Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein Junge der vor seinem Gesicht mit Fingern einen Rahmen bildet und hindurch schaut

Ganz aus Kindersicht

Hinter den Kulissen der Kindermedienforschung

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen. So haben Forscher, die kindlichen Perspektiven auf der Spur sind, mit vielfältigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nur mit viel Geduld, hohen Kosten und Fragen nah am kindlichen Alltag lassen sich verlässliche kindliche Aussagen erzielen. Erfahrungen, Methoden und Probleme der Kindermedienforschung vor dem Hintergrund des Forschungsprojektes „Kids Mobile Gaming“.

Paul zögert, Anna nicht. Sie quasselt begeistert los, erzählt von ihrer neuen Spielkonsole, die sie auf gar keinen Fall ihrer kleinen Schwester überlassen wird. Sie zählt ihre Lieblingsspiele auf, ihre liebsten Spielfiguren und alle Spielkonsolen ihrer Freundinnen. Die gegenüber sitzende Interviewerin hört aufmerksam zu, Anna spricht schnell. Paul dagegen ist sich immer noch nicht sicher: Wie oft spielt er eigentlich Computerspiele? Was soll er der jungen Frau mit dem Fragebogen nur sagen?

Kinderbefragungen sind anders als die von Jugendlichen und Erwachsenen, da sind sich Marktforscher und Wissenschaftler einig − egal, ob es sich um standardisierte Fragebogenerhebungen oder offene persönliche Interviews handelt, ob die Befragungen alleine zu Hause, als Gruppendiskussion im Hort oder innerhalb einer Klassenbefragung in der Schule stattfinden. Doch was macht Kinder für Forscher zu einer besonderen Herausforderung? Kinder sind keine homogene Zielgruppe, wie das Beispiel von Paul und Anna zeigt. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die Kinderbefragungen auszeichnen.

Kinder ticken anders

Die noch wenig ausgebildeten sprachlichen Kompetenzen wie auch die Fähigkeiten zur Kontrolle von Mimik, Gestik und Motorik von Kindern erschweren das Forschen. Jüngere Kinder im Grundschulalter lassen sich recht schnell ablenken und haben eine kürzere Konzentrationsspanne. Paul scheint abwesend, die Interviewerin versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch Paul schaut in den Klassenraum und beobachtet Anna, die weiterhin munter von ihrer Spielkonsole erzählt. Nachdem Pauls Interviewerin den Grund für seine Unaufmerksamkeit erkannt hat, tauscht sie mit Paul den Platz. Nun sitzt Paul mit dem Gesicht zur weißen Wand. Das Interview geht weiter.

Darüber hinaus stellte sich in Studien heraus, dass Kinder teilweise Schwierigkeiten haben, sich an Informationen zu erinnern, die emotional aufgeladen sind, wie beispielsweise das Erziehungsverhalten der Eltern. Sie neigen zu einer positiven Idealisierung der familiären Situation. Bei Fragen, die eine sachliche Antwort abverlangen, können sie sich jedoch „mit beeindruckender Genauigkeit an Alltagsereignisse erinnern“.1 So erklärt Anna den Spielablauf ihres Lieblingsspiels Pokémon ganz genau: Sie zählt alle Figuren und deren Eigenschaften auf, berichtet detailliert vom gestrigen Spielverlauf und ihrem derzeitigen Spielstand.

Es bedarf daher auf diese Klientel abgestimmter, adäquater methodischer Strategien und Zugänge der Befragung oder Beobachtung. Ein sprachlich wie auch dramaturgisch durchdachter und kindgerechter Fragebogen ist deshalb sehr wichtig. Der Einsatz von Bildern für beispielhafte Antwortalternativen ist wegen des sehr guten bildlichen Gedächtnisses von Kindern hilfreich. Unterschiedliche Methoden wie ein Spiel zwischendurch bieten Abwechslung und fördern die Konzentration. Die Bereitschaft und Motivation der Kinder steht im Mittelpunkt. Offenheit und Kommunikation sind dafür ausschlaggebend. Das Kind wird als gleichberechtigter Kommunikationspartner betrachtet und seine Lebens-, Gedanken- und Gefühlswelt werden ernst genommen. Es ist in der Untersuchung der Experte und wird als solcher im Kommunikationsprozess anerkannt.2

Neue Perspektive der Kindheitsforschung                                                                                   

Der heutige Standard der Kindheitsforschung ist Folge einer langen Entwicklung: Seit der Nachkriegszeit wurde die Kindheit immer mehr als eigenständige Lebensphase betrachtet, in der die Heranwachsenden aktiv ihre Umwelt verarbeiten und gestalten.3 Innerhalb der Medienforschung wird Medienhandeln von Kindern seither als aktiver ganzheitlicher Prozess sinnhafter Rezeption und Bedeutungszuschreibung aufgefasst, u. a. auch in der Auseinandersetzung mit Institutionen wie dem Kindergarten, der Schule und Hort aber auch der Gleichaltrigengruppe oder Freundschaftsclique. Unter den Begriff „neue Kindheitsforschung“, der sich in den 1980ern etabliert hat, fallen Studien, die die „Perspektive der Kinder“ in den Mittelpunkt stellen und nicht wie zuvor nur Informationen über oder zu den Kindern durch beispielsweise Eltern und Pädagogen, sondern von und mit Kindern direkt sammeln.

In den vergangenen Jahrzehnten richtete sich die Forschung an immer jüngere Kinder. Heutige Studien beginnen meist ab einem Alter von sechs Jahren. Sollen Charakteristika des Kinderverhaltens und der Lebenssituation bei Kindern im vorschulischen Alter erschlossen werden, so werden aufgrund der noch geringen sprachlichen Kompetenzen deshalb eher die Bezugspersonen wie Eltern, Erzieher oder sonstige Betreuer (z. B. Ärzte, Sozialarbeiter, Erziehungsberater etc.) befragt. Trotzdem interessieren natürlich auch die persönlichen Einstellungen und Meinungen der jüngeren Kinder als aktive Mediennutzer. Entsprechende Methoden müssten sich den kognitiven Fähigkeiten anpassen und das Regelsystem der kindlichen Welt mit einbeziehen. Dazu gibt es aber bisher nur wenige Erkenntnisse. Eine Methode, die aber auch jüngere Kinder im Forschungsprozess berücksichtigt, ist die Soziometrie. Kinder in einer Gruppe (oft Schulklassen oder Kinderheime) werden dabei gebeten, jeweils drei Kinder zu nennen, die sie am liebsten und drei, die sie am wenigsten mögen. Daraus manifestieren sich soziale Präferenzen, Beziehungsstrukturen und soziale Wirkungen.

Organisatorische Herausforderungen

Kinderbefragungen stellen auch organisatorisch neue Herausforderungen an Forscher. Die Forscher wollen permanente Transparenz gegenüber Schulen und Eltern gewährleisten. Die Akquisition, d. h. die Gewinnung  von Kindern für Untersuchungen und Studien, erfolgt meist über die Institutionen wie Kindergarten und Schule. Die Befragungen selbst finden zu Hause oder in der Schule statt, schriftlich oder mündlich. In Pauls und Annas Klasse finden acht Interviews gleichzeitig statt. Je ein Interviewer sitzt einem Schüler oder einer Schülerin gegenüber und geht den Fragebogen durch. Die Tische sind im ganzen Raum verteilt, um die Entfernungen zwischen den Interviewpärchen möglichst groß zu halten. Überall hört man das Gemurmel der Interviewer und die Antworten der Kinder.

Das Einverständnis der Erziehungsberechtigten ist obligatorisch. Nach Richtlinien verschiedener Berufsverbände sollen unabhängig von der Einwilligung durch einen gesetzlichen Vertreter Interviews mit Minderjährigen unter 14 Jahren nicht ohne Kenntnis eines in der Wohnung anwesenden Erwachsenen stattfinden.

Sind die Aussagen glaubhaft?

Die Organisation und Durchführung von Kinderinterviews unterscheidet sich stark von Befragungen von Jugendlichen und Erwachsenen. Umstritten bleibt zusätzlich die Datenqualität bei Kinderbefragungen. Sind die Antworten von Kindern in den Untersuchungen und Studien glaubhaft? Ziel der sozialwissenschaftliche Forschung ist es, intersubjektiv überprüfbare Aussagen über die Wirklichkeit zu erlangen und somit Strukturen und Gesetze der sozialen Welt aufzudecken. Dies gilt für die Kindheitsforschung gleichermaßen wie für Untersuchungen mit, zu und über Erwachsene und Jugendliche.

Die Verlässlichkeit kindlicher Antworten hängt zum einen vom Alter der Kinder und ihren kognitiven Vermögen und zum anderen davon ab, wie nahe die gestellten Fragen an der Lebenswelt des Kindes sind.4

Daher gilt für das Forschen mit Kindern der Grundsatz: Je näher die Fragen am unmittelbaren kindlichen Alltag und der Lebenswelt, desto verlässlicher sind die Angaben der Heranwachsenden. Erst im Vergleich der ausgewerteten Daten, die in unterschiedlichen und aufeinander verweisenden methodischen Zugängen gewonnen werden, eröffnen sich Einblicke in das Leben der Kinder. Um die vielfältigen Dimensionen und Ausprägungen der kindlichen Lebenswelten und ihren Umgang mit Medien nachvollziehen zu können, muss aber auch immer die Identitätsentwicklung in der konkreten Lebenssituation berücksichtigt werden.

Untersuchungen und Studien mit Kindern sind zeitlich sowie finanziell kostspieliger als mit Erwachsenen und Jugendlichen. Auch die Vergleichbarkeit von Kinderstudien untereinander und zu Erwachsenen- oder Jugendstudien erschwert sich vor allem durch die unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen, um Informationen von Kindern über ihre Alltags- und Lebenswelt zu gewinnen. Die in der Forschung gebildeten Indikatoren reduzieren dabei allzu häufig die Komplexität kindlicher Lebenswelten auf einige wenige Merkmale, wie beispielsweise Bildung, finanzieller Status, Familien- und Schulleben sowie Gesundheit, die für die Vorstellung einer ‚guten‘ Kindheit bei uns Erwachsenen stehen.5 Doch sind das tatsächlich die Indikatoren, die eine gute und sorglose Kindheit ausmachen? Bezüglich des theoretischen Hintergrunds als auch des methodischen Vorgehens müssen noch weitere, differenzierte Erkenntnisse gewonnen werden, um Kindheit und die Lebens-, Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern adäquat abzubilden und verstehen zu können. Dabei sehen Forscher Kindheit immer aus der Perspektive der Erwachsenen. Unter Einbezug von Kindern in den Forschungsprozess z. B. als Berater oder Interviewer versuchen einzelne Untersuchungen, eine echte „Perspektive der Kinder“ zu schaffen. Erste Untersuchungen von Kindern mit Kindern könnten in Zukunft folgen.

Forschungsprojekt: Kids Mobile Gaming

Die neue Generation mobiler Spielkonsolen sowie Smartphones, Multimediaplayer und Tablets erobern derzeit den Markt. Auch für Kinder bedeutet dies einen Wandel in der Mediennutzung beispielsweise in Form des Mobile Gaming. Kinder spielen nahezu an jedem Ort, unabhängig von pädagogischen Kontrollinstanzen. Eine Vielzahl an altersgruppenspezifischen Spielen für mobile Geräte drängen auf den Markt.

Das Forschungsprojekt „Kids Mobile Gaming“ nimmt sich dieser neuen Entwicklungen an und betritt Neuland in einem wichtigen, für Mediensozialisation zunehmend relevanten Arbeitsfeld. Im Mittelpunkt des Pilotprojekts stehen Bedeutung, Nutzung und Verarbeitung von Computerspielen auf mobilen Endgeräten bei Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren im Rahmen ihrer alltäglichen Lebensführung. Im Oktober und November 2011 wurde eine Befragung von ca. 500 Kölner Schülerinnen und Schülern in halbstündigen Interviews sowie eine schriftliche Befragung der Eltern durchgeführt. Von Ende April bis Anfang Juli 2012 wurden in Einzelinterviews mit Schülern zudem tiefer greifende Daten gesammelt. Das Forschungsvorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität zu Köln und der Fachhochschule Köln, gefördert von der RheinEnergieStiftung Jugend/Beruf/Wissenschaft.

Die ersten Ergebnisse des Projekts „Kids Mobile Gaming“ der Universität zu Köln und FH Köln werden voraussichtlich im Frühjahr 2013 erscheinen.


Anmerkungen
  1. 1. Schacter, D.L. (2001): Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit. Hamburg: Rowohlt, S. 212.
  2. 2. Vgl. Paus-Haase, I. (2000): Medienrezeptionsforschung mit Kindern – Prämissen und Vorgehensweisen. Das Modell der Triangulation. In: Paus-Haase, I./Schorb, B. (Hrsg.): Qualitative Kinder- und Jugendmedienforschung. Theorie und Methoden: ein Arbeitsbuch. München: Kopäd.
  3. 3. Vgl. Zinnecker, J. (1999): Forschen für Kinder – Forschen mit Kindern – Kinderforschung. In: Honig, M.-S,/Lange, A./Leu, H. R. (Hrsg.): Aus der Perspektive von Kindern? Zur Methodologie der Kindheitsforschung. Weinheim/München: Juventa.
  4. 4. Vgl. u. a. Lipski, J. (2000): Zur Verläßlichkeit der Angaben von Kindern bei standardisierten Befragungen. In: Heinzel, F. (Hrsg.): Methoden der Kindheitsforschung. Ein Überblick über Forschungszugänge zur kindlichen Perspektive. Weinheim/München: Juventa. S. 77-86. Stecher, L./Maschke, S. (2011): Die quantitative Kindheitsforschung als Beitrag zur Vermessung der Kindheit. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 6. Jahrgang, Heft 3, Leverkusen: Budrich Verlag. S. 281-298.
  5. 5. Vgl. Tag, M. (2009): Ungleiche Kindheiten aus globaler Perspektive. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4. Jahrgang, Heft 4, Leverkusen: Budrich Verlag. S. 478-486.