Geschlechterrollen sind heute im Wandel, gerade in unserer multikulturellen Medienwelt. Als Spiegel und Probebühne für unsere Träume und Ideen sozialisieren Medien nicht nur, sondern entfalten auch eine emanzipatorische Kraft. So verkünden umstrittene Formate wie Castingshows und Lifestyle-Doku-Soaps Doppelbotschaften im Hinblick auf die Geschlechterinszenierung. Ausgehend von der Debatte um die Definition von Geschlecht u.a. auf dem Hintergrund der Gender Studies zeigt der Beitrag auf, wie beim „Doing Gender“ heute mediales und nicht mediales Handeln miteinander verwoben sind. Dieser Prozess macht eine Medienarbeit erforderlich, die junge Leute dabei unterstützt, Lebensmöglichkeiten ohne Einschränkung auf Geschlechterklischees zu gestalten.
„Kill your gender“, lautet der Appell eines Street-Art Graffitis in Berlin. Dieser Appell möchte wohl weniger zur sexuellen Enthaltsamkeit aufrufen als dazu, Geschlechterrollen zu eliminieren. Der angelsächsische Ausdruck „Gender“ meint das soziale Geschlecht, im Gegensatz zu Sex, dem biologischen Geschlecht. Diese feine Unterscheidung, für die im Deutschen das passende Wort fehlt, verweist auf die Tatsache, dass nicht nur die Chromosomen definieren, was männlich und weiblich ist, sondern wir individuell und lebenslang Geschlechterrollen zugewiesen bekommen, sie immer wieder neu füllen und vielleicht auch neu erfinden. Geschlecht, diese in der Alltagswahrnehmung so selbstverständliche, an biologischen Merkmalen festgemachte Eigenschaft, ist als soziale Konstruktion schwer beobachtbar.
An drei „Knackpunkten“ lässt sich diese Selbstverständlichkeit hinterfragen:
- die Tatsache, dass die Lebenssituation der Geschlechter nicht gleich, sondern von Machtverhältnissen geprägt ist. Diese Erkenntnis entwickelte sich mit der Frauenbewegung. Frauen stellten die diskriminierenden Zuschreibungen an das biologische „Frau sein“ in Frage und kämpften für gleiche Rechte und Handlungsmöglichkeiten.
- Personen, die die ihnen zugeschriebene und biologisch begründete Geschlechtszugehörigkeit nicht akzeptieren. So stützt sich die Erforschung des ‚Doing Gender‘1 wesentlich auf Studien über Transsexuelle beziehungsweise Transgender, also Personen, die im Laufe ihres Lebens das Geschlecht wechseln und in diesem Wandel lernen, wie Gender in Interaktionen hergestellt und wahrgenommen wird.
- Studien, die die soziale Ausformung von Geschlecht in unterschiedlichen Kulturen vergleichen und so die historischen und/oder kulturellen Formen von Geschlechterrollen beschreiben können.
Männliche und weibliche Rollenmuster, Verhaltens-, Sprech- und Denkformen als kulturell und historisch geprägt und damit als wandelbar zu sehen, ist noch nicht lange selbstverständlich. In den 1930er Jahren hat die Ethnologin Margret Mead kinderpflegende Männer und kriegerische Frauen in Gesellschaften auf Neuguinea beobachtet und damit Verhaltensalternativen (zum Glück bei weit entfernten Kulturen…) zum westlichen Rollenverständnis beschrieben: Die These von der kulturellen Verfasstheit der Geschlechterrollen ist von ihr so erstmals empirisch belegt worden.
„Gender Studies“, heute ein wichtiger Forschungszweig der Soziologie v. a. im angelsächsischen Raum, und „Kulturvergleichende Studien“ haben auch heute eine große Nähe zueinander. Doch zeigt sich, dass jenseits folkloristischer Unterschiede Rollenmuster, Normen und Verhaltenserwartungen in allen Kulturen auch den Zugang zu Macht und Partizipationschancen von Männern und Frauen regeln.
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“2, so brachte Simone de Beauvoir diesen Zusammenhang auf den Punkt. Sie blieb dabei nicht bei der Beschreibung, sondern formulierte Kritik an der sozialen Unterdrückung der Frauen, ihren Ausschluss von gesellschaftlichen Möglichkeiten durch offene und subtile Prozesse weiblicher Sozialisation.
„Als Gott den Mann schuf übte sie nur“
Das Gleichheitspostulat demokratischer Gesellschaften half, Lebenschancen von Männern und Frauen auf Zugänglichkeit und Ausschlüsse hin zu überprüfen und Begründungsmuster für die Ausformung von Geschlechterrollen mit „gottgegebenen“ Unterschieden in Frage zu stellen. Dies tat z.B. die neue Frauenbewegung seit Anfang der 1970er Jahre zunächst in aller Deutlichkeit, verlor aber an Stringenz als einige Feministinnen begannen, Weiblichkeit als ein inneres Desiderat mit einem besonderen Zugang zur Welt, zu Emotionen, Wissenschaft und Spiritualität zu definieren. Weiblichkeit wurde — ähnlich wie es auch mit der Zugehörigkeit zu einer diskriminierten ‚race’ in antirassistischen Bewegungen geschah — als positives Merkmal der Unterscheidung betont und bewusst inszeniert. In dieser Phase wurde Weiblichkeit erstmals von der Seite der Stärken und nicht der Defizite her untersucht und ausgeformt. Das Problem dabei: Weiblichkeit blieb ein an biologische Unterschiede gebundenes, scheinbar natürliches Merkmal, wenn auch diesmal als Gegenstand einer positiven (Selbst–)Diskriminierung. Dieser Gedanke spielte auch in den damals entstehenden Ansätzen der Mädchenarbeit eine Rolle und wird heute im Bereich der Jungenarbeit teilweise nachgeholt.
Geschlechtsspezifische Denkansätze und pädagogische Methoden, auch wenn sie „Stärken stärken“ wollen, können eine Nähe zu Argumentationsmustern haben, die Geschlechterrollen mit „Natürlichkeit“ begründen und bestimmte Eigenschaften für die jeweils männliche oder weibliche Rollenpalette in Anspruch. Oft ungewollt werden diese Ansätze durch die Ergebnisse der Neurobiologie und –psychologie sowie der Genetik unterstützt. Es vergeht kaum eine Woche, in der Forschende nicht behaupten, endlich biologisch nachweisen zu können, „warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“.3 Die Schwierigkeit, Ergebnis und Ursache von Sozialisation zu trennen, bleibt eine Herausforderung und eine Quelle für unreflektierte Zuschreibungen und dürftig modernisierte Klischees.
Geschlechterrollen sind im Wandel. Mode und Lebensstile zeigen heute zugleich neben extremer Polarisierung von Männer- und Frauenbildern „Unisex“- Modelle. Erweitert werden Rollenmodelle auch durch das wachsende Interesse an homosexuellen Beziehungen, wie sie beispielsweise in vielen TV-Serien inszeniert werden. Hier öffnen sich — trotz vielfach voyeuristischer Perspektive — weitere Differenzierungen und Verhaltensalternativen.
Die zunehmende kulturelle Durchmischung der Gesellschaften dynamisiert diesen Prozess zusätzlich: Kulturelle Vielfalt bedeutet eben auch eine größere Varianz der Interpretation und Praxis von Männer- und Frauenrollen. Eine Varianz, zu der es auch gilt Stellung zu beziehen und die Freiheit der Person gegen Rollenzuschreibungen zu verteidigen.
„Ich bin schwanger und ich bin ein Mann“
Eine weitere Grenze, die immer häufiger überschritten wird, ist der Körper selbst: „Ich bin schwanger und ich bin ein Mann“, titelte die BILDzeitung vor wenigen Wochen, und berichtete in der ihr gemäßen Weise über die Schwangerschaft eines transsexuellen Mannes. Eingriffe in den Körper, der ja bisher die biologische Konstante der Geschlechterdefinition war, werden normaler und Künstliches wird mehr akzeptiert; ob Nägel, Haare, Hautfarbe, Piercing, Schönheitsoperation oder Körperstyling durch Training und Anabolika: Das Objekt oder sollte man sagen, das „Medium“ Körper ist zur Gestaltung freigegeben. Dies gilt nicht nur für weibliche Körper, deren Unterwerfung unter Modediktat und Schönheitsterror schon lange diskutiert werden, sondern zunehmend auch für Männer, die ebenfalls einem wachsenden Druck zur Körpergestaltung unterliegen. Zugleich können Menschen, die glauben, im falschen Körper zu stecken, sich heute auch einem materiellen Wandlungsprozess unterziehen.
Wurde diese Entwicklung lange vor allem als Abweg und Gefahr für Jugendliche und Kinder (Unterwerfung unter bestimmte Schönheitsideale, Zeit- und Geldverschwendung, Gesundheitsgefahren…) diskutiert, so kommen jetzt auch emanzipatorische Aspekte in den Blick: Der Körper wird nicht als Schicksal hingenommen, sondern verändert und gestaltet. Wo sich ein solcher Zugriff auf die äußere Welt bezieht, spricht man gern von emanzipatorischen Chancen — ist der Körper diesbezüglich tabu?
Die realen Möglichkeiten, Körper zu verändern, beeinflussen die Praxis aber auch die Debatte um die Definition von Geschlecht. So formulierte die US-amerikanische Philosophin Judith Butler mit ihrem radikal-konstruktivistischen Ansatz die Diskussion um Identitätskategorien des Geschlechts, Kategorien von Körper und Identität neu.
Dies hat Einfluss auf die philosophische, politische und lebensweltliche Auseinandersetzung mit diesen Begriffen. Mit Bezug auf Arbeiten von Michel Foucault, Jacques Derrida und Louis Althusser entwarf sie ein performatives Modell von Geschlecht, in welchem die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ als Wiederholung von Handlungen verstanden werden und nicht als natürliche Materialisierungen. Diese werden eher als Folge der Handlungen verstanden. Dabei hat sie die Verschränkung von Physischem und Diskursivem, von Subjekt und Macht am Beispiel der materiellen Formung des Körpers beschrieben.4
Ein Fazit dieser Debatte könnte verkürzt lauten: Will man gleiche Lebenschancen und sogar Freiräume für die Gestaltung von Geschlechterrollen erreichen, bedeutet dies immer, gesellschaftliche Definitionen und Traditionen zu kritisieren, die sich auf scheinbar unwandelbare, außerhalb der Gesellschaft liegende Konstanten v.a. die Biologie (oder Gott) berufen.
Heute können wir feststellen, dass in den westlichen Gesellschaften Rollenmodelle für Männer und Frauen differenzierter sind und durch weitere Faktoren, wie z.B. ethnische Zugehörigkeit, Klassen- und Bildungserfahrungen gebrochen werden. Lebens- und Partizipationschancen zwischen den Mitgliedern einer gesellschaftlichen Schicht oder Ethnie scheinen dabei ähnlicher zu sein als zwischen Mitgliedern des gleichen Geschlechts, z.B. Macht – und Herrschaftsbeziehungen zwischen Frauen unterschiedlicher Ethnien oder Klassen.
Körperkontrolle für Freiheit und Marktwert
Interessant wird es, wo man konkret, wie es die Beiträge in diesem Band tun, die Veränderungen der medialen Darstellung von Geschlechterrollen und die Mediennutzung für Geschlechterinszenierungen untersucht. Zwar wird immer noch in vielen Medienbeiträgen, etwa im Fernsehen, der (weibliche) Körper begutachtet und in Bezug auf Attraktivität bewertet, doch gleichzeitig geht es in Serien, Castingshows und Ratgebersendungen vermehrt darum, wie der Körper kontrolliert präsentiert und wie er gegenüber spontanen Reaktionen abgehärtet werden kann. Diese internalisierte Kontrolle verspricht mehr Verfügungsgewalt über den Körper und dessen Wirkung, sie geschieht (scheinbar) freiwillig und dient der Darstellbarkeit von Persönlichkeit über körperliche Präsenz und Selbstausdruck. Diese haarscharf an emanzipatorischen Zielen vorbeischlingernden Formen der Disziplinierung geschehen weniger, so scheint es, um dem anderen Geschlecht zu gefallen als um den eigenen Körper zu genießen, sozial anerkannt zu sein und damit arbeiten zu können. Ein schöner, gesunder und gut kontrollierter Körper wird als Voraussetzung für sexuelle Selbstbestimmung dargestellt, dient als Mittel, um aktives eigenes Begehren umsetzen zu können. Die Eigenschaften, die hier ausgebaut und kultiviert werden sollen, erzeugen wie es scheint, eine kraftvolle und gut disziplinierte Authentizität, direkt kompatibel mit modernen Arbeitstugenden.
Die Beziehung zwischen einer neuen, scheinbar freieren Definition von Frauen- und Männerrollen und einer neoliberalen Gesellschaftsordnung wird derzeit medial durchdekliniert. Alle Freiheit, aber auch alle Verantwortung für die zu gestaltenden Rollen, den zu gestaltenden Körper und die zu gestaltende Biografie liegt beim Individuum. Gleichzeitig wird der Einzelne bei dieser Gestaltung intensiv sozial und medial kontrolliert und bewertet.
In ihrem Aufsatz „Post-Feminism“5 weist Rosalind Gill darauf hin, dass nicht etwa universelle Geschlechterrollen transportiert werden, sondern eine viel differenzierte Palette von Eigenschaften, wie etwa der typgerechte Kleidungsstil, individuelles Wohnen, Kochen, Essen, Kindererziehung, Sexualpraxis, Kulturkonsum. Dies wird häufig klassendifferenzierend inszeniert etwa in Doku-Soaps wie Frauentausch, wo unterschiedliche soziale Schichten direkt verglichen werden können. Ebenfalls zur sozialen Abgrenzung dienen Doku-Formate wie Raus aus den Schulden, Supernanny und einige Gesundheitsratgeber, die Schwierigkeiten von Männern und Frauen unterer Schichten thematisieren und zugleich Angehörige anderer Schichten in ihrer privilegierten Sicht stützen.
Eine pädagogische Antwort mit emanzipatorischem Anspruch tut sich mit den angebotenen Doppelbotschaften und der subtilen Form der Vermittlung von Anpassung schwer. Ihr fehlen vor allem Antworten auf die mit tatsächlicher Freiheit und erweitertem Marktwert belohnte Anforderung an umfassende Selbstkontrolle, die janusköpfig auch eine Form der Selbstgestaltung ist.6
Medien und Geschlechterinszenierungen
Wenn Junge- oder Mädchen-, Mann- oder Frausein eine ständige Performance („Doing gender“) ist, die alle Bereiche der Körperkontrolle und Körpergestaltung mit einbezieht, werden für diese Inszenierung verschiedene Mittel genutzt: z.B. Kleidung, Schminke, vor allem aber Haltung, Frisur, Bewegung, Stimmlage, Sprechformen, Verhalten etc. So sind nonverbal, quasi als Subtext, grundsätzliche Aussagen über die Geschlechtszugehörigkeit einer Person möglich. Zudem lernen wir sehr früh (schon Dreijährige können Geschlechterzugehörigkeit erkennen…) diese Inszenierungen bei anderen zu deuten. Wenn sie klar und normgerecht ausfallen, werden sie als solche nicht mehr bewusst wahrgenommen und helfen, den unübersichtlichen sozialen Kommunikationsprozess zu strukturieren. In diesem Rahmen kommunikationsfähig zu sein ist eine wichtige soziale Kompetenz, die möglicherweise im Lebenslauf immer wieder „nachjustiert“ wird, etwa in der Pubertät aber auch im Erwachsenenalter, wo Geschlechterrollen mehrfach neue Bedeutungen bekommen.
Wenn man Judith Butlers These akzeptiert, dass die Realität von Geschlecht v.a. eine soziale Konstruktion ist, die real auch auf den Körper zurückwirkt, muss man feststellen, dass auch gerade die performativen Möglichkeiten der Medien intensiv für die Herstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit genutzt werden. Formung und Inszenierung von Geschlechterrollen finden in erheblichem Maße, vielleicht sogar hauptsächlich mit und in Medien statt. Dabei ist der Körper selbst sowohl gestaltetes Objekt als auch Medium zur Darstellung von Botschaften. So ist es z.B. kaum möglich, eine Person z.B. in einem Film zu zeigen, ohne dass Geschlechtszugehörigkeit dargestellt wird. Vielfach wird beklagt, dass diese Darstellungen holzschnittartig und klischeehaft seien und auf die sich hier Orientierenden einen großen Druck ausübten. Obwohl Medien also vor allem „Normalität“ erzeugen, werden sie als Gefahr für die Heranwachsenden misstrauisch beäugt. Vielleicht, weil wir uns vor dieser Normalität zu Recht fürchten? Medienwirkungsforschung zeigt: Gerade da, wo Medien mit der sozialen Realität übereinstimmen und soziale Erfahrung bestätigen, ist ihre Wirkung nachweisbar. Das bestätigt auch den performativen Charakter sozialer Rollen, nicht zuletzt der Geschlechterrollen. Das bipolare Universum männlicher und weiblicher Inszenierungen kann, so scheint es, kaum verlassen werden und ist vielleicht gerade deshalb so einflussreich.
Andererseits sind es gerade Medien, die Utopien und Grenzüberschreitungen von Geschlechterrollen zeigen. Mediale Kommunikation wird zudem zunehmend von den Nutzern selbst erzeugt (Web 2.0). Im Internet kann erstmals massenhaft anonym, geschlechtsneutral oder geschlechtsüberschreitend kommuniziert werden. Im Chat kann probiert werden, wie es ist, mit einer anderen (Gender-)Identität umzugehen. Medien, das ist nichts Neues, sind das klassische Mittel zur Distanzierung, sie sind Spiegel, Probebühne, Satire und Utopie für unsere Ideen und Wünsche. Darin liegt ihre aufklärerische und emanzipatorische Kraft, die sie auch und gerade im Zusammenhang mit der sozialen Definition von Geschlecht entfalten können.
Öffnung der Definitionsräume
Wer kritisch über die sozialen Bedingungen der Ausformungen von Geschlechterrollen nachdenkt und als pädagogische Fachkraft täglich mit Jungen und Mädchen umgeht, steht vor der Herausforderung, sich zu orientieren, Erklärungen für Verhaltensunterschiede zu hinterfragen, sensibel und gezielt zu fördern. Wer mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat weiß, wie sie Geschlechterrollen zum Teil sehr holzschnittartig inszenieren, wie intolerant sie gegenüber Abweichlern sein können, wie hoch Normen für geschlechterspezifisches Verhalten gehängt werden und wie wichtig es ihnen zu sein scheint, klare Orientierungen zu bekommen. Gesucht werden sozialpsychologische Modelle, die helfen zu verstehen, wie die Jungen oder die Mädchen „ticken“, was sie brauchen und wie sie anzusprechen sind.
Und da bleibt es eine Herausforderung, immer wieder festzustellen: Geschlechterrollen sind im Wandel, wir haben keine gültige Beschreibung wie ein „richtiger Mann, eine richtige Frau“ zu sein hat. Es bleibt unbefriedigend zu sehen, dass die Orientierung eines jungen Menschen auf ein bestimmtes Handlungsrepertoire nicht nur ein Halt, sondern auch eine Beschränkung ist, dass Verhalten nicht mit dem Hinweis „Jungen oder Mädchen sind halt so…“ erklärt oder gerechtfertigt werden kann und die individuellen Möglichkeiten der Person immer durch die Genderperspektive gefiltert werden.
Eine Orientierung am Individuum, dem die Fülle aller Verhaltensmöglichkeiten offen stehen sollte, vermindert die Polarisierung der Geschlechterrollen. Jugendkulturszenen wie HipHop, Gothic, Emo oder Punk „verhandeln“ dies in symbolischer Form, sie experimentieren mit der ironischen Verwendung von Zitaten aus der Welt polarisierter Geschlechterrollen. Dabei werden Symbole und Inszenierungen auffallend oft geschlechterübergreifend eingesetzt. Doch Freiheit macht nur Spaß, wenn sie genutzt werden kann. Offenere Geschlechterkonzepte brauchen berufliche Perspektiven, Modelle der Lebbarkeit von zentralen Wünschen wie Partnerschaft, Kinder und Zuversicht in die Gestaltbarkeit von Zukunft. Ansonsten leiden Jugendlichen zu Recht an der Uneindeutigkeit und Offenheit von (Geschlechter-) rollen und klammern sich an Stereotype. So gewinnt etwa die rechte Jugendszene immer mehr junge Frauen mit einem traditionellen Frauen-/Mutterbild kombiniert mit „weiblichen“ Modellen für Deutschland politisch aktiv zu werden.
Medien können dem Zugang von Jungen und Mädchen zu allen sozialen Möglichkeiten und vielfältigen Verhaltensalternativen dienen. Auch ohne erwachsene Unterstützung nutzen bereits die meisten Jugendlichen Medien zu diesem Zweck. Die Qualität der Auseinandersetzung kann durch medienpädagogische Unterstützung aber gefördert werden, ebenso wie ein gerechterer Zugang auch solcher Kinder und Jugendlicher, die nicht über alle Ressourcen verfügen.
Ziel medienpädagogischer Unterstützung wäre: Möglichkeiten schaffen, damit junge Menschen, Träume, Talente und Lebensmöglichkeiten ohne Einschränkungen auf Geschlechterklischees formulieren und umsetzen. Wir haben als erwachsene medienpädagogische Fachleute einiges einzubringen: einen Vorsprung in Sachen Medienkritik und Toleranz und sicherlich oft auch Lebenserfahrung in Bezug auf die vielfältigen Möglichkeiten, Geschlechterrollen zu gestalten. „Kill your Gender“ ist darum für mich ein Appell zur Befreiung.