Die Sehnsucht nach Heldenfiguren ist groß in unserer leistungsorientierten „postheroischen“ Gesellschaft. Die Heldinnen und Helden heute haben ähnliche Merkmale wie Stars und Idole in den popkulturellen Medien; sie können sich durch tatsächliches heroisches Handeln auszeichnen, aber auch nur durch reine Präsenz. Zentral sind dabei die Bedürfnisse des Publikums, die den heutigen Heroismus ebenso bestimmen wie ausgefeilte Vermarktungs- und Kommerzialisierungsstrategien.
Ob im Fernsehen, auf der Straße oder im Kühlregal: Helden sind anscheinend allgegenwärtig. Dabei wird der Held mal als solcher tituliert, mal verweisen lediglich Versatzstücke auf seinen Status und rufen beim Betrachter Heldenbilder hervor. So findet sich bei einem deutschen Discount-Supermarkt „Dein täglicher Ausgeglichenheits-Ommmmmm-Helden-Frucht-Shot“, der passenderweise als „Held des Tages“ im Viererpack erhältlich ist. Ein bekannter Süßwarenfabrikant huldigt dem Mann des Jahres mit einem „Heldentaler“ aus Marzipan.1Das Rote Kreuz lässt eine Superheldenfigur in Cape und Maske fragen: „Heldenmut? Spende Blut!“2Ebenso lädt die deutsche AIDS-Hilfe in einer Kampagne dazu ein, sich selbst zum Helden zu erheben: „Wir sind Testhelden. Und wie sieht’s bei dir aus?“ Und jüngst, am 20. Juni 2018 brachte das populärwissenschaftliche TV-Magazin Galileo einen Beitrag unter dem griffigen Titel „Superhelden des Alltags“; in der Anmoderation teilt sich Stefan Gödde die Studiobühne mit drei Figuren, die Helden verkörpern sollen: einem humanoiden Roboterskelett, einem muskulösen Kämpfer, der sein Schwert effektvoll schwingt, und einer leicht bekleideten, nur zögerlich agierenden weiblichen Kriegerin, die im Hintergrund steht.3Die Aufzählung könnte an dieser Stelle beliebig fortgesetzt werden.
Entzauberung durch Alltäglichkeit
An den genannten Beispielen lassen sich jedoch drei vorläufige Beobachtungen festmachen. Erstens ist die Heldenimagination in der populären Alltagskultur ein System, das stark mit männlichen Genderstereotypen arbeitet. Weiblichem Heldentum wird offenbar wenig bis gar kein Raum gegeben. Wenn Geschlechterkonventionen einmal nicht perpetuiert (und mitunter ad absurdum geführt) werden, so werden sie auf subversiv-ironische Weise unterlaufen: Marzipan für den Mann des Jahres!
Zweitens ist der Status des Helden im Laufe der Zeit und insbesondere nach 1945 sehr viel demokratischer geworden und nicht mehr einer militärischen Elite vorbehalten. Prinzipiell ist jeder und jedem die Möglichkeit gegeben, sich mit wenig Aufwand in die Reihe der Heldinnen und Helden einzuschreiben. Zunächst spielen dabei, so wird es suggeriert, Alter, Aussehen, Hautfarbe, sozialer Status oder sexuelle Orientierung keine Rolle. Daraus resultiert die dritte Beobachtung, nämlich der inflationäre Gebrauch des Heldenbegriffes. Mittlerweile ist es in nahezu jedem Kontext vorstellbar, Bilder des Heroischen zu beschwören.
Daraus ergeben sich weitreichende Folgen. Die Vorstellungen des Heroischen werden verwaschen und semantisch entladen. Die Bedeutungsschichten verlagern sich, der Held als Figur verliert durch seine Erreichbarkeit und die Entzauberung seiner charismatischen Aura an Ausstrahlung. Das Heroische wird alltäglich, die Exzeptionalität geht dabei verloren. Diese semantische Aufweichung zieht aber noch weitere Konsequenzen nach sich. So verschiebt sich das heroische Bewährungsfeld weg vom agonalen Bereich, das heißt weg vom Wettstreit und Kampf gegen jemanden oder etwas, in Domänen, in denen der Held sich für jemanden einsetzt oder für etwas einsteht.
Der inflationäre Gebrauch von Heldenbildern innerhalb der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft kann aber auch als symptomatisch für eine tiefe Sehnsucht nach Helden gelesen werden, die verzweifelt in Alltagssituationen zu befriedigen gesucht wird, weil die strahlenden fernen Helden obsolet geworden sind. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler diagnostiziert nach dem Zweiten Weltkrieg die Ausbildung postheroischer Gesellschaften und einen Wandel in der Natur des Heroismus in den westlichen Industrieländern. Doch die vielfältige Medienlandschaft scheint ihre Wege zu finden, diesem Paradoxon zwischen dem Misstrauen gegenüber Helden und dem Verlangen nach ihnen mit einer permanenten Reizüberflutung durch Heldenbilder zu begegnen.
Die Macht des Publikums
Zunächst ist es jedoch sinnvoll, sich dem Helden heuristisch zu nähern. Eine Freiburger Forschergruppe, die sich seit 2012 exklusiv der Erforschung von Helden widmet, greift dabei nicht den Helden, sondern die heroische Figur (die als solche auch weiblichen Geschlechts sein kann) auf und zwar als „eine reale oder fiktive, lebende oder tote menschliche Person, die als Held, hero, héros usw. benannt und/oder präsentiert wird und der heroische Eigenschaften zugeschrieben werden, und zwar insbesondere agonale, außeralltägliche, oftmals transgressive eigene Leistungen.“4Die heroische Figur ist demnach ein kulturelles Konstrukt aus Fremd- und Selbstzuschreibungsphänomenen. Die genannten heroischen Eigenschaften beleuchtet der Kultursoziologe Tobias Schlechtriemen näher. Er schlägt einen Merkmalskatalog vor, der heroische Figuren fassbar macht und gleichzeitig in ihren Entstehungskontext einbettet. Wenn man heroische Figuren anhand ihrer Eigenschaften typologisch charakterisiert, zeichnen sich diese aus durch
- Außerordentlichkeit,
- Autonomie und Transgressivität,
- moralische und affektive Aufgeladenheit,
- Agonalität,
- starke Agency.5
Nun scheint es so, dass sich im frühen 21. Jahrhundert diese Merkmale zwar noch finden und durchaus definitorische Attribute von Heldenfiguren darstellen. Allerdings teilen die Heldinnen und Helden sich diese Merkmalsmatrix zunehmend mit Stars und Idolen, die aus populärkulturellen Medien nicht mehr wegzudenken sind. Angesprochen wird dabei kontextabhängig eine ganz bestimmte Klientel. Besonders auffällig ist hier, dass Schauspieler, Musiker, Sportler und sonstige medienwirksam in Erscheinung tretende Menschen beiderlei Geschlechts das Hauptaugenmerk der Jugend auf sich ziehen und oft als Idole und Stars nahezu kultisch verehrt werden.


Das Publikum nimmt den Platz der Verehrergemeinschaft ein, die die Heldenfigur zu dem macht, was sie ist. Es hat die Macht, einer Person zum Aufstieg zu verhelfen, kann sie aber genauso wieder von ihrem Thron stürzen, wenn ihre Wirkungsmacht verblasst oder nicht mehr interessant genug ist. Der Einbezug des Publikums als aktivem Akteur scheint uns ein wichtiger Ausgangs- und Angelpunkt in Heroisierungsprozessen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts zu sein, die dann Stars hervorbringen. Die Heldentat, durch die eine Figur ihren heroischen Status erhält, wird dabei ersetzt durch die besondere Leistung im sportlichen Wettkampf oder – im Bereich der Unterhaltungskunst – durch andere agonale Praktiken.

Selbstdarsteller und wahre Helden
In den vergangenen Jahren hat sich das Format der Castingshow mehr und mehr etabliert – es ist die Innovation des Wettkampfs in der Postmoderne geworden. Jeder und jedem ist die Möglichkeit gegeben, kurzzeitig zu Ruhm zu gelangen. Durch das Überangebot an Formaten muss dabei die Qualität in logischer Konsequenz zurückstecken. Banalität und Alltäglichkeit werden im sogenannten „Hartz-IV“-Fernsehen stilisiert und künstlich durch verschiedene Narrativierungsstrategien aufgewertet. Die vermeintliche Exemplarität wird nicht selten heroisch aufgebauscht und als Identifikationsangebot an das dafür empfängliche Publikum verkauft. Die Auswahl bzw. Deutungshoheit darüber, wer ein Held oder eine Heldin ist, erfolgt dabei meistens durch den aktiven Miteinbezug des Publikums, das in einer Art demokratischem Prozess via Telefon oder Internet seinen Liebling wählen kann. Ergänzt wird das Stimmungsbild der Masse durch Fachjurys, die sich ihrerseits aus Celebrities und Experten zusammensetzen. So sind es Musikproduzenten, Sänger oder Gewinner vergangener Castingstaffeln, die etwa in Musikwettkämpfen entscheiden; Modedesigner und Werbeikonen übernehmen die Aufgabe der Selektion bei Modelcastings etc. Durch die relative Kurzlebigkeit der Formate und deren Masse sind die Kontexte der Heroisierung bzw. Stilisierung einzelner Figuren stark medial gebunden und auf Simplifizierung und Wiederholung angewiesen.
Über die herausragende Tat hinaus kann sich oft ein Personenkult einstellen, der es erlaubt, Taten und letztendlich auch Agency, d.h. heroische Handlungsmacht, in den Hintergrund zu rücken. Blogger, Vlogger und sogenannte Influencer profitieren von diesem Phänomen. Ihre konkrete Leistung liegt nicht in einer besonderen Tat, sondern in ihrer Präsenz. Das Vermittlungsmedium dient dabei gleichzeitig als Mittel und Zweck. Die ehemalige Gemeinschaft der Verehrer wandelt sich und wird in den Social Media zur Schar der Follower, die beeinflusst und geformt werden kann.
Anders verhält es sich bei Schauspielern und Musikern, die ihren Berühmtheitsstatus oftmals instrumentalisieren und daraus Agency entwickeln, um Botschaften von sozialer oder politischer Relevanz breitflächig zu streuen und sich wie Helden in scheinbar selbstloser Weise für andere einzusetzen. Als ally und Sprachrohr für LGBTQ-Belange kann hier etwa Lady Gaga angeführt werden. Die Solidaritätskampagne #heforshe, die Männer und Jungen dazu anregen soll, sich für Frauenrechte einzusetzen, wurde von Emma Watson initiiert, die durch die Verkörperung der Hermine Granger in der Harry-Potter-Filmreihe einer breiten Öffentlichkeit bekannt und durch Verschmelzung mit ihrem heroischen Filmcharakter beliebt wurde.
Gleichzeitig können Social Media aber auch Unbekannte zu heroischen Figuren machen. Berühmt und zur Heldin erhoben wurde etwa Malala Yousafzai. Ihre besondere Leistung ist in ihrem politischen Engagement begründet, denn als Aktivistin hat sie in sehr jungem Alter nicht nur auf die verheerende Ungleichbehandlung von Mädchen in Pakistan und anderen islamischen Staaten hingewiesen, sondern sich aktiv und unter Lebensgefahr zur Wehr gesetzt. Ihre Berühmtheit speist sich also nicht aus performativer Selbstdarstellung in populärkulturellen Medien, sondern aus einem tatsächlichen Akt heroischen Handelns mit gesellschaftlicher Reich- und Wirkungsweite.
Heroisierung als flüchtiges Phänomen
Es koexistieren also „alte“ Helden neben nun neu erschaffenen Idolen, an denen sich vermehrt und unverbindlich, kurzfristig und ohne unbedingten moralischen Anspruch orientiert werden kann. Daraus ergibt sich ein neuer Verhaltens- und Erziehungskodex, dem die Heldenfiguren selbst Rechnung tragen und der auf neue Bedürfnisse und Herausforderungen reagieren muss. Nicht nur Alltagshelden, sondern auch die als Helden gefeierten Castingstars und die Celebrities der Social Media sind ein flüchtiges Phänomen. Sie werden nur kurz heroisiert und in der Regel nicht erinnert. Sie werden archiviert und spielen auf lange Sicht keine tragende Rolle. Sie werden vergessen oder höchstens noch punktuell reaktiviert. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass stark egalitäre Gesellschaften sich nicht zielgerichtet weiterentwickeln. Die ständige Reproduzierbarkeit trägt somit aktiv zum Vergessen und Bedeutungsverlust bei, ähnlich wie Walter Benjamin im Zusammenhang mit der Entauratisierung des Kunstwerks argumentiert hat.

Es bleibt festzuhalten, dass die sogenannten postheroischen Gesellschaften offensichtlich keineswegs auf Helden und Heldinnen verzichten wollen. Vermutlich können sie es auch nicht. Heroismus wird in der Gegenwart zu großen Teilen auf die medialen und persönlichen Bedürfnisse seines Publikums auf der einen Seite, auf Vermarktungs- und Kommerzialisierungsstrategien auf der anderen Seite zugeschnitten. Die inflationäre Verwendung des Helden-Begriffs in der Alltagskultur deutet darauf hin, dass Heroismus im 21. Jahrhundert nicht unbedingt eine Reaktion und noch weniger eine Antwort auf latente Probleme ist, dass aber gleichwohl ein Grundbedürfnis nach exzeptionellen Figuren, die moralische Orientierung bieten, nach wie vor vorhanden ist.
Forschung: Helden – Heroisierungen – Heroismen
Der Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne“ an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg untersucht das Heroische als soziales Phänomen in einer kulturübergreifenden komparativ-diachronen und -synchronen Langzeitperspektive von der Antike bis heute. Sein besonderes Interesse gilt dabei den sozialen Ordnungen, die durch Heldenfiguren stabilisiert, aber auch in Frage gestellt werden.
Titelbild: Anne Kuhn