Alles jederzeit verfügbar – das Internet bietet Raum für fantastische Möglichkeiten, aber auch eine Fülle problematischer Inhalte: extreme Gewaltprofile, gewalthaltige Videos von jugendlichen Produzenten und leichte Zugänglichkeit von Pornografie aller Art. Wie haben sich die Risikobereiche mit dem Web 2.0 verändert, welche negativen Wirkungen können eintreten, wie können Eltern und Pädagogen den Nachwuchs stärken? – Einige Ergebnisse aus der Forschung.
Das Internet, zu dem der Zugang immer mobiler wird, bietet nur wenige geschützte Räume für Kinder, wie z. B. mit Hilfe des Kinderservers (www.kinderserver-info.de), der Suchmaschine Blinde Kuh oder im Kindernetz fragFINN. In vielen Bereichen des Web 2.0 können Kinder mit problematischen Inhalten und Handlungen – Gewaltdarstellungen, Pornografie und Cyber-Mobbing – konfrontiert werden. Die Risiken, mit solchen Inhalten in Berührung zu kommen, haben sich für Kinder und Jugendliche seit der Etablierung der neuen Web- und Mobiltechnologien (etwa 2004) und deren Funktion als jugendliche Erlebniswelt verschärft. So zeigt auch die im Auftrag des ZDF durch das Hans-Bredow-Institut durchgeführte Jugendmedienschutz-Studie1, dass über die Hälfte der befragten Eltern sagt, ihr Kind habe mit dem Internet unangenehme Erfahrungen gemacht; dazu gehören u. a. Gewaltdarstellungen, verstörende und beängstigende Inhalte sowie Mobbing. Als Risikofelder lassen sich sowohl inhaltliche als auch kommunikationsbezogene Bereiche unterscheiden.
Zu beobachten ist, dass sich im Internet nun verstärkt auch Kinder aufhalten. Für sie ist das Internet mittlerweile eine gängige Freizeitbeschäftigung: So nutzen laut der KIM-Studie 20122 mittlerweile 62 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren zumindest selten (ist das nicht ein Widerspruch zu den 58% im nächsten Satz?) das Internet. Mit zunehmendem Alter wird das Internet für Kinder in ihrem Alltag immer wichtiger. Während nur sieben Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen täglich im Internet surft, ist dies bereits bei 58 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen der Fall.
Überblick negativer Wirkungspotenziale von Gewalt
„Gewaltige“ Bildwelten …
Was die Gewaltproblematik des Internets betrifft, so lassen sich zwei Arten unterscheiden: erstens Gewalt in den Medien (z. B. gewalthaltige Videoclips) und zweitens Gewalt mittels Medien (z.B. Cyber-Mobbing). Aus Sicht der Gewaltmedienforschung stellt die Gewalt im Internet eine neue Dimension der Gewaltproblematik dar. Zum einen betrifft dies das Ausmaß der grausamen Bildwelten, die im Internet verbreitet werden. Exemplarisch hierfür ist der aktuelle Fall eines mexikanischen Enthauptungsvideos mit Bezug zu einem Drogenkartell, das auf Facebook (auch unter Jugendlichen) kursierte und erst auf Protest zahlreicher Nutzer von Facebook entfernt wurde.3 Zum anderen ist für die mediale Gewaltproblematik neu, dass die Nutzer selbst gewalthaltige Inhalte produzieren, verarbeiten und im Internet oder via Handy verbreiten können. Jugendliche können hier sowohl Täter als auch Opfer sein.4 So stellt die Tatsache, dass Jugendliche selbst als Produzenten von Gewalt auftreten, indem sie Prügeleien mit dem Handy filmen (Happy Slapping) und über das Internet verbreiten oder indem sie Videos produzieren, bei denen andere in schlimmen bzw. peinlichen Situationen gefilmt werden (Mobile-Bullying bzw. Cyber-Mobbing), eine neue Herausforderung für den Jugendmedienschutz dar.
Im Vergleich zur Anzahl der Studien über Gewalt im Fernsehen liegen zur Gewalt im Internet kaum wissenschaftliche Befunde vor. Dies ist umso weniger verständlich, als die im Internet verbreiteten Inhalte (z. B. authentische Gewaltszenen, Exekutionsvideos, Videos mit Kriegsbildern, schwere Unglücksfälle und Happy Slapping) ein weitaus extremeres Gewaltprofil aufweisen als die bislang im Fernsehen problematisierten Gewaltdarstellungen5 Hinzu kommt, dass im Internet auch Filme abrufbar sind, die keine Jugendfreigabe haben oder einer Sendezeitbeschränkung im Fernsehen unterliegen, aber online jederzeit angesehen werden können. Ebenso gibt es Videos, in denen gerade die problematischen Filmszenen enthalten sind und die z.B. über die einschlägigen Videoportale verbreitet werden. Auch über Soziale Netzwerke (Facebook, Google+ etc.) können Jugendliche mit besonders problematischen Inhalten konfrontiert werden.6
…und ihre Wirkungen
Basierend auf den Ergebnissen der 2008 erschienen Studie „Gewalt im Web 2.0“, die u. a. eine repräsentative Befragung von Jugendlichen enthält, lassen sich folgende Befunde zur Nutzung und Wirkung von Gewaltdarstellungen im Internet erkennen: Immerhin ein Viertel der 12- 19-Jährigen, die das Internet nutzen, gibt an, schon einmal Gewalt im Netz gesehen zu haben. Fast doppelt so viele und damit fast die Hälfte der 12 -19-Jährigen hat Freunde oder Mitschüler, denen gewalthaltige Seiten bekannt sind. Es sind also immerhin 48 Prozent der Kinder und Jugendlichen, in deren engeren sozialen Umfeld Gewalt im Netz eine Rolle spielt. Jungen haben insgesamt eher als Mädchen mit Gewalt im Internet zu tun. Je älter die Kinder und Jugendlichen sind, desto häufiger kennen sie gewalthaltige Internetseiten.
Gewaltdarstellungen wirken grundsätzlich nicht monokausal, sondern immer im Kontext verschiedener Einflussfaktoren (familiäres und soziales Umfeld, Geschlecht, Alter, eigene Gewalterfahrung, Medienkompetenz, Dispositionen/Persönlichkeit, Werte- und Normensystem). Für Jugendliche sind nach eigenen Aussagen besonders solche Videos schwer zu bewältigen, die Darstellungen von extremer realer Gewalt (z.B. Enthauptungen, Tötungen, Selbstverstümmelungen) und extremen realen Verletzungen zeigen. Ebenso belastend empfinden Jugendliche solche Szenen, bei denen sie sich mit dem gezeigten Opfer oder der dargestellten Gewaltsituation identifizieren. Starke emotionale Reaktionen wie Ekel, Schock und Angst, aber auch Albträume und psychosomatische Störungen können aufgrund der Rezeption grausamer Videos auftreten. Darüber hinaus lassen sich basierend auf der Gewaltmedienforschung weitere Wirkungsthesen ableiten, die bei einem häufigen Konsum gewalthaltiger Internetinhalte bestehen können: die Übernahme aggressiver medialer Skripts, die Herausbildung problematischer Wertebilder und ein enges Gewaltverständnis (d. h. Gewalt wird nur wahrgenommen, wenn sie in extremer Form auftritt).
Verletzende Worte und Bilder
Nicht jeder „Spaß“ ist gleich als Mobbing zu verstehen. Bei Cyber-Mobbing handelt es sich um teils anonyme Formen eines verletzenden Verhaltens, das online gegenüber anderen Nutzern wiederholt ausgeübt wird. Cyber-Mobbing kann nicht nur in schriftlicher Form erfolgen, auch mittels Fotos und Videos kann jemand erpresst, gehänselt, bloßgestellt oder sexuell belästigt werden. Dass Cyber-Mobbing in den letzten Jahren nicht an Relevanz verloren hat, zeigen auch die aktuellen Zahlen: Laut der JIM-Studie 2012 geben 23 Prozent der 12 – 19-Jährigen an, dass das Internet in der Peergroup dazu verwendet wurde, jemanden „fertig zu machen“.7 Die Befragung der Universitäten Münster und Hohenheim zu „Cybermobbing an Schulen“ ergab, dass die häufigsten Formen von Cybermobbing Beleidigungen, das Weiterleiten vertraulicher Informationen und das Verbreiten von Gerüchten seien.8 Die Motive, warum Jugendliche andere online mobben, sind vielfältig. Nicht selten sind Täter zugleich auch Opfer, z. B. wenn sie Beleidigungen als Herausforderung zu Beschimpfungsduellen betrachten und sich darauf einlassen.9 So zeigt auch die europaweite EU Kids Online-Studie, dass 58 Prozent der Jugendlichen, die online mobben, auch selbst schon Opfer waren. Insbesondere „sensation seeking“ (der Wunsch, Aufmerksamkeit zu erregen), aber auch psychische Belastungen wurden in dieser Studie als Hauptmotive für das Cyber-Mobbing ermittelt.10
In Bezug auf Cyber-Mobbing sind die emotionalen, psychischen und sozialen Folgen für Jugendliche unter Umständen gravierend. So kann es zur Verletzung des Selbstwertgefühls und zur sozialen Ausgrenzung durch andere kommen. Bei anhaltenden schweren Cyber-Mobbing-Attacken können Depressionen und Suizid des Opfers die Folge sein.11 Durch Cyber-Mobbing und Happy Slapping wird das soziale Klima unter den Jugendlichen möglicherweise negativ beeinflusst. So können dadurch soziale Hierarchien unter den Jugendlichen noch stärker betont und verfestigt werden. Auch eine negative Beeinträchtigung der Gemeinschaftsfähigkeit der Jugendlichen durch „aktive“ Gewalt via Internet oder Handy ist möglich. Durch Cyberthreats (Androhung von physischer Gewalt) und Happy Slapping kann schließlich auch eine Steigerung der Gewalt hervorgerufen werden. Abbildung 1 gibt einen Überblick über die negativen Wirkungspotenziale von Gewalt in und via Medien.
Wenn Frauen verdinglicht werden
Nicht das Zeigen sexueller Akte ist pornografisch, sondern die Verdinglichung einer Person. Nach Martha C. Nussbaum bedeutet Verdinglichung, eine Person zu instrumentalisieren, ihre Subjektivität zu leugnen, sie als austauschbar zu behandeln und ihre Grenzen nicht zu respektieren.12
Mit Pornografie im Internet konfrontiert zu werden, ist für Jugendliche keine Ausnahme mehr. Die leichte Zugänglichkeit zu Pornovideos in unermesslicher Zahl erhöht die Wahrscheinlichkeit eines gezielten Pornografiekonsums. Zudem ist die ungewollte Konfrontation mit unzulässiger „harter“ Pornografie (Gewaltpornografie, Sodomie, Selbstverstümmelungen etc.) bzw. mit „Ekelpornos“ – wie die Jugendlichen diese Art der Internetpornografie bezeichnen – heute nicht mehr auszuschließen. Für den Jugendmedienschutz und die Pädagogik stellt die Pornografieproblematik im Internet deshalb eine neue Herausforderung dar. Die Befunde der qualitativ angelegten Studie „Porno im Web 2.0“13 bestätigen, dass Jugendliche mit Internetpornografie ungewollt, aber auch gezielt, konfrontiert werden. Vor allem die Werbepraktiken der Pornoindustrie, die die Nutzer ungewollt auf Pornoseiten lenken, sind dafür verantwortlich, dass Kinder und Jugendliche unabsichtlich an sexuelle bzw. pornografische Inhalte geraten.
Sexuelle Inhalte werden geschlechtsspezifisch anders wahrgenommen und bewertet. Pornografie gilt für die Jungen als normal und steht im Mittelpunkt des Interesses, wenn es um sexualisierte Medieninhalte geht. Erotik ist für sie langweilig und uninteressant. Abstoßend und eklig finden sie extreme Varianten der Pornografie (mit Fäkalien, Sodomie, Selbstverstümmelung etc.). Die Grenze verläuft für sie also zwischen „normaler“ Pornografie und gesellschaftlich absolut nicht tolerierten Formen sexuellen Verhaltens.
Für die Mädchen liegt die Schwelle zur Pornografie viel niedriger.
Alles, was nicht als „ästhetisch-schön“, sondern als „nuttig“ gilt, wird bereits abgelehnt und mit Pornografie assoziiert. Schöne erotische Bilder bewerten sie hingegen positiv. Auf die Frage, warum die männlichen Jugendlichen Pornos konsumieren, nennen diese zwei Hauptmotive für die Nutzung: 1. Lernen/Wissensgewinn (vor allem über Sexualität und den weiblichen Körper allgemein, vereinzelt auch Lernen von sexuellen Praktiken zur Nachahmung) und 2. zur sexuellen Erregung/Masturbation. Darüber hinaus spielen soziale Motive eine Rolle: Kenntnisse über Pornos fungieren vor allem bei den jüngeren Jungen als symbolisches Kapital in der Peergroup (um anzugeben, cool zu wirken) und sind Voraussetzung, um mitreden zu können. (war mir fett geraten, deshalb Markierung links))
Verstärkter Leistungsdruck
Was die Wirkungen von Pornografie betrifft, wird im Gespräch über Pornografie bei den männlichen Jugendlichen ersichtlich, dass sie unter einem sexuellen Leistungsdruck stehen, der vermutlich auch durch die Rezeption von Pornos verstärkt wird. Durch den allgemeinen sexuellen Leistungsdruck, der auch in vielen Massenmedien vermittelt wird, meinen die Jugendlichen, sie müssten auch schon „beim ersten Mal“ über sexuelle Erfahrung verfügen, welche sie per definitionem noch gar nicht haben können. Sie hoffen, durch den Pornokonsum die fehlenden Erfahrungen ausgleichen zu können. Damit verstärken sie jedoch nur den Leistungsdruck, den das pornografische Skript ja ungefiltert reproduziert.
Ein zweiter Wirkungsaspekt betrifft das Transferrisiko des pornografischen Skripts auf das reale sexuelle Verhalten – sowohl das der Mädchen als auch das der Jungen. So wurde in der Befragung der Jugendlichen ersichtlich, dass es für sexuell wenig erfahrene Jugendliche schwer einschätzbar ist, ob pornografische Web-Inhalte realistisch oder unrealistisch sind. Sie nehmen an, zumindest ein Teil von ihnen zeige die Realität. Ältere und beziehungserfahrene Jugendliche halten die Darsteller und die Plots hingegen für wenig realistisch. Auch wenn davon auszugehen ist, dass die Jugendlichen auf der kognitiven Ebene durchaus zwischen „real life“ und Pornografie unterscheiden können, ist zu berücksichtigen, dass diese Fähigkeit je nach Alter und allgemeiner Medienkompetenz graduell unterschiedlich ausgeprägt ist. Ein weiterer Wirkungsaspekt betrifft die sexuelle Identitätsfindung: Durch eine häufige Rezeption von Pornos kann das Individuelle und Persönliche in der Sexualität und die Entwicklung eigener Fantasien auf der Strecke bleiben. Den Jugendlichen wird gegebenenfalls keine Zeit mehr gelassen, spielerisch und neugierig ihre eigene Herangehensweise an Sexualität und Partnerschaft zu entdecken, wenn sie bereits in einem sehr frühen Alter die Drehbücher und Modelle aus der Pornografie extensiv konsumieren.
Letztlich eine Wertefrage
Sowohl die Gewalt- als auch die Pornografieproblematik betreffen im Kern medienethische Fragen, v. a. welche Werte und Normen gelten sollen. Sich über Wertevorstellungen zu verständigen, ist ein erster Schritt; ein zweiter besteht darin, drei Kompetenzbereiche der Jugendlichen zu fördern: die Sensibilisierung für ungerechte Machtverhältnisse, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und zur Vereinbarung ethischer Regeln. Im Kontext von Cybermobbing sollten z.B. zentrale Werte wie Empathie und Respekttoleranz im Mittelpunkt ethischer Reflexion und Vereinbarung stehen, im Pornografiekontext insbesondere die Gleichheit der Geschlechter. Dieser Grundwert wird verletzt, wenn Frauen in medialen Darstellungen sexuell „verdinglicht“ werden. Die Philosophin Martha C. Nussbaum folgert daraus, dass wir „dem Vorherrschen dieser Art von Verdinglichung mit einer Kritik begegnen sollten, deren eindringlichste Form […] darin besteht, dass man jederzeit die eigene Menschlichkeit zur Geltung bringt.“14