Die YouTube-Stars machen’s ihnen vor: Videoproduktion ist wieder schwer in Mode gekommen bei Kinder und Jugendlichen. Für gute Produkte braucht es allerdings viel Know-how, das Pädagoginnen und Pädagogen häufig fehlt, die die Gunst der Stunde für die Jugendvideo-Produktionen in Jugendzentrum oder Schule nutzen wollen. − Doch nur Mut, mit den hier vorgestellten einfach umsetzbaren Bausteinen für die Videopraxis lernen junge Leute die verschiedenen Elemente des Films kennen. Die Spiele und Aktionendienen ihnen wie auch ihren Pädagogen als erster Einstieg in die vielseitige Welt medienpädagogischer Filmprojekte.
Film- und Videoproduktionen sind für Kinder und Jugendliche nach wie vor attraktiv. Heute sind es jedoch nicht mehr Kino oder Fernsehen, die sie begeistern, sondern deren neue Konterparts im Internet. Video- und Social-Media-Plattformen sind die angesagten Medien der Stunde. Hierzu zählen sowohl bezahlpflichtige Video-on-Demand-Produkte (z.B. Netflix, Amazon Prime), als auch Internetseiten, für die der User oder die Userin gleichzeitig Videoproduzenten werden kann und die Möglichkeit hat, sich selber als FilmemacherIn zu verwirklichen. YouTube – gleichzeitig Internetseite und Konzept – ist aktuell zweifelsohne das einflussreichste Medium auf diesem Gebiet. Egal ob BibisBeautyPalace, Julien Bam, LeFloid oder Unge – YouTuber sind mit ihren Kanälen die großen Influencer der jungen Generation. Sie präsentieren sich cool, greifbar, individuell und sprechen ungezwungen über die Themen, die ihr Publikum wirklich interessieren. Egal welche Position Pädagogen zu YouTube & Co nun im Einzelnen einnehmen mögen, am Ende des Tages ist jedoch festzuhalten, dass Kinder und Jugendliche in den letzten Jahren ein stetig wachsendes Interesse für Film- und Videoproduktionen entwickelt haben. Nicht selten hört man in Gesprächen den Wunsch, „selber Videos zu drehen“.
Einfach anfangen
Von einem medienpädagogischen Standpunkt aus betrachtet stellt diese allgemeine Begeisterung eine exzellente Grundlage für eine Vielzahl von spannenden Filmprojekten mit motivierten Kindern und Jugendlichen dar. Das gemeinsame Konzipieren, Drehen und Realisieren von Videos wirkt teamfördernd, bietet den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die große Chance, sich kreativ zu verwirklichen. Obendrein kann die Filmproduktion – beispielsweise beim Erstellen von Tutorial-Videos – eine effektive Methode sein, gemeinsam Inhalte zu erarbeiten und zu erlernen.
Viele Pädagogen sehen sich jedoch mit dem Problem konfrontiert, dass sie selber nur geringe oder gar keine Vorkenntnisse in der Videoproduktionen mitbringen. Schon das Drehen von kleinen Filmen fordert erfordert vielfältige Fähigkeiten, die sich im Laufe der Zeit entwickeln müssen. So bedarf es zum Beispiel grundlegender Kenntnisse über Kamera-, Ton- und Schnittequipment; ein gutes Zeitmanagement sowie ein Gefühl für Dramaturgie sind ebenfalls wichtig, um in kurzer Zeit ein unterhaltsames Video zu produzieren. Alle diese Faktoren können für Pädagogen schnell abschreckend wirken und sie davon abhalten, erste kleine Videoprojekte mit ihren Gruppen zu verwirklichen. Doch gerade diese ersten kleinen Projekte sind es, bei denen sich die filmemacherischen Fähigkeiten erst entwickeln können.
Um diese Angst zu nehmen, möchten wir Ihnen im Folgenden drei kleine Anregungen an die Hand geben, mit deren Hilfe Sie erste medienpädagogische Projekte mit Jugendgruppen umsetzen können. Ziel ist es hierbei, mit möglichst geringem Aufwand kleine, aber spannende Projekte und Spiele umzusetzen, die den Kindern Spaß machen und Ihnen als Pädagoge einen ersten Einstieg in die vielseitige Welt medienpädagogischer Filmprojekte zu ermöglichen.
EINHEIT: DAS FREEZE-SPIEL
Schauspielübung
Das erste Projekt/Spiel ist besonders für Anfänger geeignet. Es bedarf keinerlei Technik oder Vorkenntnisse. Das Freeze-Spiel kommt ursprünglich aus der Theaterpädagogik und ist hier eine von vielen Improvisationsübungen. Für medienpädagogische Videoprojekte kann Freeze besonders gut als Auflockerungsspiel zu Beginn eingesetzt werden, um Kinder ans Schauspielern heranzuführen und sich als Gruppe aufeinander einzuspielen. Wichtig ist anzumerken, dass es hier kein festes „Ziel“ gibt. Intention des Spieles ist es, Improvisationen freien Lauf zu lassen, zu experimentieren und am Schauspielern Spaß zu entwickeln. Obgleich nicht wirklich notwendig, kann man das Freeze-Spiel natürlich auf einer Kamera aufnehmen, um es sich in der Gruppe später nochmal gemeinsam anzuschauen.
Benötigte Materialien
- Gegebenenfalls Kamera oder Handykamera zum Aufnehmen
Durchführung
Im Zimmer (oder im Freien) wird ein Spielraum „abgesteckt“. Zwei Spieler (Spieler A und Spieler B) stehen im Spielraum, während der Rest der Gruppe vor dem Spielraum zuschaut. Nun wird von Spieler A eine Szene/ein Szenario oder einen Dialog improvisiert. Dies kann generell alles sein, was ihm in den Sinn kommt.
Beispiele hierfür könnten sein: „Ok, also gehen wir den Plan nochmal durch … Nicht, dass der Banküberfall schon wieder misslingt“, „Hey Papa, kannst du mir Taschengeld vorstrecken? Ich möchte mir eine Zeitmaschine kaufen“ oder „Super gemacht! Jetzt sinkt das Schiff! Ganz toll!“.
Generell gilt aber, dass jede Idee, egal wie verrückt (die Erfahrung zeigt: je verrückter die Idee, desto besser die Szene), willkommen ist. Die Aufgabe von Spieler B ist es nun, auf die Idee von Spieler A einzugehen und mitzuspielen. Er muss in eine Rolle schlüpfen, die zu dem gegebenen Impuls passt und zusammen mit Spieler A die Szene so weiterentwickeln. Dabei kann jede Art von Requisit oder Ort pantomimisch im Spielraum erfunden werden. Die Szene wird so lange weitergespielt, bis einer der Zuschauer in die Hände klatscht und „FREEZE!“ ruft. In diesem Moment „frieren“ Spieler A und Spieler B im Spiel ein und der Zuschauer tauscht nun den Platz mit Spieler B. (dies ist besonders witzig, wenn sich Spieler B gerade in einer ungewöhnlichen Position befindet, z.B. knieend, im Sprung, in der Nase poppelnd, etc.)
Vom neuen Spieler B geht nun die nächste Improvisation aus, die inhaltlich vollkommen anders sein kann. Jetzt muss Spieler A auf die Idee von Spieler B eingehen und zusammen mit ihm die neue Szene weiterspielen. Beim nächsten „FREEZE!“ aus dem Publikum wird er ausgetauscht und so geht es der Reihe nach abwechselnd weiter. Dies läuft so lange, bis der Spielleiter das Ende des Spieles ausruft. („Letzte Szene!“)
Tipps & Tricks
- Die beiden wichtigsten geistigen Einstellungen, die man als Spieler in einer Improvisation haben sollte sind: „Ja, denn …“ oder „Ja, aber …“. Das Ziel ist es, jeden Improvisationsvorschlag eines anderen Spielers zu akzeptieren, aufzunehmen und kreativ weiterzuentwickeln. Negative Impulse oder Ablehnung hingegen sind für Improvisationen meistens nicht förderlich.
- Besonders bei Jugendlichen, die vorher noch nie gespielt haben, empfiehlt es sich, wenn die erste Improvisation von einem oder mehreren der Pädagogen ausgeht, sofern diese vorhanden sind. Dadurch kommt das Spiel schneller ins Laufen und hilft „Startschwierigkeiten“ zu vermeiden
- In einer Spielvariante kann ein Spielleiter bestimmt werden, von dem das „Freeze“-Signal ausgeht und der bestimmt, welcher Zuschauer nun den jeweiligen Spieler ablösen wird.
EINHEIT: ACTION!
Produktion auf Anschluss und Filmschnittübung
Die wichtigste technische Fähigkeit, die Sie für medienpädagogische Projekte erlernen müssen, besteht darin, die Wirkung der Montage zu verstehen und natürlich auch den Umgang mit einem gängigen Schnittprogramm, denn Filme entstehen im Schnitt. Das nachfolgende medienpädagogische Spiel soll ihnen und ihrer Gruppe eine Möglichkeit geben, erste Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln. Ziel ist es, eine kurze Sequenz zu konzipieren, Sie in verschiedene Einstellungen aufzuteilen und dann auf Anschluss zu drehen.
Benötigte Materialien
- Kamera oder Handy (wenn der Film nur „auf Anschluss“ gedreht und nicht geschnitten werden soll, müssen Sie darauf achten, dass die Kamera mehrere Dateien hintereinander ohne Anklicken abspielen kann.)
- Schnittprogramm (Wir empfehlen das Programm Shortcut, das unter www.shortcut.org kostenlos heruntergeladen und dessen Benutzung leicht durch YouTube-Tutorials erlernt werden kann)
- Musik (Wir empfehlen hierzu die Verwendung von incompetech.com oder der Audio Library von YouTube. Beide Optionen bieten kostenlose Musik und Soundeffekte für Videoprojekte an, die genutzt werden können.)
Durchführung
Überlegen Sie sich mit Ihrer Gruppe eine kurze Sequenz. Am besten eignen sich kleine, actiongeladene Szenen, die viele Möglichkeiten für schnelle Schnitte und radikale Einstellungsänderungen bieten wie z.B. eine Verfolgungsjagd. Unterteilen Sie die Szene nun in viele kleine Einstellungen und verschiedene Kameraperspektiven.
Beispiel: Ein Protagonist rennt aus der Zimmertür heraus ins Freie. Dies könnte man mit folgenden Einstellungen erzählen: „Eine Halbnahe, in der der Protagonist im Raum zur Tür läuft“, „Eine Naheinstellung, wie der Protagonist die Türklinke herunterdrückt“ und „Eine Totale von außen, in der der Protagonist aus dem Haus läuft“
Schreiben Sie alle Einstellungen und Kameraperspektiven in der richtigen Reihenfolge auf, die Ihnen einfallen und die Sie für die Sequenz passend finden. Nun können Sie mit der Gruppe die Sequenz der Reihe nach verfilmen. Probieren Sie, jeweils nur einen Take pro Einstellung zu drehen und dann direkt zur nächsten überzugehen. Diese Technik nennt sich „Auf Anschluss drehen“. Am Ende sollten Sie eine Reihe von Clips erhalten, die –nacheinander abgespielt – bereits eine vollständige Sequenz darstellen und die Wirkung von (hier nicht perfekten Kamera-)Schnitten verdeutlichen.
In einem gängigen Schnittprogramm können Sie nun Ihr gedrehtes Material in der richtigen Reihenfolge auf die Timeline ziehen und als Sequenz ausspielen. Um die Übergänge flüssiger zu bekommen, können Sie die einzelnen Clips auch etwas abkürzen. Wenn Sie die Sequenz mit actiongeladener Musik (zu finden auf Incompetech.com) und Soundeffekten (zu finden in der YouTube-Sound Library) unterlegen, wirkt sie noch stärker.
Tipps & Tricks
- Planen Sie eine einfache, keinesfalls inhaltlich aufwendige Sequenz und vermeiden Sie Dialog.
- Gerne können Sie mit Ihrer Gruppe Witze oder visuelle Gags einbauen, die die Szene auflockern.
- Vermeiden Sie „Achsensprünge“; d.h. beachten Sie bei der Auflösung einer Szene die Handlungsachse, die zur Vermeidung der Desorientierung der Zuschauers nicht überschritten werden sollte.
EINHEIT: DER ONE-SHOT
Kurzfilmübung
„One-Shot“ ist ein spannendes Filmprojekt für Anfänger, das sowohl mit kleinen oder großen Gruppen realisiert werden kann. Es ist im höchsten Maße teamfördernd, macht Spaß und kann obendrein dazu verwendet werden, um den dramaturgischen Aufbau von Geschichten und Filmen besser zu verstehen. Auch Freunde von kreativ gestalteten Hintergründen oder selbst gebastelten Requisiten kommen hier auf ihre Kosten. Ziel ist es, einen bekannten Film auf seine wichtigsten Handlungsmomente runterzubrechen, innerhalb eines einzigen Takes nachzuspielen und somit einen „Film im Schnelldurchlauf“ (1-2 Minuten Laufzeit) zu kreieren. Erste Erfahrungen mit Kamera und Schnittprogramm sollten beim Pädagogen vorhanden sein, um eine Szene aufzunehmen und sie später im Schnittprogramm mit Musik oder Audioaufnahmen unterlegen zu können.
Benötigte Materialien
- Kamera oder Handy
- Diverse Zeichen- oder Bastelutensilien
- Schnittprogramm
- Musik
Durchführung
Filmanalyse
Die Gruppe einigt sich auf einen Film, den sie nachspielen will. Dann werden die wichtigen Szenen (sowie die Reihenfolge, in der Sie stattfinden müssen) und Charaktere gesammelt. Schreiben Sie auf jeweils einem Zettel auf, welche „Szenen“, welche „Charaktere“ und welche „Requisiten“ gebraucht werden.
Drehvorbereitungen
Verteilen Sie die Rollen unter der Gruppe. Wer spielt in welcher Szene welche Rolle? Vergessen Sie nicht, dass es sich um einen Film im Schnelldurchlauf handelt. Dialoge sind nebensächlich, ebenso wie realistische Kostüme. Wichtig ist lediglich, dass die Kernmomente jeder Szene klar werden. Lassen Sie der Fantasie Ihrer Gruppe freien Lauf. Es gibt nicht genug männliche Schauspieler? Lassen Sie die Mädchen den Helden spielen. Sie haben kein Festessen, zu dem der Held seine Freundin einladen sollte? Lassen Sie das Paar ein paar Bananen essen. Vor allem bei den Requisiten kann, darf und sollte man kreativ werden. Ein Papierschiffchen mit der großen Aufschrift „Titanic“ kann so zum Beispiel durchaus ausreichen, um die Titanic im Film darzustellen.
Wichtiger ist, dass alle Szenen in der richtigen Reihenfolge und ohne Schnitt vor der Kamera gespielt werden. Dies bedarf einiger Übungsdurchgänge, die gleichzeitig viel Spaß machen und von Ihrer Gruppe Teamwork abverlangt. Vergessen Sie nicht den Auf- und Abbau von Requisiten, die in der jeweiligen Szene gebraucht werden.
Dreharbeiten
Suchen Sie sich einen Raum und eine Kameraeinstellung aus, in der Sie Ihre Schnelldurchlauffassung des Filmes gut verwirklichen können. Stellen Sie alle Requisiten an den Orten bereit, wo sie später gebraucht werden. Sprechen Sie sich in der Gruppe ab, wann wer von wo ins Bild kommt. Wenn alle auf der Anfangsposition sind, kann die Kamera angeschaltet werden! Nun wird der „One-Shot“ gedreht. Lassen Sie sich nicht davon entmutigen, wenn es bei den ersten zwei oder drei Versuchen noch nicht richtig funktioniert. Erfahrungsgemäß braucht es ein paar Anläufe, bis ein gelungener Take im Kasten ist. Halten Sie die Motivation Ihrer Gruppe hoch, indem sie fleißig Fortschritte und gute Leistung loben. Auch gelegentlich verteilte Süßigkeiten können Wunder bewirken.
Schnitt
Nehmen Sie das gedrehte Material und schneiden Sie es im Computer. Diesen Schritt des Projekts machen Sie am besten alleine oder maximal mit zwei Jugendlichen. Laden Sie das geschnittene Material in das Schnittprogramm und schneiden Sie zunächst jedes überflüssige Material am Ende und Anfang weg, so dass nur noch der „One-Shot“ zu sehen ist.
Entfernen Sie die Tonspur des Videos (oder schalten Sie sie stumm). Nun beschleunigen Sie das Video, sodass es etwa 1-2 Minuten lang ist. Wenn Sie z.B. ein Video von 4 Minuten Länge gedreht haben, müssen Sie die Geschwindigkeit verdoppeln, so dass etwa 2 Minuten herauskommen. Dadurch erhält Ihr „One-Shot“ eine humoristische Note und hält die Spannung.
Suchen Sie jetzt im Internet nach frei verfügbarer, passender Musik für das Video. Diese finden Sie auf Seiten wie incompetech.com oder der YouTube-Sound Library. Wenn Sie ein passendes Stück gefunden haben, legen Sie es unter den Film. Schneiden sie überflüssige Längen weg oder faden Sie diese aus. Nun können Sie das fertige Video ausspielen und in der Gruppe zeigen.
Mit verbesserten Schnittkenntnissen können Sie in späteren Projekten immer mehr Ebenen wie animierte Titel, Off-Erzähler oder sogar Effekte einbauen und so Ihre „One-Shot“-Filme immer weiter verbessern.
Tipps & Tricks
- Um es der Gruppe einfacher zu machen, die Handlung des Filmes in die wichtigsten Momente zu unterteilen, bietet es sich an, die Vorlagen im Vorfeld mit der Gruppe gemeinsam anzuschauen.
- Für „One-Shot“ eignen sich besonders Filme mit klassischer, dramaturgischer Struktur. Traditionelle Animationsfilme von Disney und Pixar bieten sich hier besonders an. Doch auch klassische Hollywoodfilme wie z.B. Titanic, Star Wars oder Herr der Ringe sind eine gute Grundlage.
- Vermeiden Sie es unbedingt, reine Komödien für das Projekt zu verwenden. Durch den Schnelldurchlauf der Handlung entsteht ein humoristischer Effekt, der den besonderen Charme des Kurzfilms ausmachen wird. Dieser wird jedoch schwächer, je komödiantischer die filmische Vorlage ist.