Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine junge Frau mit blauen Haaren in einem dunklen Raum. Durch einen Spalt fällt Licht, das ihre Augen beleuchtet.

Imagination mit geschärftem Blick

Fotografie und Kulturelle Bildung

Nicht nur zur Verlangsamung und Intensivierung der Wahrnehmung kann Fotopädagogik viel beitragen, sondern auch zur Entfaltung der Persönlichkeit junger Menschen. Als Massenmedium mit schier unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten verfügt die Fotografie über enorme Potenziale, die im Rahmen rezeptiver und aktiver Fotoarbeit für vielfältige pädagogische Aufgaben nutzbar sind. – Ein Überblick über die didaktischen Funktionen, Elemente und Perspektiven für die schulische und außerschulische Arbeit.

Fotopädagogische Projektarbeit findet derzeit eher in der außerschulischen Bildungsarbeit statt, sie kann dort im Kontext einer „Kulturpädagogik“ verortet werden – andererseits wird Fotografie als Medium schulischen Lernens zunehmend (wieder)entdeckt. Auf den ersten Blick könnte jedoch die Differenz zwischen den pädagogischen Zielsetzungen und didaktischen Prinzipien von schulischem Lernen und außerschulischer kultureller Jugendbildung nicht größer sein. Hier zielgerichtetes, auf systematischen Wissenserwerb gerichtetes Lernen, dort das Prinzip freiwilligen und „lustvollen“ Lernens, das es ermöglicht, sich stärker am lernenden und aktiven Subjekt zu orientieren. Auf der einen Seite das Bild eines Schülers, dessen Defizite hinsichtlich der zu erreichenden Bildungsstandards durch zu optimierende Lehr- und Lernstrategien auszugleichen sind, auf der anderen das eines mündigen und handlungsfähigen Subjekts, dessen intellektuelle, ästhetische und kreative Potenziale die Bezugsgröße der Bildungsarbeit darstellen. Hier stoßen nicht nur zwei unterschiedliche gesellschaftliche Systeme aufeinander, sondern auch zwei pädagogische Grundkonzeptionen. Die Potenziale kultureller Bildung werden jedoch zunehmend auch im schulischen Kontext wahrgenommen und wertgeschätzt, insbesondere bei der Frage nach Möglichkeiten der Umsetzung einer „inklusiven Pädagogik“: Die Erkenntnis setzt sich durch, dass gerade nicht-sprachliche Zugangsweisen eine Brücke darstellen für benachteiligte Kinder und Jugendliche, die zu Lernbereitschaft herausgefordert und unterstützt werden sollen.

Zu den zentralen Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen gehört, sich in einer zunehmend von Ambivalenz und „Fremdheit“ gekennzeichneten Gesellschaft als handlungsmächtige Subjekte wahrnehmen zu können, die ihre personale und soziale Identität über ein hohes Maß an Partizipation in der Bürgergesellschaft entwickeln können. Das Spiel mit Lebensentwürfen wie mit Persönlichkeitsanteilen („Masken“), das Ausloten von Grenzen und möglichen Denk- und Handlungsräumen gehört mehr denn je zur Subjektarbeit in einer globalisierten Gesellschaft.1 Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund ist zu fragen, inwiefern Kulturelle Bildung im Allgemeinen und Fotopädagogik im Besonderen einen Beitrag dazu leisten, für ein Denken und Handeln in Zwischen-Räumen zu qualifizieren: Kompetenz- und Selbstwirksamkeitserfahrungen dürften zum Schlüssel für selbstbewusste gesellschaftliche Teilhabe und ein „Leben im aufrechten Gang“ (Ernst Bloch, Philosoph) werden, wenn Fantasie zur Produktivkraft wird, die von Denkzwängen und einer Fixierung auf das Machbare und (ökonomisch) Brauchbare befreit. Eine Verlangsamung und Intensivierung der Wahrnehmung ist dabei essentiell, – und hierzu kann Fotografie viel beitragen.

Didaktische Funktionen

Die meisten fotopädagogischen Konzepte – insbesondere in der außerschulischen Jugendarbeit – nutzen seit den 1970er Jahren das Medium zum Selbst-Ausdruck: Jugendliche präsentieren sich und ihre Sicht auf die (Lebens)Welt. Sie drücken in den Fotos ein bestimmtes Lebensgefühl aus, ein Vorstellungsbild, in dem Wünsche oder auch Ängste gebunden sind.

Eine zweite Funktion liegt darin, das Medium als Instrument zu nutzen, um etwas zu dokumentieren und sich Sachinformationen anzueignen. Fotos machen Dinge anschaulich: Sprache und Bilder werden vom menschlichen Gehirn in unterschiedlicher Weise wahrgenommen und verarbeitet: Die Verknüpfung von benennenden und klassifizierenden Texten mit Fotos, die eher symbolhaft-assoziativ wahrgenommen werden, führt dazu, dass Informationen leichter angeeignet und nachhaltig im Gehirn vernetzt werden können. Die Informationsfunktion von Fotografie kommt in besonderer Weise darin zum Ausdruck, dass das Medium zumeist genutzt wird, um Dinge oder Situationen zu dokumentieren.

Anderen etwas zu präsentieren, was man selbst erarbeitet hat, ist eine weitere didaktische Funktion von Fotografie. Mit dem Gestus des Zeigens, des Hinweisens auf etwas ist die Erwartung verbunden, in Kommunikation mit anderen zu treten, Sichtweisen auszutauschen und ein Feedback – sicher auch Anerkennung – für das Präsentierte zu bekommen. Jan Schmolling vom Deutschen Jugendfotopreis schreibt mit Blick auf die dort eingesandten Fotos: „Fotografien haben die Funktion von Lebenszeichen. Das Absenden der Fotos, das Einstecken des Umschlags in den Briefkasten, könnte an das Gefühl beim Verschicken einer Flaschenpost erinnern: Wer bekommt die Nachricht letztendlich zu sehen und was wird sie in ihm bewirken?“ Er unterscheidet „ Selbstbezogene Lebenszeichen (Die Bilder zeigen die eigene Lebenswelt, oftmals auch Selbstportraits, persönlich relevante Details, Strandgut des eigenen Gefühls-Ozeans)“ und „Gesellschaftsbezogene Lebenszeichen (Diese Fotos bringen die eigene Verortung in der Welt zum Ausdruck, sie zeigen Außenwelten und reflektieren gesellschaftliche Probleme)“.2 Das Internet bietet in besonderer Weise die Möglichkeit, nicht nur in Textform, sondern auch mit Bildern zu kommunizieren. Der Fotocommunity stehen mehrere Portale zur Verfügung, über die die eigenen Fotos Interessierten gezeigt und kommentiert werden können.

Eng damit verbunden ist eine vierte didaktische Funktion, die der Herstellung von Öffentlichkeit, der Appell, das Sich-Einmischen in gesellschaftliche Problemlagen. Dies ist der Ort etwa für die „Sozialdokumentarische Fotografie“, für engagierten Bildjournalismus im Interesse einer kritischen Aufdeckung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Öffentlichkeit herstellen kann mit Ausstellungen geschehen, mit Initiativen einer Bürgerinitiative in der Lokalpresse oder mit Straßenaktionen. Fotos sollen dabei aufrütteln, auf wenig Bekanntes, Vergessenes oder Verdrängtes hinweisen sowie zu bestimmten Handlungen, etwa Solidaritätsaktionen, auffordern.  

Worin liegen nun die besonderen didaktischen Potenziale des Mediums Fotografie, etwa im Vergleich zum Film?

  • Fotografie ist das Massenmedium par excellence, es ist verbreitet wie kein anderes. Die Kamerahersteller kommen den Ansprüchen von Handy-Knipsern ebenso entgegen wie ambitionierten Fotografen: Es ist nicht nur für Einsteiger möglich, schnell zu Bildern zu kommen, darüber hinaus bietet das Medium dem Amateur unbegrenzte Perspektiven einer Weiterentwicklung gestalterischer Ausdrucksmöglichkeiten. 
  • Gerade die Digitalfotografie ermöglicht, gewählte Perspektiven, Standpunkte und Bildaussagen direkt am Display kontrollieren zu können, gegebenenfalls das Bild noch einmal zu machen respektive eine Serie von Fotos aufzunehmen, aus der dann die besten ausgewählt werden.
  • In der fotopädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat sich gezeigt, dass Fotos beim Erlernen einer Fremdsprache wie auch beim Spracherwerb eine sehr gute Brücke zur Sprache darstellen. Für Kinder und Jugendliche, die (noch) nicht so gut wie andere über sprachliche Kompetenzen verfügen, stellt Fotografie ein ausgezeichnetes Medium dar, um „zur Sprache zu kommen“.
  • „Bilder sagen mehr als tausend Worte“ lautet ein geflügeltes Wort. Man müsste genauer sein: Bilder sagen etwas Anderes und auf eine andere Weise, vor allem sind sie fast nie eindeutig – im Gegensatz zur Sprache. Aus didaktischer Sicht ist das ein Potenzial, denn wenn etwas mehrdeutig ist, können mehrere Sichtweisen zugelassen werden – „richtig“ oder „falsch“ gibt es nicht. Für die Arbeit in interkulturellen Lernfeldern ein großes Potenzial!
  • Fotos sind einfach – aber auch in anspruchsvoller Weise – mit anderen Medien wie mit Sprache in geschriebener oder gesprochener Form, aber auch mit Musik oder szenischen Darstellungen zu verknüpfen: So lässt sich etwa ein Musikstück in Form eines Fotos symbolisieren oder man kann zu einem Foto ein passendes Musikstück suchen; ein Foto kann zum Sprechanlass werden, umgekehrt kann etwa ein literarischer Text dazu motivieren, eine Stimmung fotografisch umzusetzen.

Rezeptive Arbeit mit Fotos

Bei der Arbeit mit Fotos kann grundsätzlich zwischen einer rezeptiven und einer produktiven Arbeit mit dem Medium unterschieden werden. Im ersten Fall wird von vorliegenden Fotos ausgegangen, im zweiten steht das aktive Fotografieren im Mittelpunkt. Im Folgenden soll versucht werden, dafür didaktische Perspektiven sowohl für die schulische als auch die außerschulische Bildungsarbeit zu entwickeln.

Bildanalyse/Bildhermeneutik
Ein vorliegendes Foto dient dazu, über die abgebildeten Objekte und Personen zeitgeschichtliche Kontexte zu erschließen, wobei das verstehende Entschlüsseln des Einzelnen und die allmähliche Entwicklung von Kontextwissen einerseits und die Bestimmung der Einzelelemente im Horizont des Rahmens andererseits sich wechselseitig bedingen.3 Gerade die Beschäftigung mit Fotos bietet in einer Welt sich ständig beschleunigender Bilder das Potenzial der Intensivierung der Wahrnehmung durch Verlangsamung, der Schärfung des Blicks für das, was jenseits der Oberfläche erkennbar wird. Der Geschichtsdidaktiker Christian Heuer plädiert dafür, im Geschichtsunterricht bei der Arbeit an und mit Fotografien einen „gedehnten Blick“ zu erlernen, das heißt beispielweise die hinter dem Foto liegenden Fotografierintentionen zu entschlüsseln, Bildtraditionen zu erkennen oder die historischen Kontexte der Verwendung der Fotografien zu analysieren.4 Dieser Anspruch kann natürlich auch auf andere Genres der Fotografie übertragen werden. Die Frage, was ein „gutes Foto“ ist, wird im Kunstunterricht meist mit Blick auf die ästhetischen Standards (vgl. „Goldener Schnitt“) beantwortet. Spannend wird es, Kinder und Jugendliche zunächst selbst zu befragen, welche Kriterien sie selbst für bedeutsam halten, um ein „starkes Foto“ von einem „langweiligen“ zu unterscheiden, das heißt um eine Aussageabsicht durch eine entsprechende Bildgestaltung zu unterstützen. In jedem Fall gehört die Sensibilisierung für formalästhetische Gestaltungselemente zum Basis-Handwerkszeug einer visuellen Alphabetisierung, – nicht zuletzt, weil die Werbeindustrie ständig damit arbeitet.

Foto als Sprechanlass
Die Nutzung vorhandener Fotografien ist in der Bildungsarbeit recht verbreitet, sie dienen in allen Unterrichtsfächern vor allem der Veranschaulichung komplexer Zusammenhänge oder als Brücke zur Sprache. Gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Milieus stellt die rezeptive Arbeit mit Fotos ein ausgezeichnetes Medium dar, um sich in mündlicher oder schriftlicher Form zu artikulieren – und damit Sprache als Instrument des „Begreifens“ von Sachverhalten zu erfahren. Diese Erfahrung haben Studierende an der Pädagogischen Hochschule Freiburg in einem Fotoprojekt gemacht in der Arbeit mit Sonderschülern, mit Kindern im Vorschulalter oder auch im Fremdsprachenunterricht bzw. bei interkulturellen Begegnungen, das heißt wenn die sprachlichen Kompetenzen (noch) nicht so weit entwickelt sind. Mit Fotos scheint auch ein recht unmittelbarer Zugang zu „inneren Bildern“ mit all ihren Gefühlsqualitäten zu gelingen, so dass diese Bilder gerade für sprachlich weniger geschulte Kinder und Jugendliche eine Hilfe darstellen, um etwas „auf den Begriff zu bringen“ oder sich ihm durch eine Erzählung anzunähern. Damit eröffnet sich eine weitere Möglichkeit der Verwendung von Fotos:

Foto als Schreibanlass
Eine fotografische Szene animiert dazu, Geschichten zu (er)finden und das Kontextwissen in eine entsprechende Handlung umzusetzen, – und dabei möglicherweise mit den unterschiedlichen Perspektiven der abgebildeten Personen zu spielen. Ausgangspunkt der Publikation „Foto + Text“5 war eine produktive Kooperation meines Fotoseminars mit einem Literaturseminar meiner Kollegin Oomen-Welke: Die Studierenden stellten sich gegenseitig die Aufgabe, Texte zu Fotos zu schreiben und Fotos zu (literarischen) Texten zu machen. Die überaus kreativen Ergebnisse zeigten nicht nur ein hohes Maß an ästhetischer Qualität, der Brückenschlag vom Foto zum Text als auch umgekehrt macht deutlich, in welcher Weise die Verknüpfung des Mediums Bild mit dem des Textes aussageunterstützend, verstärkend, ironisierend, veranschaulichend oder auch kontrastierend gestaltet werden kann.

„Übersetzung“ in andere Ausdrucksformen
In der schulischen Bildungsarbeit dominiert häufig ein rationaler und analytischer Zugang zu den Lerngegenständen. Dabei bietet gerade eine Symbolisierung bzw. „Übersetzung“ in eine andere ästhetische Ausdrucksform ein tieferes Verstehen und Einbeziehen von – zumeist symbolisch verschlüsselten – Vorstellungsbildern. Kindern und Jugendlichen macht es Spaß, die Stimmung in einem bestimmten Foto etwa durch die Auswahl eines dazu passenden Musikstücks zu erfassen, eine Bildercollage zu erstellen, mittels Körpersprache szenisch-pantomimisch oder dramatisierend zum Ausdruck zu bringen oder Metaphern zu dem Foto zu sammeln, mit denen – als sprachliche Symbolisierung und Verdichtung – ein Gedicht geschrieben wird.

Fotografierend die Welt entdecken

Kinder und Jugendliche nutzen die Kamera, um ihre Welt zu erkunden, Neues zu entdecken und Zusammenhänge zu erschließen, wie das Themenspektrum im Rückblick auf 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreises zeigt.6 Neben Selbstdarstellungen und der Arbeit etwa an Geschlechterbildern reichen die Motive von Familie, Freunde über die Erkundung von Zweierbeziehungen, Entdeckungen beim Unterwegssein bis zu Einmischungen in gesellschaftliche Problemlagen sowie einer visuellen Basteltätigkeit an möglichen Welten. In diesen Themenfeldern spiegeln sich nicht nur altersspezifische Entwicklungsaufgaben, sondern auch zeit- und jugendtypische Weisen der Welt-Aneignung. Kinder- und Jugendfotografie stellt sich als Genre dar, das nicht nur für die Kinder- und Jugendforschung von großer Bedeutung ist; sie müsste sehr viel stärker Bestandteil der Ausbildung und Professionalisierung der Pädagoginnen und Pädagogen sein.

Mit der folgenden Gliederung wird versucht, aus allgemeindidaktischer Sicht Lehr-Lernaufgaben für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu benennen, die sich in besonderer Weise für eine aktive Fotoarbeit anbieten. Sie ist Ergebnis einer Zusammenschau der fachdidaktischen Beiträge in zwei Publikationen7 sowie der Erfahrungen aus den Fotoseminaren:

Erlebtes festhalten. Berichte von Exkursionen oder Projekten werden in der Regel in Textform verfasst, Fotos kommt dabei oft nur die Funktion einer Bebilderung zu. Verändert man die Relation zugunsten des Fotos, entsteht die Notwendigkeit, intensive Erfahrungen in „starke Bildern“ zu fassen, das Augenmerk auf wirkungsvolle Bildgestaltungsmittel zu richten und Text entsprechend sparsam zu verwenden. Die Software-Angebote für Fotobücher bieten viele kreative Möglichkeiten der Bild- und Layoutgestaltung, dem Spiel mit Kompositionsprinzipien sowie der Integration von Textpassagen mit der gewünschten und passenden Schriftart.

Strukturen entdecken gehört im Mathematik- oder im Geografieunterricht zu den zentralen Lehr-Lernzielen: Eine fotografische Dokumentation von geometrischen Figuren und Mustern in der Landschaft oder im Stadtbild kann zum Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit funktionalen Zusammenhängen und genetischen Entwicklungslinien werden: Fotografieren dient, wie die Andrea Braun8 für den Geografieunterricht zeigt, der Schulung der Wahrnehmung und des Blicks für (fachwissenschaftlich fundierte) Ordnungsstrukturen.

Ordnungen herstellen gehört im Prozess der psychosozialen Entwicklung wie auch der Wissensorganisation zu den zentralen Aufgaben der Lernenden jeden Alters. Es spricht viel für die Annahme, dass bei der Arbeit an solchen „kognitiven Schemata“ (Jean Piaget, Entwicklungspsychologe) die „inneren Bilder“, die Imaginationen, eine bedeutsame Rolle spielen. Fotografieren trägt wesentlich dazu bei, diese Vorstellungsbilder nach außen zu tragen, – Voraussetzung dafür, sich über diese Bilder mit anderen auszutauschen und an ihnen zu arbeiten.

Bewegungsabläufe erkennen ist ein Lehr-Lernziel etwa im Sportunterricht: Serienfotos ermöglichen eine genaue Analyse schneller Bewegungen9, was mit Hilfe einer Digitalkamera sehr viel einfacher zu handhaben ist als mit einem Film.

Arbeitsabläufe dokumentieren. Sicherlich bietet sich das Medium Film in besonderer Weise an, um Prozesse zu dokumentieren. Das Medium Fotografie dagegen zwingt dazu, sich auf wesentliche, aussagekräftige Situationen zu konzentrieren, mit wirkungsvollen Aufnahmeperspektiven zu experimentieren und durch entsprechende Bildgestaltungsmittel zu verstärken. Technisch einfach lassen sich so Berufsbilder kennenlernen oder „Berufs-Steckbriefe“ erstellen.            

Spuren suchen im Alltag gehört zu den wesentlichen Zielen medien- und fotopädagogischer Arbeit. „So habe ich das noch nie gesehen“, – dieser Slogan des Senders 3sat zeigt das Potenzial, durch den Fokus auf die Lupenfunktion den Dingen auf den Grund zu gehen und genau hinsehen zu lernen, Alltägliches und Vertrautes durch andere Sichtweisen und Beobachterstandpunkte neu zu entdecken und damit die Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen. Schon mit sehr einfachen Kameras kann das Stadtviertel erkundet werden, können Schulwege dokumentiert und Schule erforscht werden10: Fotografieren wird damit zu einer aktiven Form der An-Eignung, des Zu-eigen-Machens des Lebensraums, der Wohnumwelt oder der Orte der Freizeitgestaltung.

Fremde Welten erschließen. Wer fotografiert, geht aufmerksamer durch die Welt, beobachtet Dinge und Menschen in ihrer Umgebung nicht nur statisch, sondern entwickelt ein Auge für die „richtigen Augenblick“, indem bewusst mit Möglichkeiten gespielt wird, wie sich eine Person in der avisierten Situation verhalten könnte. Die fotografische Aufmerksamkeitshaltung ermöglicht, aus der alltäglichen „Blindheit“ herauszutreten und bewusster Kontakt aufzunehmen, sich in Situationen und Menschen hinein zu versetzen und „fotogene Momente“ vorherzusehen. Damit ermöglicht Fotografie auch die Reflexion der eigenen Wahrnehmungsmuster („Wer bin ich, dass ich dies so sehe?“). In fremdkulturellen Kontexten gilt es zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen, Fotografier-Tabus zu beachten und auf Fremde zuzugehen, wenn man ein Foto machen will.

Geschichten erzählen. Das Kriterium, ein Foto solle „eine Geschichte erzählen“, kann als eines der wichtigsten Kriterien eines „guten Fotos“ gelten. Für den Kunstkritiker John Berger und Fotografin Jean Mohr ist Fotografieren „eine andere Art zu erzählen“.11 Bereits erwähnt wurde die Möglichkeit, die in einem Foto „eingefrorene“ Situation in eine denkbare Handlung aufzulösen. Didaktisch sehr produktiv sind für alle Altersstufen auch Fotostories12, Fotoromane oder -reportagen.

Bedeutsames bewahren. Ein Lerntagebuch in Textform hat seine spezifischen Stärken, ebenso kann in einem visuellen Tagebuch festgehalten werden, worüber man (noch) nicht schreiben kann, weil die Vorstellungsbilder noch diffus und mehrdeutig sind und noch nicht „auf den Begriff gebracht“ werden können. Ein solches Offenhalten von Deutungen mittels eines Fotos bietet ein spezifisches Potenzial, weil in niedrigschwelliger Art und Weise etwas zum Ausdruck gebracht oder Beziehungen hergestellt werden können.  

Beziehungen herstellen kann sich auf die im Foto dargestellten Objekte und Personen beziehen: Durch den Rahmen des Fotos werden Beziehungen suggeriert, – was dazu einlädt, damit zu spielen und Kompositionen auch mit „unsinnigen“ Objekten und Personen zu gestalten. Eine hohe fotografische Kompetenz erwirbt, wem es gelingt, Blickbeziehungen der dargestellten Personen sichtbar zu machen13, um damit auf persönliche Beziehungen zu schließen. Eine weitere Ebene zeigt sich darin, dass die fotografierende Person den avisierten Kommunikationskontext des Fotos antizipiert und Beziehungen zu den Rezipienten herstellt, etwa durch direkten Blickkontakt.

Selbst inszenieren. Zahllose Beispiele aus der Geschichte der Jugendfotografie zeigen, dass das Spiel mit Bildern und Facetten des Selbst, mit Körper-Bildern, mit Beziehungsformen, Geschlechterrollen und mit der Erfindung möglicher, wünschenswerter Welten oder auch das „den Teufel an die Wand malen“ in zentraler Weise den jugendlichen Identitätsfindungsprozess kennzeichnet. Diese Beispiele belegen, dass Fotografieren wie kaum ein anderes Medium zur selbsttätigen und kreativen „Bastelarbeit“ am Selbst anstiftet: Erst im Austausch mit anderen wird mir deutlich, wie unterschiedlich Blick-Perspektiven sein können, – und das ist wiederum Voraussetzung dafür, dass ich mir selbst darüber klar werde, was ich warum fotografieren möchte.

Einen fotografischen Blick entwickeln

Grundlegendes Ziel bei der Integration aktiver Fotografierphasen in die pädagogische Arbeit ist die Erkenntnis, dass (und wie) die beabsichtigte Bildwirkung durch bestimmte Gestaltungsprinzipien und ästhetische Standards gesteigert werden kann bzw. welche technischen Kenntnisse dafür nötig sind. Systematisch betrachtet müssten also zunächst technische und ästhetische Perspektiven als Grundlage erarbeitet werden, um eine fotografische Idee umsetzen zu können. In der pädagogischen Praxis funktioniert dies jedoch nur um den Preis gähnender Langeweile. Die Herausforderung besteht also darin, Aufgaben als motivierende Herausforderungen zu stellen, die die Motivation entstehen lassen, die fotografische Idee möglichst wirkungsvoll umzusetzen, sodass – als „didaktische Schleifen“ – Instruktionsphasen etwa über den Zusammenhang von ISO-Wert, Verschlusszeit und Blende oder über die Steuerbarkeit von Schärfentiefe über den Blendenwert von den Lernenden als hilfreich erfahren werden.

Unsere Erfahrungen aus zahllosen, von Studierenden durchgeführten Fotoprojekten belegen, dass die Qualität der Fotos der Kinder und Jugendlichen größer waren, wenn beim Fotografieren wie auch bei der Bildbearbeitung die Mischung zwischen entdeckendem Lernen/Ausprobieren und kompakten Instruktionsphasen stimmte. Die fotografische Idee hängt zunächst eng mit den didaktischen Zielsetzungen der Unterrichtsreihe oder des Fotoprojekts zusammen, in die sich die oben skizzierten Lernaufgaben integrieren lassen. Eine zentrale Entwicklungsaufgabe dürfte für Schülerinnen und Schüler sein, sich der Fotografier-Intentionen bewusst(er) zu werden, vor allem wenn sie bisher nur zu Erinnerungszwecken geknipst haben. Vorhandenes Bildmaterial auf seine Qualitätsmerkmale hin zu untersuchen („gutes Foto“?), schärft den Blick für das gestaltete Zusammenwirken zwischen Fotografierabsicht, Aufnahmeperspektive, Anordnung der Bildobjekte, Linien usw., sodass die Aufmerksamkeit „gebunden“ wird, der Rezipient „berührt“ wird bzw. „etwas ins Auge springt“, kurz: das Bild als „stark“ wahrgenommen wird.

BILDÄSTHETIK
Die wichtigsten Gestaltungsmittel

  • Perspektive (Froschperspektive, Augenhöhe, Vogelperspektive..)
  • Nahaufnahme (ggf. mit Teleobjektiv), Normal- oder Weitwinkelperspektive/Totale
  • Balance (Bildelemente, Farbe, Größe der Objekte…)
  • Vordergrund/Hintergrund-Gestaltung/Illusion von Tiefe
  • Grafische Elemente (Punkte, Linien, geometrische Figuren, Muster…)
  • Bewegung/Bewegungsunschärfe
  • Belichtung/Aufmerksamkeit lenken durch gezielten Lichteinfluss
  • Farbbeziehungen/Farb- und Flächenproportionen

TECHNISCHES WISSEN
…beinhaltet etwa

  • dass eine große Blende (z.B. 3,5) oder die Verwendung eines Teleobjektivs ermöglichen, Vorder- und Hintergrund durch Un-/Schärfe voneinander abzuheben und damit etwas hervorzuheben;
  • den Zusammenhang zwischen ISO-Wert, Verschlusszeit und Blendenwert zu kennen: Um Verwacklungsunschärfe zu vermeiden, muss eine kürzere Verschlusszeit gewählt werden, was durch eine größere Blendenöffnung kompensiert werden kann. Wenn Bewegungsunschärfe gewünscht ist, gilt das Umgekehrte. Eine Erhöhung des Empfindlichkeitswerts (ISO) ermöglicht zwar, auch in dunkleren Situationen zu fotografieren, eine größere Blende oder eine kürzere Verschlusszeit zu wählen, allerdings gibt es – bei einigen Kameras schon ab 800 ISO – sogenanntes „Bildrauschen“, das heißt unscharfe Bilder;   
  • Kenntnisse der wichtigsten Features der Bildbearbeitungssoftware, zum Beispiel Farb- und Belichtungskorrekturen, Kontrast und Helligkeit, Bildretusche, Fotomontage usw.     

Bei diesem Beitrag handelt es sich um die gekürzte Version eins Beitrags von Prof. Holzbrecher im „Handbuch Kulturpädagogik für benachteiligte Jugendliche“, herausgegeben von Tobias Braune-Krickau, Stephan Ellinger, Clara Sperzel, 2013 erschienen im Beltz Verlag.


Anmerkungen
  1. 1. 1. Holzbrecher, Alfred (2011): Identitätsarbeit in Zeiten der Globalisierung: Interkulturelle Lernleistungen aus Subjektperspektive, in: ders. (Hrsg.), Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe, Schwalbach, S. 157 ff.
  2. 2. Schmolling, Jan (2006): Fotografie als Lebenszeichen – Der Deutsche Jugendfotopreis als Forum für authentische Sichtweisen, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006, S. 672.
  3. 3. Vgl. Lieber, Gabriele (Hrsg.) (2008): Lehren und Lernen mit Bildern. Ein Handbuch zur Bilddidaktik, Baltmannsweiler
  4. 4. Heuer, Christian (2006): Der „gedehnte Blick“ und die Geschichtsdidaktik – Fotografie als Quelle und Medium historischen Lernens, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006 (VS-Verlag), S. 203-214. Krings, Annette (2006): „Vor Schrecken bis Faszination“ – Fotografie(n) und die Erinnerung an der Nationalsozialismus, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006, S.447-458-
  5. 5. Holzbrecher, Alfred (2006): Foto + Text. Didaktische Perspektiven, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006, S. 15-23.
  6. 6. Vgl. Pschichholz, Christin; Vorsteher-Seiler, Dieter (Hrsg.) (2011): Für immer jung. 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis (im Auftrag der Stiftung Deutsches Historisches Museum und des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland), Berlin.
  7. 7. Holzbrecher, Alfred (2004): Den Bildern auf der Spur. Fotoprojektdidaktik als kommunikativer Prozess , in: Alfred Holzbrecher, Jan Schmolling (Hrsg.), Imaging. Digitale Fotografie in Schule und Jugendarbeit, Wiesbaden 2004 (VS-Verlag), S. 11-32; ebd. Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg. 2006).
  8. 8. Braun, Andrea (2004): Wahrnehmungsschulung durch Fotografie im Geografieunterricht, in: Alfred Holzbrecher/Jan Schmolling (Hrsg.), Imaging. Digitale Fotografie in Schule und Jugendarbeit, Wiesbaden , S. 257-273.
  9. 9. Hietzge, Maud (2006): Bewegungsbilder, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006, S. 297-314.
  10. 10. Schratz, Michael (2006): Mit der Kamera unterwegs: SchülerInnen (er)finden Schule neu, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006 , S. 315-326.
  11. 11. Berger, John; Mohr, Jean (2006): Eine andere Art zu erzählen. Photo/Essay, Frankfurt.
  12. 12. Hornar, Christina (2006): Fotostories – Geschichten in Wort und Bild, in: Alfred Holzbrecher, Ingelore Oomen-Welke, Jan Schmolling (Hrsg.) Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006, S. 87-100.
  13. 13. Vgl. Pilarczyk, Ulrike (2003): Blick-Beziehungen. Generationenverhältnisse in Fotografien, in: Yvonne Ehrenspeck/Burkhard Schäffer (Hrsg.), Film- und Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft, Opladen, S. 309-324.