Vielleicht kennen Sie Florence Kasumba als Tatortkommissarin, Dunja Hayali als eine der bekanntesten Moderatorinnen und auch einen Film vom Regisseur Fatih Akin haben Sie sicher schon mal gesehen. Aber können Sie auch etwas mit Kanackische Welle oder „Chabos wissen, wer der Babo ist“ anfangen? Der deutsch-arabische Podcast und die Songzeile von Rapper Haftbefehl sind bekannte Beispiele der migrantischen Jugendkultur, die derzeit die deutsche Medienlandschaft belebt.
Jede vierte Person in Deutschland hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Das heißt, sie oder mindestens ein Elternteil ist nicht in Deutschland geboren.1 In den deutschen Medien kommen Migrant:innen der ersten, zweiten oder dritten Generation aber nur selten zu Wort, selbst dann, wenn über sie berichtet wird. Und wenn sie in den Medien erwähnt werden, dann meist in negativen Kontexten wie beispielsweise Gewalttaten und Überfremdung. Nur selten stehen Chancen im Vordergrund. Erfolgsgeschichten bilden die absolute Ausnahme.2 In den letzten Jahren hat sich das ein wenig geändert: Die zweite Generation Einwander:innen bringt Lebensrealitäten, Geschichten und Perspektiven von Migrant:innen und Postmigrant:innen immer mehr in den Vordergrund, schafft Sichtbarkeit für ethnische Minderheiten und bildet Communitys, die junge Menschen empowert.
Mit den Gastarbeiter:innen entstanden in Deutschland zwar auch einige fremdsprachige Gastarbeiterprogramme; die älteste Sendung Mezz’ora Italiana wurde ab 1961 auf Italienisch ausgestrahlt. Auch heute gibt es noch immer vereinzelt Angebote von und für Minderheiten wie beispielsweise die Seite InfoMigrants, an der die Deutsche Welle beteiligt ist oder auch das Refugee Radio des WDR, das Nachrichten auf Arabisch sendet.3 Die meisten Angebote richten sich dabei aber hauptsächlich an Migrant:innen der ersten Generation und senden in der jeweiligen Heimatsprache. Außer Acht gelassen werden dabei die zweite oder dritte Generation, die Kinder und Enkel der damaligen Einwander:innen. Sie sind in Deutschland (geboren und) aufgewachsen, zur Schule gegangen, sprechen die deutsche Sprache und fühlen sich auch als Deutsche. Solche Postmigrant:innen fühlen sich von deutschen Medien weder repräsentiert noch wirklich wahr genommen. Dabei gibt es spezielle Themen, die sie behandeln und diskutieren wollen, wie das Aufwachsen zwischen zwei oder mehreren Kulturen, die Suche nach Anerkennung sowohl von der Elterngeneration als auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft oder auch die Suche nach der eigenen Identität.
Migration prägt deutschen Hip-Hop
Vor allem in der deutschen Hip-Hop Szene sind Identität, Fremdheit und Migration wichtige Themen. Mit fast 20 Prozent macht das Genre den zweitgrößten Anteil am Umsatz der Musikindustrie in Deutschland aus und ist vor allem unter Teenagern sehr beliebt.4 Aber während der Hip-Hop made in Germany lange auf Bands wie die Fantastischen Vier oder Fettes Brot reduziert wurde, hatte Hip-Hop in der Realität mit Migration, sozialer Benachteiligung und prekären Lebensumständen zu tun.5 Der deutsche Gangsta-Rap wurde von Migrant:innen erst geformt,6 namentlich von niemand geringerem als Bushido7. DieGangsta- und Straßenrapper waren immer Teil einer Minderheitsgesellschaft. Als Kinder von Flüchtlingen oder Gastarbeiter:innen spielt die Migrationsgeschichte eine wichtige Rolle in ihren persönlichen Erfahrungen. Das ist auch in ihren Liedern zu erkennen.
Der Rapper Haftbefehl (von Fans auch „Hafti“ genannt), im Feuilleton sowie unter Bürger:innen gleichermaßen bekannt, gehört zu den Erfolgreichsten in der deutschen Hip-Hop-Szene. Aufgewachsen in Frankfurt am Main als Kind kurdischer Gastarbeiter:innen, thematisiert er unter anderem Drogen, das Leben auf der Straße und seine Heimat Kurdistan und wird mit seinem einzigartigen Stil zur Identifikationsfigur für viele (Post-)Migrant:innen: „Weil er unsere Sprache spricht.“8 Hier werden Geschichten aus ihrer Lebensrealität erzählt und in fesselnde Beats gepackt. Gängige Begriffe wie „Babo“ (Boss) oder „Chabo“ (Junge) sind aus dem Leben gegriffen, alltagsnah und prägen genau deshalb diese Szene. Aus der Beschimpfung „Kanacke“ machte Haftbefehl mit seinem zweiten Album „Kanackiş“ eine stolze Selbstbeschreibung. Ähnlich dazu verhält sich z.B. auch der Song „K4L“ der deutsch-kurdischen Künstlerin Ebow (siehe Titelbild), die mit der Songzeile „Kanak for Life“ zum Zusammenhalt, zum Gemeinschaftsgefühl der Community aufruft.9Gleichzeitig antwortet Ebow mit ihrem Song aber auch auf den Rassismus gegenüber BIPoC10 (Black, Indigenous and People of Colour) und wehrt sich. Genauso spricht der erst kürzlich veröffentliche Song von Nashi44 viele BIPoC an. Mit “Aus der Pussy“ gibt die Rapperin eine schlagfertige Antwort auf die immer wiederkehrende Frage „Woher kommst du wirklich?“.
Aber auch außerhalb des Rap singen Popstars vom bikulturellem Leben und vereinen die Klänge aus der Kultur ihrer Eltern mit ihren eigenen. Die türkischstämmige Sängerin Elif z.B. baut in ihrem 2017 veröffentlichten Album „Doppelleben“ Instrumente wie das Duduk, die armenische Flöte, ein und behandelt in ihren Songs das Hin- und Hergerissensein zwischen Sprachen, Kulturen und Umfangsformen. 11 In ihren Lyrics richtet sie sich auch häufig direkt an ihre Eltern: „Ich will euch alles sagen können, damit ihr seht und versteht, wer ich bin […] Ja, ich bin und bleibe euer Kind, aber bei euch kann ich nicht mehr weinen. Ihr habt’s ja besser nicht gelernt, sollte es bei uns nicht anders sein?“ Auf Türkisch singt sie: „Ben Böyleyim“ (zu Deutsch: Ich bin so, wie ich bin).
Formate von und für die zweite Generation
Und so werden Künstler:innen wie Haftbefehl oder Elif zum Sprachrohr der zweiten Generation, die zwar in Deutschland sozialisiert wurde und trotz allem noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft ist. Sie singen und rappen von Konflikten innerhalb der Familie, verwenden Sprache und Melodien ihrer Eltern und werden damit nahbarer für junge Zielgruppen als andere deutsche Künstler:innen ohne Migrationsgeschichte. Genauso wie postmigrantische Perspektiven die deutsche Musikbranche prägen, werden auch postmigrantische Stimmen innerhalb deutscher Medien immer präsenter.

6,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund sind aktuell unter 25 Jahre alt. Nur gut ein Viertel ist selbst nach Deutschland eingewandert und gehört damit zur ersten Generation. Knapp drei Viertel (74 Prozent) sind in Deutschland geboren.12Während die öffentlich-rechtlichen Medien die zweite Generation lange Zeit nicht oder kaum in den Blick genommen hat, nimmt die zweite Generation das Mikrofon selbst in die Hand und spricht in selbst erschaffenen Räumen aus ihrer Perspektive: Was bedeutet Integration für sie, wer sollen diese Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich sein und sind sie nicht auch Teil von Deutschland? Welche Erfahrungen mit Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung haben sie gemacht? Was bedeutet es, zwischen mehreren Kulturen, zwischen den Stühlen aufzuwachsen und was macht das mit der eigenen Identität?
Zahlreiche Formate sind so in den letzten Jahren in Form digitaler Medien entstanden. So zum Beispiel YouTube-Formate wie Datteltäter, Karakaya Talks oder Podcast wie KanaCKische Welle, Feuer & Brot oder Rice and Shine.
All diese Formate werden von der zweiten Generation moderiert und produziert und richten sich an eine spezifische Community, in der Menschen aus ähnlichen Kulturkreisen zu Wort kommen und nicht nur Lebensrealitäten teilen, sondern sich auch darin wiederfinden können. Spezielle Themen, die ihre Community betreffen, aber auch solche darüber hinaus, die stellvertretend für viele ethnische Gruppierungen Deutschlands stehen, werden behandelt und diskutiert: So zum Beispiel die kulturelle Aneignung von Speisen oder Frisuren, Männlichkeit in verschiedenen Kulturkreisen, Weiße Zerbrechlichkeit, Black- und Yellowfacing in der Popkultur, Beschneidung und Religion, Familie und Erwartungen, sozialer Aufstieg und Armut.
Nahbar zwischen Pop und Politik
AuchaufTikTokundInstagramwerden Themen wie Migration und Integration niederschweflig und unterhaltsam aufgegriffen. Die Vietnamesin Uyen Ninh (@uyenthininh) erreicht beispielsweise mit ihren Videos zum Leben in Deutschland bereits 389 Tausend Follower auf Instagram.
Als eines der ersten erfolgreichen Formate setzte sich das satirische YouTube-Format Datteltäter durch. Die kritische, aber unterhaltsame Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus räumt mit Stereotypen auf und sensibilisiert gegen Diskriminierung. Nicht nur unter User:innen ist Datteltäter ein beliebtes Format, 2017 wurde die Gruppe sowohl mit dem Grimme Online Award als auch mit dem Smart Hero Award ausgezeichnet. Letzteres argumentierte wie folgt: „Den ‚Datteltätern‘ gelingt es, die Realitäten geradezurücken, ohne sie zu beschönigen. […] Sie wenden sich auch an eine Zielgruppe, über die zu wenig berichtet wird und die kaum einmal selbst zu Wort kommt. Hier wird sie selbst zum Herrn ihrer eigenen Geschichte, aber nicht mit trotziger Jetzt-erst-recht-Haltung, sondern mit den leichter wirkenden, aber umso schwieriger umzusetzenden Mitteln der Ironie und der Satire.“13

Im YouTube-Talk-Format BlackRock Talkslässt Moderatorin Esra Karakaya Menschen zu Wort kommen, die in den großen Talk-Shows oft fehlen. Und das auf nahbare, alltagsnahe und frische Art und Weise. Themen zwischen Pop und Politik werden dabei oft persönlich, aber immer respektvoll diskutiert. Das Format kam so gut an, dass es 2019 auch vom funk-Netzwerk finanziert wurde und 2020 sowohl den Axel-Springer-Preis als auch den Grimme Online Preis ergatterte. Trotzdem trennten sich Karakaya und der öffentlich-rechtliche Rundfunk bald. Ihre Inhalte landen weiterhin auf YouTube und werden noch immer vielfach konsumiert.14
Postmigrantische Podcasts
In den letzten Jahren haben sich auch diverse postmigrantische Podcast-Formate durchgesetzt. Zu Beginn finanzierten die Podcaster:innen ihre Projekte vorerst aus eigener Tasche, bevor sie dann finanzielle Unterstützung von ihren Communitys erhalten konnten. Die Community selbst bauen sie sich mithilfe von Social Media-Plattformen wie Instagram auf, beziehen sie mit ein und vernetzen sich so mit ihren Follower:innen. Über die Plattform Steady können Hörer:innen und Fans ihre Idole mit einem Betrag ihrer Wahl unterstützen und erhalten im Gegenzug dazu z.B. Merchandise-Artikel oder auch Newsletter mit Neuigkeiten oder Veranstaltungstipps. Etablierte Medienhäuser haben den Trend erkannt und steigen nun auf den fahrenden Zug. Sie fangen an, solche Formate einzukaufen.
KanaCKische Welle ist ein Podcast über die arabische Diaspora von und mit den Journalistinnen Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia. Seit 2021 ist Kanackische Welle ein Format von funk.
Rice and Shine ist ein Podcast aus deutsch-vietnamesischer Perspektive mit den Journalistinnen Vanessa Vu und Minh Thu Tran. Erst im Frühjahr 2021 erhielten Tran und Vu den CIVIS Medienpreis. Rice and Shine istseit 2021 ein Podcast von ZEIT und WDR Cosmo.
Wichtiger Vorreiter für die postmigrantische Podcast-Welt ist Frank Joung. In seinem Podcast Halbe Katoffl lässt er als Erster in Deutschland Menschen mit verschiedenen Migrationsgeschichten zu Wort kommen und spricht mit ihnen über Themen wie Identität, Vorurteile, Herkunft und Rassismus.

Seitdem haben sich viele weitere postmigrantische Formate für andere Communitys (z.B. Two Blacks & a Jew, Vincent Kadiri und Nathan Bechhofer) entwickelt, aber auch welche, die Minderheitenthemen intersektional ausweiten und beispielsweise. sexuelle Orientierung innerhalb einer Community in den Blick nehmen (BBQ Podcast, Bin ich Süßsauer). Aber auch aus den Sendern selbst kommen mittlerweile vereinzelt diversere Formate, der Chai Society-Podcast von Radio Bremen oder die SWR Show Five Souls mit Hadnet Tesfai, Natasha Kimberly und Thelma Buabeng seien hier genannt.
Richtige Worte aus der Innenperspektive
Migrantische digitale Angebote haben ihre Spezifika und stellen eine Besonderheit innerhalb der gesamten deutschen Jugendkultur dar: Kinder von Gastarbeiter:innen, von Migrant:innen, von Geflüchteten haben sich selbst einen Raum gegeben, um aus ihrer Perspektive zu sprechen und Menschen aus ihrer Community sprechen zu lassen, die normalerweise in der deutschen Medienlandschaft zu kurz kommen würden: Perspektiven von innen, Stimmen aus der ersten Generation, Identitätskonflikte aus erster Hand.
Dabei geht es jedoch nicht nur um mediale Repräsentation als Darstellung, es geht um gesellschaftliche Teilhabe und darum „eigene Stimmen“ in die Medien zu integrieren. Es geht um Sichtbarkeit, um persönliche Geschichten und um Identitäts- und Communitybildung. Mehr noch, es geht um eine „verstärkte Präsenz und Teilhabe von ethnischen Minderheiten als politisches Ziel“.15

Diese Medien von und für Migrant:innen bereiten komplexe Inhalte journalistisch und pädagogisch auf und erklären dabei gesellschaftliche Phänomene wie Kulturelle Aneignung, White Saviourism (Feuer & Brot, Folge 33 & 45) oder räumen auch mit verstaubten Vorurteilen auf. Rice and Shine widerlegt in ihrer Folge „Bubble Tea“ zum Beispiel die Mythen rund um „ungesundes“ Glutamat und dem Milchtee mit Tapiokaperlen. Kanackische Wellewurdefür ihre Folge „Penis-Gesundheit & Beschneidung der Vorhaut“ sogar mit dem Medienpreis der Deutschen Gesellschaft für Urologie ausgezeichnet. Des Weiteren greifen Minderheiten-Podcasts auch wichtige aktuelle oder historische Ereignisse auf und setzen sie damit nicht nur im Kontext auseinander, sondern machen solche Themen auch für die Masse zugänglicher. Sie leisten Erinnerungs- und (politische) Bildungsarbeit für die junge Zielgruppe. Postmigrantische Formate helfen einer ganzen Generation von Menschen dabei, die richtigen Worte zu finden, bei politischen Debatten nicht mehr stumm zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen, zu empowern.
Minderheiten in den Medien sichtbarer machen
Auch wenn sich mittlerweile vereinzelt (post)migrantische Medienmacher:innen erfolgreich etablieren konnten, gibt es noch Luft nach oben. Eine Studie der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) zeigt, dass Migrant:innen und Postmigrant:innen in der deutschen Medienwelt noch nicht ganz angekommen sind. Nur acht von 126 befragten Führungskräften deutscher Medienhäuser geben an, einen Migrationshintergrund zu haben. Die NdM fürchten deshalb um den Anschluss der deutschen Medien an die deutsche Realität.16 Umso wichtiger ist es, Minderheiten in den Medien sichtbarer zu machen, (post)migrantische Stimmen auch in Mainstream-Formate zu integrieren und auch andere Themen außerhalb von Migration, Rassismus und Integration zu Wort kommen zu lassen. Es geht aber auch darum, Minderheiten den Weg in die Medien zu ebnen, bereits bestehende Formate zu fördern und (finanziell) zu unterstützen.
Den Medienpädagog:innen unter Ihnen rate ich, Workshops abseits von Medienkompetenz und Cybermobbing zu machen und mit jungen Menschen Hip-Hop zu analysieren oder einen Podcast mit Geschichten aus ihrem eigenen Leben aufzunehmen. Da fühlen sich die einen oder anderen vielleicht genauso empowert wie die Fans von Haftbefehl und Co. und lernen nebenbei genauso viel über die Macht und Wirkung von Medien.
