Sex und Gewalt – am besten wäre es doch, die Jugend davon gänzlich fern zu halten, so die vorherrschende Meinung. Medien werden dabei als Quelle der Gefahr und als Kern des Problems gehandelt. Angesichts medialer Entwicklungen erweisen sich die Begründungen und Versuche Erwachsener, Heranwachsende vor sex- und gewalthaltigen Inhalten zu schützen, als zunehmend unwirksam, zum Teil kontraproduktiv und oft als geradezu hilflos und absurd. Daneben gab und gibt es jedoch immer auch differenziertere Sichtweisen und pädagogische Handlungsansätze.
Sex und Gewalt sind zunächst zwei völlig unterschiedliche Bereiche. Die diesbezüglichen Debatten um die Gefährdung der Jugend ähneln und überschneiden sich teilweise jedoch, ebenso die dabei zugrunde gelegten Wirkannahmen und (mehr oder weniger pädagogischen) Reaktionen und Umgangsweisen. Ein Blick auf die Entstehung und Entwicklung der Debatten lohnt sich, um ihre aktuellen Ausprägungen einordnen und kritisch hinterfragen zu können. So wird es möglich, pädagogische Herausforderungen auch vor dem Hintergrund bereits gemachter Erfahrungen mit verschiedenen Reaktionen zu beleuchten.
Blick zurück nach vorn
Die Forderung nach dem Schutz der Jugend vor vermeintlich gefährdenden medial vermittelten Inhalten ist so alt wie die Medien selbst. Anfänge finden sich bei Platon, der, um Kinder und Jugendliche zu schützen, dafür plädierte, dass entsprechende Märchen und Sagen ihrem Reifegrad entsprechen sollten, wohingegen Aristoteles im Widerspruch zu dieser Auffassung die Karthasisthese formulierte.
Historisch und kulturell betrachtet finden sich verschiedene Gründe dafür, dass Sex und Gewalt negativ besetzt sind, woraus abgeleitet wird, die unschuldige und reine Jugend sei davon fernzuhalten. Im Zentrum steht dann jedenfalls die Angst, dass Heranwachsende, die diesen negativen Einflüssen „schutzlos“ ausgeliefert sind, mediale „Vorbilder“ nachahmen und zu früh, in zu hohem Maße und auf unangemessene Weise sexuell aktiv bzw. gewalttätig werden, was als Verrohung oder Verwahrlosung1 bezeichnet wird.
Medien werden dabei stets in der Rolle des Mittlers gesehen, der den Zugang zu diesen vermeintlich gefährdenden Inhalten erst ermöglicht. Der Schuldige steht also fest, egal, ob es im 19. Jahrhundert um Schundliteratur, zu Beginn des 20. Jahrhunderts um „Schundfilme“ in den Kinos, um die 1969 drohende Porno-Flut aus Skandinavien, zum Ende des 20. Jahrhunderts um Gewalt- und Horrorvideos oder anschließend um gewalthaltige Computerspiele (v.a. Ego-Shooter) ging. Die Argumente kehren stets wieder und finden in der aktuellen Diskussion um die mit dem Web 2.0 und mobilen Endgeräten räumlich und zeitlich gegebene Allgegenwärtigkeit der vermuteten Gefahren ihren vorläufigen Höhepunkt. Jeweils neue Medien eröffnen neue und vor allem zusätzliche Zugangs- und Rezeptionsweisen, so dass mit ihrem jeweiligen Auftreten immer auch vor einer Zunahme der Gefährdung gewarnt wurde. Doch wie ist die verbreitete Annahme der Gefährdung der Jugend durch sex- oder gewalthaltige mediale Inhalte rückblickend und angesichts neuester Entwicklungen einzuschätzen?
Sieht man hinter die Kulissen dieser Auflistung von „Höhepunkten“, welche immer auch publikums- und werbewirksam medial befeuert wurden, tut sich ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Entwicklungen auf. Die Grenzen des Akzeptablen bzw. Gefährdenden haben sich mit der Zeit durchaus verschoben. Hier besteht auch ein wesentlicher Unterschied der Debatten hinsichtlich Sex und Gewalt. Mit der „sexuellen Befreiung“ gingen deutliche Grenzverschiebungen einher, die zu einer breiteren Akzeptanz führten, was die Vielfalt von sexuellen Begehrensweisen und -formen betrifft und entsprechend auch deren Darstellungen und medialen Inszenierungen. Hingegen hat die Akzeptanz von Gewalt in der historischen Entwicklung bis heute stets abgenommen.2 Neben dieser tatsächlichen Veränderung des gesellschaftlich „Normalen“ ist also zusätzlich von einer (durch Medien unterstützten) stärkeren Sichtbarmachung und Wahrnehmung auszugehen. Die zunehmende mediale Präsenz ist so zugleich Ausdruck und Motor gesellschaftlicher Veränderungen3, welche rückblickend als durchaus fortschrittlich beurteilt werden. Hinzu kommt, dass diese Veränderungen im Ursprung maßgeblich von der Jugend ausgehen, die sich gegen die älteren Generationen stets abzusetzen versucht und entsprechende Verwunderung, Unsicherheit und Ablehnung hervorruft.
Verrohung vs. Veralltäglichung
Medienpädagogisch bedeutsam ist ein weiterer Aspekt: Die Gefährdungsdebatte weist eine gewisse Kontinuität nicht nur hinsichtlich der vorgebrachten Argumente, sondern auch hinsichtlich der Problematik derselben auf. Zum einen finden sich verkürzte Annahmen zur Medienwirkung, die eine Übernahme gehörter/gesehener/gelesener Inhalte in das eigene Verhaltensrepertoire unterstellen. Hier fehlt es an der notwendigen und lerntheoretisch gesicherten Unterscheidung zwischen dem Erlernen von Skripts (Handlungsabläufen) und deren Ausführung. Die Annahme des Verfalls der jungen Generationen aufgrund von Nachahmungen gilt jedoch auch aufgrund von regelmäßig bestätigten Fakten als wiederlegt: Entgegen verbreiteter Warnungen steigt z.B. das Alter bei ersten sexuellen Kontakten leicht an und Teenager-Schwangerschaften und Gewalthandlungen unter Jugendlichen nehmen ab.
Entgegen der einseitigen Wirkannahmen nehmen subjektorientierte Ansätze individuelle Bedürfnislagen und spezifische Aneignungspraktiken in den Blick. Im Vordergrund steht dann nicht die Frage, welche Gefährdungen es möglicherweise gibt, sondern woher bei Heranwachsenden die Faszination für Inhalte rührt, die von Erwachsenen − zumindest für den Konsum durch Kinder und Jugendliche − abgelehnt werden und in welcher Weise Jugendliche sich diese medialen Angebote aneignen und mit ihnen umgehen. Entscheidend sind also nicht nur die medialen Inhalte, sondern vor allem der Umgang mit ihnen. Durchaus vielseitige Studienergebnisse deuten auf ein komplexes Zusammenspiel diverser Komponenten hin. Zentral ist, dass Heranwachsende mit zunehmendem Alter sehr wohl bewusst zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Insofern bieten mediale Inhalte nicht nur Vorschläge (Handlungsskripts), sondern dienen umgekehrt gerade auch als Folie der individuellen und auch kommunikativen Aushandlung und Ablehnung.
Die Sexualisierung in den Medien kann zudem zu einer „Veralltäglichung“4 führen, womit im Gegensatz zu einer Verrohung oder Abstumpfung ein zunehmend gelassener Umgang mit einschlägigen Inhalten gemeint ist. Das Interesse von Jugendlichen am Thema Sexualität rührt aus altersbedingten Entwicklungsaufgaben und ist insofern naheliegend. Entsprechende mediale Angebote dienen dann vor allem der Selbstaufklärung (sowohl individuell als auch im Rahmen von Peer-Groups, die diesbezüglich die wichtigste Informationsquelle darstellen5) sowie schlicht der Entdeckung, Erprobung und Befriedigung eigenen Lustempfindens, wogegen nicht ernsthaft etwas einzuwenden ist. Wie auch Sex wird Gewalt in den Medien von Heranwachsenden oft mit Freunden konsumiert, wobei eine Mischung aus dem Reiz des Verbotenen (und der damit verbundenen Abgrenzung von Erwachsenen) und des Inhalts selbst zum Tragen kommt. Gewalthaltige Inhalte erfüllen außerdem die Funktion Kultivierung und Kanalisierung von Emotionen.6
Gefährdete Jugend vs. gefährliche Erwachsene
Ebenso wie in den Wirkannahmen findet sich eine gewisse Kontinuität auch bei den entsprechenden pädagogischen Reaktionen. Immer wieder wird mit Verboten und gesetzlichen Zugangsregulierungen versucht, die „Flutwellen“7 der Gefahr zurückzudrängen. Und immer sind diese Versuche an ihre Grenzen gestoßen oder haben sogar gegenteilige Wirkungen entfaltet, etwa wenn Indizierungslisten bei einschlägig Interessierten zur Werbung für den „richtig geilen Scheiß“ werden oder die öffentlich ausgetragene Aufregung um die Seite www.youporn.com zu deren Bekanntheit auch unter Jugendlichen beiträgt.
Im Vergleich zu früheren weisen aktuelle Phänomene einige Unterschiede auf, die die entsprechenden Gefährdungsdebatten weiter nähren. Frühere Verbote liefen häufig ins Leere, weil sie, wenn auch mit einigem Aufwand und damit verbundenem Ehrgeiz, umgangen werden konnten.
In Zeiten des Web 2.0 greifen Verbote erst recht nicht, da am Alter anknüpfende Zugangskontrollen nicht ernsthaft umsetzbar sind.
Selbst zensierte Inhalte lassen sich, einmal veröffentlicht, in anderer Quelle immer wieder finden. Ehe das letzte Verbots- oder Strafverfahren Erfolg hat, sind die betreffenden Inhalte längst durch einen anderen (oder anderes heißenden) Anbieter wieder veröffentlicht worden. Heute gilt einmal mehr: Wer sucht, der findet. Scheitert der kontrollorientierte Jugendmedienschutz also letztendlich an den medialen Entwicklungen? Immerhin könnte dieser Umstand vielleicht endlich den Blick seiner Anhänger für geeignetere, pädagogisch fundierte Ansätze öffnen.
Schützen vs. stärken
Dem klassischen (reglementierenden) Jugendmedienschutz sollte in der Folge eher eine ergänzende Funktion beigemessen werden. Verbreitet wird Jugendschutz in der Praxis heute als Prävention verstanden, diese Entwicklung kann jedoch nicht als abgeschlossen bezeichnet werden. Und Jugendschutz sollte noch stärker differenzieren: Um unfreiwilligen Kontakt zu bestimmten Inhalten zu vermeiden, können beispielsweise zeitliche Einschränkungen bei eher nach dem „Push-Prinzip“ genutzten Angeboten (wie dem Fernsehen) zweckmäßig sein, während für eher dem „Pull-Prinzip“ folgende Medien (welche aktiv nachgefragt werden müssen), solche Einschränkungen kaum zweckdienlich sind, sondern eher Schwierigkeiten mit sich bringen. So entsteht z.B. das Problem, dass indizierte bzw. auf höhere Altersgruppen beschränkte Angebote selbst dann nicht in pädagogischen Kontexten thematisiert werden können, wenn sie von Jugendlichen bereits genutzt werden. Dadurch entfällt dann jede Möglichkeit der pädagogischen Auseinandersetzung. Nicht zuletzt widersprechen derartige Verbote auch dem Grundgedanken der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung, die in gewissem Maße auch Kindern und erst recht Jugendlichen zugestanden werden muss.8
Statt als ungeeignet erachtete Angebote dem Zugriff durch Kinder und Jugendliche entziehen zu wollen, wäre in medienorientierter Hinsicht umgekehrt die Schaffung geeigneter Angebote angemessen. Zum Thema Sexualität ist das wohl naheliegend und einige etablierte Angebote9 existieren ja auch. Für den Bereich Gewalt erscheint dieser Gedanke zunächst paradox10, ist jedoch auf den zweiten Blick und mit Verweis auf oben erwähnte Motive für den Konsum gewalthaltiger Inhalte sowie die Bedeutung für die Anschlusskommunikation weniger abwegig und wäre weiter zu verfolgen. Letztlich sind jedoch nicht medien- sondern subjektzentrierte und damit pädagogische Antworten auf bestehende Problemlagen gefragt.
Mehr Pädagogik
Jugendmedienschutz sollte heute also einmal mehr im präventiven Sinne verstanden und verfolgt werden. Angemessener ist es aus unserer Sicht jedoch, in pädagogischen Kontexten vom Begriff Jugendschutz (und damit seinem bewahrpädagogischen Touch) abzusehen und stattdessen eher von einer Unterstützung und Stärkung der Jugend zu sprechen. Diese Wendung birgt die Chance, die Debatte tatsächlich pädagogisch (statt juristisch oder populärwissenschaftlich) zu erden und die Entwicklung von Medienkompetenz als pädagogische Herausforderung ernst zu nehmen. Für die Bereiche der Sexualität und Gewalt ist dabei ein enges Zusammenspiel mit Zielen, die über medienpädagogische Ansätze hinausgehen, erforderlich.
Mögen die medialen Herausforderungen aus Sicht verunsicherter Erwachsener auch neu erscheinen – die pädagogischen Herausforderungen und Antworten sind es nicht. Entscheidend ist die Stärkung von Kindern und Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, ihrer Selbst- und Sozialverantwortung. Mehr Gelassenheit auch aufseiten der Erwachsenen und die Schaffung eines offenen Gesprächsklimas mit ehrlicher Gesprächsbereitschaft sind unbedingte Voraussetzungen.11 Auch wenn diese Forderungen alles andere als neu sind, darf man angesichts aktueller und aktualisierter Entwicklungen der Diskussionen nicht müde werden, sie zu betonen. Nicht zuletzt wäre es notwendig, statt mit allgemein gültigen Wirkvermutungen über Medien die junge Generation insgesamt als potentielle Medienopfer zu stilisieren, die Wirkungsforschung auf den zahlenmäßig kleinen Anteil an der jugendlichen Generation zu konzentrieren, der diesbezüglich ein tatsächlich problematisches Verhalten zeigt, und z.B. Gewaltkarrieren einschließlich der Rolle der Medien einmal theoretisch und empirisch zu untersuchen.