Medien sorgen für Stress, können aber auch Stress abbauen oder gar zur psychischen Gesundung beitragen. Gerade die Fotografie eignet sich für den begleitenden Einsatz in der Kunsttherapie, denn die Hemmschwellen für den Umgang mit der Kamera sind heute gering. Mit Hilfe des Mediums lässt sich die Perspektive verändern − auf die eigene Person, auf andere und auf unser Bild von der Welt. Mittlerweile gibt es in der Fototherapie vielfältige Methoden, die Klient:innen Zugang zu den eigenen Gefühlen ermöglichen können. So lassen sich Selbstausdruck und Selbsterkenntnis anregen, das Selbstvertrauen stärken und dadurch Resilienz und Selbstbestimmung für künftige Veränderungsprozesse fördern.

In der heutigen Zeit ist Fotografie, sind Bilderwelten allgegenwärtig. Täglich werden wir von immer neuen Abbildern unserer äußeren Wirklichkeit überflutet, die zum Teil mit nie da gewesenen Möglichkeiten virtueller Realität erschaffen wurden. Allein der durchschnittliche Fernsehkonsum der Deutschen liegt seit über zehn Jahren zwischen drei bis vier Stunden pro Tag. Wir lernen zunehmend, uns lieber abzuschotten, als in Beziehung zu treten und uns auseinanderzusetzen − mit uns oder anderen Menschen.
Internetabhängigkeit, Spielsucht, Realitätsverlust und andere problematische Mediennutzungen sind oft Ausdruck mangelnder Präsenz naher Bezugspersonen in der frühen Kindheit, von Überforderung oder Stress. Vielfach sind Kinder und Jugendliche betroffen, die wenig emotionale Zuwendung erfahren haben; sie leiden oft an mangelndem Selbstwertgefühl, haben vielfach keinen adäquaten Umgang mit ihren Emotionen gelernt. Virtuelle Welten dienen dann oft als Kanalisationsmöglichkeit für Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst und helfen vermeintlich, vorübergehend Stress abzubauen.
Statt neue Technologien, wie Digitalisierung oder KIs, zu ächten oder ganz darin aufzugehen, sollten wir uns lieber mit den damit verbundenen Chancen auseinandersetzen oder den daraus resultierenden Problemen stellen. Es geht meines Erachtens um das Erlernen eines bewussten Umgangs mit digitalen Medien und darum, diese zielgerichtet einzusetzen und zu beseelen.
Brücke zwischen Sein und Schein
Gerade die Fotografie scheint mir als therapeutisches Mittel ein adäquates und hilfreiches Medium zu sein. Mit ihrer Hilfe gelingt es, spielerisch eine Brücke zu schlagen zwischen Schein und Sein, sie lässt uns wieder selbstwirksam mit virtuellen Realitäten umgehen, macht uns zu kreativen Schöpfer:innen unseres eigenen Universums.
Fotografie ermöglicht den Ausdruck von uns gewonnener Eindrücke. Wir können den Augenblick festhalten und mit anderen teilen. Fotografieren ist sozial und interaktiv. Ein Foto wirkt vorrangig objektiv, beinhaltet aber auch immer gleichzeitig eine subjektive Komponente des Abbildenden oder der Abgebildeten. Es ist ein Wechselspiel zwischen Fotograf:in, Objekt und Betrachter:in des Werkes, ein In-Beziehung-Treten von ICH, DU und WELT.

Im Dialog mit anderen können wir erleben, wie unterschiedlich die Sicht auf die Welt sein kann. Ein und dasselbe Bild bietet Projektionsfläche für unterschiedlichste Emotionen und Interpretationen. Ein Bild und seine Aussage sind immer abhängig von den persönlichen Erfahrungen des Fotografierenden und seiner subjektiven Sicht auf die Welt. Die inneren Bilder von Fotograf:innen, Betrachter:innen oder abgebildeten Personen können freigelegt, gespiegelt oder mobilisiert werden. Eine ganz persönliche Wirklichkeit wird sichtbar und für andere nachvollziehbar. Fototherapeutische Prozesse können rezeptiv mit bereits existierenden Bildern arbeiten oder aktiv zur Aufnahme neuer Fotos ermutigen, die dann im Verlauf immer wieder als Anregung für ein Verbalisieren innerer Anteile eingesetzt werden können.
In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Die rezeptive Fototherapie bezieht sich vorwiegend auf die Vergangenheit der Klient:innen und eignet sich besonders als Einstieg in fototherapeutische Prozesse. Therapeut:in und Klient:in betrachten Bilder, sie arbeiten mit vorhandenem Bildmaterial. Aus einem von der Therapeut:in zusammengestellten Pool von Bildern wählen die Klient:innen dann jeweils eines aus. Wichtig dabei ist hier eine intuitive Entscheidung, die nicht kognitiv voll erfasst und rational begründet werden muss. Das ausgewählte Bild hat immer auch mit den Klient:innen und deren aktueller oder vergangener Lebenssituation zu tun. Das darin verborgene Thema lässt sich dann in der Therapie erforschen.
In der Biografiearbeit mit persönlichen Schnappschüssen können Klient:innen ihre Lebensgeschichte anhand mitgebrachter Fotos nacherzählen und versuchen, neben den sichtbaren auch die emotionalen Seiten dieser Bilder zu entdecken. In einem zweiten Schritt können die Klient:innen die Bilder fotografisch einbinden, sie nachstellen oder in Dialog zu anderen Bildern und Erlebnissen setzen, sie verfremden, um neue Geschichten mit oder aus ihnen zu formen. Diese spielerische Bearbeitung der individuellen Lebensgeschichte fördert die Persönlichkeitsentwicklung, Selbstständigkeit und Eigenaktivität der Klient:innen. Biografische Arbeit ist sehr vielfältig einsetzbar und kombinierbar. Sie ist sehr hilfreich sowohl bei der Verarbeitung als auch bei der Reflexion eigener Lebenserfahrungen.
Die aktive Fototherapie dagegen ermutigt zum Spiel als Akteur oder Subjekt; sie nimmt eher Bezug auf Gegenwart und Zukunft. Sie ist produktiv, direkt und unmittelbar; die Klient:innen werden stärker in das Geschehen involviert, können sich nicht so leicht distanzieren. Aktives fotografisches Arbeiten ist meistens Teamarbeit. In Gruppenprozessen oder in der therapeutischen Einzelarbeit können die Klient:innen spielerisch in verschiedene Rollen schlüpfen: Sie fotografieren (handeln), werden fotografiert (geschehen lassen) oder wohnen dem Prozess als Zuschauer:in bei.


Fototherapie-Einstieg über Malerei – ein selbstgemaltes Bild, das zum aktuellen Gefühlszustand passt, kann als Hintergrund für ein Portrait dienen. (Fotos: Judith Haeusler)
Selbstbild − weg von Wert und Wertung
Fokus meiner Arbeit ist der Mensch − schon in meiner Jugend habe ich Menschen fotografiert, Gesichter gezeichnet, war fasziniert von Portraits und Selbstportraits großer Künstler:innen.
Als Profifotografin habe ich oft Menschen vor der Linse, die ich nicht oder nur sehr flüchtig kenne. Meine Aufgabe besteht darin, das Wesen dieses mir unbekannten Menschen zu erkennen und bestmöglich in Szene zu setzen. In den ersten Jahren konnte ich mir noch nicht viel Zeit nehmen für den Menschen, der mir da gegenüberstand. Ich musste mich in erster Linie um mich kümmern und meine innere Anspannung unter Kontrolle bringen. Erst im Laufe der Zeit erkannte ich, wie aufgeregt, nervös oder ängstlich meine Kund:innen oft waren. Oft hörte ich Sätze wie: „Oh je, jetzt werde ich fotografiert, dabei bin ich doch nicht wirklich fotogen …“ oder „Das wird eh nichts mit mir, alle Portraits von mir bisher sind schrecklich – ich bin ein hoffnungsloser Fall …“. Immer mehr wurde mir bewusst, wie wichtig und entlastend es für mein Gegenüber war, wenn meine Reaktion beruhigend und ermutigend war.
Das Fotografiert-Werden ist ein Prozess, bei dem sich die Portraitierten dem Fotografierenden anvertrauen, ihm ihr Antlitz zeigen, wie es wirklich ist, jenseits von Autokorrektur oder Retusche. Die Hürde beim Porträt: Portraitierte sind nicht Handelnde, Kreative oder Machende, sondern Objekte. Sie werden betrachtet, angeschaut, geben sich preis und zeigen sich, wie sie sind. Die Angst vor Beurteilung ist oft groß. Vor der Kamera sind wir mit unserer verletzlichsten Seite in Kontakt und der innere Dialog beim Fotografiert-Werden hat Ähnlichkeiten mit dem inneren Prozess in einer Therapie: Selbstwahrnehmung, Selbstbefragung, Beurteilung, Nachdenken, Neuverhandlung, Hingabe und im besten Fall ein Annehmen-Können.
Jeder Mensch hat ein Bild von sich im Kopf – ein nahezu völlig selbst konstruiertes, subjektives Bild. Wir sind gewohnt, uns zu betrachten (z. B. im Spiegel), haben es aber nicht gelernt, uns in unserer Ganzheit, als vollkommenes und einzigartiges Individuum zu sehen. Wir filtern subjektiv, haben bestimmte Erwartungen an uns und die Realität. Deshalb fürchten viele Menschen das Selbstporträt.
Dazu kommt, dass das Gesicht eines Menschen sich im Lauf seines Lebens verändert und das Leben Spuren hinterlässt. Im Alter wird das Antlitz eines Menschen zu einem Bild dessen, wie das Ich sein Schicksal meistert. Es entwickelt sich ein Abbild des Gesehenen und des Gelebten in uns und es hinterlässt einen Eindruck. Im Selbstbild kommt das Ich also am stärksten zum Ausdruck.
Altern und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit machen Angst. Das erklärt, warum unser Schönheitsideal auf Jugendlichkeit und straffe Haut baut. Fast alle Fotos von prominenten Portraits sind retuschiert, kaum ein weiblicher Promi geht ohne Make-up auf die Straße, und nur wenige haben den Mut, zu sich und ihrem Alter zu stehen und Botox oder Lifting zu verweigern.
Möglichkeiten der Selbstwertsteigerung und Selbstoptimierung haben in unserer Gesellschaft oft mehr Raum als Authentizität und Individualität. Selbstwert und Optimierung setzen auf Leistung, Vergleich und Wert(ung). Doch wie eintönig wäre es, wären wir alle vollkommen und perfekt!
Dabei zeugt Authentisch-Sein von Selbstbewusstsein und der Tatsache, sich seiner selbst und der damit verbundenen Makel bewusst zu sein, wie auch von der Fähigkeit, sich mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen. Weg von Wert und Wertung (besser, schöner, jünger). Selbstgefühl als gute Alternative zu Selbstwert(ung).
Experimente mit spielerischer Lebendigkeit
Anfangs liegt mein Fokus auf einem experimentell spielerischen Ansatz. Die Klient:innen fotografieren sich gegenseitig. Es entstehen Portraits mit langen Belichtungszeiten. Oft trifft diese Methode zunächst auf Verwunderung, da alle Bilder unscharf werden.
Ich ermutige zu Bewegung und Experiment. Dadurch entsteht ein sehr lebendiger Raum, der keine Fehler kennt.
Die so entstandenen Portraits haben etwas Flüchtig-Wesenhaftes, ähnlich einer Idee, die nach einer kurzen Begegnung mit einem fremden Menschen bleibt – festgehalten im Bild. Es entspricht einem Erstkontakt mit einem uns unbekannten Wesen. Und dennoch hält das Foto einen Teil fest, der zu diesem Menschen gehört – einen Charakterzug, der ihm bekannt ist, vielleicht aber auch verborgen oder verschüttet war. Dieses amateurhafte, dem Zufall überlassene Fotografieren arbeitet mit Konstruktion/Dekonstruktion, es spielt mit Fragmenten, Elementen, Farben und Formen. Wichtig ist für mich hier vor allem der Erstkontakt, das In-Beziehung-Treten zu den anderen und die spielerische Lebendigkeit. Die Klient:innen bekommen das Gefühl, wertfrei angenommen zu sein.

Möglich ist auch ein Fototherapie-Einstieg über die Malerei. Ein selbstgemaltes, großes Bild wird zum Hintergrund für ein Portrait. Die Klient:innen dürfen sich Farben aussuchen, die zu ihrem aktuellen Gefühlszustand passen oder ihnen guttun. Wichtig ist, dass sie versuchen, aus ihrem Körperempfinden heraus zu malen und den Malprozess nicht durch bewusstes Denken oder Sehen zu kontrollieren. Ein abstraktes oder gegenständliches Werk entsteht, das bereits einen Ausdruck eines Teils der Innenwelt der Klient:innen darstellt. Gemalt wird, wenn möglich an der Wand im Stehen.
Die entstandenen Gemälde werden in der Gruppe in einer Abschlussrunde besprochen. Oft schildern Klient:innen, wie herausfordernd es war, vor diesem riesigen leeren Blatt zu stehen, wie gut es war, ermutigt zu werden, einfach loszulegen ohne Idee oder Plan und darauf vertrauen zu können, dass ein Bild entstehen wird. Viele Klient:innen beschreiben es als neuen und besonderen Zugewinn, ohne Leistung großformatig malen zu dürfen und binnen kurzer Zeit etwas erschaffen zu können.
Selbsterkenntnis durch Fremdwahrnehmung
In einem weiteren Selbstbild-Projekt dürfen sich die Klient:innen gegenseitig fotografieren. Ein Ziel dabei kann sein, dass sie sich anders als sie es bisher gewohnt waren, in einer neuen, differenzierteren Form sehen lernen. Das kann Selbsterkenntnis fördern und zum Hilfsmittel für eine innere Änderung werden.
Dieses Portrait – als Blick des anderen auf uns – ist dann in einem zweiten Schritt Vorlage für eine malerische Umsetzung eines überlebensgroßen Selbstbildes. Diese Herangehensweise kann zweifach einen neuen Blick der Klient:innen auf sich selbst eröffnen. Im Fotografiert-Werden können sie sich ganzheitlicher wahrnehmen, sie lernen zwischen Realität und Subjektivität zu unterscheiden. Im anschließenden Malprozess steht man sich selbst gegenüber. Dieses großformatige Arbeiten ermöglicht Großzügigkeit – auch sich selbst gegenüber, mit wenig Platz für kleinteilige Kritik.
Der/die Therapeut:in kann den Kontakt der Klient:innen mit ihrem inneren Wesenskern anregen. Sie werden auf die verschiedenen Anteile oder Facetten in sich hingewiesen und ermutigt, diese Verbindung aufrechtzuerhalten und einverstanden zu sein mit allem, was ist und mit all ihren vorhandenen Gefühlen.
Bei mangelndem Selbstwertgefühl oder zu wenig Selbstvertrauen kann die spielerische Auseinandersetzung mit dem Selbst- und Fremdbild stärkend wirken. Fototherapie ermöglicht einen neuen und versöhnlicheren Blick auf uns selbst. Fremdwahrnehmung hilft uns, unsere meist kritische oder perfektionistische Selbstwahrnehmung zu hinterfragen und uns ganzheitlicher sehen zu lernen.
Neue Bewusstseinsräume öffnen
Fototherapeutische Arbeit regt Erinnerungen, Wünsche, Sehnsüchte und Visionen an. Sie kann bei Rehabilitation und Nachsorge genauso eingesetzt werden, wie bei schweren Störungen oder leichten psychosomatischen Beschwerden. Kontraindikationen von Fototherapie gibt es so gut wie keine. Aktive fototherapeutische Prozesse eignen sich weniger bei immobilen Patienten (bei Schmerzen oder nach Operationen) oder bei komplexen Traumatisierungen, da hier oft kleinste Reize Überforderung oder Dissoziation auslösen können. Rezeptive Techniken stellen hier eine sinnvolle und sanfte Alternative zu produktiven Techniken dar – ist hier immer wieder ein Pendeln möglich, weg vom Bild und den damit assoziierten und eventuell negativ bewerteten Inhalten.
Bei neurasthenischen Persönlichkeiten (mit vermehrter geistiger Erschöpfung) ist es empfehlenswert, spielerische Aspekte fototherapeutischer Methoden in den Vordergrund zu stellen. Bei Klient:innen mit histrionischer Konstitution (mit übermäßigem Streben nach Aufmerksamkeit) können in der Therapie beruhigende Fototechniken gewählt werden, die nicht zu sehr überfordern.
Fototherapie stellt für mich keine Methode dar, die starr oder stereotyp anwendbar ist, ich möchte sie auch nicht als ausschließliche oder grundsätzlich immer passende Therapieform bezeichnen. Für Menschen mit Scheu vor kunsttherapeutischer Arbeit, die vielleicht ein Kunstwerk sofort mit Leistungsdruck in Verbindung bringen, kann Fototherapie einen Einstieg bieten, eher ressourcenortientiert zu arbeiten. Sie birgt enorme Möglichkeiten, biografisch oder gegenwartsorientiert an den eigenen Stärken und Schwächen zu arbeiten und daran zu wachsen.

Es ist möglich, mittels Fotos eine Verwandlung herbeizuführen, die bewirken kann, dass die Patient:innen bewusst oder unbewusst begreifen, dass sich ein ähnlicher Prozess in ihrem Gehirn in Bezug auf die Realität vollziehen muss. Klient:innen können − ähnlich wie in kunsttherapeutischen Prozessen – mittels Fototherapie eine virtuelle Veränderung vorab vollziehen. Das kann Verwandlungsprozesse in der Realität anregen und die Klient:innen in schwierigen Situationen Lösungsstrategien erkennen lassen, die sie vielleicht später sogar umsetzen können.
Am wichtigsten scheint mir aber − fernab jeglicher Technik – das therapeutische Ansinnen im Prozess. Eine empathische, anerkennende und authentische Begleitung kann für die Klient:innen neue Bewusstseinsräume schaffen. Diese neue Beziehungserfahrung kann ihnen ein Stück ihrer Ganzheit und Einzigartigkeit spiegeln oder zurückgeben, die sie durch Schicksalsschläge in ihrer Biografie, durch traumatische Erlebnisse oder Erinnerungen vielleicht ein Stück weit aus den Augen verloren haben.