Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

mehrere schwarzweiß-Fotografien über das Bild verteilt, verschwommen.

Fotografien lügen nie

Bilderwelten zwischen der Sehnsucht nach Realität und Fiktionalität

Fotografien zeigen Weltbilder, die unsere Vorstellungen von und unser Wissen über die Welt prägen. Wie glaubwürdig sind Werbeaufnahmen, Urlaubsschnappschüsse, Reportagefotos oder künstlerische Fotografien? Mit kritischer Medienkompetenz und Kenntnis des Verwertungskontextes lässt sich ein Realitäts- bzw. Fiktionalitäts-Check der verschiedenen Fotosparten vornehmen.

Beim Bild ersetzt das Imaginäre das Reale, und es hat keinen Sinn zu fragen, ob das Pferd in der Malerei von Lascaux vorgestellt oder wirklich ist.1

Fotografien denken nie, sprechen nie und sie lügen nie. Menschen denken, sprechen und lügen. Und fotografieren. Menschen nutzen Fotografien, machen Bilder, die in sich selbst und in ihren Kontexten aufbewahren und vermitteln, was Menschen ihnen „eingegeben“ haben.

Wer professionell mit Fotografien agiert, sollte sich auskennen: Fotografische Medienkompetenz ist nicht so einfach wie das Alphabet.2 Medienkompetenz setzt neben fotografischen Fachkenntnissen in Geschichte, Theorie und Praxis und Technik vor allem ein gutes Allgemeinwissen und ein sicheres Urteilsvermögen voraus.

Ein fotografisches Bild „professionell“ zu interpretieren beziehungsweise professionellen Umgang mit ihm zu pflegen, bedeutet auch zu verstehen, was nicht „im“ Bild und „auf“ dem Bild ist, da Fotografien in der Regel immer in kommunikative Umgebungen eingebettet und mit Intentionen ausgestattet sind, die es wesentlich bestimmen.

Bilder verstehen lernen

Stefan Schwan, Professor für Lehr- und Lernforschung am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen, schreibt in einem kurzen Text aus lernpsychologischer Perspektive, dass die kommunikativen Absichten der Bilder zu ermitteln bereits eine prononcierte Form des Bildverstehens sei. „Während sich die Fähigkeit zum angemessenen Verstehen des dualen Charakters von Bildern bereits in der Kindheit ausbildet, verläuft der Erwerb einer kritischen Bildkompetenz, die auch die mit Bildern verbundenen kommunikativen Absichten in Rechnung stellt, über die gesamte Lebensspanne.“3 Sehr häufig lasse sich beobachten, dass Bilder, anders als Texte, zwar detailliert identifiziert, nicht aber in ihren Intentionen erfasst würden. Das Abgebildete wird dann als Person, Objekt oder Szene identifiziert und benannt, damit erschöpft sich das „Bilderlesen“. Bisher wird diese Grundkompetenz des fotografischen Bildverstehens als zentrale Kulturtechnik weder systematisch gelehrt noch gelernt. Intentionen von Texten zu erkennen und Bedeutungen herzustellen ist jedoch Lehrstoff der Mittel- und Oberstufe. Aufgrund der Annahme, Fotografien seien offensichtlich – einfach zu verstehen, schließlich sieht man doch, was abgebildet ist! –, wird der interpretative Bedarf vernachlässigt. Weil Fotografien in ähnlichem Maße wie Sprache unseren Alltag dominieren und ihre Herstellung und Nutzung eine zentrale Kulturtechnik darstellt, müssen die Strategien der Bedeutungserzeugung verstanden werden.

Fotografisches Bildverstehen bedeutet wahrzunehmen und zu verstehen,
1) was sich „um das fotografische Bild befindet“, in welchen Präsentations- und Gebrauchskontext das Bild eingebettet ist,
2) was zeitlich und räumlich „vor dem Bild war“, welche Ursachen ihm vorausgegangen sind, und
3) wer räumlich „vor dem Bild ist“, wer es sich gerade anschaut, und was dessen Verstehenshorizont an Möglichkeiten bereithält.

Der Gebrauchskontext und Realitätsanspruch

Die konkrete Umgebung, in der eine Fotografie auftaucht, gibt sehr oft ihre pragmatische Verwendung an. Der Gebrauchszusammenhang definiert vor allen weiteren Interpretationsmöglichkeiten den Status eines Bildes in Hinblick auf seinen Glaubwürdigkeits- und Realitätsanspruch. Wissenschaft, Polizei und Gericht, Journalismus und Dokumentationen beanspruchen einen anderen Wahrheitsgehalt als Werbung und Kunst. Dies schreibt sich bis in die Gesetzgebung und die internen Berufskodizes fest. Die individuelle, bildimmanente Überzeugungskraft eines Bildes entsteht vor der Folie des Gebrauchskontextes und den damit verbundenen Erwartungshaltungen. Mit dem in den konkreten Gebrauch gesetzten Bild sind Intentionen verbunden, die dem Bild anhaften und durch das individuelle Bild in seiner spezifischen Ästhetik verstärkt oder geschwächt werden.4 Wie es einer (Sprach-)Hermeneutik bedarf, so erfordert es auch eine Bildhermeneutik, um die Intentionen bewusst zu machen, will man sachkundig dem fotografischen Bild als komplexem System begegnen.

Fotografien ändern die Wahrnehmung

Bilder – im Besonderen apparativ erzeugte Bilder, vor allem aber Fotografien – sind Auslöser für Vorstellungen von der Welt. Was die Fotografien zeigen, wird beim Betrachter zu einer Vorstellung von der Welt und gleichzeitig zum Erinnerungsbild. An genau dieses Bild werden wir uns – aufgrund der Dominanz visueller kognitiver Prozesse vor zum Beispiel akustischen Prozessen – erinnern. Fotografien zeigen Weltbilder und sind auf engste verwoben mit unseren Vorstellungen und Erinnerungen; die Bilder selber sind Teil von uns und der Welt geworden. Auch wenn Bilder der „Second-hand-Experience“ zugerechnet werden, das aus ihnen resultierende Wissen also keiner unmittelbaren (First-hand-)Erfahrung im Kontakt mit der Welt entstammt, sondern medial codierter, ist unsere Welt derartig von technisch erzeugten Bildern durchdrungen, dass diese Unterscheidung in unmittelbare und mittelbare Erfahrung als Voraussetzung unseres Weltwissens anzweifelbar ist.

„Beständig formt Technik unsere Epistemologien um, nicht nur die Strukturen des Wissens, sondern auch die Modalitäten seines Entstehens aus den Reaktionen des Bewusstseins auf die uns umgebende Welt. Einfacher und zugleich radikaler gesagt: Technische Innovationen verändern – oft gleichsam hinter unserem Rücken, manchmal sogar gegen unsere Absichten – das Denken und über das Denken die Grundlagen der menschlichen Existenz.“ So schreibt Hans Ulrich Gumbrecht in der Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Das Digitale denken“, in der versucht werden soll, die durch die digitale Revolution ausgelöste neue Selbst- und Weltwahrnehmung geisteswissenschaftlich zu fassen.5 Allein durch die Omnipräsenz (analoger) Fotografien in der Kommunikation seit vielen Jahrzehnten sind Selbst- und Weltwahrnehmung massiv verändert worden. Die „Digitale Revolution“ führt diese Prozesse dynamisch und in neue Richtungen weiter.

Echt und fiktional mischen sich wild

Einem sogenannten Realitätsversprechen von Fotografien steht auf der anderen Seite die Sehnsucht nach Realität im Bild beim Betrachter gegenüber – eine durchaus weitverbreitete Annahme jeder Art von Fotografie. Selbstverständlich gibt es aber auch eine Sehnsucht nach Fiktionalität im Bild, demgegenüber müsste ebenso von einem Fiktionalitätsversprechen von Fotografien gesprochen werden. Unserer Sehnsucht nach einer bestimmten Wirklichkeitskonzeption von Bildern wird entsprechend mit einem Realitäts- oder Fiktionalitäts-Versprechen geantwortet. Leserinnen und Leser stellen hingegen die Realität der Fiktion nicht in Frage: Selbstverständlich „existieren“ die Romanfiguren  Oblomow, Tschick, Anna Karenina, Sherlock Holmes und Mrs Dalloway. Filme wie „Der Herr der Ringe“ oder „Avatar“ zielen genau auf eine Nicht-Alltags-Realität ab. Und auch der nächtliche Traum hat seine Realität.

Konzeptionen von Realität und Fiktion verschränken sich komplex in Fotografien, die ja häufig als Abbilder der physischen Wirklichkeit gelten und infolge dessen mit „Realität“ verwechselt werden. In der von Sigrid Schneider und mir 2004 am Ruhrlandmuseum Essen kuratierten Ausstellung „Wirklich wahr. Realitätsversprechen von Fotografien“6 untersuchten wir visuelle Strategien, die Fotografinnen und Fotografen wie auch Bildredakteure, Art-Direktoren, Künstler, Wissenschaftler und Amateure anwenden, um durch bildimmanente Methoden oder Kontexte Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Vor zehn Jahren war der Bereich Unterhaltung noch nicht derart ausdifferenziert wie heute. Soziale Netzwerke, Selfies und Smartphones gab es noch nicht. Unbedingt sollten bei einer heutigen Revision des Themas auch die Inszenierung anzeigender Strategien untersucht werden. Denn heute scheint das „Inszenierungsversprechen“ ebenso große Dominanz wie das Realitätsversprechen zu beanspruchen.

Auch wenn Authentizität ein Ergebnis von Inszenierung ist7, real, echt, authentisch und künstlich, fiktional oder inszeniert sich mischen, ist es leichter, ist man sich der großen Verwertungskategorien von Fotografien bewusst, um die ihnen zugrundeliegenden Intentionen und Kontexte zu begreifen.

Realitäts-/Fiktionalitäts-Check

Kategorisiert man alle Fotografien nach ihrem Verwertungskontext und nach inszenierenden beziehungsweise dokumentarischen Stilen, kann ein kritischer „Realitäts-  respektive Fiktionalitäts-Check“ vorgenommen werden.

Journalismus / Dokumentation. So schwer es nachvollziehbar ist, so kritisch alle journalistischen Bilder zu bewerten sind: Journalistische Bilder sollten einen Fakt wahrheitsgetreu wiedergeben. Tun sie es nicht, kann das das Ende einer journalistischen Karriere bedeuten.

Angesichts des Bürgerjournalismus tritt die Wichtigkeit der Quelle in den Vordergrund. „Die Glaubwürdigkeit und die Authentizität eines Bildes liegen nicht in der realen Wiedergabe der Realität, sondern beim Fotografen.“8 Im verantwortungsvollen Journalismus ist ausschließlich durch die seriöse Quelle gewährleistet, unverfälschte Information zu erhalten. Ein Bild aus einem Krisengebiet sagt nichts, es kann einen einmaligen, nicht repräsentativen Ausbruch von Gewalt zeigen. Die Information muss geprüft und betitelt sein. „Wenn jeder ein Smartphone hat, mit dem er Ereignisse filmen und online stellen kann, macht es das Bezeugen von Gräueltaten leichter. Aber es bedeutet auch, so erzählt es der Kriegsfotograf Michael Kamber, dass Fotoagenturen Bilder von Achtzehn-, Neunzehnjährigen aufkaufen, die über keinerlei Schulung verfügen, die sich, aus Wagemut und um Geld zu verdienen, näher und ungeschützter in Kriegshandlungen hineinbegeben als das ein erfahrener Journalist täte.“9 Und vielleicht provozieren sie Handlungen, um ihr Bild aufzunehmen.

Dokumentarische Fotografien mit subaktuelleren Inhalten generieren ihre Glaubwürdigkeit oft aus ihrem ernsthaften, berichtenden, nüchternen dokumentarischen Stil.

Wissenschaft. Zunehmend ersetzen bildgebende Verfahren fotografische Techniken in der Medizin. Im Bereich von Überwachung und polizeilicher Dokumentation sind immer noch fotografische Beweisaufnahmen an der Tagesordnung. Sie besitzen Beweiskraft im juristischen Sinn.

Produzenten und Rezipienten haben in Wissenschaft und Journalismus das gemeinsame Interesse, Wahrheit zu produzieren und rezipieren. Wissenschaftliche und journalistische Fotografien können folgenschweres Handeln initiieren: Ein Mensch wird operiert, Geld wird gespendet oder ein Täter wird überführt.

Werbung. Werbung will verführen, manipulieren, überzeugen, mit allen Mitteln, zum Beispiel mit dem authentischen Stil, mit dem dokumentarischen Stil oder einem bewusst artifiziellen Stil. Kein Mensch erwartet Wahrhaftigkeit in der Werbung; sucht man korrekte Informationen, sucht man andere Quellen auf.

Kunst. Mit der Kunst ist alles etwas diffiziler: Sie ist weder wie Wissenschaft und Journalismus der Sphäre des Fakts noch wie Werbung jener der Fiktion zuzuordnen, auch wenn sie sich aller Mittel bedient und nicht massenmedial, sondern in elitären Räumen operiert.

Auch verhält es sich grundsätzlich anders, wie mit den Intentionen künstlerischer Bilder umzugehen ist: Im Verwertungsbereich der Kunst gilt vielmehr das Diktum, dass die Interpretation des Werkes „nach“ der Intention der Künstlerin oder des Künstlers einsetze beziehungsweise unabhängig von ihr sei. Dieser Sonderfall im Umgang mit Fotografien vermag, die BetrachterInnen selbst ins Blickfeld zu rücken. Ihnen wird eine interpretative Leistung abverlangt.

Privater Gebrauch. Im privaten Gebrauch werden Fotografien erstellt, um sich zukünftig an bestimmte Szenen zu erinnern. So wie man sich erinnern will, wird das Foto inszeniert. Eine subjektive Glaubwürdigkeit reicht für den Gebrauch privater Fotografie aus. Da man seine eigenen Bilder gemacht hat, herrscht an der Quelle kein Zweifel. Bis vor einigen Jahren wurden Alben angelegt, heute existieren digitale Ordner, vereinzelte Abzüge oder man druckt ein Fotobuch aus.

Unterhaltung. Die in soziale Netzwerke eingespeisten privaten oder pornografischen Fotografien und Filme haben gemeinsam, dass sich ihr Konsum in den letzten Jahren rasant erhöht hat. Seit wenigen Jahren ist es normal geworden, dass Teenager beide Arten von Bildern produzieren und/oder konsumieren – und das massenhaft und exzessiv. Glaubwürdigkeit ist eine untergeordnete Kategorie, vergleichbar sekundär oder tertiär wie in der vorhergehenden Gruppe. Selfies werden durch Programme mit coolen Looks versehen, sehen aus wie Werbebilder; jeder hat die App, jeder nutzt sie und Glaubwürdigkeit oder Realitätsnähe ist keine relevante Fragestellung, vielmehr ist es die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die durch diese Bildpraktiken bezeugt wird.

Mit Kompetenz und Spaß

In fast allen Fotografien scheint die Welt, sei es in ihrer realen oder fiktionalen Ausprägung, beherrschbar und besitzbar – das macht sie so attraktiv. Die Illusion von Kontrolle über Wirklichkeit kommt scheinbar körperlos daher.

Medienkompetenz bedeutet für mich, dies zu verstehen und auf den zweiten Blick Realitäts- und Fiktionalitätsversprechen in konkreten Gebrauchszusammenhängen und Kontexten mit den ihnen mitgegebenen Intentionen verstehen zu können. Das kann man kritische Medienkompetenz nennen oder praktische Alltagsbewältigung – oder Spaß mit Bildern.


Anmerkungen
  1. 1. Flusser, Vilém (1993): Das Politische im Zeitalter der technischen Bilder (1990), S. 236-242, S.242, in: V:F.: Lob der Oberflächlichkeit. Für eine Phänomenologie der Medien (V.F., Schriften, hg. v. Bollmann, Stefan und Flusser, Edith, Bd.1), Bensheim und Düsseldorf.
  2. 2. Walter Benjamin spielt auf Laszlo Moholy-Nagys Bemerkung an mit: „’Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird, so hat man gesagt, der Analphabet der Zukunft sein.’ Aber muss nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen kann? Wird die Beschriftung nicht zum wesentlichen Bestandteil der Aufnahme werden?“ Benjamin, Walter (1977): Kleine Geschichte der Photographie, S. 45-64, hier S. 64, in ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt a. M.
  3. 3. Schwan, Stefan (2005): Psychologie, S. 124-133, hier S.132, in: Sachs-Hombach, Klaus: Bildwissenschaft, Frankfurt a.M.
  4. 4. Eine Neukontextualisierung bedeutet zum Beispiel, diese ursprünglichen (im Sinne von: ersten) Intentionen zu negieren und der konkreten Fotografie neue Intentionen anzuheften, meist alleinig durch eine Neudefinition des Gebrauchskontextes. Dies ist eine häufig von Künstlern verwendete Strategie (vgl. Peter Piller).
  5. 5. Gumbrecht, Hans Ulrich: Das Denken muss nun auch den Daten folgen, in: FAZ, 12.03.2014.
  6. 6. Schneider, Sigrid; Grebe, Stefanie (2004): Wirklich wahr! Realitätsversprechen von Fotografien, Ostfildern-Ruit. In dieser Publikation werden die Strategien der Realitätserzeugung in allen fotografischen Verwertungsbereichen, bildimmanent und in den Mikro- und Makro-Kontexten erforscht.
  7. 7. Vgl. Wortmann, Volker (2003): Authentisches Bild und authentisierende Form, Köln. Und: Hg. Berg, Jan; Hügel, Hans-Otto; Kurzenberger, Hajo (1997): Authentizität als Darstellung, Heidelberg.
  8. 8. Zitat Ludwig Rauch, porträtierender Fotograf der sich beim Gespräch zu Wort meldet, in: Grasbüschel und Verantwortung. Es geht um die Haltung: Sibylle Fendt und Maurice Weiss von der Agentur Ostkreuz über Fotografie heute, in: Kunst und Kultur, Heft 1 /14.
  9. 9. Lühmann; Hannah: Zeugnis ablegen bis auf die Knochen, in: FAZ, 25.02.2014.