Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine junge Person, die durch eine Filmkamera schaut und diese steuert, während im Hintergrund eine junge Frau vor einer bunten Wand steht

Helden handeln… kreativ !

Die Kreativhelden – Neue Wege zur Entwicklung von Engagement und Aktivität

Jugendliche, die sich nichts zutrauen, entdecken ihr eigenes, kreatives Potenzial im Projekt „Die Kreativhelden“ des jfc Medienzentrums. In der Kreativhelden-Community tanken sie Selbstvertrauen und erfahren, wie sie ihre eigene Kreativität entwickeln können. In Medienworkshops, bei Events und auf YouTube oder Instagram geht es um Körperwahrnehmung, Selbstausdruck und die Erkundung eigener Themen und Talente. Die Beteiligten lernen im Projektverlauf ihre kreative Seite kennen und entwickeln ein persönliches Projekt, in dem sie sich selbst oder anderen etwas Gutes tun.

Wenn wir mit dem Heldenbegriff pädagogisch umgehen, kann das nur reflexiv geschehen – beispielsweise ironisch und mit Augenzwinkern. Der Begriff „Held“ sollte zum Nachdenken anregen: Warum sollen wir – und wollen das auch selbst oft – eigentlich „Übermenschliches“ leisten? Der Heldenbegriff sollte sensibel machen für den Wunsch nach Wahrnehmung und Anerkennung, uns aber auch ermutigen, bewusst für etwas einzutreten, das uns wichtig ist. Die Auseinandersetzung damit kann dann auch zum Verständnis verhelfen, was uns im Alltag allzu oft davon abhält, genau das zu tun.

Bewusstheit ist anspruchsvoll und zugleich eine Grundbedingung für alles, was wir für unser Menschsein beanspruchen: Verantwortung, kritisches Denken, solidarisches Handeln und auch Kreativität. Der Prozess, der zum (kreativen) Handeln führt, beinhaltet im Idealfall zunächst die Wahrnehmung der eigenen Befindlichkeit und der daran geknüpften Interessen. Erst im zweiten Schritt wird diese mit der Wahrnehmung anderer Menschen und einer Abwägung der Situation verknüpft: Was ist los? Wie geht es mir/uns? Was ist mein Interesse? Was kann ich tun? Welche Konsequenzen wird mein Handeln haben? Was wollen andere? Wie stehe ich dazu? Will ich mit anderen zusammen handeln – für andere oder gegen andere?

All das würde ein echter Held intuitiv im Zeitraum von Millisekunden, gestützt auf ein gefestigtes ethisches Fundament, abwägen. Aber kann man so etwas lernen?

Kreativität braucht Selbstvertrauen

Glücklicherweise interessieren sich Kinder und Jugendliche sehr für ethisch-moralische Fragen. Bei der Planung des Projekts Die Kreativhelden beobachteten wir, dass sich Jugendliche oft extrem leidenschaftlich und „moralisch“ zu Wertvorstellungen äußern. In kulturell durchmischten Gruppen geht es beispielsweise um unterschiedliche Auffassungen des Ehrbegriffs oder um die Be- und Abwertung von Verhalten sowie um polarisierte Einstellungen zu Fragen von Religion, Lebenssinn und Moral. Hinter der Vehemenz dieser Äußerungen steckt oft Unsicherheit und der Wunsch nach Orientierung.

Vielen Jugendlichen fehlt jedoch eine vertrauensvolle Umgebung, um ihre Wahrnehmungen einzuordnen, Interessen und Orientierungen auszudrücken und auszuhandeln. Gerade benachteiligten Jugendlichen wird oftmals wenig zugetraut, und sie verfügen über weniger Ressourcen. Deshalb erleben sie auch seltener Bestätigung und Aufwertung, die zu Engagement und Aktivität führen können. So machen sie auch nicht so oft die Erfahrung, dass sie etwas verwirklichen können, was ihnen wichtig ist und was ihnen oder anderen guttut. In der Praxis erleben wir, dass sich diese Jugendlichen zurückziehen.

Das Projekt Die Kreativhelden greift diese Zusammenhänge auf. Für die methodische Umsetzung des Projekts Die Kreativhelden waren zudem Beobachtungen aus dem Projekt Kunst & Kabel1wichtig:

1. Handlungsmöglichkeiten in Freiräumen ermöglichen Kreativität

Im Projekt Kunst & Kabel, in dem wir Fablab- und Maker-Technologien mit künstlerischen Herangehensweisen verbinden, beobachteten wir, wie motivierend und faszinierend es für Kinder und Jugendliche ist, sich im konkreten Umgang mit Technik und Materialien – also beim „Machen“ – als selbstwirksam zu erleben. Bei vielen Kindern und Jugendlichen führte allein das zu einer nachhaltigen Motivation, aktiv zu werden, Ideen zu entwickeln und umzusetzen.2

2. Handlungsmöglichkeiten in Freiräumen verhindern Kreativität

Zugleich beobachteten wir aber auch, dass die Möglichkeit, etwas mit attraktiven Materialien und Techniken frei zu gestalten, nicht von allen begeistert aufgegriffen wurde. Einige taten sich schwer mit der Freiheit und fühlten sich wohler, wenn es konkrete Vorgaben gab.

Als Gründe dafür sehen wir zwei Faktoren, die wichtig für aktives kreatives Handeln sind:

a) Selbstwahrnehmung und Zugang zu eigenen Gefühlen und Interessen
Nicht alle Kinder und Jugendlichen schafften es, sich auf sich selbst zu fokussieren und wahrzunehmen, was sie möchten und was sie interessiert. Einigen fiel es schwer, sich nicht nur von außen „triggern“ zu lassen, sondern in sich hineinzuhören und ihre Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen. Auf die eigenen Gefühle zu achten und das eigene Befinden zu äußern, schien für viele Jugendliche peinlich oder sogar schambesetzt zu sein.

b) Selbstvertrauen
Die grundsätzlich bei Kindern vorhandene Lust, Neues kennenzulernen und frei zu gestalten, war bei einigen eingeschränkt. Sie wirkten unsicher und mutlos, hatten Zweifel an ihren Fähigkeiten. Selbstvertrauen, Mut oder zumindest ein Minimum an Sicherheit sind offenbar notwendig, damit Ideen fließen und gehandelt wird. Viele, die pädagogisch arbeiten, können das intuitiv bestätigen.

Themen rund um Selbstvertrauen, Persönlichkeitsentwicklung und Wachstum werden zwar mittlerweile in Form vielfältiger Bildungsangebote (Meditation, Achtsamkeitsworkshops, Vlogs oder Podcasts) intensiv an Erwachsene vermittelt, allerdings weitaus weniger an Kinder und Jugendliche. Um also Kreativität und eigenständiges, gestaltendes Handeln gezielter zu fördern, entwickelten wir das Projekt Die Kreativhelden.

Foto: jfc Medienzentrum

Medien als Weg und Werkzeug

Unsere Ausgangsthese: Jeder Mensch hat ein tiefes Interesse an der eigenen Weiterentwicklung – dazu gehören ebenso Fragen zur Werteorientierung wie die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren.

as Projekt Die Kreativhelden unterstützt junge Menschen dabei, sich in einer schnelllebigen Zeit zu orientieren. Fake News, Hate Speech, rassistische oder fundamentalistische Angebote und andere Strömungen werben um Aufmerksamkeit und bieten vermeintliche Orientierung. Die globale Verflechtung durch die Digitalisierung der Lebenswelten erfordert eine Stärkung der Fähigkeiten, sich in dieser unübersichtlichen Lage zurechtzufinden und Beeinflussungen kritisch zu hinterfragen.

Lange Schulzeiten und das „Always on“ verstricken junge Menschen in ständigen Aktionismus und fortwährende Ablenkung. Für Selbstwahrnehmung und Orientierung fehlen oftmals Ruhe, Selbstvertrauen und die richtigen Vorbilder.

Diese Thematik wird im Projekt so aufbereitet, dass die Jugendlichen darin unterstützt werden, selbst als Kreativhelden ihre Werte zu vertreten und sich (kreativ) für ihre Ziele einzusetzen. Dieser Prozess beinhaltet zwei Kernelemente:

  1. Stärkung der Selbstwahrnehmung und Entwicklung einer eigenen Position:
    Was ist mir wichtig? Warum? Wie entstehen Werte? Wer bin ich – in Abgrenzung zu anderen? Wie sollen andere mich sehen? Und wer will ich sein? Was sind meine Träume und Ziele? Umsetzung mit sozialpädagogischen Methoden wie spielerischen Aktionen, Gesprächen und Diskussionen, Rollenspielen, Selbsterfahrungen sowie Methoden zur Selbst- und Fremdwahrnehmung.
  2. Kreatives Engagement und Aktivität:
    Bei der selbstständigen aktiven Umsetzung eines medialen Projekts, das den eigenen Werten entspricht, wird eine „Heldentat“ mit der persönlichen ethisch-moralischen Haltung kreativ vertreten.

Da digitale Medien sowohl Weg als auch Werkzeug sind, um Werte und Orientierungen zu transportieren, zu manipulieren und zu kommunizieren, nehmen sie eine zentrale Rolle im Projekt ein. In Workshops und regelmäßigen Angeboten, in der Auseinandersetzung mit dem inneren kreativen Selbst der Jugendlichen, entstanden in verschiedenen Gruppen zum Beispiel:

  • ein persönlicher Film zum Thema Selbstvertrauen,
  • ein Blog mit DIY-Bastel- oder Bauanleitungen zu Lieblingsprojekten,
  • eine Fotostrecke zu den eigenen Lebenszielen,
  • eine Instagram-Story zur Tanzchoreografie der eigenen Clique,
  • ein Audiotagebuch,
  • ein Porträt-Trailer und vieles mehr.
Bild: jfc Medienzentrum

Ein Teil der Ergebnisse aus der Kreativhelden-Community kann über die Internetplattform YouTube verfolgt werden. YouTube fungiert dabei als pädagogisches Medium für den kreativen Selbstausdruck und hilft den Jugendlichen, sich im pädagogischen Kontext mit ihren persönlichen Werten und Potenzialen zu beschäftigen.

Über die beiden Rubriken #heldsein und #kreativsein werden im zweiwöchentlichen Rhythmus Inhalte an die junge Community vermittelt. Ein zweiter wichtiger Kanal der Kreativhelden ist Instagram. Er bietet die Möglichkeit, ständig in Kontakt und Austausch mit den Jugendlichen zu stehen.

Aufbruch zur persönlichen Heldenreise

Eine beispielhafte Einstiegsmethode mit dem Titel How to be an influencer besteht in einer medialen Herausforderung: Meistens zum ersten Mal in ihrem Leben stehen die Jugendlichen in einer „richtigen“ Videokulisse mit zwei Kameras, drei großen Scheinwerfern und einem Mikrofon. Hier werden neue Rollen durchlebt und anschließend reflektiert: Wie habe ich mich dabei gefühlt? War es unangenehm oder habe ich mich wohlgefühlt? Habe ich mich geschämt oder gefreut, so im Mittelpunkt zu stehen? Was habe ich zu sagen – und was würde ich gerne anderen mitteilen? Dabei geht es nicht nur um die Rolle des „Influencers“, der vor der Kamera steht, sondern ebenso um die Rolle der Regisseurin, des Kameramanns oder der Tontechnikerin.

Um das Projekt fortwährend weiterentwickeln zu können, bitten wir die Teilnehmenden regelmäßig um ihr Feedback. Einige ihrer Aussagen:

„Bei den Kreativhelden mitzuwirken, macht mir sehr viel Spaß. Ich finde es spannend, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich klarer über die wichtigsten Dinge im Leben, die persönlichen Stärken und Schwächen sowie Ziele und Träume zu werden. Häufig beschäftigt man sich gar nicht so intensiv damit, wer man eigentlich ist und wer man gerne sein möchte. Durch das Projekt habe ich angefangen, mir über diese Themen Gedanken zu machen, und lerne, selbstbewusster in Bezug auf mich, meine Stärken und Schwächen, aber auch meine Werte im Leben zu sein. Außerdem finde ich es total interessant, dass wir verschiedene Medien ausprobieren können und gezeigt bekommen, wie wir Licht und Kamera richtig einstellen, um zu fotografieren. Diese kreative Arbeit macht viel Spaß und eröffnet viele Möglichkeiten, sich selbst darzustellen und die Medien kennenzulernen.“

„Das Projekt stellt für mich exakt das dar, was der Name schon aussagt: Die Kreativhelden – also ein Team gleichgesinnter junger Menschen (Helden), die sich im kreativen Bereich vor allem mit dem Thema Selbstfindung beschäftigen. Ich persönlich finde, dass gerade jungen Menschen im Bildungssystem oftmals die Möglichkeit verwehrt wird, das, was sie lernen wollen, aktiv mitzugestalten und sich auch kreativ auszudrücken. Interessant ist zudem die damit verbundene Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in Form von Selbstreflexion. Das Kreativhelden-Team organisiert coole Aktionen zum Reinschnuppern in die Projekte – das finde ich toll! Das Wichtigste ist, dass man Leute kennenlernt, die ihren persönlichen Heldenweg schon begonnen haben und einen inspirieren können. So bekommt man Einblicke in die Träume und Ambitionen anderer Gleichgesinnter.“

Neben dem positiven Feedback zeigten sich auch Herausforderungen im Projekt. Die prägnantesten kamen von Seiten der Projektmitarbeitenden: „Es ist eine Herausforderung, diese sehr ‚großen‘ und abstrakten Themen und Ziele methodisch umzusetzen. Es fällt uns als Pädagog*innen schwer, Jugendlichen mit geeigneten Methoden Zugang zu den Themen und Inhalten zu verschaffen. Kommunikation darüber gelingt nicht immer. Manchmal lachen die Jugendlichen, schauen auf ihre Smartphones oder gehen weg. Für uns ist es ständig wichtig, einen sicheren und vertrauenswürdigen Raum für die Jugendlichen zu schaffen.“

„Viele Jugendliche fangen beim Thema Selbstreflexion bei null an und sehen keinen persönlichen Bedarf. Wir stehen also vor der Herausforderung, sie auf Neuland zu führen. Dafür müssen wir herausfinden, warum sie keinen Bedarf für Selbstreflexion sehen. Ein Grund könnte sein, dass die Themen des Projekts teilweise schambesetzt sind. Gefühle wie Angst, Trauer, aber auch Freude sind nicht gerade ‚cool‘. Viele Jugendliche zeigen ihre Gefühle lieber in der Instagram-Story als vor anderen (realen) Menschen, weil sie sich dann in ihrem gewohnten Umfeld – Zimmer und Internet – befinden und das Medium ihnen vertraut ist. Darum beobachten wir auch Abwehr, z. B. indem die Jugendlichen keinen Bedarf nennen. Der Umgang damit erfordert viel individuelle Beziehungsarbeit und erschwert die Arbeit in der Gruppe.“

Diese interessanten Aspekte führten dazu, dass wir immer wieder neu am Konzept des Projekts arbeiten. Nichtsdestotrotz zeigt Die Kreativhelden, dass Jugendliche sehr an ihrer eigenen Weiterentwicklung interessiert sind. Sobald die ersten Hürden überwunden sind, äußern sie zunehmend ihr Bedürfnis nach Unterstützung. Die Kreativhelden fördern den Prozess, die Kreativität in den Dienst der eigenen Interessen und Sehnsüchte zu stellen – in den Dienst ihres Mitgefühls und Engagements –, um ihre Kreativität also „von innen heraus“ zu stärken.


Anmerkungen
  1. 1. Im sogenannten Fabrication Laboratory (kurz FabLab) des jfc Medienzentrums bekommen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, mithilfe traditioneller Werkzeuge und innovativer digitaler Tools fantasievolle Produkte zu erstellen
  2. 2. Vgl. wissenschaftliche Begleitung des Projektes Fablab mobil in: Henrike Boy / Gerda Sieben (Hrsg.): Kunst & Kabel: Konstruieren, Programmieren, Selbermachen! München 2017.