Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein fröhliches junges Mädchen, dass an einem Holztisch sitzt und von hinten über den Bildschirm eines Laptops schaut. Der Bildschirm zeigt ein Feld weißer Blumen. Rechts neben dem Laptop liegt eine Kamera.

Grässliche Computerspiele und ständiges Geglotze

Eine Polemik gegen die medienfreie Kindheit

Es ist nicht immer leicht, ein Medienpädagoge zu sein – besonders, wenn er einen sinnvollen Medienumgang schon in früher Kindheit propagiert. Konfrontiert mit wüsten Beschimpfungen und Schreckensszenarien für eine Zukunft, die unsere diffusen Ängste und Sehnsüchte ausdrücken, steckt er in einem Dilemma: Gegen Mutter Natur kommt er nicht an. Aber wie „natürlich“ sollen Kinderwelten sein?

Augen auf bei der Berufswahl – denn es gibt Berufe, die weitreichende Folgen für das soziale Miteinander mit sich bringen, zunächst aber nicht absehbar sind. So werden Ärztinnen und Ärzte gerne von der gesamten Verwandtschaft – und nicht selten auch von deren Freundeskreis – unverdrossen zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen und nach medizinischem Rat bei diesem oder jenem körperlichen Gebrechen befragt. Der Berufsgruppe der Juristen geht es ähnlich, denn wer hat nicht ein Problem mit seinem Vermieter oder benötigt juristischen Rat beim Kauf einer Wohnung. Noch schlechter ergeht es meist der Berufsgruppe der Lehrer: Kaum haben sie sich als solche geoutet, werden sie mit dem geballten Schulfrust konfrontiert – beginnend bei der eigenen Schulzeit über die der Kinder bis hin zu der der Enkelkinder.

Puffer zwischen Kindern und Erwachsenen

Deswegen also dachte ich mir: „Augen auf bei der Berufswahl“ und entschied mich (in den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts) für den Beruf des Medienpädagogen, freilich ohne zu ahnen, welche Folgen dies haben würde: Anfangs waren alle noch voller ehrfürchtiger Bewunderung, da ich mich mit Computern auskannte zu einer Zeit, als die meisten eine Computermaus noch für eine Unterart der argentinischen Springmaus hielten. Inzwischen sieht dies – im Zeitalter von Handys, Computerspielen und Web 2.0 – bedauerlicherweise ganz anders aus. Bei jeder Gelegenheit schütten Eltern, Lehrer und Pädagogen ein Füllhorn von Beschimpfungen bezüglich der unsäglichen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen über mir aus. Dies geht sogar so weit, dass ich – wenn ich in der U-Bahn als Medienpädagoge erkannt werde – Beschimpfungen von erbosten Müttern auf offener Bühne zu erdulden habe. Wie ist damit umzugehen? Sich einen iPod kaufen und die Stöpsel in die Ohren stecken? Oder sich weiter den endlosen Diskussionen stellen über diese grässlichen Computerspiele oder das ständige Geglotze der Kinder in diese schwarzen Kisten (Handys, Nintendo DS usw.)?

Nun, mit 50 Jahren, ist es für mich für einen Berufswechsel leider zu spät. Was also bleibt ist, sich weiter als Puffer zwischen Kindern/Jugendlichen und Eltern, Lehrern und Pädagogen zu bewähren. Aber woher kommt eigentlich diese immer stärkere Abneigung gegenüber den neuen Medien? Zunächst hatte man doch immer gedacht, dies sei alles nur eine Frage des Generationswechsels. Weit gefehlt.

Naturerfahrung als idealer Lehrmeister

Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, hat auf die Frage „Wie sollte die Welt für unsere Kinder gestaltet werden?“ in einem Interview für den Spiegel geantwortet: „Am besten so, dass man selbst gerne in diese Welt hineinwachsen wollte“ (Der Spiegel 42/2011). In dieser Aussage scheint mir ein wesentliches Problem für die Akzeptanz der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen offenkundig zu werden. Mag diese Aussage zwar auf viele Lebensbereiche der Kinder als Maßstab zutreffen, so unterscheiden sich doch die Wunschvorstellungen der Kinder bezüglich der Einbindung von Medien in ihren Alltag heute grundlegend von der Idealvorstellung der Erwachsenen. Und dies trifft aufgrund der rasanten Entwicklung der neuen Medien auch auf die nachfolgenden Eltern- und Pädagogengenerationen zu.

Vor allem im Elementarbereich besteht ein breiter Konsens, dass ein möglichst „naturnahes Aufwachsen“ die ideale Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Kinder bietet. Um dem Trend  „klicken und glotzen statt wirklich was erleben“ entgegen zu wirken, werden Naturerfahrungen als ideale Lehrmeister zur Weltaneignung gesehen. Das Konzept der Waldkindergärten hat vor allem in der Stadt eine zunehmend hohe Akzeptanz, und Kinder, die mit Leiterwagen und Gummistiefeln bei Regen mit ihren Erziehern durch die Parkanlagen der Stadt ziehen, ernten von allen ihnen begegnenden Passanten wohlwollende Zustimmung. Nicht dass ich hier missverstanden werde: Natürlich ist es für Kinder von großem Wert, wenn sie die Möglichkeit haben, auf Bäume zu klettern, im Matsch zu spielen oder Käfer und Regenwürmer zu sammeln.

Bedenklich wird es aber dann, wenn diese Form des Aufwachsens so stark idealisiert wird, dass jede Minute, die das Kind mit anderen Dingen als der primären Naturerfahrung verbringt, zu vermeiden sei.

Vor allem die neuen Medien sind dabei Zielscheibe der Kritik. Viele Eltern und Pädagogen erleben das Interesse der Kinder an Mediennutzung zunehmend als Bedrohung in der Eltern-Kinder-Beziehung, weit vor der Entfremdungsphase in der Adoleszenz. Es herrscht Unverständnis, nicht selten sogar Entsetzen über die magische Anziehungskraft dieser kleinen Geräte (Handys, iPods oder Nindento DS).

Künstliche Intelligenz als narzisstische Bedrohung

Empfanden vor allem Frauen in den 70er Jahren den Fortschritt der Technik noch als Befreiung aus ihrem sklavenhaften Haushaltsalltag, so werden dem technischen Fortschritt heute primär negative Auswirkungen zugeschrieben. Alle Probleme, die das Aufwachsen mit sich bringt, werden nicht selten direkt den Medien zugeschrieben – schlechte Schulleistungen, Übergewicht, Konzentrationsschwierigkeiten und vieles mehr. Vor allem die Hirnforschung liefert hierfür den wissenschaftlichen Unterbau: Kaum ein schwarzes Brett in einem Kindergarten, an welchem nicht Artikel über die Mutation von Kinderhirnen durch den Mediengebrauch angepinnt sind, die oft in apokalyptischer Weise die Zukunft beschreiben, in die unsere Kinder hineinwachsen. Die Eltern und Pädagogen fühlen sich bestätigt in ihren diffusen Ängsten den Medien gegenüber und nehmen die gelieferten Argumente – ohne kritische Reflektion – als Bestätigung für ihre Medienskepsis; schließlich handelt es sich bei der Hirnforschung ja um naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema ist hierdurch oft der Weg verstellt. Nur seltsam, dass viele dieser wissenschaftsgläubigen Eltern und Pädagogen, die die Hirnforschung oftmals am vehementesten ins Feld führen, ihre private Gesundheit in die Hände von  Heilpraktikern legen, deren Wirkungsweise sich jeder naturwissenschaftlichen Überprüfung bis jetzt entzieht.

Was liegt dieser übergroßen Medienskepsis aber zu Grunde? Empfinden Erwachsene die Entwicklung von künstlicher Intelligenz – selbst im Schachspiel wird der Mensch vom Computer besiegt – als weitere narzisstische Kränkung? Ist es das Gefühl, schon in frühen Jahren den Bezug zu seinem Kind zu verlieren, da es die Beschäftigung mit virtuellen Welten dem Kontakt mit den Eltern oftmals vorzieht? Ist es ist der Wunsch vieler Erwachsener, ihre Freizeit medienfrei zu gestalten, da sie sich durch die Verdichtung von Arbeitszeit durch Medien dringend eine „entschleunigte Freizeit“ ohne Medien wünschen?

Das Verschwinden der Kindheit?

Oder ist es der Wunsch nach einem Leben im Einklang mit der Natur? Selbst in modernen Filmen wie Avatar ist diese Sehnsucht nach einem naturverbundenen Leben zu erkennen. Auf der einen Seite eine technisch hochgerüstete Gesellschaft (das Böse) und auf der anderen Seite ein Volk, das in Harmonie mit der Umwelt zu leben scheint (das Gute). Die Angehörigen dieses Volkes sind sogar in der Lage, ihre Organismen direkt mit der Natur zu verbinden, indem sie sich mit ihren Schwänzen direkt mit den Ästen eines Baumes „connecten“ und so eins werden mit der Natur.

Eines ist mir bei den vielen Gesprächen mit Eltern, Lehrern und Pädagogen klar geworden: Viele möchten eine möglichst spät einsetzende Mediennutzung von Kindern und sehen in dieser Nutzung eine direkte Konkurrenz zur Primärerfahrung – in der Natur wie in der sozialen Interaktion mit anderen. Der kulturpessimistische Ansatz  „Das Verschwinden der Kindheit“, den schon 1987 Neil Postman in seinem gleichnamigen Buch in Bezug auf das Fernsehen beschrieb, zierte auch 2007 das Titelbild des Sterns (29.09.2007; Ausgabe Nr. 39). Im Zentrum ist ein lächelnder, dem Leben zugewandter Junge in der Natur zu sehen, während am Rand das Bild eines Computer spielenden Kindes platziert ist, das in sich zurückgezogen in einem weißen Raum sitzt und völlig unzugänglich in die virtuelle Welt des Spiels abgetaucht zu sein scheint. Dieses Titelbild drückt treffend das Dilemma eines Medienpädagogen aus, der für eine sinnvolle Mediennutzung mit Kindern werben möchte. Gegen Mutter Natur kommen wir einfach nicht an.

Planschen und fotografieren

Nichtsdestotrotz werde ich die Sisyphusarbeit für einen rationaleren Umgang mit den Medien im Elementarbereich nicht aufgeben. Der Mensch ist ein „Hybridwesen“ – wie es der französische Soziologe Bruno Latour beschreibt –, das sich sowohl durch sein Verhältnis zur Natur als auch zu der von ihm geschaffenen technischen Welt definiert. In diesem Sinne gilt es auch Kindern den Zugang zu beiden Welten zu erschließen.

Ich würde mir eine Kita wünschen, die sich die Weltaneignung der Kinder auch durch und mit Medien zur pädagogischen Aufgabe macht. Wir brauchen nicht nur Waldkindergärten, sondern auch Medienkindergärten, die jenseits von passiver Mediennutzung den kreativen Gebrauch von Medien in den Mittelpunkt stellen oder wenigstens Waldkindergärten, die bei Regen mit einem Leiterwagen und Gummistiefeln durch die Parkanlagen der Städte ziehen und bei Bedarf den Kindern eine wasserdichte Digitalkamera zum Fotografieren der Pfützen zur Verfügung stellen.