Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Filmstill aus Cloud Atlas, das einen Raum mit zwei Männern zeigt, in dem Geschirr durch die Luft fliegt

Im filmischen Narrativ ist keine Regel verbindlich

Ein Interview mit Filmemacher Tom Tykwer

Hohe Experimentierfreude und große Leidenschaft kennzeichnen das Kino des international erfolgreichen Regisseurs, Drehbuchautors, Produzenten und Musikers Tom Tykwer. Das Filmemachen vergleicht er mit einer klassischen Heldenreise, einem langen Weg mit vielen Gefährten und Abenteuern. Schnell wird ihm langweilig; so umfasst sein vielfach preisgekröntes Filmschaffen – vom Autorenfilm über die Hollywoodgroßproduktion bis aktuell hin zur internationalen Serienproduktion – eine enorme Bandbreite. Immer wieder betritt Tykwer Neuland und versucht bekannte filmische Muster zu unterwandern – Ein Interview zu unkonventionellen Erzählstrukturen, Einflüssen der Digitalisierung und den neuen Möglichkeiten des seriellen Erzählens.

Welche Ingredienzien muss eine Geschichte für Sie haben, damit Sie sie nicht so leicht vergessen?

Tom Tykwer: Sie muss demjenigen, der sie zu erzählen hat, etwas bedeuten. Etwas in ihm anrühren, ihn aufwühlen. Nur Geschichten, die dem Erzähler selbst an die Substanz und unter die Haut gehen, können auch andere bewegen und inspirieren. Wir teilen uns einander mit das ist schließlich die Essenz des Erzählens.

Viele Ihrer Filme zeichnen sich durch unkonventionelle Erzählstrukturen aus. In Lola rennt erzählen Sie eine Geschichte in drei Varianten, Cloud Atlas funktioniert wie ein Mosaik aus sechs Geschichten, in Der Krieger und die Kriegerin verbinden Sie Anfang und Ende zu einer Kreisbewegung, nun eine zunächst 12-teilige Serie – immer wieder neue Erzählexperimente beschreiben Ihren Weg. Was reizt Sie daran?

Tom Tykwer: Ich nehme an, ich möchte die Gelegenheit nutzen, dass mein Beruf tatsächlich immer wieder neue Möglichkeiten offenbart sich dem Erzählen zu nähern. Mir wird schnell langweilig, da bin ich wie das Kinopublikum. Also versuche ich immer wieder etwas Neues, um die Entdeckung, das Suchen, das Ausprobieren im Fokus meiner Arbeit zu halten. Nur so kann auch ich selbst hinzulernen.

Kongeniale Zusammenarbeit – Die Regisseur:innen Lara und Andy Wachowski mit Tom Tykwer. (Foto: Jay Maidment, © Cloud Atlas Production GmbH)

Das Kino ist dem Spiel sehr nah

In der Rückschau: War Lola rennt deshalb so populär, weil er die filmische Heldenreise wie einen Computer-Quest behandelte? Lola, die einen Parcours der Probleme bewältigen muss, scheitert in zwei Levels, bis sie im dritten Level siegt. Denn was für die Gamer der 1990er-Jahre eine übliche Routine war – nämlich immer wieder auf die Ausgangssituation zurückgeworfen zu werden – war im Film zumindest höchst ungewöhnlich. Lola – eine Verwandte von Super Mario – und deshalb so erfolgreich?

Tom Tykwer: Das mag sein. Ich gehöre ja zur ersten Generation, die mit Computerspielen aufgewachsen ist, auch wenn diese in meiner Jugend nur in Spielhallen und Gaststätten zugänglich waren. Aber das Kino ist dem Spiel – und somit auch dem Computer- oder Videospiel – immer schon sehr nah gewesen. Im Kino kann alles geschehen und dann wieder ungeschehen gemacht werden. Es gibt Regeln, aber man kann sie – und das ähnelt fortschrittlicheren Games der Gegenwart auch immer wieder modifizieren. Im filmischen Narrativ ist Ordnung eine Voraussetzung, aber keine Regel ist verbindlich. 

Wenn Sie zurückblicken, welcher Ihrer Filme hat für Sie persönlich die größte erzählerische Kraft entfaltet? Und gibt es eine Geschichte, die Sie als Ihr innovativstes Projekt in narrativer Hinsicht bezeichnen würden?

Tom Tykwer: Ach, das weiß man doch nicht wirklich. Ich blicke auch immer seltener zurück. Manche meiner Filme habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, da habe ich eher eine Erinnerung an die konkrete Entstehung und die Menschen, mit denen das verbunden ist. Filmemachen ist ein so langwieriger und oft sehr emotionaler Prozess, bei dem man gemeinsam mit vielen Gefährten durch zahlreiche Abenteuer geht. Je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr rückt dieser Aspekt ins Zentrum: dass das Arbeiten mit anderen eine gemeinschaftliche, glücksbringende Erfahrung ist. Dass Kreativität und Inspiration gemeinsam erlebt werden. Darin bin ich ganz gut geworden, glaube ich, also im Herstellen solcher Situationen, in denen größere Gruppen von einem kreativen Prozess profitieren und gemeinsam etwas entwickeln.

Der vielleicht ambitionierteste Film, sowohl als soziale Herausforderung als auch als erzählerisches Experiment, war wohl Cloud Atlas. Viel mehr kann man sich nicht aufhalsen an Ambitionen, sowohl was die Überwindung von Ego-Problemen betrifft als auch die Verzahnung verschiedener Stilmittel und Erzähltemperamente. Ist der Film gelungen? Keine Ahnung. Für mich war es eine außergewöhnliche Erfahrung, und viel näher an meine Vorstellung von dem, was ich dem Kino mitzugeben habe, werde ich wohl nur noch selten kommen.

Die technische Entwicklung erlaubt viele neue gestalterische Möglichkeiten mit immer weiter perfektionierter Technik. Hat die Digitalisierung auch die Möglichkeiten der Narration verändert? Wird sie tradierte Erzählprinzipien und filmische Strukturmodelle – wie z.B. das klassische 5-Akte-Schema mit Exposition, Konflikt, Verdichtung, Wende, Lösung – nicht nur erweitern sondern grundlegend erneuern?

Tom Tykwer: Das findet ja schon statt. Es ist durchaus leichter geworden, anspruchsvoll und zugleich ästhetisch interessant zu erzählen. Die neue Technologie ist so ungleich flexibler. Aber, daran hat sich nichts geändert: Das, was erzählt wird, muss immer auch jenseits der technischen Möglichkeiten interessant sein, sonst nützen sie nichts, die ganzen Fortschritte. Ein toller Film muss … na ja, siehe oben, Frage 1!

Im Kino gibt es kein Entrinnen

Hat die hohe Dichte der Mediennutzung, ich meine vor allem die zum Teil parallele Nutzung verschiedener Medien verbunden mit sprunghaftem Hin- und Herswitchen zwischen Kommunikation, Entertainment und News, die Rezeptionsweisen der Zuschauer verändert? Stellen Sie sich mit Ihren Geschichten darauf ein?

Tom Tykwer: Das kann man besser intuitiv beurteilen; an Statistiken glaube ich da nicht so recht. Aber wir alle wissen, dass kaum noch jemand in der Lage ist, einer Erzählung im TV über zwei Stunden zu folgen, ohne zu unterbrechen oder wenigstens mal kurz umzuschalten. Das hat einen Einfluss auf die Strukturen, in die Geschichten sich einteilen, ganz bestimmt. Und das ist ja immer noch das Schöne am Kino: Da gibt es kein Entrinnen!

Gerade junge Leute sind es gewohnt und schätzen es, in ihren Medienwelten aktiv mitzubestimmen – wie in den erfolgreichen Videogames. Reizt es Sie, als ausgesprochen experimentierfreudiger Filmemacher eine multimediale oder interaktive Geschichtenwelt zu entwickeln?

Tom Tykwer: Diese Dimension gehört der Game-Welt. Da gibt es so hoch anspruchsvolle Entwicklungen, da könnte das Kino nie mithalten. Games sind ein völlig anderes Handwerk, sehr komplex, das kann man sich nicht auf die Schnelle aneignen. Da muss man Jahre investieren, um gestalterisch auf der Höhe zu sein.

Es heißt, Innovation findet derzeit vor allem im Bereich der Serie statt. Auf der Berlinale waren  Matthias Glasers Blochin zu sehen und die RTL-Serie Deutschland 83, nun drehen Sie mit Berlin Babylon eine deutsche Geschichte für den internationalen Markt. Was reizt Sie persönlich an diesem Format ganz besonders?

Tom Tykwer: Es ist die entscheidende, einschneidende Erneuerung im filmischen Erzählen. Nichts hat gegenwärtig einen größeren Einfluss auf narrative Konzepte im Film und unser Rezeptionsverhalten. Simpel formuliert können jetzt ausladende Romane erzählt werden – während bislang die für einen Film üblichen 90-120 Minuten eher vergleichbar mit einer Novelle waren. So entstehen ganz andere Räume für Charaktere, aber auch Gelegenheiten für interessante Umwege und Verästelungen innerhalb von Plots und Erzählsträngen.

Die Sensation der neuen Serien

Warum löst aktuell die Kultserie den Kultfilm ab? Gilt gar für die Zukunft: Netflix statt großes Kino?

Tom Tykwer: Nein, das wird sich nur neu zueinander formieren. Die Sensation der neuen Serien hat ja auch viel damit zu tun, dass tatsächlich neue Regeln entwickelt werden und in diesem Entwicklungsraum immense Freiheiten stecken. Irgendwann aber, und das deutet sich jetzt schon an, wird eine Verlangsamung in der Erneuerung einsetzen, die ver-rückten Spielregeln werden nicht mehr so auffällig überraschend wirken, und man beginnt, sich an das neue Niveau zu gewöhnen. Die Leute erleben die Serien gegenwärtig als neue Sucht, aber jede Sucht erreicht irgendwann einen Zustand der Erschöpfung. Und dann werden sich die Felder ihre Märkte aufteilen.

Der Innovationsfaktor vieler US-Serien basiert ja auch darauf, dass die Kreativen bei Kabelsendern und Diensten wie Netflix und Amazon ohne Piloten ganz freie Hand erhielten. Nun wird Berlin Babylon auch von ARD und Sky finanziert. Sie haben bislang für das Kino produziert. Wo sehen Sie die zentralen Unterschiede in der Arbeit für das Fernsehen? 

Tom Tykwer: Ich kann bisher keinen Unterschied feststellen, wenn Sie den Einfluss von co-finanzierenden Partnern meinen. Ich habe in meinen Kontexten, zum Glück, immer nur mit sehr profunden, leidenschaftlichen Leuten zu tun gehabt, das ist jetzt bei der Serie auch nicht anders. Manch einen Redakteur kenne ich auch bereits seit Ewigkeiten. Da muss man sich keine Sorgen machen, dass es irgendwelche kreativen Kompromisse gibt. Wir wollen eine wirklich tolle und einzigartige deutsche Serie machen. Die Ambition ist für alle verbindlich.

Sie haben viele Drehbücher selber geschrieben, gerade in ihren ersten Filmen. Nun arbeiten Sie mit Drehbuchautoren und Regisseuren zusammen. Können Sie etwas von der Zusammenarbeit erzählen? Gerade die digitale Technik bietet die Chance zu kollaborativem Arbeiten. Oder entstehen die Geschichten – ganz klischeehaft – in nächtlichen Sessions mit viel Kaffee und Zigaretten?

Tom Tykwer: Na klar. Die langen Sessions sind immer schon entscheidend gewesen. Ich brauche viel Diskurs, um Gedanken zu formulieren und weiterzuspinnen; wenn ich daraus dann etwas destillieren will, ist Alleinsein wiederum ebenso wichtig. Daran hat sich nichts geändert. Auch nicht daran, dass ich immer schon gern in Gruppen gearbeitet habe. Da empfinde ich keine Veränderung.

Zum Schluss: Haben Sie für junge Menschen, die gerade anfangen Geschichten zu entwickeln und Drehbücher zu schreiben, gute Tipps?

Tom Tykwer: Aus den eigenen Erfahrungen schöpfen, von Dingen erzählen, die einem selbst wirklich existentiell unter den Nägeln brennen – die einem geradezu schmerzhaft auf dem Herzen liegen. Alles andere ist langweilig … für die anderen.

Auswahl Filmografie Tom Tykwer

Die tödliche Maria
Deutschland 1993; Regie und Drehbuch

Winterschläfer
Deutschland 1997; Regie;
Drehbuch in Zusammenarbeit mit Anne-Françoise Pyszora

Lola rennt
Deutschland 1998; Regie und Drehbuch

Der Krieger und die Kaiserin
Deutschland 2000; Regie und Drehbuch

Heaven
Deutschland, Italien, Frankreich, UK, USA 2002;
Regie; Drehbuch: Krzysztof Kieślowski, Krzysztof Piesiewicz

Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders
Deutschland, Frankreich, Spanien, USA 2006; Regie;
Drehbuch in Zusammenarbeit mit Andrew Birkin und Bernd Eichinger und Caroline Thompson

The International
USA, Deutschland, UK 2009; Regie; Drehbuch: Eric Warren Singer

Drei
Deutschland 2010; Regie und Drehbuch

Cloud Atlas
Deutschland, Hongkong, USA, Singapur 2012;
Regie und Drehbuch in Zusammenarbeit mit Andrew Wachowski und Lana Wachowski

Produktion weiterer Filme sowie Regie und Drehbuch von verschiedenen Kurzfilmen

Titelbild: © Cloud Atlas Production GmbH