Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine Person hält ein Handy in Richtung Kamera. Die Person ist im Hintergrund unscharf.

Inklusion in der Interconnected City

Herausforderungen für eine diversitätssensible Medienbildung in jugendlichen Milieus

Das Internet und vor allem die Social Media haben die gesellschaftliche Beziehungs- und Wirklichkeitskonstruktion Jugendlicher radikal verändert. Für junge Geflüchtete bieten die globalen, virtuellen Netze viele Vorteile. In der Second World findet jedoch keine echte soziale Platzierung statt und es mangelt an Situationen konkreter Face-to-Face-Bewährung. Raum zu schaffen für reale Erfahrung, zwischen Lokal- und Globalkultur zu vermitteln und eine inklusive wertschätzende Wirklichkeit zu fördern – digital wie real, das sind nur einige der vielfältigen Anforderungen an die interkulturelle Medienarbeit und die Medienarbeit mit Geflüchteten.

Wer sich mit interkultureller Medienbildung und insbesondere der Medienarbeit mit Geflüchteten befasst, der gerät schnell in erhebliche Schwierigkeiten, weil sowohl die Medienthematik als auch interkulturelle Fragestellungen und dann speziell auch das Thema Flüchtlinge eine ganze Fülle von Fallstricken bereithalten.

Was erstens die Medienbildung betrifft, geht es schon lange nicht mehr um die seit der Einführung des Rundfunks und des Fernsehens immer wieder diskutierten klassischen auf Massenmedien fokussierten Bildungsfragen. Im Fokus steht längst der Umgang mit virtueller Interaktion und dabei die Effekte einer völlig neuartigen, technologisch fortgeschrittenen Generation von medienvermittelter Interaktion. Diese medienvermittelte virtuelle Interaktion erzeugt völlig ungewohnte Wirklichkeitsvorstellungen und damit zugleich auch eine neuartige Beziehungswirklichkeit. Die Brisanz dieser neuen virtuellen Interaktion wird in der Regel erheblich unterschätzt. Deshalb muss man sich vor jeder Bildungsdiskussion mit ihr noch einmal befassen.

Was zweitens die interkulturelle Bildung betrifft, so verhält es sich umgekehrt. Diese Disziplin ist ja letztlich nur eine Reaktion auf zunehmend diversitätsgeprägte Situationen, Milieus und Quartiere, also auf etwas seit langem Vertrautes. Hier wird allerdings oft so getan, als ob es sich bei der aktuellen Diversität nicht nur um eine völlig neuartige, sondern auch um eine alles überwölbende ubiquitäre Erscheinung voller ungelöster Probleme handele. Tatsächlich ist Diversität ein relatives Phänomen. Was heute noch extrem divers erscheint, ist morgen schon veralltäglicht und übermorgen bereits selbstverständlich – jedenfalls, solange nicht ausdrücklich Differenzlinien eingezogen werden, um sozialen Wandel zu blockieren oder – noch problematischer – um einen längst verblichenen Status quo ante zu beschwören. Was speziell die interkulturelle Bildung betrifft, so kann auch sie sich dieser Dynamik nicht entziehen, weil selbst kulturelle Diversität dieser Veralltäglichung unterliegt. Die Entwicklung einer einfach nur diversitätssensiblen Bildung steht erst noch am Anfang.

Und was drittens die Situation von jungen Geflüchteten betrifft, sieht es noch einmal ganz anders aus. Obwohl diese Newcomer als Flüchtlinge eigentlich einen klaren Rechtsanspruch auf Aufnahme und Anerkennung haben, erfahren sie in der Regel entweder eine ethnozentrisch geprägte Ablehnung („Ausländer“) oder eine paternalistisch gestaltete Zuwendung („Aufnahme aus Gnade“). In beiden Fällen werden sie zu Fremden erklärt. Nach jenem Verständnis sind sie noch der Vormoderne verhaftet, verfügen nur über ein geringes Wissen und ihrer Verweildauer ist zudem nur kurz. Die jungen Geflüchteten werden auf diese Weise einer überwiegend restriktiven und nationalistisch zentrierten, oft ab- und aussondernden Migration Policy unterworfen. Es ist deshalb sehr wichtig, die Inklusion der Flüchtlinge als junge Newcomer ins Blickfeld zu rücken.

Wenn man diese Fallstricke sorgfältig bedenkt, dann wird schnell klar, dass es eigentlich primär darum gehen muss, sich über die aktuelle Medienentwicklung und ihre Auswirkungen auf das Alltagsleben zu verständigen. Dann wird auch alsbald erkennbar, dass die eigentliche Herausforderung für die adäquate Medienbildung eng mit der Ausbreitung dieser neuartigen virtuellen Interaktion und den damit verknüpften Chancen und Risiken zu tun hat. Blickt man in diesem Zusammenhang auf besonders diversitätsgeprägte Milieus und hier speziell auf junge Geflüchtete, so werden die Chancen und Risiken der neuen virtuellen Interaktion extrem deutlich.

Neue Medienwirklichkeit

Wie schon angedeutet, stellen die neuen interaktiven Medien nicht nur einfach verbesserte Kommunikationsmittel zur Verfügung, sondern implizieren eine ganz neue Form der Interaktion und damit eine neuartige Beziehungs- und Orientierungswirklichkeit. Seit der Durchsetzung des Smartphones sind die neuen Medien mit ihrer besonderen Interaktionsqualität unmittelbar im Alltagsleben verankert, zumal das Just-in-time-Prinzip dank der Netzwerke zu einem ubiquitären, fast jedem zugänglichen Interaktionsprinzip und damit zu einem funktionalen Äquivalent traditioneller Formen der Interaktion avancierte.

„(…) eine Frau Mitte 40, stellt sich als Leiterin eines Kinder- und Jugendzentrums vor: ‚Was ich beobachte: Die soziale Kompetenz nimmt ab. Zehn Mädchen sitzen zusammen, und alle gucken auf ihren Handys irgendwelche Fotos an.‘ Sogar bei ihrer eigenen Geburtstagsfeier sei das so gewesen: ‚Alle sind ständig abgelenkt – wo bleibe ich denn dann noch?‘ Eine blonde Frau um die 20 protestiert. ‚Das eine schließt das andere doch nicht aus!‘, ruft sie. ‚Ja, okay, man ist zwischendurch mal ausgeklinkt, aber man ist doch trotzdem noch dabei.‘ Und dann sagt sie einen wahren Satz: ‚Ältere können einfach nicht nachvollziehen, wie wir kommunizieren.‘“1

Das Zitat ist mehrschichtig angelegt. Es gibt zunächst einmal eine Beobachtung wieder, die wohl alle bestätigen können. Ob in der Öffentlichkeit, im Straßenverkehr, beim Essen oder wie hier auf einer Feier, überall ist das Smartphone längst dabei. Und es genießt sogar in der Situation nicht nur Vorrang vor jeder Face-to-Face-Kommunikation, sondern dominiert auch die jeweilige Szenerie insgesamt. Es wird nicht nur wie selbstverständlich genutzt, sondern – und das ist entscheidend – es überlagert dabei automatisch alles andere. Regeln konventioneller Handlungssituationen (z.B. „Feier“) werden vom Smartphone-Nutzer widerspruchslos außer Kraft gesetzt und neu definiert.

Diese zunehmend wie selbstverständlich praktizierte und damit akzeptierte Neudefinition der Situation ist im Beispiel zugleich Anlass für eine Kontroverse. Es geht dabei um die Berechtigung einer zeitweiligen oder dauerhaften Beurlaubung einer althergebrachten Situationsdefinition und der damit verknüpften Situationslogik – für die Kritiker sogar um den Erhalt des sozialen Sinns der Situation. Es liegt nahe, hier einen nur pädagogisch sichtbar gemachten Generationskonflikt zu unterstellen. Aber in Wahrheit handelt es sich um ein gewandeltes Beziehungs-, Orientierungs- bzw. Wirklichkeitsverständnis. Die eine Seite beklagt eine Abnahme an sozialer Kompetenz und bezieht sich damit offenbar auf die Verletzung von Regeln, die wie selbstverständlich für soziale Situationen gelten. Die andere Seite bestreitet genau dies und reklamiert für sich ein ganz anderes Regelverständnis; für sie ist es völlig legitim, eine Situation mit ihrer Logik nicht nur zu unterbrechen, sondern auch der Pflege sozialer Netze unterzuordnen.

Drei Dinge sind hier – zumal für die abschließende Debatte über die Newcomer-Jugendlichen – besonders wichtig: Erstens mag es hier vordergründig um zwei unterschiedliche Auffassungen über den Umgang miteinander gehen, tatsächlich geht es aber um grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen über das, was generell in gängigen Alltagssituationen gilt und damit über die gesellschaftliche Wirklichkeit ganz allgemein. Zweitens ist die Kontroverse eigentlich gar keine echte Kontroverse, weil die oben geschilderte Praxis im Alltag längst wie selbstverständlich akzeptiert wird. Strittig ist allenfalls noch, ob die neuen Routinen überall zulässig sind oder ob es gewisse Einschränkungen (bei einer Feier, einem gemeinsamen Essen o.ä.) zu beachten gilt. Und drittens geht die alte Situation in der neuen Situation tendenziell auf, der alte Sinn erfährt durch das neue Situationsverständnis einen neuen Rahmen (Framing). Gefeiert wird nur etwas anders.

Damit wird klar, dass sich die gesellschaftlichen Beziehungs- und Wirklichkeitskonstruktionen radikal gewandelt haben. Die Dominanz „direkter“ Interaktion ist im Prinzip längst „verinnerlicht“. Der soziale Sinn überkommener Situationen ist dabei jedoch nicht vollständig verloren gegangen ist, sondern im Gegenteil sogar im Rahmen der Just-in-time-Interaktion und den Gegebenheiten sozialer Netzwerke letztlich indirekt erhalten geblieben. Pointiert formuliert: Ohne die überkommenen Routinen geht es nicht. Sie bleiben conditio sine qua non.

Eigenständige Orientierungswirklichkeit

Die neuartige Beziehungs- und Orientierungswirklichkeit war zunächst einmal noch mit den überkommenen Alltagsroutinen verbunden. Jetzt lässt sich ein neuer Trend hin zu einer eigenständigen Beziehungs- und Orientierungswirklichkeit erkennen, zur Interconnected City.

„Die Interconnected City: Netze, materielle wie elektronische, überlagern den physischen Raum mit einer sekundären Struktur, die neue Nähe- bzw. Distanzbeziehungen herstellt, welche sich nicht räumlich, sondern zeitlich definieren. Auch Netzwerke, die aus einem Geflecht sozialer Beziehungen entstehen, schaffen einen solchen Raum der Proximität unabhängig von den physischen Dimensionen des Raums und das geschieht, wenn es sich dabei um digitale Netzwerke handelt, in Echtzeit. Soziales Verhalten konstituiert einen eigenen, ‚gelebten‘ Raum. Digitale Netzwerke konstituieren Raum bzw. eine Vielzahl von Räumen. Netzwerke erzeugen Synergieeffekte und haben Verstärkerfunktion, ihre Eigenschaften ergeben sich nicht als Summe der Eigenschaften der einzelnen Teile, sondern charakterisieren einen eigenständigen ‘Organismus.“2

Das Zitat gibt den durch die neuen Medien ermöglichten Wandel vom physischen zum virtuellen Raum sehr gut wieder. Danach geht es nicht länger nur um einen Just-in-time-Austausch (direkte Interaktion), sondern um einen abgehoben von allen Alltagsroutinen ablaufenden Echtzeitaustausch von (Be-) Deutungen („Proximität“). Im Mittelpunkt steht „reine“ Interaktion, die frei von sozialen Spielregeln ist und ohne Rücksicht auf die Logik sozialer Situationen und deren jeweiligem, sinnstiftendem Kontext präsentiert und in unmittelbarer zeitlicher Abfolge ausgetauscht wird.

Das für die vorliegende Fragestellung Interessante und insbesondere für die jugendlichen Newcomer Attraktive dabei ist, dass mit dieser rein virtuellen Interaktion Effekte erzielt werden, die ihnen aus der überkommenen sozialen Interaktion im realen Alltag vertraut sind: Bezugsgruppenorientierung, Synergieeffekte durch den Austausch klarer Indikatoren, Verstärkerfunktionen durch gezielte Reziprozität der Positionen, gesellschaftliche Platzierung, Lernen aus der Interaktion usw. Was allerdings in all diesen Fällen fehlt, ist die für die Teilnahme an gelebten sozialen Situationen typische Rückbindung solcher Effekte an eine erfolgreiche Situationsteilnahme und Situationsbewältigung („Bewährung“).

Es fehlt das erfolgreiche, sinnhaft-soziale, regelgeleitete, kontextsensible Zusammenspiel unter den Situationsteilnehmern, das die Effekte legitimiert.

In der Interconnected City fehlt jede Bewährung. Stattdessen werden hier alle Effekte durch eine „reine“ Interaktion unter virtuellen Anderen in einem virtuellen Raum bereitgestellt. Die an die Stelle der physisch anwesenden Situationspartner gerückten „reinen“ Interaktionspartner „bilden ein identitätsfreies virtuelles Netzwerk“ und erklären zu „Freunden“, wer sich mit Informationen einschaltet („teilt“). Auch wenn also vieles vordergründig so inszeniert wird wie in der gelebten sozialen Begegnung, so mangelt es neben dem legitimatorischen Potenzial auch an sozialer Komplexität. Was bleibt, sind zwar sehr ansprechende, aber eben auch extrem komplexitätsreduzierte Interaktionssequenzen, eine Aneinanderreihung von (Be-)Deutungen und extrem knapp bemessenen Wissenssequenzen. Im Grunde wird in dieser „hochreinen“ Interaktion noch nicht einmal mehr geteilt, sondern nur noch reziprok mitgeteilt.

Chancen und Risiken

Vor allem im Blick auf zwei weitere Effekte ist die „reine“ Interaktion besonders fragwürdig, nämlich die gesellschaftliche Platzierung und die sozialisatorische Interaktion. Hier geht es eben nicht mehr um eine soziale Platzierung in einem durch lebendige Situationen einbettenden sozialen Raum (Freundeskreis, Milieu, Community, Schule, Betrieb…), sondern um eine rein virtuelle Platzierung in einer nur formal geteilten Second World (Beteiligung durch Statements in einer virtuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit). Alles reduziert sich auf einen durch Verkettungen stimmig gemachten Wissensabgleich. Und auch die sozialisatorischen Effekte dieser Interaktion sind ungesichert. An die Stelle der sozial eingebetteten praktischen Bewährung tritt in der Interconnected City eine individuell „gefühlte“ Plausibilitätseinschätzung, weil die gelebte Alltagsroutinen begleitende Situationslogik samt den jedem situativen Handeln eigenen Situations- und milieuspezifische Traditionen quasi rückstandsfrei abgeschaltet wurde.

Die „reine“ Interaktion hat tatsächlich eine ganze Reihe von Vor-, aber eben auch Nachteilen, bietet also Chancen, erzeugt jedoch außerdem erhebliche Risiken:

a) Was zunächst die Chancen betrifft, so ist klar: Die Zugänglichkeit, die Verfügbarkeit, die Schnelligkeit und die Offenheit dieses Interaktionsformates ist hoch attraktiv. Und man kann vor allem auch über beliebige Entfernungen erstmals in Echtzeit interagieren, was angefangen bei betrieblichen Abläufen und bis hin zum Austausch unter mobilen Bevölkerungsgruppen wie den Newcomern extrem vorteilhaft ist. Und es kann auch von Vorteil sein, dass mit der Ausschaltung der sozialen Kontexte auch soziale Probleme mit ausgeblendet werden, die z.B. in der Heraufführung von Differenzlinien und damit verknüpften Diskriminierungs- und Ausgrenzungsstrategien bestehen. In der „reinen“ Interaktion erübrigen sich Verweise auf das Äußere, das Alter, eine Behinderung, das Geschlecht, die Herkunft und anderes – wenn sie nicht ausdrücklich thematisiert werden. Die von jedem sozialen Beiwerk bereinigte Interaktion erleichtert den Austausch und die Etablierung von (Be-)Deutungen gerade auch unter den Bedingungen zunehmender Mobilität und Diversität. Sie erweist sich insoweit als konstitutiv für die neue Superdiversität mit ihrer längst globalen Sprach-, Diskurs- und Milieudiversität und fördert entsprechend auch die Inklusion von jugendlichen Newcomern.

b) Aber auf der anderen Seite verschwinden bei der reinen Interaktion alle wohlsituierten Aspekte des Alltagslebens und damit die gerade für Alltagsroutinen typische Qualifizierung der Interaktion durch praktische Bewährung und kommunikative (Selbst-) Regulierung. Damit werden die Interaktion und deren Effekte, besonders die gesellschaftliche Platzierung und die sozialisatorischen Effekte, kontingent. Es liegt jetzt alles allein in der Hand desjenigen, der den virtuellen Raum betritt. Es ist die an die Stelle der Bewährung allzu schnell rückende Beliebigkeit, die zum Einfallstor für eine ganze Fülle von Risiken wird.

Um im Netz erfolgreich agieren zu können, bedarf es neben technischen Kompetenzen vor allem auch eines umfassenden Wissenspotenziales, damit es bei dem immer wieder notwendigen Auffüllen von Lücken und dem Mangel an Bewährungsmöglichkeiten nicht zu folgenreichen Fehlleistungen kommt. Im Zeitalter der „reinen“ Interaktion kommt es schnell zu den unterschiedlichsten Formen ideologischer, nationalistischer, sexistischer, rassistischer, antisemitischer und antiziganistischer bis hin zu fundamentalistischen Positionierungen, gerade wenn es an Möglichkeiten zur Beteiligung an überkommenen Interaktionsformen und damit an praktischer Vernunft mangelt.

Die Nachteile bekommen also besonders Flüchtlinge zu spüren, die nicht voll inkludiert sind und deshalb keine praktischen Erfahrungen haben. Der Vorteil der „reinen“ Interaktion gerät zumal bei Newcomern hier schnell zum Nachteil. Und wenn dann auch noch gegen Flüchtlinge gehetzt wird, sie exkludiert werden, dann wird gerade denjenigen, die besonders auf praktische Erfahrungen angewiesen sind, der Boden entzogen. Eine medienpädagogische Konsequenz wäre hier neben der Beteiligung an „Bildung für alle“ mehr praktisch ausgerichtete Inklusion3 und damit mehr informelle Bildung.

Diversitätssensible Medienpädagogik

Aus der knappen Skizze wird bereits deutlich, in welche Richtung medienpädagogische Konsequenzen zielen müssen. Einerseits geht es darum, mit den Chancen und Risiken, die sich mit der neuen Beziehungs- und Orientierungswirklichkeit ergeben, zielorientiert umgehen zu können. Anderseits ist in Rechnung zu stellen, dass die jungen Newcomer in beiderlei Hinsicht besonders involviert sind.        

Die Nutzung der „reinen“ Interaktion durch soziale Netzwerke spielt für sie eine extrem konstruktive Rolle. Die Netze bieten die Chance, in Echtzeit Kontakte mit Bezugspersonen bzw. der Herkunftsfamilie zu halten und so wichtige soziale Informationen zu gewinnen. Dies ermöglicht es ihnen überhaupt erst, schon als Jugendliche eigenständig mobil zu werden. Die Vorteile dieser Netzanbindung sind während der Migration unmittelbar evident. Aber die Jugendlichen werden enttäuscht, wenn es darum geht, sich vor Ort als Newcomer zu arrangieren. Die Netze können weder das beschaffen, was eine Einbindung im konkreten gelebten Raum ermöglicht, noch können sie situationsadäquate Informationen bieten, weil ja nur global Gewusstes vernetzt wird.

Für Hilfen in der konkreten Situation sind die Netzwerke ungeeignet, weil ihre Informationen zwangsläufig aus einem anderen, einem „falschen“ Raum und einer anderen, einer „falschen“ Zeitlichkeit stammen, also nicht situationsgerecht sind. Und wenn die Jugendlichen dann auch noch mit hochkomplexen bürokratischen Barrieren konfrontiert werden, sich einem bürokratischen System ausgeliefert sehen, das ein spezielles Wissen erfordert, das sprachlich, grammatisch und verwaltungstechnisch extrem codiert ist, dann liegt es nahe, doch wieder auf  die „bewährten“, global zentrierten zwangsläufig unpräzise, oft unzureichend oder sogar falsch positionierende sozialen Netze zurück zu greifen.

Die Probleme sind relativ gering, solange nur über Smartphone „direkte“ Interaktion betrieben wird, weil hier ja der gelebte Raum noch eine Rolle spielt. Extrem werden die Probleme, wenn es um „reine“ Interaktion geht. In einem solchen Fall liegt die Gefahr nahe, in eine virtuelle Realität abzudriften, die die Betroffenen im Alltag scheitern lässt, zumal wenn gleichzeitig der Zugang zum realen Raum verstellt ist. Die pädagogische Herausforderung besteht hier darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Flüchtlinge wie „normale“ Newcomer behandelt werden, ihnen also das für eine erfolgreiche Platzierung an einem neuen Ort erforderliche Wissen bedingungslos (d.h. sozial, sprachlich und kommunikativ, also diversitätssensibel) zu vermitteln, d.h. umgehend praktische Erfahrungen zu ermöglichen und damit auch den lokalen Raum zu öffnen (inklusionsorientierte informelle Bildung). Die Medienpädagogik trägt damit dazu bei, dass sich das konkrete Quartier als Fußabdruck globalgesellschaftlicher Wirklichkeit immer wieder neu arrangiert.

Es gibt noch einen besonders risikoreichen Aspekt, der erneut besonders die Flüchtlinge betrifft. Geflüchtete werden innerhalb der Netzwerke einerseits zu Objekten einer sich wechselseitig aufschaukelnden Hetze. Diese Hetze schlägt sich nicht nur in den verschiedenen PEGIDA-Aktivitäten und in der ursprünglich „nur“ europaskeptischen, jetzt rassistisch ausgerichteten neuen Partei, der AfD, nieder4, sondern auch „spontan“ in den sozialen Netzen, wenn eine neue Unterkunft zur Debatte steht. Und sie sind anderseits in ihrer prekären Situation leichter dazu zu bewegen, Heilsversprechungen zu folgen und sich entsprechend in globalen Konflikten zu positionieren. In beiden Fällen ist es extrem wichtig, die Implikationen der Interconnected City in Relation zu einer real erlebten lokalen Situation verorten und einschätzen zu lernen. 

Die Zivilgesellschaft kann hier eine inklusive und wertschätzende gesellschaftliche Wirklichkeit praktisch vermitteln. Es kommt sowohl darauf an, für netzwerkvermittelte Fehlinformationen zu sensibilisieren, als auch darum, virtuell hergestellte Vorstellungen über die gesellschaftliche Wirklichkeit, über Freunde und Feinde, über Platzierungsmöglichkeiten usw. in reale kommunikative Zusammenhänge einzubringen, um sie der praktischen Bewährung auszusetzen. 

Die medienpädagogische Herausforderung besteht hier darin, Raum für reale Erfahrung zu schaffen.

Damit wird deutlich: Es müssen gleichzeitig sozial-adäquate lokal zentrierte, d.h. sprach-, milieu- und zeitaktuelle reale Alltagserfahrungen und sozial-adäquate global zentrierte, d.h. sprach-, milieu- und zeitaktuelle Netze ermöglicht und miteinander vermittelt werden. Es ist wie in einem Soziallabor. Die jungen Newcomer geraten in ein urbanes Labor, für sie ein Ankuftslabor, für die schon Ansässigen ein durch die globalgesellschaftliche Wirklichkeit immer wieder gewandeltes Alltagslabor. Für die Newcomer besteht die Gefahr darin, dass an die Stelle einer lokal vermittelten Erfahrungswelt eine global vermittelte Wirklichkeitskonstruktion und an die Stelle einer gerade in diesem Augenblick wichtigen engmaschigen Lokalkultur eine einseitig global ausgerichtete Globalkultur tritt, weil sie nicht wirklich inkludiert werden. Zum anderen besteht die Gefahr darin, dass sie sich dem permanenten globalen Wandel verschließen, abschotten und damit den Anschluss an die globalgesellschaftliche Entwicklung verlieren. Das Entscheidende ist hier, der praktischen Vernunft zu vertrauen und einen fairen und gerechten Umgang mit den „Vielen als Viele“5 zu beherzigen.6              


Anmerkungen
  1. 1. Von Rutenberg, Jürgen (2015): Zurück in die Gegenwart, in: ZEITmagazin Nr. 29/2015 3. August 2015.
  2. 2. ARCH + PLANETARY URBANISM. 223/Mai 2016 Arch+Verlag Aachen 2016
  3. 3. Behrens, Melanie / Bukow, Wolf-Dietrich / Cudak, Karin / Strünck, Christoph (Hrsg.) (2016): Inclusive City. Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Wiesbaden: Springer VS.
  4. 4. Bukow, Wolf-D. (2015) PEGIDA und der modernisierte Rassismus: Workingpaper 2015, online unter: www.uni-siegen.de/fokos/aktuelles/aktuelle_meldungen_region_-_diversitaet_-_innovation, letzter Zugriff: 01.08.2016.
  5. 5. Virno, Paolo: (2005): Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen. Berlin:Idee- Verlag
  6. 6. Weitere Quellen: Hauptmann, Stefan (2012): Social Media in Organisationen. Strukturation und computervermittelte Kommunikation. Wiesbaden: Springer Gabler. Yildiz, Erol; Hill, Marc (2015): Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft ; [gewidmet Wolf-Dietrich Bukow zum 70. Geburtstag]. Unter Mitarbeit von Wolf-Dietrich Bukow. Bielefeld: transcript.