Da Jugendliche am besten durch andere Jugendliche aufgeklärt werden, unterstützt das Medienprojekt Wuppertal seit über 20 Jahren junge Leute produktorientiert bei ihren eigenen Videoproduktionen. Sexualpädagogik war dabei stets ein Themenschwerpunk; rund 100 der Film, die lokal in Kino präsentiert und bundesweit vertrieben werden, beschäftigen sich mit den verschiedenen Spielarten körperlicher Liebe. Wie näheren sich Jugendliche Themen wie Lust und Frust, Pornografie, Homosexualität oder Behinderung und Sexualität − ohne dass Pädagogen zum Spaßverderber werden?
Filme sind sexy. Filmen ist erotisch. Die Lust am Film, und dies gilt für die Filmemacherin genauso wie für den Rezipienten, zeigt sich als Kombination der verschiedenen Sinne im Zusammenspiel von Kopf und Herz, von Intellekt und Emotion – so weit zu den Parallelen zwischen Sex und Film. Mediale Artikulationen sind unterschiedlich und abhängig von der sozialen, kulturellen Herkunft, dem Geschlecht, dem Alter, der Bildung und der sexuellen Orientierung ihrer Macherinnen und Macher. Ein Interesse an sexuellen Bildern und Tönen besteht, unabhängig von der eigenen sexuellen Aktivität und Erfahrung, bei den meisten. Die im Folgenden beschriebenen sexual- und medienpädagogischen Konzepte und Erfahrungen stammen aus der langjährigen Arbeit des „Medienprojektes Wuppertal“, welches hier einen Schwerpunkt hat.
Jugendliche wollen sich in ihren Filmen artikulieren, sie wollen kommunizieren, sich mitteilen, sich produzieren und präsentieren. Jugendliche Filmgeschichten zeigen ihren Alltag, sie versuchen im Normalen das Besondere zu suchen. Erziehende, also auch Medien- oder Sexualpädagogen, wollen pädagogisch auf die Entwicklung Jugendlicher einwirken, sie wollen verhindern und fördern. Während Jugendliche in den beiden für sie wichtigen Themenfeldern Gewalt und Sexualität (insbesondere in Verbindung mit Medien) ein wichtiges Experimentierfeld sehen, betrachten Erwachsene diese zuvorderst als erzieherisches Problem. So wird der Pädagoge zum Spaßverderber. Wir Wuppertaler Medienpädagoginnen und -pädagogen sehen – sei es bezogen auf Jugendliche, auf Filme oder Sexualität – nicht zuerst die Probleme, sondern deren Potenziale und kreative Möglichkeiten.
Die Lust im Film – Sexfilmen
Jugendliche Artikulationen per Video zum Thema Sexualität wirken aufklärerisch, sowohl für die jugendlichen Filmproduzenten als auch für deren Rezipienten. Jugendliche werden durch das Filmen und durch die Filme angeregt, ihre Sexualität altersgemäß mit aller Lust und allen Problemen im Gespräch mit Freunden zu reflektieren. Die jungen Filmemacherinnen und Filmemacher präsentieren sich und ihre Körper lustvoll und experimentieren hierbei spielerisch mit Selbst- und Fremdbildern wie auch mit dem Voyeursblick. Die Filme über ihre Sexualität wirken mal erotisierend, mal entspannend, das heißt sie machen – auch – Lust auf „guten“ Sex. Filme zum Thema Sexualität sind meist vielschichtig, schließlich sind damit immer Identitäts- und Beziehungsentwürfe verknüpft. Die Produktionen der Jugendlichen ermöglichen den Zuschauern, eigene, auch fehlende, Erfahrungen nicht nur als ihr individuelles „Problem“ zu betrachten, zeigen sie doch meist verschiedene Möglichkeiten auf, wie Sexualität jenseits von medial verbreiteten Klischees und Zuspitzungen erlebt werden kann. Themen der Filme können zum Beispiel sein: Lust und Leidenschaft, Selbstbefriedigung, Orgasmus, das Verhältnis von Sexualität und Liebe, Verhütung bzw. Fruchtbarkeit, sexuelle Abstinenz, Anmache, sexuelle Phantasien, Pornografie, das „erste Mal“ oder auch nur Vorstellungen vom „ersten Mal“.
Videoarbeit ist per se beziehungsaktiv und erotisierend, ganz besonders in Projekten, die Sexualität thematisieren. Filmen ist kooperativ und spannungsgeladen, da ein gemeinsames emotionales Produkt geschaffen und präsentiert wird, das die Beteiligten zusammenführt. Wenn die Filmemacher ihre Filme inhaltlich reflektieren, werden persönliche Grenzen überschritten: Sie erfahren voneinander sehr Intimes und müssen daher sensibel miteinander umgehen. Durch ihre Selbstpräsentation von Körper, Sex und Beziehungsrollen in Interviews, Bildern und Szenen entstehen Neugierde und Nähe zueinander. Das Filmschaffen gleicht für sie einem Experiment im Umgang mit dem eigenen Körper wie auch eigenen sexuellen Erfahrungen und Vorstellungen, über die sie sich mit anderen Beteiligten und dem Publikum auseinander setzen. Die Intimität wirkt provokativ – ein Spiel mit dem Feuer, mit Lust und Angst für die Filmemacher, die Rezipienten und auch die unterstützenden Pädagogen. Die sexuellen Geschichten der Jugendlichen, die jungen Körper und experimentelle Sexualität machen neugierig, das nahe Fremde ist erotisch. Ein Tabu wird tangiert, im Kopf. Wichtig für die pädagogische Unterstützung von sexuellen Jugendvideoproduktionen sind die Reflektiertheit der Pädagoginnen und Pädagogen, die Entschlüsselung gegenseitiger Projektionen und die Achtung der Selbstbestimmtheit der Jugendlichen. Junge „Sexfilme“ schaffen etwas zwischen Erotisierung und Nachdenklichkeit für die Macher, Zuschauer und Pädagogen; sie zeigen und machen Lust.
Geschlechtsspezifische Medienarbeit
Videoarbeit ist in vielerlei Hinsicht geschlechtsunspezifisch. Die Unterschiede zwischen der Filmarbeit von und mit Jungen und Mädchen haben nicht vorrangig ihre Ursache im Geschlecht, sondern im sozialen und gesellschaftlichen Kontext. Die Reproduktion von Rollenklischees ist vor allem abhängig vom Grad der eigenen Reflexionsfähigkeit. Althergebrachte Helden- und Prinzessinnenmythen wirken antagonistisch zu tatsächlichen Männer- und Fraueninteressen, indem sie die Jungen unter einen ständigen Leistungsdruck setzen und Mädchen in die Passivität der ewig Wartenden und Nehmenden drängen. (Dieses gilt eher für Filmklassiker, im modernen Kino werden die Rollen oft umgedreht, was den Druck nicht mindert.) In ihrer Irrealität haben sie im filmischen Spiel mit der Illusion aber auch etwas Leichtes und Schönes, denn gerade wer im Alltag versagt, oder besser, wem der Alltag versagt wird, kann sich auf der Leinwand als Held projizieren. Held zu sein ist schön, die Rolle ist allerdings im Alltag unmöglich durchzuhalten. Ein Rollenwechsel – sogar hin bis zum Tausch der Geschlechtsrolle – ist im Film scheinbar folgenlos möglich; so wird Filmen zum Experiment für das Leben. Spaß am Film heißt dann, seinen Spaß am Jung-Sein, aber auch am Junge-Sein bzw. Mädchen-Sein zu zelebrieren. Jugendvideoarbeit arbeitet also nicht defizitär, sondern lustvoll und reflektiert nach vorne gerichtet.
Wenn Jungen oder Mädchen getrennt Filme produzieren, entwickeln sie durch eine weitgehende Autonomie gegenüber den Interessen des anderen Geschlechts Nähe zueinander und können in ihren Filmrollen oft freier agieren. Beim Anschauen der Filme können dann – getrennt oder gemeinsam – die eigene und die „fremde“ Sexualität reflektiert werden.
Pornogucken zum Beispiel
Zum Thema Pornografie gibt es eine sehr ideologisch geführte, spekulative Debatte, in der oft die jeweilige Moral und Einstellung der Erwachsenen zu generellen Urteilen über Jugendliche führen. Der schon bei jungen Jugendlichen weit verbreitete Pornografiekonsum wird skandalisiert und anders bewertet als Pornokonsum bei Erwachsenen. Ihre angebliche Gefährdung wird zur Projektion eigener moralischer Ansprüche.
In dem Dokumentarfilmprojekt Geiler Scheiß reflektierten Jugendliche offen ihren Umgang mit Pornografie. Im Mittelpunkt stand das Verhältnis zwischen Pornografie, Sexualität und Moralvorstellungen. Jugendliche befragten Jugendliche mit sehr verschiedenen Meinungen zum Thema Pornografie. Außerdem wurden drei Jungen und drei Mädchen n geschlechtsgetrennt beim gemeinsamen Pornokonsum dokumentiert. In der anschließenden Reflexion stand die Frage im Zentrum, was Pornografie für Jugendliche bedeutet, warum, wie viel und was sie und wie Pornografie auf sie wirkt. Welche Gefahren sehen sie für sich und andere, und welche Bedeutung haben Altersbeschränkungen und Verbote für sie? In welchem Zusammenhang steht Pornografie zu ihrer eigenen Sexualität und wie sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Pornografie wird auch moralisch, politisch und in Bezug auf das transportierte Menschen- und Frauenbild erörtert. Der Film ist nicht gegen, sondern über Pornografie und will dem Zuschauer die Bewertung überlassen.
So wie Jugendliche unterschiedlich sind, ist auch ihr Umgang mit Pornografie sehr verschieden. Viele kennen Pornografie schon ab dem Teeniealter und nutzen diese zur Selbstbefriedigung. Pornografie ist fokussierter Sex und deswegen spannend – nicht nur für Jugendliche, aber auch und besonders für sie, die Sex gerade erst für sich entdecken. Pornografie gehört für viele Jugendliche zum normalen Lebensalltag, auch weil der Zugang über das Internet sehr einfach und kostenlos ist. So haben gesetzliche Verbote für Jugendliche kaum Bedeutung. Wie der Filmtitel Geiler Scheiß nahe legt, hat Pornografie etwas Ambivalentes für die Jugendlichen, sie ist geil, sie ist „Scheiß“, sie ist erregend und abstoßend zugleich. Trotz der Alltäglichkeit von Pornografie und Selbstbefriedigung steht beides im gesellschaftlichen Abseits. Ansprüche und Wirklichkeit haben kaum etwas miteinander zu tun und erzeugen nur die Unaussprechlichkeit des gleichermaßen Lustvollen wie Peinlichen.
Queer gefilmt
Besonders für diskriminierte oder medial wenig und nur klischeehaft repräsentierte Gruppen bestehen einerseits ein besonders hoher Artikulationsdruck und eine starke Notwendigkeit zur Aufklärung. Homosexuelle Jugendliche müssen sich, anders als heterosexuelle, zwangsweise mit ihrer Identität und ihre Sexualität auseinandersetzen, um ihren Weg des Lebens und Liebens jenseits des Mainstreams zu finden. Neben den negativen Folgen dieses Drucks bedeutet dies in der Regel eine erhöhte Reflektiertheit und Kompetenz in puncto Sexualität. Junge Lesben und Schwule haben ein besonders großes Interesse an medialen Artikulationen, die als authentische Aufklärung aus „erster Hand“ für oder homosexuelle Jugendliche dienen, in Schule und Jugendarbeit Vorurteilen entgegenarbeiten und das Coming Out und die Akzeptanz von Lesben und Schwulen unterstützen.
Für junge Schwule und Lesben bedeutet Filmemachen auch, sich kennen zu lernen, auszutauschen und damit eine Vernetzung zu fördern. Nicht von der Hand zu weisen ist auch die beziehungsaktive Funktion des Filmens.
Zentrale Lebens- und deswegen Filmthemen sind hier: Kennenlernen und Verlieben, Coming out, Beziehungsformen und Beziehungsträume, Lust und Sexualität, Körper und Schönheitsideale, Diskriminierungserfahrungen, Rollen und Klischees, der Umgang in und mit der Szene, homosexuelle Migrantinnen und Migranten sowie interkulturelle Beziehungen, Bisexualität, Gewalterfahrungen und der Umgang mit Gewalt, Kinderwunsch, Geschlechtskrankheiten, Aids und Safer Sex. In ihren Filmen reflektieren, kritisieren und spielen junge Lesben und Schwule mit homosexuellen Klischees. Sie wollen sich nicht immer festlegen, auch wenn sie außerhalb und innerhalb der Szene festgelegt werden. Jungen artikulieren sich in den Filmen eher körperlicher, Mädchen eher sinnlicher. Die Filme können erotisch, witzig oder nachdenklich sein, Persönliches ist schnell politisch und für Heteros sind die sprachlich und bildlich offenen, sexuellen Thematisierungen oft provokant. Sie sind für Jugendliche auch ein Spiegel ihrer eigenen Sexualität und sexuellen Orientierung.
Filmen gegen die Ohnmacht
Jugendvideoarbeit ist auch Arbeit gegen Diskriminierung. Sie schafft zudem die Möglichkeit, Opfern und ihrem Leid eine Stimme zu geben. Die selbstproduzierten Filme können Jugendlichen sowohl präventiv als auch im Umgang mit sexualisierten Gewalterfahrungen helfen. Sie ermöglichen eine nach vorne gerichtete Verarbeitung und zeigen den Betroffenen Möglichkeiten auf, Ohnmachtserfahrungen zu verarbeiten und solidarisch voneinander zu lernen. Außerdem können solche Filme Umgangsstrategien für den Ernstfall beschreiben. Inhaltlich thematisieren diese Videoprojekte verschiedene Erfahrungen der Jugendlichen oder ihre Ängste vor sexualisierter Gewalt: sexueller Missbrauch im sozialen Nahraum von Familie, Nachbarschaft oder Schule, sexualisierte Gewalt durch Gleichaltrige, sexualisierte Gewalt im Internet.
Behinderte Liebe
Für die Filmreihe Behinderte Liebe produzierte das Medienprojekt Wuppertal Dokumentationen mit und über Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu den Themen Liebe und Sexualität. In den Filmen beschreiben die Beteiligten offen ihre positiven und negativen Erfahrungen, ihre Wünsche und Ängste in Bezug auf Liebe und Sexualität. Bei den Filmen geht es um das Kennenlernen, das Leben als Paar, das erste Mal, Partnersuche und Partnervermittlung, Verhältnis von Liebe und Sexualität, Lust und Selbstbefriedigung, Sexuelle Hilfen durch Sexualbegleitung und Prostitution, Geschlechtsrolle und sexuelle Identität, Homosexualität, Beziehungslosigkeit und Einsamkeit, Vorurteile und Diskriminierungen, Verhütung und Kinderwunsch, geistig behinderte Eltern und ihre Kinder.
Die Filme zeigen, wie ähnlich die Wünsche und Ängste, wie unterschiedlich aber das sexuelle Erleben auch bei Behinderten sind. Dabei stellen sie die Frage, wie stark sie sexuell und beziehungsmäßig behindert sind oder werden. Im Verlauf der Filmarbeit reflektieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die eigene Geschlechtsrolle, ihre sexuellen Wünsche, Ängste und Erfahrungen und durch ihre gesellschaftliche Partizipation. Durch den inklusiven Ansatz entstand eine Brücke von Verständnis, Empathie und Solidarität zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen.
Menschen mit Behinderungen haben nicht nur die gleiche Lust und das gleiche Interesse an Liebe und Sex auf der einen Seite und medialer Artikulation und Partizipation auf der anderen Seite wie Menschen ohne Einschränkungen, sie haben auf Grund ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Ausgrenzungen ein besonderes Interesse und Recht darauf. Gerade für diskriminierte Menschen ist die Möglichkeit, ihre Geschichten und ihre Themen selbstbestimmt medial zu publizieren, beziehungsweise solche Filme am besten an öffentlichen Orten zu rezipieren, die ihr eigenes Leben und Erleben thematisieren, besonders wichtig. Menschen mit Behinderungen wollen keine „behinderten“ Filme machen. Für ihre Filme und deren Publikation braucht es Medienpädagogen, die nach Bedarf unterstützen und zwar mit demselben Anspruch wie bei Menschen ohne Behinderung: Für einen möglichst guten, möglichst, vor allem inhaltlich, selbstbestimmten Film für ein möglichst großes Publikum und das möglichst öffentlich.