Seit Anfang 2019 trifft sich beim Medienprojekt Wuppertal eine junge Umweltfilmredaktion. Allmonatlich produziert sie in Gruppen umweltpolitische Kurzfilme zu Themen wie Umweltzerstörung, Klimapolitik, alternative Energieformen, Ausbeutung von Mensch und Tier, nachhaltiges Handeln und Konsumieren. Mit ihren dokumentarischen, fiktionalen oder auch animierten Filmen aus jungen Blickwinkeln geben sie Diskussionsanstöße und wollen die Umweltsituation verbessern. – Das Projekt stellt sich vor mit seinen Zielsetzungen und Arbeitsweisen, vor allen aber auch mit den Stimmen der beteiligten Jugendlichen.
Die Mitglieder der jungen Umweltredaktion beim Medienprojekt Wuppertal, einer großen medienpädagogischen Nachwuchsfilmeinrichtung, wollen mit ihren differenzierten, aber durchaus auch parteilichen Filmen Menschen dafür mobilisieren, verantwortungsvoller mit den Ressourcen unserer Erde umzugehen. Ehrlich reflektieren junge Menschen in den Filmen ihr starkes Umweltbewusstsein, das manchmal (noch) vom eigenen nachhaltigen Handeln abweicht. Ihre Filme sollen an Beispielen zeigen, wie die Umwelt zerstört, aber auch wie sie positiv genutzt wird und welche Möglichkeiten der Einflussnahme für Jugendliche bestehen.
Ziel der Umweltredaktion ist es, junge Menschen in die Lage zu versetzen, verantwortliche Entscheidungen für die Zukunft treffen und abschätzen zu können, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Regionen der Erde auswirkt. Zudem zeigen die jüngsten Protestwellen, dass sich Jugendliche wieder stärker in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einbringen möchten. Entsprechend ist es von großer Bedeutung, junge Leute hierzu angemessen zu befähigen.
Solveig: Ich habe tatsächlich Angst davor, dass es schwer wird, hier zu leben. Vielleicht nicht unbedingt schwer für uns, aber für Menschen, die jetzt schon vom Klimawandel betroffen sind.
Madeleine: Also, ich habe Angst davor, dass sich die Klimakrise so weit entwickelt, dass wir es nicht mehr rückgängig machen und nicht mehr viel dagegen tun können.
Nils: Ich habe auch Angst vor dem Schritt, dass es nicht mehr rückgängig gemacht werden kann mit der Klimaerwärmung, dass man diese Klippe runterfällt und nicht mehr hochklettern kann, hilflos daliegt wie ein Käfer auf dem Rücken und sich nicht mehr helfen kann. Man könnte sagen: Das sind Überlebensängste.
Drängender Veränderungswille
Die jungen Filmemacherinnen und Filmemacher bringen unterschiedliche intrinsische Motivationen zusammen: Sie wollen mit Filmen politisch Einfluss nehmen, publizistischen Druck ausüben auf politische Entscheidungsträger und gesellschaftlichen Druck auf das Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern, gerade auch bei anstehenden Wahlen, und damit die Umweltsituation langfristig und nachhaltig verbessern. Sie wollen – wie alle Filmschaffenden – gehört und gesehen werden mit ihren Filmen. Durch ihre mediale Artikulation und deren Publikation erreichen die jungen Filmschaffenden gesellschaftliche Partizipation und erleben Selbstwirksamkeit. Und vor allem: Die Veränderung fängt bei ihnen selbst an. Nicht nur in ihrem medialen Protest, sondern auch bei der individuellen Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen in ihrem Leben. Die Authentizität der Darstellung und der drängende Veränderungswille für sich selbst und andere machen die Filme persönlich und mobilisierend.
Solveig: Ich bin in die Umweltredaktion gekommen, weil ich Fridays for Future in Wuppertal mitbegründet habe und hier versuche, das weiterzubringen und auch andere Proteste kennenzulernen. Ich will Filme machen, weil Filme tolle Möglichkeiten sind, Menschen zu erreichen und für ein Thema sensibel zu machen. Da mir das auch einfach total Spaß macht, sehe ich das hier als eine sehr gute Möglichkeit, für mich selber Erfahrungen in dem Bereich zu finden, aber eben auch die Inhalte vor allem an junge Menschen weiterzutragen.
Madeleine: An das Thema Umwelt bin ich auch erst durch die Umweltredaktion und Fridays for Future gekommen. Mir sind dadurch Sachen eher bewusster geworden. Außerdem, in der Umweltredaktion zu arbeiten, hat mir die Augen geöffnet, dadurch habe ich mehr darüber nachgedacht und mich selber anders verhalten. Ich bin auch Vegetarierin geworden, weil ich auch auf Ernährung mehr achten wollte, wo ich alles herbekomme, und ich hab auch allgemein angefangen anders zu leben. Dadurch, dass ich mich mehr mit diesen Themen befasst habe, habe ich auch mehr darüber nachgedacht. Es war mir dann aber auch wichtig, andere Leute darüber aufzuklären.
Nils: Film ist ein ganz tolles Medium, um junge und alte Menschen zu erreichen. Das Medienprojekt bietet einfach die Möglichkeit, junge Menschen an dieses Medium heranzuführen, wie sie es sonst nicht machen könnten. Man macht Berichterstattung für seine Zukunft, fängt Stimmungen ein, ist unter Leuten, kommuniziert mit Leuten, lernt dabei und wird noch an eine moderne und zeitgemäße Technik herangeführt. Und das, finde ich, ist eine Kombi, wie sie eigentlich perfekt ist. Leute zu erreichen mit Dingen, die man selbst herausgefunden hat oder erschaffen hat. Man präsentiert Leuten etwas, was man selbst mit seinen eigenen Händen gemacht hat.
Aris: Also, ich hatte zum Beispiel vom Hambacher Forst vorher nicht gehört und dass da so viel gebaggert wird. Als ich das zum ersten Mal mit der Umweltredaktion gesehen habe, dachte ich nur: „Ist das deren Ernst, dass die hier baggern?“ Ich fand es auch gut, dass wir da waren, um das festzuhalten. Bei Ende Gelände war es auch echt gut, dass wir das alles aufgenommen haben.

10 Tage Vegan Challenge
Die Filme wurden in Gruppen mit Unterstützung von Medienpädagoginnen und Medienpädagogen produziert. Die Jugendlichen waren maßgeblich beteiligt an allen konzeptionellen, inhaltlichen und künstlerischen Prozessen des Projektes, der produzierten Filme und ihrer Präsentation. Die fertigen Filme wurden laufend im Rahmen des jungen Filmmagazins Border Lines im Kino präsentiert und auf dem YouTube-Kanal des Medienprojekt Wuppertal publiziert. Außerdem fand ein sehr erfolgreicher thematischer For-Future-Kinoabend mit Publikumsdiskussion statt. Die Zielgruppe für die Aufklärung durch die Filme sind neben den Filmgruppen somit mehrere Tausend (vor allem junge) Menschen in der bergischen Region und darüber hinaus. Das Themenspektrum der Filme mit ihrer jungen, parteilichen Attitüde lässt sich aus den sehr programmatischen Filmtiteln herauskristallisieren: Alle fürs Klima, Tell the truth, RWE ist böse, ab in die Fritteuse!, How to be Aktivisti, Massenaussterben? Nein, danke!, Limit 1,5 Grad – Demo in Aachen am 21.06.2019, Klima-Zeugnis für NRW-Politiker*innen, Fridays for Future – Der Beginn einer Protestwelle, Radikal kommt von Radieschen, Eine Frage der Humanität, Guten Appetit, 10 Tage Vegan-Challenge, Wer bezahlt den wahren Preis?, Trimalchio in Plastic World, Mir doch egal, Welche Farben kennst du?, Hambi bleibt, Wie ihr in den Wald hineinruft, Der Klimawandler, Save Our Souls, Baum schafft Raum.
Das Bundesfamilienministerium und die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) zeichneten die Umweltfilmprojekte des Medienprojekt Wuppertal 2019 mit dem Dieter Baacke Preis für herausragende Medienpädagogik aus (Sonderpreis „Sei frech und wild und wunderbar!“), „da hier mediale Teilhabe, Selbstwirksamkeit und politisches Engagement als gelungenes Modell Hand in Hand gehen – ermöglicht durch den seit mehreren Jahrzehnten herausragenden medienpädagogischen Kontext des Medienprojekt Wuppertal“.
Die Laudatio des Dieter Baacke Preises 2019 von Anna Grebe (Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“) beschreibt den Spirit des Filmprojektes treffend:„Der jungen Umweltredaktion gelingt es ausgezeichnet, das filmisch einzufangen und umzusetzen, was Kinder und Jugendliche im Kampf für Klima- und Umweltschutz gerade eint (und so manche Eltern schockiert, verwundert oder auch begeistert): zum einen der Blick auf die ‚großen‘ politischen Fragestellungen und die Aufforderung an Politikerinnen und Politiker, ihre Versprechen einzulösen; zum anderen die Selbstverpflichtung, das eigene Konsumverhalten kritisch zu überprüfen und Dinge im Kleinen zu verändern, zum Beispiel in Form einer 10-Tage-Vegan-Challenge. Dazu gehört für die Filmemacherinnen und Filmemacher, filmisch Widerstand zu leisten und Widerstand zu filmen, zum Beispiel, wenn vor laufender Kamera ein Demonstrant im Hambacher Forst von der Polizei festgenommen wird und das junge Filmteam mit lauten ‚Pressefreiheit! Pressefreiheit!‘-Rufen darauf aufmerksam macht, dass sie ein Recht darauf haben, die Festnahme zu dokumentieren.“
Madeleine: Ich finde es schon wichtig, dass die Sachen, die wir produzieren, gesehen werden, weil wir da viel Mühe und unsere Freizeit reinstecken. Das ist unser Hobby, das macht uns Spaß und das ist halt einfach sehr viel Arbeit und deswegen ist es natürlich für uns schön, wenn das von anderen gesehen wird.
Solveig: Ich finde, das Publikum ist sehr wichtig – wofür machen wir sonst Filme? Ich finde auch, da kommt es beim Publikum auf kein Alter an. Jedes Alter kann das eigentlich anschauen und das sollte auch jedes Alter tun. Deswegen finde ich es auch wichtig, dass unsere Filme gesehen werden, damit sich Leute auch ein paar mehr Gedanken über Sachen machen, über die sie sich sonst keine Gedanken machen.
Nils: Ich finde, das Publikum ist im Endeffekt die Bestätigung dafür, dass man was gemacht hat. Und wenn dann noch positives Feedback kommt: perfekt! Ich finde, dass es total wichtig ist, Filme von jungen Leuten zu sehen. Denn wir sind die Leute, die als erstes mit dem Problem konfrontiert werden und auch am längsten unter den Problemen leiden müssen. Es ist ein Zeichen, wenn sich Leute, die in ihrer Freizeit eigentlich ganz andere Sachen machen könnten, mit ihrer Zukunft so dermaßen beschäftigen müssen, weil diese von älteren und anderen Generationen zerstört wird. Darüber Filme machen, um Menschen zu erreichen und so die Zukunft noch zu retten, ist auf der einen Seite total traurig, aber auf der anderen Seite ist es auch ein Zeichen, dass Leute sich für ihre Zukunft einsetzen. Ich finde, das ist ein Zeichen, das in ganz vielen Köpfen die Alarmglocken aufschrillen lassen sollte, dass wir alle jetzt was machen müssen. Das sind zwar Jugendliche, die uns den Weg aufzeichnen, aber vielleicht hört man mal auf die und guckt sich das mal an und geht mit denen ins Gespräch.

Green Filming
Nachhaltige und umweltpolitische Inhalte und Ziele stehen also im Fokus der Umweltredaktion. Junge, umweltengagierte Menschen werden von Erwachsenen gerne kritisch hinterfragt, wie sie es in ihrem alltäglichen Leben mit der Umsetzung ihrer ausdrucksstarken, politischen Forderung für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz halten. Und auch eine medienpädagogische Filmeinrichtung mit umweltpolitischen Inhalten und Zielen muss sich der Frage stellen, wie umweltbewusst und nachhaltig sie nicht nur künstlerisch, pädagogisch und inhaltlich, sondern auch im eigenen Agieren ist. Das Medienprojekt mit seinen Filmprojekten bemüht sich um Nachhaltigkeit, so wie es viele Jugendlichen im eigenen Leben tun, aber es gibt auch hier einen Gap zwischen Anspruch und Realität, zwischen Zielsetzung und Mitteleinsatz. Ein wesentlicher Knackpunkt ist dabei die Energienutzung: Die Filmproduktion und -rezeption benötigt in allen Phasen Strom. Kameras, Licht- und Tonequipment laufen auf Akkubasis, die Postproduktion per Computer frisst genauso Strom wie die Up- und Downloads, die Kommunikation über Social Media, die Servernutzung bei der Publikation wie beispielsweise über YouTube oder Instagram, zu denen es keine, geschweige denn nachhaltige Alternativen gibt. Filmproduzierende hinterlassen große ökologische Fußabdrücke beim Filmemachen.
Im Folgenden sollen Lösungsmöglichkeiten dieses Dilemmas vorgestellt werden, die wir in der Einrichtung nicht nur in den umweltpolitisch-orientierten Filmprojekten umzusetzen versuchen. Green Filming bedeutet, die Einrichtung nutzt nur grünen Strom, Equipment, Licht und Heizung werden nur in Nutzungszeiten eingeschaltet, Papier und Plastik wird reduziert, Verkehrsmitteln und Verpflegung beim Dreh umweltbewusst geplant. Beim Green Storytelling geht es nicht nur um möglichst nachhaltige Filmproduktion, sondern auch darum, das Prinzip Nachhaltigkeit in den Geschichten und dem Setting von Filmen zu berücksichtigen, die eigentlich gar nicht umweltpolitisch orientiert sein müssen. Dies kann durch die Thematisierung von Nachhaltigkeitsaspekten in Dialogen geschehen, durch nachhaltige Ausstattung mit entsprechenden Requisiten oder die Auswahl von Drehorten nach Kriterien wie der Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Neben der Haltung der Einrichtung spielt in der politischen und umweltpolitischen Bildung die Haltung der Medienpädagoginnen und -pädagogen eine besondere Rolle, denn diese zeigen sich in unserer Arbeit zwar nicht parteiorientiert, aber durchaus parteilich für ein besseres Leben in einer besseren Umwelt. Politische Parteilichkeit ist in der Pädagogik umstritten, die positive Vorbildwirkung der Medienpädagogen durch eine umweltpolitische Kongruenz zwischen Denken und Handeln sorgt jedoch für Authentizität und Power – und damit auch für Empowerment in der jungen Filmarbeit.
Bildungsmaterialien Nachhaltigkeit/Global Change
www.filmsforaction.org/articles/the-top-100-films-for-action
100 Dokumentarfilme, die uns Informationen liefern und zu notwendigen globalen Veränderungen anregen.
https://apps.medienberatung.online/menschine
Lernbausteine des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung. Lernbereich „Menschine – Mein digitales Ich“ mit den Modulen: Wie wir leben wollen / Gerechtigkeit & soziale Frage / Leben in einer digitalen Welt.
www.handycrash.org
Kostenloses Online-Game mit entwicklungspolitischen Inhalten: Über das Thema Handy werden globale Verflechtungen, wechselseitige Abhängigkeiten und persönliche Betroffenheit greifbar. Dazu Unterrichtsmaterial: http://handycrash.org/lernen/im-unterricht/
https://futurphil.de/medien/nachhaltigkeitsmedien
Blog mit einer Übersicht von relevanten Nachhaltigkeitsmedien auf dem deutschen und internationalen Markt.
www.bildungsserver.de/Nachhaltigkeit-und-Globales-Lernen-im-Unterricht-11638-de.html
In unserem Dossier finden Sie weiterführende Links, Unterrichtsmaterialien, Medientipps und Hinweise auf Programme und Institutionen im Bereich BNE.
www.umwelt-im-unterricht.de
Angebot des BMU mit Unterrichtsmaterialien zu aktuellen Fragen aus den Themenfeldern Umwelt-, Naturschutz, nachhaltige Entwicklung.
www.globaleslernen.de/sites/default/files/files/pages/unterrichtsmaterial-nachhaltigkeit-07-07-15-druck.pdf
Unterrichtseinheit mit Themen: Nachhaltigkeit und ihre Bedeutung für uns. In welcher Welt wollen wir leben? Schüler engagieren sich – Als Klasse aktiv werden
www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/294758/digitalebildung-und-nachhaltigkeit
Schwerpunkt zum Verhältnis von Technologie, Umwelt und Gesellschaft. Offene Lehrmaterialien (OER) gestalten, Medien nachhaltig nutzen, Klimasiegel für Schulen etc.
www.abenteuer-regenwald.de
Die Schülerseite informiert über den Regenwald, seine Bedrohungen und zeigt, was man tun kann, um die tropischen Regenwälder zu schützen.
Wie viel schaffen wir auf diesem Weg zu einer grünen medienpädagogischen Einrichtung tatsächlich? Einiges, längst nicht so viel wie möglich und nötig, aber wir machen uns auf den Weg. Wichtig ist die dauernde eigene Offenheit und Auseinandersetzung, auch mit Fehlern, laufendes Lernen, um sich in Bezug auf die Nachhaltigkeit zu reformieren und zu optimieren. So schließt sich die Schere ein bisschen. Und so können weder die politisch Aktiven und die jungen Filmschaffenden noch ihre Forderungen, ihre Aktions- und Publikationsmittel oder ihre Ziele als Glaubwürdigkeitslücke diskreditiert werden. Nachhaltige Medienpädagogik bemüht sich um individuelle und – durch die publizistische Wirkung – kollektive politische Veränderungen.