Wer bin ich? Wie will ich sein? Schön wie George Clooney, klug wie Harry Potter, erfolgreich wie Manuel Neuer, tough und sympathisch wie Jennifer Lawrence? – Sicherlich hatten auch Sie ein mediales Vorbild. Oder Sie hatten eine Phase, in der Sie die Eigenschaften von Stars und Medienfiguren patchworkartig zu einem idealen Rollenmodell zusammenbauten. Sehr individuell, mal mehr, mal weniger intensiv, regen Nah- und Fernvorbilder unsere Lebensentwürfe an. So ist es sinnvoll, sie kritisch zu hinterfragen.
Gerade erfolgreiche Menschen werden oft danach gefragt, wer ihre Vorbilder gewesen sind. So berichtet der Moderator Günther Jauch, der selbst als Vorbild vieler Deutscher gilt, in einem Interview aus dem Jahr 2017, dass er in seiner Kindheit immer gern Fußball spielen können wollte wie Franz Beckenbauer und den Mond erobern wie Neil Armstrong. Vor allem habe er aufgeschaut zu Menschen, die politischen Widerstand geleistet haben. Besondere Sympathien hege er aber generell für völlig unbekannte Helden des Alltags, etwa seine Eltern oder Menschen, die sich für andere einsetzen oder die ihre Arbeit – und sei sie noch so vermeintlich unspektakulär – mit Leidenschaft und Hingabe verrichten. Außerdem faszinieren ihn Lebenskünstler, die auch unter schwierigsten Bedingungen noch gute Laune verbreiten.
Dieser Interviewauszug1verdeutlicht, dass man nicht nur ein Vorbild haben kann, sondern dass Vorbilder je nach Interessen und Bedürfnissen variieren und sich im Lebenslauf verändern können. Zugleich wird offensichtlich, dass der Begriff des Vorbilds deutungsoffen zu sein scheint, denn auf jemanden aufzuschauen, für jemanden Sympathien zu hegen und von jemandem fasziniert zu sein, kann individuell etwas völlig anderes bedeuten. Ebenfalls ist davon auszugehen, dass Menschen sich in unterschiedlichen Gesprächssituationen jeweils an andere Vorbilder ihrer Kindheit und Jugend erinnern, denn bekanntlich sind unsere Erinnerungen nicht verlässlich.
Über die Erinnerung an Vorbilder
Begreift man Erinnerungen als gespeicherte Erfahrungen, so bleiben diese prinzipiell so lange im Gedächtnis haften, wie man sie zur Bewältigung der Gegenwartsanforderungen braucht. Auch memorieren wir länger, wenn wir Erinnerungen pflegen, indem wir sie uns – beispielsweise aus nostalgischen Gründen – immer mal wieder bewusst machen, weil sie einem aus bestimmten Motiven heraus besonders wichtig sind.2Dieses Bewusstmachen kann individuell erfolgen oder auch als sozialer Akt. Alte Tagebuchaufzeichnungen oder Dokumente wie Bücher, Bilder (Poster, Kinoplakate) oder etwa Zeitungsausschnitte sowie Symbole, die man gesammelt und archiviert hat, erinnern an die Personen, die man einmal als Rollenmodell angesehen hat.
Sicherlich sind schon viele Menschen mit Medienfiguren anlässlich der TV-Ausstrahlung zu deren Jubiläumsfeier konfrontiert worden, die sie so im Gespräch ohne Weiteres gar nicht erinnert hätten, die aber dennoch in jener Zeit, als sie populär waren, eine große Bedeutung in ihrem Leben gespielt haben. Das autobiografische Gedächtnis ist in der Regel auf externe Quellen, Daten und Marker angewiesen, was auch die Vorbildforschung vor Probleme stellt. War Ronja Räubertochter oder Bibi Blocksberg nun lediglich ein Fanobjekt, eine temporäre Identifikationsfigur oder eben ein Vorbild? Wurde sie singulär bewundert oder gab es noch weitere Personen des sozialen Umfelds oder aus den Medien, die für die Entwicklungs- und Lebensbewältigung eine besondere Funktion erfüllt haben? Wurden die Vorbilder als ganze Person verehrt oder dienten sie nur der Orientierung im Hinblick auf bestimmte Eigenschaften wie etwa Geschicklichkeit, Mut, Stärke, Selbstbestimmtheit und Freiheitsliebe?

Vom Schwärmen, Anhimmeln und Verehren
Der Religionspädagoge Hans Mendl schlägt vor, unter Vorbildern Personen zu fassen, die wegen ihrer besonderen Eigenschaften oder ihres moralischen Handelns zum persönlichen Leitbild gewählt werden. Sie regen in der Regel den eigenen Lebensentwurf an, dienen zur Nachahmung und Identifikation.3Vorbilder sind von Modellen, Stars, Idolen und Helden abzugrenzen, wenngleich diese Unterscheidungen wohl eher nur analytisch möglich sind. Im Alltagsverständnis gehen die Begriffe durcheinander, und so wissen in Untersuchungen gerade jüngere Befragte oftmals nicht, was unter einem Vorbild zu verstehen ist.
In der pädagogischen Psychologie und Bildungsforschung werden mediale Vorbilder als „Fernvorbilder“, Personen des unmittelbaren Umfelds als „Nahvorbilder“4bezeichnet. Beide können eine Inspirationsquelle sein, für die Identitätskonstruktion hilfreich und von biografischer Relevanz, wenngleich der Anteil des Einflusses auf die Persönlichkeit letztlich immer schwer zu ermitteln ist. Es hängt natürlich immer davon ab, wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem Vorbild ist und von welcher Dauer sie ist.
Nur weil Menschen ein Vorbild haben, heißt das nicht, dass sie sich selbst als unzulänglich und minderwertig begreifen. Oftmals geht es lediglich darum, angeregt werden zu wollen.
Zuweilen kann sich aus dem Anhimmeln und Verehren einer (Medien-)Figur mehr entwickeln, etwa ein Ich-Ideal. Dieses Ideal muss sich nicht allein auf eine Person beziehen, sondern kann sich auch aus den Eigenschaften verschiedener Präferenzpersonen ergeben. Gern möchte man etwa so leistungsstark sein wie Person X, so schlagfertig wie Person Y und so intelligent wie Person Z. Dieses Mosaik von kumulierten Eigenschaften wird in einer Phase des Lebens wirksam. Zu einem späteren Zeitpunkt geht man dann aber mitunter wieder auf Distanz zu der ehemals konstruierten Figur.
Freilich können Fern- und Nahvorbilder auch ausgetauscht werden, sodass von einem Heldenpatchwork gesprochen werden kann. Oftmals möchten gerade Kinder und Jugendliche sich in Befragungen nicht gern auf eine Person namentlich festlegen, wenn nach ihrem Vorbild gefragt wird. Es gibt häufig mehr als eine Person, die ihnen wichtig ist und die als Rollenmodell fungieren kann. Nicht selten wird die Frage nach den Vorbildern als sehr intim gewertet, da von der angehimmelten Person ja auf die eigene Person Rückschlüsse gezogen werden können. Stets werden Erwartungen assoziiert, da Vorbilder in gute und schlechte sowie falsche kategorisiert werden. Die Frage nach dem Vorbild ist also grundsätzlich normativ und geht mit der Befürchtung einher, sich für seine Wahl rechtfertigen zu müssen.
Wachsende Ansprüche an Vorbilder
Gelegentlich neigen Eltern dazu, ihren Kindern ihre eigenen medialen Vorbilder nahebringen zu wollen, und sind enttäuscht, wenn das nicht oder nur sehr bedingt klappt. Die intergenerationale Weitergabe scheitert mitunter, weil sich Heldenbilder, aber auch Inszenierungspraktiken sowie filmische Ästhetiken und (Selbst-)Erzählungen ändern. Die elterlichen Klassiker ihrer Kindheit und Jugend sind zumeist verknüpft mit zugehörigen Werte- und Moralvorstellungen, speziellen Genderkonzepten und den gesellschaftlichen Problemen jener Zeit. Auf der Suche nach Handlungsanleitungen und Konfliktlösungsstrategien sowie Entwicklungsaufgaben der Gegenwart funktionieren für die Nachkommen die Rollenmodelle von einst oftmals nicht (mehr). So stellen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und damit die Bedingungen des Aufwachsens heute ungleich komplexer und unübersichtlicher dar.
Bislang fehlt es an einem medienhistorischen Vergleich von Coming-of-Age-Filmen/-Serien und auch Kinder- und Jugendbuchbestsellern, aber ein solcher könnte hier durchaus aufschlussreich sein. Man denke daran, dass sich Entwicklungsaufgaben kultur- und zeitspezifisch verändern und mitunter ausdifferenzieren. Für die Gegenwartsgesellschaft ordnet Klaus Hurrelmann sie für das Jugendalter in vier Bereiche – Qualifikation, Ablösung und Bindung, Regeneration und Partizipation –, denen dann wiederum 14 spezielle Aufgaben und Zielerreichungen subsumiert sind.5 Die Psychologen Eva und Michal Dreher identifizierten Mitte der 1980er-Jahre noch zehn Entwicklungsaufgaben und berücksichtigten dabei beispielsweise nicht Aspekte der Regeneration, das heißt Aufgaben im Kontext der Freizeit-, Konsum- und Medienwelten.6
Jugendliche müssen heute auf kulturelle, ökonomische und soziale Veränderungen der Gesellschaft ungleich schneller und flexibler sowie zuweilen taktisch reagieren.
Die Mediatisierung der Lebenswelten fordert sie zudem besonders heraus. An seinem Selbst wird offline und online gebastelt. Die Identitätsentwicklung war für Dreher & Dreher eine eigene Entwicklungsaufgabe neben anderen, wobei man sie heute eher als „Metaaufgabe“7 betrachtet. Mögen die Freiheitsgrade im Hinblick auf die Gestaltung des Lebensentwurfs und der Persönlichkeit für Jugendliche heute größer sein, so stellt allerdings die Optionsvielfalt eine Herausforderung dar und geht mit Unsicherheiten einher. Insofern lässt sich annehmen, dass die Ansprüche an die Kompetenzen und Handlungsfähigkeiten der Vorbilder der Gegenwart analog gewachsen sind.
Von Authentizität und Fehlbarkeit
In der Untersuchung von Angela Ittel und anderen8(2014) stellte sich heraus, dass die von dem Forscherinnenteam befragten Mädchen in der frühen Adoleszenz an ihren Vorbildern häufig Sympathie, Erfolg und Aussehen schätzten, die Jungen besonders Erfolg, Mut und Selbstständigkeit. Seit jeher kommen die Vorbilder der Jungen eher aus dem Bereich des Sports, die der Mädchen aus verschiedenen Bereichen wie u. a. TV/Film und Musikbusiness. Seit vielen Jahren führt bei den 6- bis 13-Jährigen in Deutschland der kanadisch-US-amerikanische Musiker Justin Bieber die Liste der Vorbilder und Idole an. Auf den weiteren Plätzen folgen Thomas Müller, die Eiskönigin Elsa und Cristiano Ronaldo.9
In den KIM-Studien werden die Kinder und Teens alle zwei Jahre gebeten, eine Person oder Gruppe zu nennen, für die sie besonders schwärmen. Leider wird diese Frage in den JIM-Studien nicht gestellt. Im Grunde weiß man nur wenig über die konkreten Zuwendungsgrade und Interaktionen zwischen medialem Vorbild und den Rezipientinnen und Rezipienten. Allenfalls werden Fans bzw. Fangemeinschaften untersucht.

Es stellen sich in der Beziehung zwischen Vorbildseienden und Vorbildhabenden verschiedene Fragen: Ist das Vorbild nur in seiner Funktions- und Handlungsrolle von Interesse oder auch als Privatmensch sowie Gesamtkonstrukt? Inwiefern wird auf geteilte Lebenswelten und Werte rekurriert? Inwieweit werden welche Entwicklungsbedürfnisse über die Zuwendung zu einem Medienvorbild befriedigt? Wann kommt es zu Beziehungsbrüchen und etwaigen konflikthaften, „unmoralischen“ Vorbildselbstpräsentationen? Dazu liegen kaum aussagekräftige Studien vor, wobei gerade in Entwicklungskontexten die Momente von Enttäuschung oftmals aufschlussreich sind.
In Diskussionen räumen junge Menschen häufig ein, dass es ihnen sehr wichtig ist, dass die angehimmelte Medienperson vor allem authentisch ist. Authentizität wird mit Natürlichkeit, Echtheit, Glaubwürdigkeit und sozialen Kompetenzen assoziiert. Zugleich sorgt man sich aber auch darum, die mediale Bezugsperson könne sich eine Fehlleistung erlauben, und man käme selbst in Erklärungsnot, warum man zu dieser Person dennoch stehe. So waren etwa die Fans von Marco Reus, einem sehr beliebten Mittelfeldspieler beim Fußballverein Borussia Dortmund, angesichts eines Strafbefehls gegen ihn wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis 2014 in Bedrängnis, dieses Verhalten zu erklären bzw. zu rechtfertigen, warum sie ihn weiterhin unterstützen. Ein solches Vergehen hätte man dem disziplinierten, unprätentiösen Spieler tendenziell nicht zugetraut – anders etwa als dem Enfant terrible Pierre-Emerick Aubameyang.
Regelmäßig sind auch die Anhänger und Anhängerinnen von Miley Cyrus gefordert gewesen, die über Jahre zu Provokationen und Skandalen neigte (u. a. antisemitische Äußerungen, öffentlicher Drogenkonsum bei den MTV Music Awards). Sicherlich müssen Vorbilder nicht per se integer sein, sondern kann auch das Skandalmanagement eine Fähigkeit sein, die bewundernswert ist.
Für eine mediale Vorbildkompetenz
Die Wahl eines Vorbilds oder auch mehrerer Vorbilder hängt von den Anforderungen in bestimmten Entwicklungs- und Lebensphasen ab, von Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten und Gelegenheitsstrukturen. Nach wie vor gilt die Adoleszenz als die Lebensphase, in der Vorbilder besonders benötigt werden und wirksam sein können. Dies liegt an der in dieser Phase immer dringlicher werdenden Frage nach der eigenen Identität: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie komme ich dahin, der oder die zu sein, der oder die ich sein will?
Gleichwohl kann eine Überidealisierung der präferierten Medienperson auch problematisch sein – ebenso wie etwaige Überidentifizierungen. Gerade eine obsessive Beziehung zu einem Vorbild vermag zu Verklärungen und Verzerrungen der Person zu führen. Zugleich ist anzunehmen, dass auch das Vorbild selbst einen gewissen Druck seitens solcher intensiven Beziehungen spürt. Es werden überhöhte Erwartungen an ihn oder sie gestellt.
Insofern ist es prinzipiell angeraten, die mediale Konstruktion des Vorbild-Images möglichst zu erkennen und die Beziehungsqualität zu dem Vorbild realistisch einschätzen zu können. Diese Leistung nennt die Medienpädagogin Cornelia Klein mediale Vorbildkompetenz.10Es gilt zu lernen, Vorbilder auch mal zu hinterfragen und ihr Verhalten und/oder ihre Künstlichkeit, die Kommerzialisierung und mediale Inszenierung kritisch zu reflektieren. Nicht zuletzt sollte man sich selbst befragen, warum die Beziehung zu einer Medienperson weit über gewöhnliche Verehrung und mitunter identitätsstiftendes Fansein hinausgeht. Selbstverständlich ist dies in Zeiten einer fanatisch gelebten Beziehung ungleich schwerer als im späteren Lebensalter rückblickend.