Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Elf Personen mit unterschiedlichen Hautfarben legen ihre Hände aufeinander, sie machen eine "Hand-in-Hand-Geste" oder "Team-Geste"

Im Fokus: Multikulturalität als Bereicherung

Von Medien, Leitbildern und gesellschaftlichem Wandel

Deutschland ist als Einwanderungsland im Wandel. Die Massenmedien könnten durch die Vermittlung eines positiven Leitbildes die Diversität unserer zunehmend heterogenen Gesellschaft stärken. Doch häufig beziehen sie nicht eindeutig Stellung und changieren in ihrer Darstellung von Migration und Migranten zwischen Nützlichkeit und Gefährlichkeit. Zusätzlich untergräbt die zunehmende mediale Ghettoisierung vieler Bevölkerungsgruppen einen konstruktiven öffentlichen Diskurs.

Spätestens seit Pegida Menschenaufläufe mobilisieren kann und die AfD Wahlerfolge einfährt, ist klar, dass die Willkommenskultur, für die Deutschland im Sommer 2015 zu stehen schien, nicht repräsentativ für die ganze Gesellschaft ist. Wenn man sich die einschlägigen Umfragen über das letzte Jahrzehnt hinweg ansieht, ist das aber eigentlich nicht überraschend: Die Angst vor dem oder die Ablehnung des „anderen“ war immer präsent. Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung fragte 2013, welche Religion als Bereicherung und welche als Bedrohung empfunden würde: 49 % der West- und 57 % der Ostdeutschen empfanden demnach den Islam als Bedrohung, während andere Religionen überwiegend als Bereicherung empfunden wurden.1 Die seit 2002 in Bielefeld erhobenen Studien zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“2 und auch die „Mitte-Studien“ der Friedrich-Ebert-Stiftung bekräftigen, dass Islamfeindlichkeit, Rassismus und generell Fremdenfeindlichkeit ein steter Grundpfeiler unserer Gesellschaft sind.

Dies ist nicht nur ein Problem vor dem Hintergrund von Brandanschlägen und Übergriffen auf diejenigen, die „anders“ aussehen oder sprechen. Es verhindert auch, dass die deutsche Gesellschaft die Bereicherungen in ihrer Differenziertheit wahrnimmt, die durch eine heutzutage global so selbstverständliche Migration und Mobilität entstehen. Denn wenn am Dönerstand über den nächsten Tunesienurlaub beratschlagt wird oder man im Büro die Putzfrau mit Kopftuch und den IT-Manager mit dem russischen Akzent grüßt, dann ist das für die meisten normaler Alltag, der selten mit Migration in Verbindung gebracht wird. Wenn aber das Auto in Grenznähe gestohlen wird, Frauen belästigt werden oder Moscheen gebaut werden sollen, wird schnell ein ganzes Arsenal an Vorurteilen abgerufen, die „Ausländer“ dafür verantwortlich machen und mithin Migration als Bedrohung rahmen. Und hier kommen auch die Medien ins Spiel.

DISKURS DER AUSGRENZUNG

Die Wissenschaft hat sich zwar bereits vor über einem halben Jahrhundert von der Vorstellung verabschiedet, dass Massenmedien lineare und unmittelbar nachvollziehbare Wirkungen beim Nutzer hervorrufen. Viele Variablen außerhalb des Medienbereichs intervenieren bei der Konstruktion unseres Bilds von der Welt, vor allem in Bezug auf unsere sozialen Kontakte. Trotzdem ist die kommunikationswissenschaftliche Theorie des Agenda-Settings wichtig. Sie geht davon aus, dass nicht „Ereignisse“ oder „Sachverhalte“ an sich die Medienberichte prägen, sondern die Thematisierungsentscheidungen der Medien, die aus der Vielzahl der Ereignisse nur einige wenige herausgreifen. Die von Medien „gesetzten“ Themen beeinflussen demnach, worüber Menschen nachdenken.

Wenn es in Zusammenhang mit Migration also vorrangig um problematische Themen geht, dann sind dies auch unweigerlich Aspekte, die die Menschen mit diesem Phänomen in Verbindung bringen. Dies gilt umso mehr, je stärker Menschen zu diesem Phänomen auf die Informationen aus Medien angewiesen sind und keinen nahweltlichen Abgleich haben. So ist es nicht verwunderlich, dass in einer Region wie Dresden, die gerade einmal einen Anteil von 0,4 % Muslimen an der Bevölkerung hat, die Angst vor dem Islam so stark verfängt.

In zahlreichen Studien ist in den letzten Jahren nachgewiesen worden, wie vereinfachend und negativ stereotyp beispielsweise das Islambild in deutschen Medien gezeichnet wurde. In einer eigenen Studie zum Islambild im öffentlich-rechtlichen Fernsehen konnten wir zeigen, dass über 80 % der Themen, die einen Bezug zum Islam oder Muslimen nahmen, sich mit Terrorismus, Menschenrechtsverletzungen, Krieg oder Konflikten und ähnlichen Problemen beschäftigten. Nicht einmal ein Fünftel der Beiträge hatte einen Alltags- oder Kulturbezug.3 Wenn für Medienrezipienten Islam und Muslime immer wieder im Kontext von Gewalt oder Konflikten erscheinen, werden sie dies mit hoher Wahrscheinlichkeit als kausalen Zusammenhang verinnerlichen. Es entsteht ein Bild in den Köpfen, das Angst und Unbehagen gegenüber Muslimen begünstigt. Wird man dann tatsächlich mit Menschen konfrontiert, die eine Markierung des Andersseins tragen, wie etwa durch Religion, aber auch durch Hautfarbe oder Sprache, sind die erlernten Stereotype häufig das erste, was abgerufen wird.

Es ist also sehr relevant, wie Medien über Migranten, Migration oder die Herkunftsländer und -kulturen berichten. Wenn wir dabei auf die die letzte große „Welle“ an Flüchtlingen zu Anfang der 1990er-Jahre zurückblicken, so zeigen uns Studien und der gesunde Menschenverstand, dass sich die deutschen Medien dabei wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert haben. Diskurse der Ausgrenzung prägten den Tenor, entstanden aus Bedrohungsszenarien, Berichten über Asylmissbrauch und dem Gefühl des Überrolltwerdens. Wenn man jedoch im Sommer 2015 eine Sichtung der deutschen Medien vornahm, konnte man feststellen, dass das „volle Boot“ als Metapher der Ausgrenzung verschwunden war. Noch in den 1990ern hatte es sowohl den politischen als auch den Mediendiskurs geprägt und damit einer „Es reicht“-Gesinnung Ausdruck gegeben.4 Nun jedoch war das „Boot“ mutiert zu einem Symbol für die Verletzlichkeit von Flüchtlingen. Generell ergab sich der Eindruck, dass sich gerade die deutsche Berichterstattung im Jahr der akuten „Flüchtlingskrise“ 2015 ausdifferenziert hatte.

FRAGILER BILDWANDEL

Medienbilder können sich also durchaus wandeln und im Hinblick auf das gesellschaftliche Zusammenleben einen wichtigen Beitrag leisten. Grundlage für einen solchen Wandel ist ein intensives Bewusstsein der Medienmacher aber auch der Rezipienten für die Mehrdimensionalität von Themen und nicht zuletzt auch über die Terminologie ihrer Vermittlung. Best-Practice-Beispiele können dabei gerade auch durch Kommunikationswissenschaftler herausgearbeitet werden.

Eine aktuelle Studie der Cardiff School of Journalism hat beispielsweise im Auftrag des UN-Flüchtlingshilfswerks die Berichterstattung über Migration in fünf europäischen Ländern untersucht und gibt instruktive Hinweise dafür, wie Medien sensibel und wahrhaftiger mit Migration umgehen können. Die Wissenschaftler haben dabei die Berichterstattung im Hinblick auf verwendete Terminologien (z.B. das abwertende „Asylbewerber“ gegenüber dem neutraleren „Migrant“ oder die Verwendung der Begriffe „illegal“ oder „Festung Europa“) sowie auf verwendete Quellen (z.B. Populisten gegenüber Wissenschaftlern) und den thematischen Fokus untersucht (z.B. humanitäre Themen gegenüber Ressentiments). Im europaweiten Vergleich fanden sich dabei durchaus unterschiedliche Muster, die entlang von Medienformaten, der politischen Linie der Medien und dem Grad der Betroffenheit von der Flüchtlingskrise differierten. Demnach griffen die Boulevardmedien häufiger Ressentiments auf, die linksliberalen Zeitungen widmeten sich stärker humanitären Themen und die Länder, die schon länger Ziel von Flüchtlingen sind wie Italien, ließen stärker Populisten und „besorgte“ Bürger zu Wort kommen.5

In deutschen Medien hat sicherlich auch der Wandel der Politik, bestimmte Arten von Migration als „nützlich“ oder „notwendig“ zu rahmen, dazu geführt, dass ein kurzfristiger Bildwandel im Jahr 2015 einsetzen konnte. Bei der Sichtung einzelner Artikel wird aber trotzdem immer wieder deutlich, wie zwischen dem Abwägen der Nützlichkeit von Migration und der Darstellung möglicher Gefahren, die an die verinnerlichten Problemthemen anknüpfen, changiert wird. Wie fragil bzw. wie kurzlebig solch ein Bildwandel deshalb sein kann, zeigen der allmähliche Rückfall in alte Muster der unterkomplexen Darstellung von Problemen mit Migration, der mit der Verschärfung des politischen Diskurses einherging.

Zudem kam mit der Zäsur der Kölner Silvesternacht 2015 die These vom Versagen des klassischen Journalismus auf und viele artikulierten die Überzeugung, die Medien seien auf dem „Migrantenauge“ blind. Dies wurde insbesondere durch Kampagnen in den sozialen Medien verstärkt, hinter denen häufig rechtspopulistische Wortführer standen. In dieser Melange aus Koorientierung an der Politik und Koorientierung an der „Volkesmeinung“ haben sich viele Medienmacher einer regelrechten Selbstkasteiung unterzogen. Die Entscheidung der Sächsischen Zeitung, bei ihrer Kriminalitätsberichterstattung nun entgegen dem Pressekodex und unter Berufung auf ihre Glaubwürdigkeit bei den Lesern dezidiert immer die Nationalität der Beschuldigten mit anzugeben, ist in diesem Zusammenhang als sehr bedenklich einzustufen.6

GEGENSEITIGE (MEDIALE) SICHTBARKEIT

Massenmedien als wesentliche Orientierungshilfe für unser Bild von Migranten und Migrantinnen haben nach wie vor eine hohe Verantwortung. Journalisten sollten sich deshalb nicht von den Shitstorms und Treibjagden mancher Internet-Communities leiten lassen, sondern sich vergewissern, inwiefern sie der Komplexität der Themen, der Sensibilität der genutzten Terminologie und der Wahl der Quellen gerecht werden. Nur dann können sie Wandel in den Köpfen vorantreiben und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bei den einen und Ausgrenzungserfahrungen bei den anderen minimieren helfen.

Dazu gehört auch, Beteiligungsmöglichkeiten für Migranten an der Medienproduktion zu schaffen und sie somit als Teil unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. In Medienunternehmen wird bisher viel zu wenig getan – der Anteil von Journalisten mit Migrationshintergrund hinkt deutlich dem Anteil an der Gesamtbevölkerung hinterher.7 Wegen dieser verschlossenen Wege suchen sich migrantische Stimmen oft neue Möglichkeiten der Artikulation über Internetplattformen, wie z.B. die Facebook-Initiative „Syrisches Haus“. Allerdings werden damit immer kleinteiligere Öffentlichkeiten geschaffen und diese mediale Ghettoisierung verhindert eine gegenseitige Sichtbarkeit.

Ghettoisierung ist aber beileibe kein migrantisches Phänomen: Immer mehr Teile der Gesellschaft tendieren dazu, sich nur noch die Informationen zu suchen, die sie hören wollen und reduzieren ihre Suche auf bestimmte Kanäle. Hier gilt es gerade für die Medienpädagogik, wieder ein Bewusstsein für die Wichtigkeit einer deliberativen Öffentlichkeit zu schaffen und die Notwendigkeit herauszustellen, Meinungsvielfalt zuzulassen und verschiedene Quellen zu suchen. Unsere Gesellschaft ist bereits multikulturell und dies müssen wir (wieder) wahrnehmen lernen


Anmerkungen
  1. 1. Vgl. www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Religionsmonitor_verstehen_was_verbindet_Religioesitaet_und_Zusammenhalt_in_Deutschland.pdf, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  2. 2. Vgl. www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit_Zusammenfassung.pdf, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  3. 3. Hafez, Kai / Richter, Carola (2007): Das Islambild von ARD und ZDF. Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 26-27, online unter: www.bpb.de/apuz/30402/das-islambild-von-ard-und-zdf?p=all, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  4. 4. Wintzer, Lina-Marie (2016): Die visuelle Darstellung von Migranten – Wandel und Kontinuitäten im deutschen Mediendiskurs. Global Media Journal – German Edition 6 (1), online unter: www.globalmediajournal.de/2016/07/21/die-visuelle-darstellung-von-migranten-wandel-und-kontinuitaten-im-deutschen-mediendiskurs/, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  5. 5. Die Studie ist zu finden unter www.unhcr.org/56bb369c9.html, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  6. 6. Vgl. www.sz-online.de/sachsen/fakten-gegen-geruechte-3434300.html, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  7. 7. Vgl. Pöttker, Horst / Kiesewetter, Christina / Lofink, Juliana (Hrsg.) (2016): Migranten als Journalisten?, Wiesbaden: Springer VS.