Bereits vor fast 25 Jahren entdeckte der Gründer des Storycenters in Berkeley und Autor dieses Artikels die besondere Kraft und Intensität kurzer, digitaler Geschichten. Die kleinen Filmproduktionen kombinieren erzählende Elemente mit digitalen Inhalten und zeigen eine persönliche Perspektive auf. Lambert stellt die Methode des Digital Storytelling in den Kontext einer Pädagogik, die auf die politische und spirituelle Emanzipation zielt und soziales Handeln mit dem Prozess persönlicher Erneuerung verbindet. Heute hat die Methode große Verbreitung auf der ganzen Welt gefunden und wird im Rahmen eines internationalen Netzwerks in vielen unterschiedlichen Themen- und Berufsfeldern eingesetzt
Die Transformation der Perspektive ist ein Prozess, bei dem wir uns durch kritische Reflexion darüber bewusst werden, warum unsere Vermutungen uns in einer Art und Weise einengen, wie wir unsere Welt wahrnehmen, verstehen und über sie denken.
Jack Mezirow, Transformatives Lernen
Eine Gruppe von Teenagern in Kalifornien, die alle das Foster Care System (Pflegekinderdienst) durchlaufen haben, schneiden ihre Videos. Sie lassen sich von ihrer Arbeit durch nichts ablenken. Dabei ist es nicht leicht für diese Jugendlichen sich zu konzentrieren, denn ihr Leben ist durchzogen von Tragödien, großen und kleinen, die emotionale Narben hinterlassen haben. So müssen sie mit einer Reihe von psychischen Störungen fertig werden. Und doch sind sie ganz bei der Sache. Die Stories, an denen sie gerade arbeiten, haben mit ihrem Leben zu tun, dienen jedoch gleichzeitig einem übergeordneten Zweck: Sie sollen darüber informieren, wie mit Jugendlichen aus Pflegefamilien umgegangen wird, welche Unterstützung sie erfahren und wie ihnen beim Heilungsprozess von denjenigen geholfen wird, die sie professionell betreuen. Das System hat zahlreiche Schwächen, doch die Geschichten werden dazu beigetragen, dass künftig beim Blick auf das Foster Care System verstärkt Methoden berücksichtigt werden, in denen Gerechtigkeit und Ethik eine wesentliche Rolle spielen.
Zum Abschluss des Workshops werden die Videos gezeigt. Diese Jugendlichen haben in relativ kurzer Zeit etwas Bedeutendes erreicht. Sie haben Kunst produziert − wichtige Kunst. Und das bedeutet, ihre Geschichten sind wichtig, ihr Leben ist wichtig. Wir applaudieren alle begeistert. Ein Augenblick, der es mit dem schönsten Film, dem schönsten Buch, dem schönsten Augenblick im Leben eines Menschen aufnehmen kann.

Im Juni leitete ich dann schon wieder den nächsten Digital Storytelling-Workshop. Ich habe schon vor Jahren aufgehört zu zählen, wie viele es mittlerweile sind; vielleicht werden es bald an die tausend sein: Workshops und Story Sessions, die ich mit Menschen aller Altersgruppen und aus allen sozialen Schichten durchgeführt habe, überall auf der Welt und das seit mehr als zwanzig Jahren. Und im Kontext jedes einzelnen Workshops und jeder einzelnen Story Session unterrichte ich nicht nur, wie Geschichten erzählt und in verschiedenen Medienformen produziert werden können, sondern auch wie über das Unterrichten als solches reflektiert werden kann.
Story und Storytelling
Für diejenigen, die mit dem Modell des Digital Storytelling (wie es im CDS – Center of Digital Storytelling) gelehrt wird, nicht vertraut sind, möchte ich die Kernelemente der Methode einmal zusammenzufassen. Historisch gesehen ging das Modell aus einem spezifischen Interesse an kurzen persönlichen Geschichten hervor, die von eigenen Fotos, Archivmaterial und Familienalben inspiriert waren. Im Modell eingebunden sind ein reflektierter Schreibstil für die Erzählung, die Entwicklung eines Gruppenskripts und − mit minimalen Aufwand − die Grundlagen digitaler Medienproduktion. Dies ermöglichte Amateuren jeglichen Alters und mit den unterschiedlichsten Interessen in einem intensiven zwei- bis dreitägigen Workshop ein zwei- bis vierminütiges Video zu produzieren. Innerhalb der letzten 22 Jahre wurde das Modell verfeinert, die Methoden wurden der Allgemeinheit in Publikationen und über Forschungsprojekte zugänglich gemacht, die formale Ausbildung unserer Schulungsleiter wurde weiterentwickelt. So entstand ein robustes Modell der Medienerziehung, das in so gut wie jedem menschlichen Betätigungsfeld angewendet worden ist.
Die Idee des Storytelling als Konzept findet begeisterte Zustimmung in zahlreichen unterschiedlichen Bereichen: in der Medienkunst, im Web Design, im Marketing, in der Werbung und im Management. Obwohl die Begriffe „Story“ und „Storytelling“ allgemein weit verbreitet sind, werden die Begriffe doch sehr unterschiedlich definiert. In unserer Organisation und der Bewegung des Digital Storytellings setzen wir das zunehmende gesellschaftliche Interesse an Storys in Bezug zu anderen alternativen Trends, die in vielen hochentwickelten Gesellschaften authentische kreative Prozesse fördern und mittlerweile zum Mainstream gehören: Regionale Küche und Esskultur, Yoga und Achtsamkeit, Do-it-yourself und Maker-Szene, Initiativen zur eigenverantwortlichen Gesundheitspflege und zur Förderung der allgemeinen Gesundheit sowie schülerzentrierte Unterrichtsformen mit aktiver Schülerpartizipation. All diese Entwicklungen sollen ein Gegengewicht bilden zum daten- und computerzentrierten Spezialwissen, das so charakteristisch ist für unsere Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
So verstanden bedeutet der Begriff Story für uns Ganzheitlichkeit, und mit „Storywork“ − die Arbeit an der Geschichte −– beschreiben wir die den methodischen Unterbau unserer Workshops. Dazu gehören das Verfassen von Entwürfen, die Diskussion, die natürlich ein Zuhören miteinschließt, Interviewtechniken und Methoden zur Be- und Überarbeitung. Den Teilnehmern soll das Gefühl vermittelt werden, dass sie frei über ihr Leben verfügen können und nicht einem Bündel von außen festgelegter Bedingungen unterliegen. Im Gegenteil, sie sind, wer sie sind, weil sie ihre Identität selbst bestimmen, basierend auf einem natürlichen Prozess der geteilten Erfahrung, der zu sinnvoller Erkenntnis führt und im Prozess des Storytelling allen Menschen zuteilwerden kann.
Zielgerichtete Bildungsprozesse
Man kann also sagen, dass beim Storywork die Transformation die zentrale Rolle im Lernprozess spielt. Wir wollen den zielgerichteten Wandel des Individuums voranbringen, sowohl was die Selbstwahrnehmung als auch die Wahrnehmung der Welt betrifft.
Das Center for Digital Storytelling ist an zahlreichen Workshops beteiligt. Die Arbeit mit jugendlichen Pflegekindern ist nur ein Beispiel. In diesen Workshops arbeiten wir mit Menschen zusammen, die nicht bloß ein paar technische und kreative Fertigkeiten erlernen, nicht nur ein Gefühl für Gemeinschaftsarbeit entwickeln wollen. Ihnen wird bei einem erfolgreichen Verlauf des Workshops ein völlig neues Verständnis davon vermittelt, wie sie mit Geschichten, die sie mit anderen teilen, ihr Leben und ihre unmittelbare Umgebung verändern können.
In diesem Sinne folgen wir der Tradition der Befreiungspädagogik, die auf der Grundlage der Philosophie von Denkern aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wie Jürgen Habermas in Deutschland und Reinhold Niebuhr in den USA basiert. Ein Erziehungsprojekt von Bedeutung müsse aus pragmatischer Sicht die politische und geistige Emanzipation zu ihrem zentralen Punkt machen. Zahlreiche Pädagogen haben sich diesem Ansatz, der mittlerweile allgemein als transformative Pädagogik oder Befreiungspädagogik bezeichnet wird, verschrieben. Auch ich sehe mich natürlich von dieser Denkweise beeinflusst, wie auch von den Schriften und der praktischen Arbeit eines Paulo Freire in Brasilien, eines Henry Giroux in Kanada, von Myles Horton, Bell Hooks und Jack Mezirow in den USA. In unserer Arbeit sind wir bestrebt, über den Weg einer kurzen digitalen Geschichte soziales Handeln mit dem Prozess persönlicher Erneuerung zu verbinden.
Es gehört zu den Grundsätzen unserer Ethik, dass wir für die Teilnehmer eine sichere Umgebung schaffen, die in positiver Weise ihre Arbeit fördert, damit sie tief in das emotionale Material ihrer persönlichen Erfahrungen eindringen können. Dazu gehört unter anderem Erinnerungsarbeit, das unmittelbare Reflektieren erlebter Erfahrung; ein Großteil unserer Arbeit befasst sich jedoch mit expressiver Kreativität. Der poetische Text, das Bild, der Klang, die Musik, die performative Darstellung sind inspiriert von gelebter Erfahrung, um dann oft in abstrahierter Form ausgedrückt zu werden. Die Spannung, die entsteht, wenn man sich mit den Verlusten und Schwierigkeiten des eigenen Lebens konfrontiert sieht und gleichzeitig diesen Verlust auf eine einzigartige und kraftvolle Weise ausdrücken will, macht unsere Workshops zu einer transformativen Erfahrung.
Internationale Bewegung
Die Arbeit unseres Zentrums hat eine ganze Generation von Fachleuten und Forschern motiviert, Einsatzmöglichkeiten für das Werkzeug Digital Storytelling in unterschiedlichen Kontexten zu erproben und zu ergründen. Wir haben als eine kunstorientierte, in der Community verwurzelte Non-Profit-Einrichtung angefangen und haben uns bemüht, die kreativen Ressourcen jugendlicher und erwachsener Randgruppen im Mission District von San Francisco zu fördern; eine Arbeit, die wir als durchaus befriedigend empfanden. Wir sahen uns in der Welt des Digital Storytelling um; wir teilten das Interesse an der Medienrevolution der letzten vierzig Jahre, die jungen Menschen den Zugang zu den neuesten Medientechnologien verschaffte. Wir begrüßten die Bemühungen von Appalshop für das Digitales Storytelling in Kentucky und im Süden, Josh Schachters Arbeit in Tucson (Arizona) und New Haven(Connecticut), die Arbeit von Veronique De Leneer in Brüssel und die zahlreicher anderer Initiativen, die die Tradition des Digital Storytelling weitertrugen. Vor diesem Hintergrund kamen wir 1996 das erste Mal nach Deutschland, um die Akademie Remscheid bei ihren Bemühungen zu unterstützen, Digital Storytelling zum Teil eines Curriculums zur Videoarbeit für deutsche Pädagogen zu machen.
Unsere Arbeit entwickelte sich weiter und 1998 gingen wir von San Francisco nach Berkeley an die University of California. Hier wurde die Pädagogik zum Kernpunkt unserer Arbeit. Der technologische Aspekt bildete natürlich einen wichtigen Anziehungspunkt, doch in Berkeley interessierte man sich besonders für zwei Komponenten des Digital Storytelling: für die Herstellung von Identität durch Selbstreflexion und die Erforschung des Schreiben in einen multimodalen oder multimedialen Kontext. In den ausgehenden 1990er- und frühen 2000er- Jahren bildeten wir in hunderten von Schuldistrikten und an den Pädagogik- und Medienfakultäten der Universitäten nach unseren Methoden aus. Wir dehnten unsere Arbeit nach Europa aus: Es kam zur Zusammenarbeit mit der University of Western England und dem Watershed Arts Centre in Bristol, was wiederum dazu führte, dass wir eine Gruppe von Medienfachkräften der BBC Wales in Cardiff ausbildeten, die das Projekt Capture Wales ins Leben riefen. Im Zeitraum von sieben Jahren wurden in diesem Projekt seinerzeit die meisten Digital Storys weltweit realisiert, wodurch auch das Interesse am Digital Storytelling in Europa und den Commonwealth-Staaten Australien, Neuseeland und Kanada weiter wuchs. Unser Interesse an Bildung wurde auch durch die Zusammenarbeit mit der Waag in Amsterdam, wo wir mit Mittelschullehrern arbeiteten, gefördert ebenso wie auch die Entwicklung von Projekten mit UR-Radio in Schweden und mit Jazmonster in Norwegen. Viele dieser Projekte führten wiederum zu zahlreichen neuen regionalen und europaweiten Projekten. Als besonders erfolgreich für Europa sind das Untold Stories-Projekt hervorzuheben, das DigiTales-Projekt, das Enkdist-Projektund das Culture Shock Projekt.
Für mehr Gesundheit und Gerechtigkeit
In den frühen 2000er-Jahren erlebten wir auch die Entwicklung unserer Arbeit im Gesundheitswesen. Silence Speaks war unser wichtigstes Projekt in diesem Bereich, bei dem sich die thematischen Schwerpunkte auf die Gewalt gegen Frauen, die Prävention häuslicher Gewalt wie auch die Menschenrechte bezogen. Diese Arbeit hat zu zahlreichen gemeinsamen Projekten in den USA geführt, aber auch zu Zusammenarbeit mit Organisationen in der ganzen Welt, mit Marie Stopes International in Ghana und Papua -Neuguinea, Ko saaathi in Nepal, Promundo Brasilien, mit der Christensen Foundation in Tajikistan, Kenia und Mexiko und GOJoven in Zentralamerika. Organisationen wie Patient Voices in Großbritannien, unsere Arbeit mit medizinischen Fachkräften in Colorado und Projekte wie die Arbeit von nDigiDreams, die mit US-amerikanischen und kanadischen indigenen Gemeinschaften zusammenarbeiten, haben gezeigt, welche Kraft Digital Storytelling im Gesundheitswesen entfalten kann.
Während der letzten Jahre scheint jede Woche irgendwo auf der Welt ein Projekt zu entstehen und viele dieser Projekte werden auf der 6. International Digital Storytelling Conference im September in Massachusetts vertreten sein. Die Konferenz stützt sich auf die seit 2003 vorangegangenen Konferenzen in Cardiff, Melbourne, Obidos/ Portugal, Lillehammer und Ankara und wird ungefähr dreihundert Forscher und Geschichtenerzähler zusammenbringen. Wir ermutigen unsere deutschen Kollegen, die Veranstaltungen zu verfolgen, von denen /der?/ wir hoffen, dass sie während und kurz nach der Konferenz online gehen werden /wird?/.
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Christel Mertens
Titelfoto: ScratchEd