierliche Lebensthemen, Ziele und eine sich daraus ergebende subjektive Zufriedenheit entwickeln, ist das dagegen der Fall.
Auf die Annahme, dass sich Identität letztlich durch Narration realisiert, stützen sich auch zahlreiche Formen der psychologischen Therapie. Am Ursprung steht hier die Freudsche Psychoanalyse. Mit der Forderung nach der Bewusstmachung von Unbewusstem ist in ihrem Fall die Idee der narrativen Artikulation, das heißt des Erzählens von Träumen und verdrängten Erlebnissen verbunden, wobei die Erzählungen der Klienten im Rahmen der Therapie wiederum nach bestimmten Erzählmustern geordnet und gedeutet werden. Jenseits des dogmatischen Ansatzes der klassischen Psychoanalyse nutzen pragmatischer angelegte Therapieformen wie zum Beispiel die sogenannte Narrative Therapie das Erzählen, um im Gespräch zwischen Therapeut und Klienten neue, alternative Erzählungen zu entwickeln, die mit dem Bewusstsein auch den Handlungsspielraum des Klienten erweitern und ihm auf diese Weise helfen sollen, bestimmte Lebensprobleme zu lösen.
Die Erzählung dient aber nicht allein der Bildung von menschlicher Identität und von sozialen Ordnungen im oben ausgeführten Sinn. Blickt man auf die Erzählung im Allgemeinen, so ist noch ein anderer Aspekt von Bedeutung. Erzählungen erlauben es, unser Wissen über die Welt zu archivieren. Ja, es steht zu vermuten, dass Erzählungen das älteste Speichermedium von menschlichem Wissen überhaupt darstellen. Unabhängig davon, dass jeder Erzählung im Verhältnis zur historischen Wirklichkeit in mehr oder minder großem Maße ein schöpferisch-konstruktiver Charakter zukommt, eröffnen Erzählungen dem Menschen also nicht zuletzt die auch aus evolutionsgeschichtlicher Sicht in mancher Hinsicht überlebensnotwendige Möglichkeit, nicht allein aus eigenen Erfahrungen, sondern auch und vor allem aus den Erfahrungen anderer zu lernen. Ein altes afrikanisches Sprichwort bringt diese spezifische Differenz zwischen dem Menschen als sprachfähigem Wesen, als animal symbolicum (Ernst Cassirer), und dem an den Pflock des Augenblicks (Nietzsche) gebundenen Tier anschaulich auf den Punkt: „Wenn die Löwen ihren eigenen Geschichten-Erzähler hätten, wäre nicht immer der Jäger der Sieger.“ (schön für Textkasten)
Freiraum literarischer Erzählung
Zur Frage nach den Formen und Funktionen des Erzählens gehört schließlich auch die Frage nach den besonderen Qualitäten des Erzählens in der Literatur. Auch wenn die Grenzlinien hier umstritten und im Einzelnen schwer zu ziehen sind, so lässt sich die literarische Erzählung doch in der Regel nicht allein über die Fiktivität des Erzählten, sondern auch durch ein – im Vergleich zur nichtliterarischen Erzählung – besonderes Maß an „Komplexität“ und „Kunst“ in der Form des Erzählens bestimmen. Worin bestehen und was leisten Komplexität und Kunst in diesem Fall?
Zu dem besonderen Freiraum, den das literarische Erzählen eröffnet, gehört jedenfalls weit mehr als die oft bemerkte Möglichkeit, Figuren, Geschichten und sogar Welten weitgehend frei vom unmittelbaren Bezug auf eine historische Wirklichkeit zu erfinden. Anders als im Fall der realen Erzählung einer historischen Person lassen sich im Fall des als fiktional zu verstehenden literarischen Erzählens zum Beispiel auch die „Stimme“ der Erzählung und mit ihr sowohl die Position des „Sprechers“ als auch die des „Hörers“ der Erzählrede frei und ohne Rücksicht auf die natürlichen Grenzen eines historischen Raums und einer historischen Zeit gestalten. So können neben allen Arten von scheinbar leiblichen Personen beispielsweise auch Gegenstände, Tiere, Kollektive oder körperlose, offenbar nicht an Zeit und Raum gebundene Stimmen erzählen und erzählt bekommen.
Überdies gilt als eine wesentliche Leistung des literarischen Erzählens, dass wir hier mithilfe besonderer Darstellungsformen (wie z.B. der erlebten Rede oder auch dem Bewusstseinsstrom bzw. inneren Monolog) vermögen, was in unserer alltäglichen Lebenswelt unmöglich ist, nämlich scheinbar unmittelbar Zutritt zum Fühlen, Denken und Träumen Anderer zu erhalten − eine Möglichkeit, die moderne Autoren in der Nachfolge von Arthur Schnitzler, James Joyce, Franz Kafka u.a. in besonderem Ausmaß nutzen.
Zur Komplexität des literarischen Erzählens zählt aber auch die Möglichkeit, unterschiedliche Formen des erzählten Erzählens zu verwenden und auf diese Weise gezielt Brüche und Mehrdeutigkeiten zu schaffen. Sowohl das Prinzip einer ganzen Geschichte als auch das Prinzip eines, mit Robert Musils Mann ohne Eigenschaften gesprochen, Fadens der Erzählung2im Sinne eines „ordentlichen Nacheinanders“ von auseinanderfolgenden Tatsachen gilt insofern bei weitem nicht für alle Erzählungen. Ja, man kann sagen, dass literarische Erzählungen das Prinzip des „primitiv Epischen“ mehr oder minder konsequent verletzen.
Urszene des erzählten Erzählens
Veranschaulichen lässt sich diese besondere Qualität des literarischen Erzählens schon an dem Werk, das in der abendländischen Kultur den Übergang von einer mündlichen Erzählkultur zu komplexeren Formen des schriftlichen Erzählens markiert. Zur – zumal im Vergleich zur älteren Ilias – „komplizierten“3 Komposition von Homers Odyssee gehört wesentlicheine Vervielfältigung der Erzählinstanzen, verbunden mit einer Reflexion des Erzählens im Rahmen der erzählten Geschichte.
Ein großartiges Beispiel dafür ist die Darstellung des Festmahls, das Alkinoos, der König der Phäaken, zu Ehren des soeben am Ufer seines Reichs gestrandeten Odysseus veranstalten lässt. Im Rahmen dieses Festmahls trägt der blinde Sänger Demodokos im 8. Gesang auch Episoden aus dem Krieg um Troja und dem Leben des berühmten Odysseus vor – woraufhin der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Gast, der seine eigene Geschichte hört, das Gesicht in einen Mantel birgt und weint. Im weiteren Verlauf des Festmahls bewundert Odysseus, dass der Sänger „so wie es sich zutrug“ besingt, was er nicht aus eigener Anschauung kennt (8. Ges., 487), um dann seine Identität zu enthüllen und nunmehr selbst die – im Rahmen der Odyssee immerhin vom 9. bis zum 12. Gesang reichende – Geschichte seiner Erlebnisse nach der Eroberung von Troja zu erzählen.
Zur besonderen Erzählform der Odysseegehört also, dass die hier erzählte Geschichte die Situation des Erzählens und Zuhörens spiegelt und in der angesprochenen Szene drei Geschichten und zwei Arten von Erzählungen über den Helden Odysseus miteinander verknüpft: Geschichten über Odysseus werden von einem Rahmenerzähler, von dem Sänger Demodokos und von Odysseus selbst erzählt. Im Rahmen einer schriftlichen Erzählung werden in dieser „Urszene des erzählten Erzählens verschiedene Arten des mündlichen Erzählens vorgeführt, die Wirkung des Erzählens illustriert und seine Funktionen und Verdienste reflektiert. Zu diesen Funktionen zählt, dass das Erzählen sowohl unterhalten als auch pragmatischen Zwecken dienen kann.
So geht es für Odysseus ja nicht allein darum, in einen Erzählwettstreit mit dem Sänger Demodokos zu treten und seinen Gastgebern seinerseits möglichst kurzweilig von seinem Leben nach der Zerstörung von Troja zu berichten. Denn während Alkinoos und seine Tochter Nausikaa ihren Gast gerne als Schwiegersohn und Gatten festhalten wollen, ist dieser vom Heimweh geplagt. Um ohne weitere Verzögerungen nach Hause zu kommen, benötigt der vom Zorn Poseidons verfolgte Odysseus jedoch das Geleit der Phäaken. Die Hilfe dieses Seefahrervolks verschafft sich der „Erfindungsreiche“ zu Anfang des 9. Gesangs mit einer ebenso anschaulichen wie kunstvoll gebauten Geschichte: Erzählend stilisiert er sich zum schuldlos leidenden Irrfahrer und erbarmungswürdigen Opfer „unzivilisierter“ Gestalten. Mittelbar fordert er seine Zuhörer damit auf, sich ihrerseits „zivilisiert“, das heißt anders als Polyphem und die anderen in seiner Erzählung auftretenden Barbaren zu verhalten, ihm zu helfen und die Geschichte seiner Irrfahrt nunmehr zu einem guten Ende zu bringen.
Teil der Bildung und des Menschseins
Die hier nur in groben Zügen vorgestellte Szene der Odysseebelegt die Geburt der literarischen Erzählung aus dem Geist des erzählten Erzählens. Zugleich ist sie ein noch vergleichsweise schlichtes Beispiel dafür, wie facettenreich literarische Erzählungen unterschiedlicher Kulturen und Epochen verschiedene Formen der Wirkung des Erzählens sowie des Wechselverhältnisses von Erfahrung und Erzählung reflektieren.
Betrachtet man die Erzählung im Allgemeinen als einen Ort der Artikulation und Ordnung von Ereignisfolgen sowie der Archivierung von Wissen, so lässt sich der besondere Fall der literarischen Erzählung wiederum als jenen Ort begreifen, an dem eine Kultur ihre Voraussetzungen hinterfragt und die Formen und Folgen des Ordnens und Archivierens von Ereignisfolgen erprobt und reflektiert. Versteht man Bildung im emphatischen Sinne als das, was ein sonst animalisches Zweckwesen zum Menschen macht, dann gehört die mit der literarischen Erzählung eröffnete Möglichkeit zur freien Gestaltung und Reflexion unterschiedlicher Arten von Sinnbildung durch das Erzählen also gleichermaßen wesentlich zu Bildung und Menschsein dazu.
Weiterführende Literatur:
Christian Klein u. Matías Martínez (Hg. 2009): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. Stuttgart; Matías Martínez (Hg. 2011): Handbuch Erzählliteratur. Stuttgart; Matías Martínez u. Michael Scheffel (2012): Einführung in die Erzähltheorie. 9. Aufl., München; Michael Neumann (Hg. 2000), Erzählte Identitäten: ein interdisziplinäres Symposion. München, Michael Scheffel (2004): „Erzählen als anthropologische Universalie. Funktionen des Erzählens im Alltag und in der Literatur“. In: Manfred Engel u. Rüdiger Zymner (Hg.): Anthropologie der Literatur. S. 121-138, Paderborn; Michael Scheffel (Hg. 2005.): Erzählen. Theorie und Praxis. Der Deutschunterricht, H. 2, 2005.