In der sozialwissenschaftlichen Diskussion um Mediennutzung und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen hat sich gezeigt, dass das Geschlecht eine relevante Variable darstellt. Vor diesem Hintergrund ist die geschlechtersensible Medienkompetenzförderung eine zentrale Herausforderung der Medienpädagogik. Praxisprojekte zum Thema zu recherchieren und vorzustellen, die Projekte systematisch bezüglich ihrer Ansätze und Methoden auszuwerten und ergänzend ExpertInnen zu den Konzepten zu interviewen, war u.a. Ziel der kürzlich erschienenen Studie „Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung“1 Die Autorin, neben Stefan Aufenanger Verfasserin der Studie, gibt Einblick in wichtige Ergebnisse und stellt generalisierbare Überlegungen dar, die sich in einem Orientierungsrahmen für die geschlechtersensible Medienkompetenzförderung niederschlagen.
An der Förderung der Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als lebenslange gesellschaftliche Aufgabe besteht kein Zweifel. Es geht darum, welche Aspekte aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive bei der Gestaltung geschlechtersensibler Medienkompetenzförderung bedenkenswert sind.
Auf der Ebene der Definitionen von Medienkompetenz zeigt sich – dem Anspruch der Gleichstellung der Geschlechter folgend – ein universeller Anspruch, Medienkompetenz als individuelle Aufgabe zu realisieren, und zwar unabhängig von Alter, Herkunft und Geschlecht. Pointiert formuliert lässt sich daraus folgern: Medienkompetenz hat kein Geschlecht. Auf der Ebene der Ergebnisse empirischer Untersuchungen wird allerdings unzweifelhaft sichtbar, dass sich in der Quantität und Qualität der Mediennutzung Differenzen in den Dimensionen von Geschlecht, Alter und Bildungsniveau abzeichnen. Wenn Geschlecht also eine wesentliche Dimension im Rahmen der Mediennutzung darstellt, liegt es auf der Hand, dass sie als Dimension ebenfalls bei der Medienkompetenzförderung zu berücksichtigen ist. Auch die Medien selbst, die Medieninhalte und die in der Pädagogik tätigen Personen transportieren geschlechterspezifische Erwartungen und Konnotationen. Die Forschungslage unterstützt insofern die Forderung nach Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in diesem Kontext.
Wir sprechen von einer geschlechtersensiblen Medienkompetenzförderung in Abgrenzung bzw. in Erweiterung zu einer geschlechtsspezifischen Medienkompetenzförderung. Der Begriff „geschlechterspezifisch“ verleitet einerseits dazu anzunehmen, es gebe so etwas wie eine geschlechtsspezifische Medienkompetenz und andererseits impliziert es die Annahme, dass es klar trennbare Aspekte gibt. Die Vorstellung einer Geschlechtsspezifik bedeutet die Festschreibung einer bipolaren Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit, die unüberwindbar sei. Da Geschlecht im Sinne von Gender immer auch oder zuallererst sozial und gesellschaftlich verortet ist, geht es darum, für diese Prozesse bzw. Konstruktionen, an denen die Mediensozialisation ihren Anteil hat, zu sensibilisieren.
Empirisch zeigt sich, dass es innerhalb der Geschlechter eine große Bandbreite unterschiedlicher Kompetenzen gibt. Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung heißt, jeweils solche Angebote zu machen, die auf den jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen aufbauen. Geschlechtersensibel zu arbeiten, bedeutet bei der Medienanalyse und –kritik aufmerksam dafür zu sein, wie Geschlechter-Stereotypen festgeschrieben werden.
Tendenzen und Problembereiche
Bei einer Sichtung der Datenlage zur geschlechterspezifischen Mediennutzung zeichnen sich Tendenzen und Problembereiche ab, die bei der Konzipierung und Weiterentwicklung von Projekten zur geschlechtersensiblen Medienkompetenzförderung zu berücksichtigen sind. Die folgenden zwei Aspekte sind dabei besonders zu betonen:
- Technisches Know-How repräsentiert nur einen Teil von Medienkompetenz. Medienpädagogische Maßnahmen in diesem Bereich sind insofern als notwendig, aber nicht als hinreichend zu bewerten. Betrachten wir Nutzungsvielfalt als anzustrebendes Ziel in der Kompetenzförderung im Umgang mit Internet und Computer, so zeigen sich in den Untersuchungen weniger Geschlechterdifferenzen als Differenzen auf der Bildungsebene. In diesem Bereich ist also speziell das Bildungsniveau zu kompensieren und weniger die Differenz auf der Ebene der Geschlechter. Im Sinne einer geschlechtersensiblen Praxis ist von daher die Fokussierung auf die Defizitorientierung im Bereich der technischen Kompetenz von Mädchen als zu einseitig und verkürzt zu betrachten. Es geht eher darum, die Nutzungsvielfalt für beide Geschlechter anzustreben und die Orientierung auf das Know-how der Bedienung um analytische, reflexive und kognitive Dimensionen zu erweitern. In dieser Hinsicht ist besonders die in der Studie konstatierte geringe Anzahl von realisierten Projekten für Jungen als negativ zu bewerten.
- Die symbolische Zuordnung von Geschlecht im Umgang mit Technik zementiert die traditionelle Geschlechterordnung insofern, als Jungen dies als ihre Domäne ansehen und in der Interaktion mit Mädchen ihre tatsächliche, häufig nur ihre vermeintliche, Vormachtstellung behaupten wollen. Für Praxisprojekte zur Medienkompetenzförderung bedeutet dies einerseits, im Wissen um solche Zusammenhänge an den Interessen der Jugendlichen anzuknüpfen und phasenweise z.B. in monoedukativen Settings zu arbeiten, um den Interessen der Jugendlichen gerecht zu werden. Gleichwohl ist es anzustreben, die Grenzen zu erweitern und mit Neuem und dem Anderen zu experimentieren. Auf diese Weise können begrenzte Handlungsräume und –perspektiven wahrgenommen und überwunden werden. Dies gilt auch für den Aspekt der Berufsperspektiven im Medienbereich, in denen Mädchen und junge Frauen durch Praxiserfahrung in Medienprojekten an Selbstbewusstsein gewinnen. Im Übrigen ist dies der Faktor – so sagen es die Untersuchungen -, in dem sich die Geschlechter mehr unterscheiden als in der tatsächlichen Handlungskompetenz.
Ergebnisse der Recherche
Eine theoretisch fundierte Recherche geschlechtersensibler medienpädagogischer Praxis ist von einer Reihe von Hindernissen begleitet. Es gibt eine nahezu unüberschaubare Vielzahl medienpädagogischer Angebote, die auch über das Internet präsentiert werden. Ob diese einen geschlechtersensiblen Ansatz aufweisen oder nicht, ist angesichts der gängigen Darstellungspraxis selten erkennbar. Eine Suche nach „Angeboten für Mädchen“ und „Angeboten für Jungen“ kann lediglich solche geschlechtersensiblen Angebote identifizieren, die auf Geschlechtertrennung setzen. Projekte, die ohne Geschlechtertrennung aber durchaus geschlechtersensibel arbeiten, sind auf diese Weise kaum zu finden. Auf der Basis der zielgerichteten Recherche lassen sich eine Reihe von Trends identifizieren:
Erfreulich ist zunächst festzuhalten, dass sich in Deutschland stellenweise eine medienpädagogische Praxis etabliert hat, die die Geschlechterthematik berücksichtigt. Die Auswertung der Interviews mit Experten und Expertinnen zur geschlechtersensitiven Medienarbeit zeichnet ein heterogenes Bild von Konzepten, Begründungen und Perspektiven einer pädagogischen Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen.
In der medienpädagogischen Praxis bedeutet die Berücksichtigung der Geschlechterthematik in erster Linie die Etablierung einer monoedukativen Praxis, also einer geschlechtergetrennten Praxis. Wobei die Angebote für Mädchen bzw. jungen Frauen deutlich überwiegen. Die Angebote für Mädchen decken die Berücksichtigung aller Medien vom Radio, über Computer und Internet zu Videofilmen ab. Der Schwerpunkt liegt bei der Technikförderung von Mädchen. Explizite Angebote nur für Jungen lassen sich sehr viel weniger finden.
Interessant ist der wiederholte Hinweis der ExpertInnen auf den Vernetzungsgedanken zwischen der geschlechtersensiblen Medienarbeit in der außerschulischen Bildung und der Schule. Speziell unter Bezugnahme auf die Entwicklung der Schule zur Ganztagsschule werden vermehrt Medienprojekte im Nachmittagsunterricht als Wahlbereich von Bedeutung sein. Hierin liegt nach Erfahrung der ExpertInnen insgesamt eine gute Chance für eine geschlechtersensible medienpädagogische Praxis.
Eng mit dem Vernetzungsgedanken verbunden besteht die Tendenz, die in der geschlechterreflektierenden Medienpraxis gewonnen Erfahrungen und Kenntnisse in Form von Weiterbildungsangeboten über Workshops für MultiplikatorInnen weiterzugeben. Die in den Einrichtungen tätigen PädagogInnen, InformatikerInnen, Film- und VideoexpertInnen verfügen über wertvolle Erfahrungen, die eine Lücke in der Ausbildung schließen können. Dies besonders deshalb, weil die primären Studiengänge in diesem Bereich lückenhaft und defizitär sind, so dass Fortbildungen dringend erforderlich werden.
Wie bereits erwähnt, kommt die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive vor allem in einer monoedukativen Praxis zum Tragen. Grundsätzlich liegt darin eine Chanceder Entschärfung der Bedingungen für die geschlechterstereotype Darstellung von Mädchen wie Jungen. Mädchen- bzw. Jungengruppen erhalten in konstruktivistischer Perspektive eben nicht ihre Begründung dadurch, dass sie sich in ihren besonderen „weiblichen“ wie „männlichen“ Eigenschaften unterscheiden, sondern dadurch, dass das „doing gender“ seine Bedeutung in der geschlechterhomogenen Gruppe verändert, weil die permanenten geschlechtlichen Darstellungen und Inszenierungen obsolet werden. Quasi männliche Technikdominanz „muss“ nicht mehr inszeniert werden, weibliche Technikabstinenz kann nicht erfolgreich praktiziert werden. Eine Vielzahl interaktiver sozialer Praktiken fällt in geschlechtshomogenen Gruppen weg, weil sie nur in Bezug auf das jeweils andere Geschlecht praktiziert werden. Ein besonderes Gewicht kommt diesem Aspekt in der Arbeit mit Jugendlichen zu.
Dort, wo es bei der Arbeit mit Medien vorrangig um deren Inhalt geht, Medienkompetenz also eine kritisch-reflexive Dimension einschließt, bietet die monoedukative Praxis Chancen vertiefender Auseinandersetzung mit den medial konstruierten Normierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. In der Tendenz vermitteln Medien ein stereotypes Bild der Geschlechterordnung, das eher Identitätsentwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen beschränkt. Diese Beschränkungen, die sich aus der Identifikation mit und Orientierung an medialen Vorbildern ergeben, können in solchen Settings besonders sichtbar werden, in denen individuelle Handlungen und Einstellungen in Solidarität mit der eigenen Genusgruppe kommuniziert und reflektiert werden. Normierende Geschlechterkonstruktionen lassen sich durch die Schaffung von Handlungsspielräumen überwinden. Statt fortwährender Festschreibung von Geschlechternormalität kann ein reizvolles Terrain für Experimente als Überwindung oder Durchbrechung von Heteronormalität stattfinden. Das gilt für Mädchen wie für Jungen.
Zwei Beispiele
- „… aus Mädchensicht“ (Monoedukative Praxis)
Das Projekt „aus Mädchensicht“ ist ein Angebot zur Filmerstellung für Mädchengruppen im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren. Es ist angesiedelt im Frauenzentrum Ludwigsburg2. Ziel des Projekts ist das Kennenlernen und die Handhabung des Mediums Film von Drehbuchschreiben über Interviewdurchführung bis zur Kamerabedienung und zum Filmschnitt. Inhaltlich geht es um die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Als Beispiel dafür steht exemplarisch das Projekt der filmischen Dokumentation des Themas „Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen“. Die verantwortliche Pädagogin betont die Wichtigkeit des inhaltlichen Kontextes, denn die Mädchen sollen die Medien – es erfolgt keine grundsätzliche Festlegung auf das Medium Film – als eine Möglichkeit erfahren, sich selbst und die ihnen relevant erscheinenden Themen auszudrücken. Der Umgang mit Filmtechnik steht grundsätzlich in einem inhaltlichen Kontext. Die Adressatinnen lernen verschiedene mediale Ausdrucksformen kennen, ohne von vornherein auf ein Medium festgelegt zu sein. Neben der Produktion eines Films kann dabei auch z.B. eine Online-Präsentation erfolgen. Als Erfolg der Arbeit wertet die Pädagogin das steigende Selbstbewusstsein der weiblichen Jugendlichen, das aus dem Stolz über das Produkt und die im Prozess erworbenen Fähigkeiten erwächst.
- „Mediennächte“ (Koedukative Praxis)
Die Mediennächte sind eine außerschulische Veranstaltung am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen für die Schülerinnen und Schüler dieser Schule. Bei dieser „Party“ gibt es vielfältige Möglichkeiten, sich verschiedenen Medien anzunähern, u.a. LAN-Party, Chat/Internetraum, „Singstar“-Karaoke3. Die Mediennächte sind so konzipiert, dass sie Jungen und Mädchen ansprechen. Ausgehend von der Erfahrung, dass klassische Mediennächte in Form von LAN-Partys eher die Computerspielinteressen von Jungen ansprechen und Mädchen daran nur selten teilnehmen, wird hier bewusst auf ein breites Spektrum geachtet. Der verantwortliche Pädagoge für dieses Projekt hebt hervor, dass es ihm darum gehe, Differenzen – und ggf. verborgene Ausgrenzungsmechanismen – zu identifizieren, aber diese nicht als Geschlechterdifferenzen festzuschreiben. Ziel ist es, jeder Person ein möglichst umfangreiches Tableau an Entwicklungs- und Erprobungsmöglichkeiten bereitzustellen, um diese nach eigenen Interessen auswählen zu können, ohne dabei Rollenklischees zu bedienen. Ziel ist es weiterhin, neben der Förderung von Medienkompetenz, dass alle Beteiligten am Umgang mit den Medien auch Spaß haben. Der Pädagoge sieht seine Hauptaufgabe darin, eine Balance zu halten zwischen einer begründeten Regulation der Mediennächte (keine Raub-Kopien, keine Ego-Shooter) und der Aufrechterhaltung eines Gemeinschaftserlebens mit Unterhaltung, Spiel und Spaß. Angestrebt wird die Rolle eines „critical friends“, eines kritischen Begleiters der Mediennutzung.