Mangelnde Empathie, Rachegelüste, fehlende Aufmerksamkeit oder schlichtweg Langeweile – die Beweggründe der Täter:innen für digitales Mobbing sind vielfältig. Dabei ist ihnen nicht immer bewusst, dass sie eine Straftat begehen und ihre zumeist anonymen Attacken aus dem Smartphone bei den Betroffenen zu gesundheitlicher Beeinträchtigung führen, sogar bis hin zu Angstzuständen, Depressionen und Suizidgedanken. Verschärft durch die Coronapandemie ist Cybermobbing längst zum Dauerproblem unter Kindern und Jugendlichen geworden, vor allem im Teenager-Alter von 13 bis 15 Jahren. Neben der Aufklärung über strafrechtliche Folgen wird in der Präventionsarbeit frühzeitig die Empathiefähigkeit junger Menschen gestärkt, indem sie mit intensiven Methoden die Perspektiven der Täter:innen, Mitläufer:innen und Opfer einnehmen.
In diesem Beitrag geht es um Mobbing von Schüler:innen über digitale Kommunikationswege, die über die Infrastruktur Internet laufen. Digitales Mobbing ist oft mit dem analogen Mobbing gekoppelt bzw. eine Weiterführung im digitalen Raum, kann jedoch auch eigenständig bestehen bzw. seinen Anfang im digitalen Raum nehmen (wie beispielsweise im bekannten Cybermobbing-Fall um den YouTuber „Drachenlord“, aufgearbeitet im Podcast „Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?“1).
Die ersten Cybermobbing-Fälle, die weltweit für das Phänomen sensibilisierten, sind die von Megan Meier2in 2006 und von Amanda Todd3in 2012. Beide Mädchen waren digital gemobbt worden und begingen aus ihrer Hilflosigkeit heraus Selbstmord.
Grundsätzlich lässt sich an dieser Stelle behaupten, dass durch die Möglichkeit, dass jede und jeder relativ einfach Inhalte auf die Portale von Anbieter:innen stellen konnte, auch das Cybermobbing seinen Anfang nahm. In den 90er Jahren, in denen – zumindest theoretisch – erstmals die digitale Infrastruktur des Internets der Allgemeinbevölkerung zur Verfügung stand, aber praktisch ohne technisches Fachwissen kaum für das Einstellen eigener Inhalte genutzt werden konnte, spielte das Cybermobbing keine Rolle.
Die Technologie des WorldWideWeb 2.0 ermöglichte um die 2000er-Jahre auch für technisch nicht affine Menschen das einfachere Erstellen von Inhalten, das Kommentieren und das „Liken“. Die Geräte wurden immer mobiler und konnten von verschiedenen Bevölkerungsschichten unterschiedlicher Altersstufen genutzt werden. Die Oberflächen wurden zunehmend anwender:innenfreundlich und setzten keine langen Lernphasen bis zum ersten digitalen Erfolgserlebnis voraus.
Weit verbreitet – hoch traumatisierend
Mobbing ist weit verbreitet in Schulklassen. „Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge leiden in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder unter fortwährenden Attacken der Schülerschaft“, heißt es aktuell in den Materialien des Webportals Klicksafe zum Thema Cybermobbing.4Andere Studien führen höhere Zahlen auf: So vermeldet das Bündnis gegen Cybermobbing in ihrer Studie in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse: „Mehr als ein Drittel (38,1%) aller befragten Schülerinnen und Schüler waren schon einmal Opfer von Mobbingattacken.“5

Zwischen beiden Aussagen sollte allerdings differenziert werden. Einmal Opfer von Mobbingattacken zu werden, ist nicht das Gleiche wie fortwährende Mobbingattacken. Die klassische Mobbing-Definition von Dan Olweus lautet: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist. Dabei besteht zwischen Tätern und Opfern meist ein Ungleichgewicht der Kräfte.“6Der Zeitraum, über den die Attacken andauern, zieht sich oft lange hin, bevor vom Mobbing gesprochen wird. Hans Leymann verweist im Bereich des Mobbings am Arbeitsplatz darauf, dass der Psychoterror mindestens ein halbes Jahr andauern muss, um als Mobbing bezeichnet zu werden.7
Bei einigen Definitionen von Cybermobbing fehlt als Charakteristikum die Dauer bzw. fortwährende Wiederholung der Attacken. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schreibt auf seiner Seite „Unter Cyberbullying oder Cybermobbing versteht man die Beleidigung, Bedrohung, Bloßstellung oder Belästigung von Personen mithilfe von Kommunikationsmedien, beispielsweise über Smartphones, E-Mails, Websites, Foren, Chats und Communities.“8Dabei stellt die Dauer bzw. die Wiederholung ein wesentliches Merkmal von (Cyber-)Mobbing dar. Denn gerade durch die Vielzahl der kleinen Ereignisse stellen sich bei Betroffenen traumatisierende Zustände ein. Jede Nachricht, die das Smartphone durch kurzes Aufleuchten anzeigt, kann eine Cyberattacke sein. Im Gegensatz zum analogen Mobbing gibt es keine freien Zeiten oder Freiräume, sondern die ständige Möglichkeit eines digitalen Angriffs und keine überschaubare Angreifer:innengruppe.
Digitale Kommunikation enthemmt
John Suler entwickelte 2001 die Theorie des Online Disinhibition Effects. Er zählte sechs Faktoren auf, die Enthemmung im Internet fördern, welche u. a. auch von Ingrid Brodnig zitiert worden sind9
- Anonymität: Man fühlt sich nicht so leicht verwundbar, wenn die anderen den eigenen Namen nicht kennen;
- Unsichtbarkeit: Während die Anonymität den realen Namen verbirgt, fallen bei der Unsichtbarkeit nonverbale Signale weg;
- Asynchronität: Auf einen hasserfüllten Kommentar gibt es oft kein unmittelbares Feedback. Man muss sich also nicht sofort damit beschäftigen, was die eigenen Worte anrichten. „Experten bezeichnen dieses Phänomen mitunter als ‚emotionale Fahrerflucht‘“;
- Phantasievorstellung vom Gegenüber: Beim Online-Chat mit jemandem wird im eigenen Kopf eine Idee vom anderen entwickelt. Bei dieser fließt aber in Wirklichkeit sehr viel von der eigenen Persönlichkeit ein;
- Trennung zwischen Online- und Offline-Charakter: Die „dissoziative Vorstellungskraft“ beschreibt die Idee, dass online andere Regeln gelten würden, dass alles nicht so ernst sei, sondern nur ein Spiel;
- Fehlende Autorität: In vielen Foren oder in sozialen Netzwerken wird wenig bis nahezu gar nicht moderiert. Die Gefahr, dass eine Beschimpfung zu einem Ordnungsruf führt, ist verglichen mit vielen Diskussionen außerhalb des Internets äußerst gering.
Kinder und Jugendliche werden meist nicht von Erwachsenen in diese Eigenheiten der digitalen Kommunikation eingeführt. Auf analoge Kommunikationssituationen werden sie hingegen vorbereitet, Vorbilder sind Eltern, Lehrkräfte usw. In der digitalen Kommunikation, in digitalen Kommunikationsräumen fehlen jedoch Vorbilder wie auch die Begleitung durch Erwachsene. Dabei müssten Kinder und Jugendliche auf die Eigenheiten der digitalen Kommunikation in ihrer Ausbildung zur Medienmündigkeit vorbereitet werden, um in digitalen Räumen keinen Schaden zu nehmen. Diese Eigenheiten wären neben der oben angeführten Enthemmung:
- Schnelligkeit der Kommunikation über die Infrastruktur Internet;
- Reichweite durch „Schneeballeffekt“;
- Distanz (erleichtert enthemmte Kommunikation);Verstärkung durch KI-gesteuerte Filterblasen;
- Belohnung negativer Postings im Social Media durch erhöhte Aufmerksamkeit.

Schlimm – Schlimmer – am Schlimmsten?
Womit dieser Text beim Präventionsgedanken angekommen wäre. Präventionsprojekte in der außerschulischen Jugendarbeit und -bildung sowie in Schulen gibt es in den unterschiedlichen Bundesländern. An dieser Stelle soll beispielhaft berichtet werden aus dem Präventionsprojekt der Landesstelle Jugendschutz in Niedersachsen10, welches vom Autor mitkonzipiert wurde und in dem er als einer der Trainer in außerschulischer und schulischer Bildung unterwegs ist.
Hier ein Blick in die Praxis: Damit sich die Schüler:innen zunächst theoretisch an das Thema annähern, erstellen sie eine eigene Definition vom Begriff „Cybermobbing“ und sammeln mögliche Arten und Formen von Cyberattacken. Eine beispielhafte Sammlung zeigt die Abbildung 1 aus einem Onlinekurs einer 8. Klasse. Um mit den Schüler:innen ins Gespräch zu kommen, erlaubt das DSVGO-konforme Online-Tool Oncoo die erstellte Tafel zu kopieren und dann den Schüler:innen erneut zur Verfügung zu stellen. Zwei oder mehrere Kleingruppen sortieren für sich die Formen und Arten von Cyberattacken nach dem Ranking „schlimm – schlimmer – am schlimmsten“ von links nach rechts.
Die Abbildungen 2und 3 zeigen die Ergebnisse von Mädchen und Jugend getrennt. Interessant sind hier die Unterschiede. Die Jungen bewerten „bloßstellen“ als schlimmer als die Mädchen; und die Mädchen „Bilder verbreiten“ schlimmer als die Jungen.


In der späteren Diskussion stellt sich heraus, dass die Schüler:innen für die von ihnen am wenigsten schlimm bezeichneten Cyberattacken Bewältigungsstrategien entwickeln konnten, für die allerschlimmsten hingegen nicht (vielleicht ist das auch kaum möglich) .
Die Schüler:innen trugen verschiedene Formen und Arten von Cyberattacken zusammen, wie sie auch in der Fachliteratur definiert werden. Dies wären:
- Haressment: Angriff in Form einer Beleidigung oder Drohung;
- Denigration: Aktivitäten, die dem Ansehen des/der Betroffenen schaden. Dazu gehört die Verbreitung von Gerüchten und Lügen, unter anderem auch Fotos, die Betroffenen peinlich sind oder sie in ein ungünstiges Licht stellen;
- Impersonation: Angreifer:innen geben sich selbst als Betroffene aus;
- Outing: Täter:innen verbreiten privates, bisweilen intimes Wissen über Betroffene;
- Exclusion: Betroffene werden ganz gezielt aus gemeinsamen Online-Aktivitäten ausgeschlossen.
An dieser Stelle fließt als Präventionsgedanke die Aufklärung über mögliche strafrechtliche Folgen solcher Cyberattacken ein. Für viele Schüler:innen ist es eine neue Erkenntnis, dass das Strafgesetzbuch auch in der digitalen Welt gültig ist. Dass die Verletzung des Rechts am eigenen Bild straf- und zivilrechtlichen Folgen haben kann und dann auch Schüler:innen ab 14 Jahren bzw. ab 7 Jahren herangezogen werden können, hat für einige eine abschreckende Wirkung. Pädagogischer Tipp an dieser Stelle: Da viele Schüler:innen gar nichts über strafrechtliche Konsequenzen wissen und das Internet als rechtsfreien Räume begreifen, hat es bei mancher Cybermobbingattacke schon geholfen, dass sich Angreifer:innen nach dem Zuschicken von Gesetzestexten bei Angegriffenen entschuldigt haben. Im Angebot sollte eine Prävention daher eine „Entschuldigungsformel“ für Angreifer:innen haben.
Prävention mit be-greifbaren Methoden
Mobbing ist meist ein Gruppenphänomen, das in Zwangsgemeinschaften wie etwa Schule oder Arbeitsplatz auftritt. Wie eingangs geschildert, finden vom analogen Mobbing ausgehend auch Angriffe im Digitalen statt, die, wenn die Angriffe sich häufen und auf immer die gleiche Person abzielen, als Cybermobbing bezeichnet werden. Das Präventionsprojekt in Niedersachsen versucht mit spielerischen Methoden für das Rollenensemble im (Cyber-)Mobbing-Prozess zu sensibilisieren und die Schüler:innen empathisch zu erreichen. Jeder Rolle ist eine „be-greifbare“ Methode zugeordnet. Geht es bei Mobber:innen darum zu erfahren, warum das Erleben von Macht so großartig ist, will man bei den Mittäter:innen gewahr werden, dass Spaß offenbar einer der „Hauptgewinne“ beim Mitmachen zu sein scheint. Von den von Mobbing Betroffenen soll hingegen in Erfahrung gebracht werden, wie verletzend ein negativer Kommentar sein kann. Dazu hat der Autor eine Methode entwickelt, die als „Stille Post“ bezeichnet wird, aber nicht mit dem bekannten Gruppenspiel verwechselt werden darf. Die Methode wird im Folgenden näher beschrieben.
Das Arbeitsmaterial bei der Methode stellen ausreichend Briefumschläge mit Haftnotizen dar. Die Haftnotizen sind mit genderfreien Beleidigungen beschriftet, die in nicht zugeklebten Umschlägen stecken. Diese Umschläge werden an die Schüler:innen verteilt mit der klaren Ansage, dass jede:r jetzt eine ganz persönliche Nachricht erhält, diese darf aber nicht geöffnet, sondern nur gehalten werden, bis die Spielleitung weitere Anweisungen gibt. Die Schüler:innen dürfen während der ganzen Zeit nicht sprechen. Die Zeit, in der sie mit dem ungeöffneten Umschlag auf Instruktionen warten, sollte dem Halten eines Smartphones entsprechen, dessen Licht oder Tonsignal uns darauf aufmerksam macht, dass eine neue Nachricht eingetroffen ist.
Die Spielleitung gibt vor dem Öffnen des Umschlages weitere Anweisungen: Die Nachricht ist persönlich und soll im Umschlag kleben bleiben. Niemand anderes soll sie sehen. Daraufhin öffnen die Schüler:innen den Umschlag, werden mit der Beleidigung konfrontiert, sind erschrocken oder lachen verdutzt. Nach dem Durchlesen der Nachricht sollen die Schüler:innen den Umschlag wieder zuklappen, der dann von der Spielleitung wieder eingesammelt wird. Erst wenn die Spielleitung sitzt, darf wieder gesprochen werden.
Nach dem Einsammeln stellt die Spielleitung nun folgende Fragen: Wie war es für dich den Umschlag zu bekommen und zu halten? Wie hat sich das angefühlt dies zu lesen? Wie war das allein zu sitzen, ohne Möglichkeit dies jemand anderen mitzuteilen? Die Erfahrung berührt die Schüler:innen. Einige unter ihnen haben noch nie so eine negative Äußerung erhalten, andere lachen über den Inhalt. Da schließt sich die Frage an, was in dem Brief drinnen stehen müsste, um sicher zu gehen, dass sie nicht mehr lachen würden. Wo ist deine Beleidigungsgrenze?
Rollenspiel: Bloßgestellt im Netz
Eine weitere Möglichkeit, den Beginn von Cybermobbing und die „invisiblen Strukturen“11sichtbar zu machen, die den Prozess ermöglichen, ist das analoge Planspiel Bloßgestellt im Netz, in dem die Folgen einer Cyberattacke in einem simulierten Klassenchat erfahrbar gemacht werden. Das analoge Planspiel liegt in einer digitalen Variante12vor, welche von der Aktion Jugendschutz in Bayern in Kooperation mit der Landesstelle Jugendschutz e. V. in Niedersachsen erstellt worden ist.
Das Spiel entwickelt eine Eigendynamik, da die Schüler:innen aus ihren Rollen heraus in einem DSGVO-konformen Chat agieren. In der Nachbetrachtung des Chats mit den Schüler:innen werden die Rollenabsichten deutlich, die Ängste und Wünsche der Beteiligten. Zunehmend zeigt sich dabei die Bedeutung bzw. die Macht der Gruppe in (Cyber-)Mobbing-Prozessen, also auch die der so genannten By-Stander, Dulder:innen, Zeug:innen, also der Menschen, die genau mitbekommen, was passiert, aber nichts tun und sich raushalten. In dem analogen Planspiel „Bloßgestellt im Netz“ oder der digitalen Variante Luk und Coco entscheiden sie, ob sie Mobber:innen unterstützen oder Betroffenen helfen.
Durch die Authentizität des Chatverlaufs ist das Geschehen ganz nah an den Schüler:innen. Sie haben ihn aus ihren Rollen heraus mitproduziert und entscheiden mit, ob die Cyberattacke Erfolg hat und sie weitere Attacken zulassen, aus denen letztendlich (Cyber-)Mobbing entsteht. Die bisherigen Auswertungen und Reflexionen gemeinsam mit den Schüler:innen haben gezeigt, dass diese mit einer konkreten Erfahrung verbundene intensive Methode im Rahmen von Präventionsworkshops bei den Schüler:innen von Regelschulen, aber auch von Förderschulen gut angenommen und als erkenntnisreich empfunden wird.
Zum Abschluss einer Prävention sollten immer Hilfsangebote für Gemobbte genannt werden, die sich niemandem aus ihrem Umfeld anvertrauen wollen. Neben lokalen Angeboten und der „Nummer gegen Kummer“ hat sich in den letzten Jahren besonders die Online-Beratung des Vereins JUUUPORT13durch ausgebildete Medienscouts als ein seriöses und von jungen Menschen gern angenommenes Angebot herausgebildet.
Cybermobbing – Links für die Praxis
Was tun bei (Cyber)Mobbing?
Systematische Intervention und Prävention in der Schule, Ratgeber für die Praxis von Klicksafe.
Cybermobbing: Gewalt und Mobbing mit neuen Medien
Dosier des BMBWF mit Infos, Unterrichtsmaterialien, Beratungsstellen.
Planet Schule
Unter dem Stichwort „Cybermobbing“ finden sich zahlreiche Clips, Filme, Unterrichtsmaterialien zum Thema.
Internet-abc
Kinder und Eltern finden unter dem Stichwort „Cybermobbing“ jede Menge Informationen.