Medien informieren, inspirieren und verbinden. Doch wenn Jugendliche gesundheitsgefährdenden Körperidealen in TV und Internet nacheifern, zeigen sich die Schattenseiten der digitalen Welt. Superschlanke bis untergewichtige Models auf allen Kanälen prägen per se die Schönheitsvorstellungen vieler junger Menschen. Hungerwettbewerbe oder Pro-Ana-Manifeste in geschlossenen Gruppen, auf Blogs und in Insta-Posts, die selbstschädigendes Verhalten als erstrebenswerten Lebensstil propagieren, sind jedoch ein Fall für den Jugendschutz und sollten den Beschwerdestellen gemeldet werden. Für Hilfesuchende bietet das Netz eine Fülle an Unterstützungsangeboten.
„Mit diesen Rezepten purzeln die Kilos“, „Verbrenne 300 Kalorien in 30 Minuten“, „Die zehn besten Ausreden, um nichts essen zu müssen“. Nina K. erinnert sich gut an Beiträge wie diese, die bis vor wenigen Jahren ihren Instagram-Feed füllten. Seit sie 17 ist, kämpft sie mit der Magersucht. Ihre Gedanken kreisen ständig um das Thema Essen und Gewicht. Den genauen Auslöser für ihre Krankheit (sonst doppelt es sich mit dem Satz davor) kennt Nina nicht. Doch an den Druck, aussehen zu müssen wie Fitness-Influencer, erinnert sie sich: „Ich habe mich über mein Gewicht definiert, Abnehmen war einfach und hat mich selbstbewusst gemacht.“ Mit 32 Kilogramm begann die heute 23-Jährige eine Therapie in der Universitätsklinik Essen.
Ein Leben ohne Smartphone und Internet ist für viele heute undenkbar. Aufwachsen in einer digitalisierten und mediatisierten Welt ist für Kinder und Jugendliche eine Selbstverständlichkeit. Es wundert daher nicht, dass Medien einen erheblichen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers haben. Patrizia Barth vom Projektbüro Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht warnt ausdrücklich vor den Folgen, die der „Körperkult“ in sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche haben kann: „Immer häufiger sind Personen aus sozialen Medien für Kinder und Jugendliche ein Kompass für das gesellschaftliche Ideal eines weiblichen oder männlichen Körpers“, schreibt Barth in der Fachzeitschrift1 der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Ständiger Zugriff auf die Netzwerke bewirke, dass der Druck zur perfekten Selbstdarstellung dauerhaft anhält – und oft steigt.
Dünn wie Pamela Reif oder Heidi Klum
Essstörung ist ein Überbegriff für unterschiedliche Formen der Erkrankung, bei denen das Verhältnis zum Essen und die Körperwahrnehmung aus dem Gleichgewicht geraten sind. Betroffene haben Angst, zuzunehmen oder dick zu sein. Ihre Nahrungsaufnahme schränken sie radikal ein und nehmen immer weiter ab. Manche verlieren die Kontrolle über ihre Essensmengen. Die Ursache sind zumeist seelische Konflikte. Deshalb sagt man auch, „Essstörungen beginnen im Kopf“. Laut einer Studie2 des Robert Koch-Institutes zeigen etwa ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren ein auffälliges Essverhalten, Mädchen haben dabei fast doppelt so häufig Merkmale von Essstörungen wie Jungen. Social Media, Netflix, Werbung: Fast überall werden Nutzende mit Körperidealen und Zuschreibungen der Weiblich- und Männlichkeit konfrontiert. Mädchen streben dünne Körperideale an, während Jungen sich in dominanten Posen und Muskelspielen üben. Aktuelle Studien3 belegen den Einfluss von schlanken und sportlichen Influencern. Forscher befragten Menschen zwischen 13 und 52 Jahren, die sich in Behandlung wegen einer Essstörung befanden, welche Bedeutung Influencer für die Entwicklung der Krankheit haben. 50 Prozent der erkrankten Personen gaben an, dass das Profil des Models Heidi Klum einen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Essstörung gehabt habe und zu einer konkreten Übernahme des Sport- und Ernährungsverhaltens führte, genauso wie die Profile der Fitness-Influencerin Pamela Reif oder des Models Lena Gercke.
Medien, die selbstschädigendes Verhalten wie extremes Hungern, Drogenkonsum, Gewalt, Ritzen oder sogar den Suizid anpreisen und die Symptomatiken von lebensgefährlichen Krankheiten wie Essstörungen glorifizieren oder verharmlosen, stufen Medienrechtler als jugendgefährdende Medien ein. Sie versucht der Staat durch Regulierung und Kontrollmechanismen von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. Erst Mitte Januar dieses Jahres hatte der Bundestag eine Novellierung des Jugendschutzgesetzes beschlossen, die am ersten Mai in Kraft getreten ist. „Unser Jugendschutz stammt aus dem Jahr 2002, aus der Zeit von CD-Rom und Videokassetten, einer Zeit vor YouTube, Instagram und TikTok. Also quasi aus der digitalen Steinzeit. Es ist höchste Zeit, ihn fit zu machen fürs 21. Jahrhundert“, erklärte die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey4 die Notwendigkeit der Reform.
Ziel des Gesetzes ist es, jugendgefährdende Medien schneller sperren zu können und eine verpflichtende Alterskennzeichnung einzuführen. Dafür sollen die von Minderjährigen genutzten Internetdienste mit ins Boot geholt werden und effektive Vorsorgemaßnahmen treffen, damit Jugendliche erst gar nicht mit verstörenden Inhalten konfrontiert werden. Doch welche Schutzeinrichtungen installiert werden, bleibt den Anbietern selbst überlassen. Zusätzlich betrifft das Gesetz ausschließlich Dienstanbieter mit Sitz in Deutschland. Betreiber von relevanten Plattformen wie Instagram, Netflix, YouTube und TikTok sitzen jedoch in Irland oder den USA. Zu bürokratisch, zu kompliziert, ein schlechter Kompromiss, so beurteilen Experten das neue Gesetz.
Wo lauern jugendgefärdende Inhalte?
Für die Einhaltung des Jugendmedienschutzes sind Behörden und ihre Kontrollorgane wie die Landesmedienanstalten und die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zuständig. Jugendschutz.net als gemeinsame Stelle der Länder für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet unterstützt sie dabei. Im Rahmen eines Risikomonitorings im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sichteten die Mitarbeitenden von jugendschutz.net im Jahr 2019 rund 4600 Angebote zu selbstgefährdendem Verhalten, viele davon in populären Social Media Diensten wie Instagram, Facebook oder YouTube, die für Kinder und Jugendliche besonders wichtig sind. In mehr als 900 Fällen lag ein Verstoß gegen jugendschutzrechtliche Bestimmungen vor. Davon zeigten 21 Prozent einen klaren Bezug zu sogenannten Pro-Ana (Pro-Magersucht) und Pro-Mia (Pro-Bulimie) Inhalten.
Besonders auf jugendaffinen Plattformen dominieren Bilder und Videos extrem untergewichtiger junger Mädchen, berichtet Sarah Herrmann, Fachreferentin von jugendschutz.net. Kombiniert mit Motivationssprüchen und szenetypischen Hashtags, sollen die Inhalte eine anorektische Denk- und Lebensweise zum Ausdruck bringen und als sogenannte „Thinspirations“ (Zusammensetzung aus thin = dünn und Inspiration) oder aber „Bonespirations“ (bone = Knochen und Inspiration) zum Abnehmen anregen. Bei Recherchen im Rahmen des Risikomonitoring stößt jugendschutz.net ebenfalls auf Hungerwettbewerbe mit Mitmachaufforderungen wie „1 Like = 1 Stunde fasten“. Sie fordern Userinnen und User auf, die Nahrungszufuhr der Postenden durch Likes zu beeinflussen.
Ein Großteil der Inhalte richtet sich an junge Menschen, die hier Verständnis für den Wunsch nach einem vermeintlich perfekten Körper erhalten. Statt der dringend benötigten Aufklärung und psychologischen Unterstützung erhalten Betroffene anspornenden Zuspruch und werden meist immer weiter von der Krankheit eingenommen. Ein besonderes Augenmerk richtet die Jugendschutzorganisation derzeit auf Messenger-Gruppen: Betroffene ermutigen sich hier zum gemeinsamen Hungern und berufen sich auf programmatische Inhalte wie „Anas-Gebote“ und „Anas-Psalme“, die anorektische Körper verharmlosen und verherrlichen. Auch Tipps, wie die Essstörung verheimlicht werden kann oder welche Lebensmittel sich zum Erbrechen besonders eignen, werden hier ausgetauscht. Die Teilnahmeregeln: eine maximale Kalorienzahl pro Tag, regelmäßige Fasten- und Wiegetage, die Pflicht zum Posten von Körper- und Waagefotos oder die Durchführung von Hungerwettbewerben. Bei Regelverstößen oder zu geringer Gewichtsabnahme drohen Bestrafungen wie zusätzliche Fastentage oder eine noch beschränktere Kalorienzahl sowie extreme Workouts.
Hinweise, dass derartige Hunger-Gruppen existieren, finden Mitarbeitende in Kommentaren von Blogs oder in Social Media Beiträgen, auch die Nutzung von szenetypischen Hashtags wie #Bonespo oder #Legspo geben Hinweise auf Pro-Ana und Pro-Mia Inhalte. Doch eine Überprüfung der Inhalte in den geschlossenen Gruppen ist für jugendschutz.net schwierig, da die Chats für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Lediglich gegen die Gründung von und die Teilnahme an Hungergruppen auf Blogs und auf Social Media kann die Organisation vorgehen, jedoch nicht gegen die Gruppen selbst.
Essstörungen – Wo bekomme ich Hilfe?
Für Betroffene:
- Sorgentelefon für Kinder- und Jugendliche – Nummer gegen Kummer: +49 800 1110333
- Beratungsstellensuche der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung
- jugendschutz.net nimmt über seine Online-Beschwerdestelle Hinweise auf Verstöße gegen den Jugendmedienschutz entgegen. Verstöße im Netz können gemeldet werden unter jugendschutz.net
Für Erziehende/Pädagogen/Angehörige:
- Elternratgeber Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht: schau-hin.info
- jugendschutz.net
- Projekt „Gutes Aufwachsen mit Medien“: gutes-aufwachsen-mit-medien.de
- Informationen der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung
Schutz vor Risiken – Ermöglichung von Teilhabe
Was tun, wenn auffällige Videos, Kanäle und Profile nachweislich gegen jugendschutzrechtliche Regeln verstoßen? In den meisten Fällen kontaktiert jugendschutz.net Inhaltsverantwortliche und fordert sie zur schnellen Beseitigung der Inhalte auf. Auch Host- und Plattformbetreiber können in die Pflicht genommen werden. Sobald sie Kenntnis von unzulässigen Inhalten haben, sind sie mitverantwortlich und zum Handeln verpflichtet. In den meisten Fällen erreicht jugendschutz.net auf diese Weise eine schnelle Änderung und aufwändige Verfahren können vermieden werden. Ein kleiner Teil der Fälle muss jedoch der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) gemeldet werden, die aufsichtsrechtliche Maßnahmen einleitet. jugendschutz.net gibt auch Medieninhalte zur Indizierung an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) weiter. Sogenannte indizierte Medien sind dann in Suchmaschinen nicht mehr auffindbar, Fernseh- und Rundfunkbeiträge dürfen nicht weiter ausgespielt oder beworben werden, Social Media Profile werden gesperrt und das Abspielen oder Weiterreichen von Datenträgern ist untersagt. Die besonderen Anforderungen an den Jugendschutz liegen in einem Spannungsfeld zwischen dem Schutz vor Risiken auf der einen, und der Ermöglichung von Teilhabe in einer digitalisierten Gesellschaft auf der anderen Seite. Kindern ein sicheres Aufwachsen zu ermöglichen, sei eine „gesamtgesellschaftliche Herausforderung“, bei der Staat, Eltern, Erziehende und Unternehmen gefragt seien, betont5Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Hierzu gehört auch, Kinder und Jugendliche für die Gefahren im Netz zu sensibilisieren und sie über gefährliche Gruppendynamiken aufzuklären. Auch Eltern und pädagogische Fachkräfte erhalten durch private oder staatlich geförderte Projekte Unterstützung: Die Initiative SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht beispielsweise gibt Eltern Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Fernseh- und Filminhalten, dem Internet, sozialen Netzwerken, Games und mobilen Geräten. Auch einen Live-Chat mit Mediencoaches und Unterstützung bei der Suche nach Therapieeinrichtungen bietet die Initiative an/werden angeboten (sonst Doppelung mit Wort„Inititative“ im nächsten Satz. Die Initiative Gutes Aufwachsen mit Medien stellt Angebote zur Förderung der Medienkompetenz bereit und gibt Empfehlungen für den Medienkonsum im Kindesalter.

Mit Expert:innen sprechen
Wer den Weg aus der Essstörung sucht, braucht häufig Unterstützung von Fachkräften. Vereine wie Kabera (Kassel), Cinderella (München), Kajal (Hamburg) oder Dick und Dünn (Berlin) bieten Beratungsangebote für verschiedene Zielgruppen wie Kinder, Jugendliche, Männer oder Frauen an. Auch Fachkräfte oder Angehörige erhalten hier Unterstützung. Die Einzel-, Gruppen- oder Onlineberatungen des Hamburger Vereins Waage richten sich gezielt an betroffene Frauen, die Unterstützung auf ihrem Krankheitsweg benötigen. In Gesprächen beleuchten die Therapeutinnen und Pädagoginnen Probleme und Auslöser und vermitteln bei Bedarf psychologische Therapieplätze. Mareen Grether arbeitet seit acht Jahren als Pädagogin bei Waage und spricht mit manchen Betroffenen auch über mediale Einflussfaktoren, die das Körperbild prägen. Trotz aller Risiken möchte Grether Soziale Netzwerke und Co. nicht grundsätzlich verteufeln: „Medien sind Fluch und Segen zugleich und können dann gefährlich werden, wenn sie Personen vollständig einnehmen, den Alltag und die Körperwahrnehmung bestimmen.“ Menschen, die unter einer Essstörung leiden, verstecken sich häufig hinter ihrer Erkrankung, isolieren sich und verlieren den Anschluss, sagt die Expertin. Kontakte über WhatsApp aufrecht zu erhalten oder sich in Foren mit anderen Betroffenen, die der Krankheit die Stirn bieten wollen, über Behandlungsmöglichkeiten auszutauschen, könne motivieren, nicht aufzugeben. Ganz besonders gelte das für die Zeit der Kontaktbeschränkungen in der Pandemie.
Nina K. hat erkannt, welchen Einfluss Medien auf ihr Wohlbefinden haben können: „Ich versuche Inhalte, die mein Körpergefühl negativ beeinflussen, aus meinem Leben rauszuhalten.“ Social Media Profile von anderen Betroffenen zeigen ihr, dass sie mit ihrer Krankheit nicht allein ist: Oona Mathys, die jahrelang an Magersucht gelitten hat, spricht in ihrem Podcast und Sozialen Netzwerken (@oonamasteé) offen über ihren Heilungsprozess. Anja Romaniszyn gibt auf Instagram (@byanjushka) Einblicke in ihren Weg aus der Krankheit und zeigt, dass das Leben so viel mehr zu bieten hat als Hungern und Selbstkritik. Auch Nina will stärker sein als ihre Magersucht, doch die Krankheit hinter sich lassen, kann sie nicht. Ein niedriges Gewicht und Gedanken um das Essen stehen weiterhin an erster Stelle. Mit Blick auf ihre Vergangenheit sagt sie: „Kanäle, die nur auf Abnehmen und Hungern aus sind, können Leben zerstören.“
| Auszug aus einem Glaubensbekenntnis eines Pro-Ana Forums Ich glaube an die Kalorienangaben als das geniale Wort von Gott und merke sie mir gut. Ich glaube an die Waage als meinen täglichen Indikator von Erfolg und Niederlage. […] Ich glaube daran, dass die Welt vollständig schwarz-weiß ist, an den Gewichtsverlust, an die Ablehnung des eigenen Körpers und an das Leben in ständigem Fasten. Dünn sein bedeutet Schönheit, und deshalb muss ich dünn sein und dünn bleiben, wenn ich geliebt werden will. Nahrung ist mein schlimmster Feind. Ich darf sie anschauen, daran riechen, aber sie nicht berühren! Ich muss jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde eines jeden Tages an Essen denken … und an die Möglichkeiten, es zu vermeiden. Ich muss mich jeden Morgen als aller erstes wiegen und diese Zahl den ganzen Rest des Tages über im Kopf behalten. Sollte die Zahl höher sein als am Tag zuvor, muss ich den ganzen Tag fasten. Quelle: Auszug aus einem Glaubensbekenntnis eines Pro-Ana Forums |