Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein Mann auf der Couch, mit überwältigtem Gesichtsausdruck, der die Fernbedienung fallen lässt

Haben Sie das gesehen?!

Schlaglichter deutscher Medienskandale

Nackte Busen, schwule Liebe, skrupellose Nestbeschmutzer, Fakes und Ekel-TV − die letzten Jahrzehnte durchziehen eine ganze Reihe von Medienskandalen. Stets mit öffentlicher Empörung, hohen Einschaltquoten und Auflagen, nicht selten auch mit viel Unterhaltungswert verbunden, trieben Medienskandale von den 50ern bis heute den gesellschaftlichen Wandel voran. Einige Beispiele fächern das Spektrum unterschiedlicher Medienskandale auf und machen deren affirmative und transformierende Funktion deutlich; zugleich werden Konsequenzen für die Medienwelt und insbesondere die Medienpädagogik aufgezeigt.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit grundlegend gewandelt. Wesentliches Kennzeichen dieser Entwicklung ist die Auflösung traditionaler Bindungen. In Bezug auf Glauben, Handlungswissen und Rollenmuster führt dies zu einem Verlust sozialer Verortung. Die normativen Regulierungen innerhalb der Gesellschaft sind nicht in der Lage, den „Verlust“ auszugleichen. Dies bedeutet, dass es für die Gesellschaftsmitglieder keine festgeschriebene, gültige Moral mehr gibt. Sie muss immer wieder ausgehandelt werden. Die Folge ist eine Tendenz zur Individualisierung in der Gesellschaft und eine −Pluralisierung von Lebensstilen. In sozial ausdifferenzierten Gesellschaften kommt dabei den Medien die zentrale Bedeutung bei der Aushandlung von Normen und Werten zu.

Der Medienskandal verweist auf die Brüchigkeit des jeweils vorhandenen Wertesystems. Er lässt sich als moderner Pranger oder auch Wertebasar bezeichnen, in dem die jeweiligen Normen und Werte ausgehandelt werden und das Orientierungsinteresse des Zuschauers bedient wird. Der Medienskandal hat eine affirmative Funktion, wenn es darum geht, die regelmäßige Bestätigung der gesellschaftlichen Norm zu gewährleisten. Der Medienskandal soll dazu dienen, die verloren gegangene gesellschaftliche Moral zu konstituieren (Medienpranger). Der Medienskandal hat eine transformierende Funktion, wenn er brüchige Werte und Normen in die Öffentlichkeit bringt und somit bereits von Teilen der Gesellschaft vollzogene verändernde Wertemuster popularisiert. Die unterschiedlichen Funktionen der Medienskandale möchte ich im Folgenden beispielhaft belegen und jeweils mit medienpädagogischen Notizen ergänzen.

Der Sündenfall: Sexualität und Moral

Der Film Die Sünderin (1951) von Willi Forst sorgte für den ersten großen Skandal des deutschen Nachkriegskinos. Der Film knüpft an die in der Nachkriegszeit entstandene Tradition an, gebrochene und zwiespältige Persönlichkeiten zu zeigen. Aus Liebe zu einem an einem Gehirntumor erkrankten Maler hatte die von Hildegard Knef gespielte junge Prostituierte Marina ihr Leben geändert. Sie pflegt ihn, und durch die Rückkehr zu ihrem Gewerbe finanziert sie eine Operation. Sie vergiftet ihn nach seiner Erblindung, um ihm größere Qualen zu ersparen und tötet sich anschließend selbst.

Ohne den ausgelösten Skandal wäre der Film schnell vergessen worden. Bereits am Tag der Premiere (18.01. 1951) warf der hanseatische Pastor Wilken dem Regisseur Willi Forst die Verherrlichung von Mord, Ehebruch, Selbstmord und Prostitution vor. Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings ließ in seiner Diözese eine Erklärung gegen Kinos verlesen: „Ich erwarte, dass unsere katholischen Männer und Frauen, erst recht unsere gesunde katholische Jugend in berechtigter Empörung und in christlicher Einmütigkeit die Lichtspielhäuser meidet, die unter Missbrauch des Namens der Kunst eine Aufführung bringen, die auf eine Zersetzung der sittlichen Begriffe unseres christlichen Volkes hinauskommt.“

Auslöser des Protestes war eine kurze Nacktszene, in der Marina dem Maler kurz nackt Modell steht. Dabei ist Hildegard Knef von hinten zu sehen. In einer weiteren Szene schwimmt sie nackt in einem See. In den 50er Jahren galt in weiten Teilen der Bevölkerung die Darstellung einer nackten Frau auf der Leinwand in höchstem Maße als unsittlich. Weit bedeutender war jedoch der Tabubruch, Themen wie Sterbehilfe, Selbstmord und Prostitution öffentlich zu diskutieren. Die Kirchen riefen zum Boykott des Films auf, und Tausende von Menschen demonstrierten auf den Straßen und forderten ein Verbot des Films. Die Proteste gegen den Film führten dazu, dass in vier Monaten vier Millionen Menschen den Film sehen wollten. Heute ist der Film ab 12 Jahren freigegeben.

Der Film Das Schweigen (1963) von Ingmar Bergmann führte ebenfalls zu einem Skandal: Nackte Brüste in Großaufnahme, eine traurig-verzweifelte Onanieszene, Panzertransporte, die ihre Geschossläufe wie einen erigierten Phallus präsentierten, führten dazu, dass der Film in Deutschland sofort unter Pornographieverdacht stand. Der Film thematisiert seelenlose Triebhaftigkeit, geschlechtliche Liebe ohne Liebe, Gleichgültigkeit gegen den eigenen Körper und ein rastloses Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit. Der Film zeigt ein Inferno der Angst, weist hin auf die Verwirrung und Hilflosigkeit der Protagonisten, die in einen Strudel von sexueller Begierde, Exzessen und tiefgründigem Hass fallen. Allein in Deutschland wollten rund 12 Millionen Zuschauer den Skandalfilm ansehen.

Sowohl Die Sünderin als auch Das Schweigen aktivierten seinerzeit bewahrpädagogische Positionen. Wenig Zweifel bestanden, dass insbesondere Jugendliche vor diesen Filmen zu schützen sind, wobei die Methoden dies zu erreichen differierten. Präventive Medienschutzmaßnahmen beabsichtigten, dass die Jugendlichen keinen Kontakt zu den als problematisch eingeschätzten Szenen bekamen. Ausgegangen wurde von der Hypothese, dass problematische Filminhalte die Konsumenten schädigen. Die Konzepte der normativen Medienpädagogik intendierten, die Rezipienten zu einer höheren Genuss- und Urteilsfähigkeit zu erziehen und sie zum „guten“ und „wertvollen“ Medium hinzuführen, die aus eigenem Antrieb auf den Konsum von moralisch problematischen Filmen verzichten.

Vergangenheitsbewältigung

Die vierteilige amerikanische Fernsehserie (Doku-Soap) mit dem programmatischen Titel Holocaust (1978) kann als wichtigste Initialzündung für eine intensive Auseinandersetzung mit der Holocaust-Thematik bezeichnet werden (Erstaufführung: 22. Jan. 1979). Die Serie von Marvin Chomsky verfolgt in einer epischen Erzählweise das Schicksal zweier Familien, die unterschiedliche Seiten des Völkermordes im Dritten Reich verkörpern. Aufgrund der Perspektive aus der Sicht von Familien sowie der melodramatischen und gelegentlich trivialen Struktur war die Serie nicht nur in kirchlichen Kreisen heftig umstritten. Der SPIEGEL nannte den Film reißerisch und in Süße zerlaufend. Der Film lasse den Völkermord auf Bonanza-Maße schrumpfen. Gleichwohl hatte der Film eine enorme Breitenwirkung (Einschaltquote bis zu 39 %). Heute gilt Holocaust als Meilenstein der Holocaust-Dramatisierung. Die bislang namenlosen Zahlen des Völkermords bekamen durch den Film plötzlich reale Gesichter.

Eindrucksvoll belegt die Serie die transformierende Kraft „skandalöser“ Bilder. In der Gesellschaft unterdrückte und verdrängte Gewissheiten werden durch die „Inszenierungen“ zu nicht mehr zu verleugnenden „Wahrheiten“. Die Doku-Soap löste mehr Betroffenheit aus als die schrecklichen Dokumentaraufnahmen von den Konzentrationslagern. Dies belegt, dass die Seh- und Wahrnehmungsweisen der Rezipienten beachtet werden müssen, um gewünschte Botschaften nachvollziehbar machen zu können. Die Medienpädagogik tat sich lange schwer, dies zu akzeptieren.

Geschichten vom Ende jeglicher Moral

Bei der „Spielshow“ Das Millionenspiel (1970) von Wolfgang Menge geht es um verschärftes Reality-Fernsehen. Drei bezahlte Killer jagen eine Woche lang einen fiktiven Showkandidaten. Kommt der Kandidat durch, erhält er eine Million Mark. Der Film erweckt den Eindruck, als ob es sich um eine Live-Sendung handelt. Der Film nahm die Entwicklung des von Werbeeinnahmen gesteuerten Privatfernsehens vorweg. Der Film erzielte damals (18. Okt. 1970) die größte Publikumsresonanz in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Nach nur einer Wiederholung kam es nach Protesten der Fernsehzuschauer bei dem produzierenden Sender (WDR) zu einem Aufführungsverbot des Filmes, der erst 32 Jahre später wieder aufgehoben wurde (Wiederholung: 08. Juli 2002).

Die Berichterstattung über das Geiseldrama in Gladbeck (2000) zeigte, dass es nur eine schmale Grenze zwischen Reality-TV und Real-Life gibt. Die Frage nach der Moral in der Berichterstattung hat kein anderes Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte deutlicher ausgelöst als das Geiseldrama. Zum ersten Mal wurden Täter bei der Ausführung eines Verbrechens gezeigt. Polizeiliche Nachlässigkeiten und der Übereifer von Berichterstattenden führten dazu, dass die (Medien-)Beobachter Teile des Geschehens mit beeinflussten. Der Wettbewerb nach exklusiv verwertbaren Momenten führte zum Verlust jeglichen Verantwortungsgefühls und in der Folge einer hitzigen Debatte über die Grenzen des Journalismus.

Verblüffend ist, dass die Spielshow Holt mich hier raus, ich bin ein Star (2004) keinen Skandal ausgelöst hat, eher irritierendes Entsetzen von kritischen Bürgern, die die Akzeptanz dieser Sendung im Mainstream-Fernsehen nicht nachvollziehen konnten. Stars mussten ihren Kopf in ein kleines Aquarium stecken. Danach wurden u.a. Fische, Wasserspinnen, diverse Käfer und Aale hinzugefügt, bis sie panisch vor Angst den Kopf rauszogen. Möglicherweise gibt dies einen Hinweis, dass Skandale nicht mehr öffentlich thematisiert werden. Dies geschieht in separierten Feuilletons oder in individualisierten Internet-Foren. In einem Diskussionsforum fand ich folgende Kritik: „Diese Sendung spricht die niedrigsten Gefühle der deutschen Bevölkerung an. Ich will klar festhalten, dass ich diese Show nicht gesehen habe und auch nicht sehen werde“ (Rusch).

Die drei Beispiele verweisen auf die Frage nach der ethischen Verantwortung. Gibt es eine moralische Grenze, die nicht überschritten werden darf? Die Antwort ist längst bekannt, den Zuschauern kann aus Sicht des kommerziellen Fernsehens das zugemutet werden, was die Einschaltquote erhöht. Menge wollte mit seinem Film die Zuschauer aufrütteln. Nunmehr sind wir in einer Epoche angelangt, in der die Sensationslust, die Gier nach ungesehenen Bildern, die Akzeptanz der öffentlichen Entwürdigung von Personen als Farce bzw. Unterhaltung präsentiert wird. Ob dies eine affirmative oder eine transformierende Funktion für die Gesellschaft hat, hängt vor allem auch davon ab, ob die RezipientInnen bereit sind, die dabei vermittelten Werte und Normen zu akzeptieren. Hier zeigt sich ein komplexes Arbeitsfeld für die Medienpädagogik, den Diskurs zu dieser Frage zu akzentuieren.

Liberalisierung und Emanzipation

Die 70er Jahre lebten vom Angriff auf das Allerheiligste in der Gesellschaft: vom Angriff auf die Familie. Frauen emanzipieren sich nach der sexuellen Revolution und bekannten im STERN, dass sie abgetrieben haben. Homosexuelle gaben sich selbstbewusst. In diesem Klima testeten Vivi Bach und Dietmar Schönherr Anfang der 70er Jahre (Erstaufführung: 20. Dezember 1969) im Rahmen ihrer Spiele-Show Wünsch Dir was (1969-1973) die Belastbarkeit deutscher Fernsehfamilien. Einerseits mussten die Familien Harmonie beweisen, andererseits Mutproben bestehen. So mussten die Familien z.B. unter Todesangst über dünnes Eis robben. In einem anderen Fall musste das jeweils nervenstärkste Mitglied von drei Familien innerhalb einer Minute aus einem Glasbehälter soviel Geld fischen wie irgend möglich. In dem Glasbehälter befand sich allerdings eine zwei Meter lange Python.

Den Autoren ging es um Erkenntnisgewinn über familiären und gesellschaftlichen Zwist, wie aus folgendem Zitat von Dietmar Schönherr deutlich wird:

Alle Aufgaben, die in unserem Spiel vorkommen, sind aus dem Bereich der Familie und also auch von einer Familie ohne allzu große Schwierigkeiten zu lösen oder zu beantworten. Wir versprechen uns nebenbei davon, dass wir auch ein bisschen was über die Familien erfahren; dass also hinter der schönen, ausgeglichenen Fassade vielleicht ein bisschen mehr zum Vorschein kommen wird. Und wenn Sie, meine Damen und Herren, zu Hause dieses Spiel aufmerksam verfolgen, dann könnte es sein, dass Sie sogar einige neue Erkenntnisse über ihre eigene Familie gewinnen.“

Zum Skandal wurde die Sendung, nachdem eine Familie im Auto sitzend in ein Wasserbassin versenkt wurde (man beachte die Symbolik). Aufgrund einer Panne konnte die Familie nur mit Hilfe von Froschmännern in letzter Sekunde befreit werden. Weitere Tabubrüche begleiteten die Sendung, wie z.B. ein Interview mit der Kommune, die Befragung der israelischen Sängerin Daliah Lavi zur Flugzeugentführung; Esther Vilar durfte über den „dressierten Mann“ erzählen und Robert Jungk wurde es gestattet, Politiker zu beschimpfen. Als dann die 17-jährige Schülerin Leonie Stöhr mit durchsichtiger Bluse auftrat, löste dies politische Reaktionen aus, in deren Folge die Serie abgesetzt wurde.

Bemerkenswert ist, dass in der Show erstmals eine Frühform des interaktiven Fernsehens eingesetzt wurde: Die Zuschauer konnten, indem sie für die jeweilige Kandidatenfamilie entweder die Klospülung betätigten oder alle Elektrogeräte einschalteten, den Sieger der Sendung selbst bestimmen.

In den 70er Jahren erhielten die Homosexuellen die Chance, ihre Lebensweise öffentlich zu diskutieren. Rosa von Praunheim drehte im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks einen provokanten Film mit dem Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1992). Der Film behandelt das subkulturelle Leben vieler Schwuler Anfang der 70er.Ohne Tabus zeigt der Film damals ungesehene Bilder von Schwulen und setzt sich ausdrücklich für das Ende der Schwulenunterdrückung ein. Praunheims Film wurde zum Auslöser für die Entstehung der modernen Schwulenbewegung im deutschsprachigen Raum. Von vielen Seiten kritisiert, geriet seine Fernsehausstrahlung zum Skandal: Als einziger Sender strahlte der WDR (31. Jan. 1972) den Film bei seiner Premiere aus. Die parallele Aufführung bei der ARD wurde kurzfristig abgesagt. Als die ARD ein Jahr später den Film endlich zeigte, schaltete sich Bayern aus dem Programm aus.

Bei laufender Sendung schaltete im Jahre 1977 der Bayerische Rundfunk den Film Die Konsequenz von Wolfgang Petersen ab und löste damit den zweiten Medienskandal zum Thema Homosexualität aus. Die Literaturverfilmung setzt sich mit der Hartnäckigkeit wahrer Liebe und den Hemmnissen einer intoleranten Gesellschaft auseinander. Der Autor schockte die Fernsehnation mit einem Film, in dem zwei Männer offen ihre homosexuellen Neigungen auslebten. Die Sendeanstalt hielt das Thema Homosexualität für nicht geeignet für seine Zuschauer. Daraufhin wurde der Film im Kino gezeigt.

In erheblicher Weise haben diese Filme zu einer Liberalisierung und zunehmenden Emanzipation marginalisierter Gruppen und der gesamten Gesellschaft beigetragen. An den Beispielen zeigt sich die transformierende Kraft des Skandals.

Glaubwürdigkeitsverluste

Auf einer internationalen Pressekonferenz präsentierte der STERN am 25. April 1983 die Hitler-Tagebücher. Nur kurze Zeit später stellte sich heraus, dass es sich um einen der größten Fälschungsskandale handelte. Bei der im Jahr darauf folgenden Gerichtsverhandlung wird dem Gruner + Jahr-Verlag „erhebliches Mitverschulden“ zugesprochen. Bei der Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher hatten die Verantwortlichen schlichtweg mangelnde Professionalität bewiesen.

Wenn aber so genannte Dokumentarbilder präsentiert werden, ist es schon schwerer die Manipulation zu entdecken. 1996 stellte sich heraus, dass der freie Filmautor Michael Born insgesamt 16 Magazinbeiträge mit inszenierten Szenen vorwiegend an die von Günther Jauch moderierte Sendung Stern TV verkauft hatte. Bereits am 7. Juni 1994 wurde im Fernsehmagazin S-Zett ein inszenierter Film zum Thema PKK-Terroristen ausgestrahlt. Gezeigt wurden mutmaßliche Mitglieder der kurdischen Arbeiterpartei PKK bei dem Bau einer Bombe während eines konspirativen Treffens. Aus Fensterkitt wurde Plastiksprengstoff, der mit Schrauben vermischt wurde, um die zerstörerische Wirkung der Explosion zu erhöhen. Nur wenige Zuschauer zweifelten an der Glaubwürdigkeit der Sendung. Born lieferte auch brisantes Filmmaterial über Verbindungen von rechtsextremen Organisationen und dem amerikanischen Ku-Klux-Klan. Als im Jahre 1996 die Filmfälschungen entdeckt werden, erschüttert dies die Glaubwürdigkeit des Mediums Fernsehen.

Für die Medienpädagogik ergibt sich die Verantwortung, dazu beizutragen, kritisch-reflexive Kompetenzen zu vermitteln, damit die RezipientInnen bessere Chancen haben, mögliche Manipulationsstrategien zu durchschauen. Diese Notwendigkeit zeigt sich auch, wenn man die Kriegsberichterstattung der Golfkriege analysiert. Der erste Golfkrieg wurde fernsehgerecht präsentiert. Dabei sollte der Eindruck eines „sauberen“ Krieges erzielt werden. Die gesendeten Bilder waren, wie auch beim zweiten Golfkrieg, zensiert und weitgehend ästhetisiert. Es handelte sich um sorgfältig zusammengestellte Promotionsproduktionen.

Ein Paradebeispiel dafür, dass der Golfkrieg auch als Schlacht der Lügen in die Geschichte einging, passierte bereits im Vorfeld des Golfkriegs: Die Werbeagentur Hill and Knowlton (H&K) inszenierte am 10. Okt. 1990 vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im US-Kongress den Auftritt von Najirah. Die vermeintliche Krankenschwester gab unter Tränen folgendes zu Protokoll: „Ich sah die irakischen Soldaten. Sie kamen mit Gewehren ins Krankenhaus und haben die Babys aus den Brutkästen geholt. Die Brutkästen haben sie mitgenommen. Und die Babys auf dem kalten Boden sterben lassen.“ 1992 enthüllte der Journalist John R. MacArthur, dass es sich um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA handelte, die zum angegebenen Zeitpunkt überhaupt nicht in Kuwait war.

Bei den beiden Beispielen wird die Funktion des Medienskandals erkennbar, Fehlentwicklungen entgegen zu steuern bzw. durch Aufklärung politische Implikationen zu verdeutlichen. Die Medienpädagogik hat keinen Einfluss darauf, derartige Manipulationsstrategien zu verhindern. Sie kann aber, insbesondere auch durch die Vermittlung handlungsorientierter Kompetenzen, die Befähigung der Konsumenten steigern, hinter jedem audiovisuellen Beitrag die Interessen der dahinterstehenden ProduzentInnen besser erkennen zu können.