Und wieder so unsäglich viele Headline-Männer und männlich besetze Bands auf den Hauptbühnen! Beim Blick auf die großen Pop- und Rockfestivals fällt die Bilanz in Sachen Geschlechtergerechtigkeit düster aus: nur 2 Frauen beispielsweise auf den Hauptbühnen von Rock im Park und ein Frauenanteil von schlappen 5,6 % bei Rock am Ring. Auch wenn viele Festivals ihren Frauenanteil enorm erhöht haben und vor und hinter den Bühnen langsam etwas in Bewegung kommt, die Schieflage bei der Gleichstellung der Geschlechter ist im Musikbusiness enorm. Warum gibt es diesen Gender-Gap? Der Artikel beleuchtet Hintergründe, nimmt Strukturen unter die Lupe und geht das Problem an der Wurzel an.
Vor gar nicht allzu langer Zeit erweckten Musikbühnen den Anschein, dass Frauen nur etwa 10% der Bevölkerung ausmachen und nicht die Hälfte. Es wurde zwischen Bands und Frauenbands unterschieden. Bands bestanden aus (überwiegend) männlichen Mitgliedern und machten Musik für alle. Bestand eine Band jedoch hauptsächlich aus weiblichen Mitgliedern, nannte man sie eine „Frauenband“ und das Publikum nahm an, sie würden Musik für Frauen machen. Männer machten also Musik für alle und Frauen machten Musik für Frauen. Das ist heute (zum Glück) anders. Die Musikwirtschaft ist diverser geworden. Wirft man jedoch einen Blick auf die Line-ups und Bühnen des Landes, fällt schnell auf, dass die Branche immer noch ganz schön männlich besetzt ist.
Besonders große kommerzielle Musikfestivals standen in den letzten Jahren aufgrund ihrer Line-ups häufig in der Kritik. In den letzten zehn Jahren waren durchschnittlich gerade mal 4% der Personen, die bei Rock am Ring und Rock im Park auftreten FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen)1 -Personen.2 In den Jahren 2019 bis 2021 lag der Frauenanteil auf den größeren Festivals insgesamt unter 20%. Auf elektronischen Musikfestivals waren 2019 immerhin 25% der Acts weiblich.3
Auch in der klassischen Musik sind Frauen noch stark unterrepräsentiert: Die 21 höchst vergüteten Orchester sind nur zu 21,9% weiblich besetzt.4 Interessant ist die Beobachtung, dass Festivals zwischen 2017 und 2019, die von einem rein weiblichen Team geleitet wurden, ein ausgeglichenes Booking hatten und Festivals mit einem rein männlichen Team nur etwa 20% weibliche Acts vorzeigen konnten.5 Veranstaltende argumentieren häufig damit, dass es nicht genügend Frauen gäbe oder dass sich die Besseren nun mal durchsetzen. Wie es aber dazu kommt, dass FLINTA* weniger sichtbar sind, wird meist vernachlässigt. Die großen Festivals haben eine ordentliche Signalwirkung. Die fast ausschließlich männlichen Line-ups schließen Personen von Bühnen aus und verhindern für sie so ein unglaublich wichtiges Sprungbrett. Festivalshows sind oft nicht das Resultat einer Karriere, sondern Teil ihres Beginns und die Möglichkeit, vor einem großen Publikum zu spielen. Eine Sache ist klar: Es gibt genügend FLINTA*-Personen da draußen und die Besetzung auf den Bühnen spiegelt nicht die Realität von Musikschaffenden wider.
Blick hinter die Bühnen
Es gibt heute zahlreiche Studien, die zumindest für die Anzahl an is-Frauen6 in der Branche Daten erhoben haben. Frauen sind nicht nur auf den Bühnen unterrepräsentiert, sondern auch dahinter. Gerade mal 2% der 600 kommerziell erfolgreichsten Songs wurden von weiblichen Produzentinnen produziert und nur 16% der registrierten Songwriter:innen sind weiblich.7 Auch in der Klassik sind nur 2,3% der bei Konzerten gespielten Werke von Frauen geschrieben worden.8
Die Analyse der Top-100-Single-Jahrescharts aus Deutschland in dem Zeitraum von 2010 bis 2020 zeigt, dass 81% der in den Titeln genannten Acts männlich waren, nur 13% aller Urheber:innen weiblich und es nur fünf Deutschrap-Songs mit rein weiblicher Beteiligung gab.9

Was in den Charts landet, bestimmen wir selber mit unserem Konsumverhalten. Das Bewusstsein über Geschlechtervielfalt ist bei den Musikkonsument:innen in der Breite der Gesellschaft noch nicht angekommen. Doch es gibt Hoffnung: Gerade jüngere Konsument:innen im Alter von 16 bis 29 Jahren geben an, dass Geschlechtervielfalt für sie eine hohe Relevanz hat.10
FLINTA*-Personen sind nicht nur rund um die Bühnen in der Minderheit, sondern auch in der Arbeitswelt der Musik, vor allem in den höheren Etagen. Die Analyse von Musikunternehmen zeigt, dass 75% der Musikunternehmen eine ausschließlich männliche Führung haben, 10% sind rein von Frauen geführt und 15% gemischt. FLINTA*-Personen, die in der Musikbranche tätig sind, kämpfen in der Branche unter anderem mit dem Gender Pay Gap, Sexismus und Diskriminierung, schlechten Arbeitsbedingungen, langen Karrierewegen und männlichen Gatekeepern. FLINTA*-Musiker:innen verdienen durchschnittlich 25 % weniger als ihre cis-männlichen Kollegen.11 In den größten Musikunternehmen sind es sogar 30%. Von knapp 200 befragten Frauen, die in der Musikwirtschaft tätig sind, haben bereits 96% (!) diskriminierende Erfahrungen in Bezug auf ihr Geschlecht erlebt. Nur jede siebte Frau geht davon aus, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Für den Ein- und Aufstieg in der Musikbranche werden verschiedene Barrieren genannt: bestehende Beziehungen, Stereotype/Vorurteile, intransparente Entscheidungskriterien, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, schlechte Bezahlung sowie fehlende Vorbilder. Expert:innen sehen diesen Missstand in der mangelnden Risikobereitschaft begründet, also beispielsweise bei der Auswahl von Bands und der Verteilung von Positionen, eher auf das bereits Bewährte zurückzugreifen. Außerdem werden Männern häufiger Attribute zugeschrieben, die in der Branche als erfolgsrelevant gelten: Mut, Unkompliziertheit, Belastbarkeit. Sie berichten außerdem davon, dass Männer beim Netzwerken lieber unter sich bleiben und Frauen schnell ausgegrenzt werden. Dabei sind Kontakte und Netzwerke in der Branche unverzichtbar. Die Mehrheit ist sich darüber einig, dass mehr Vielfalt auch die Qualität von Musikangeboten verbessern würde und sich dies auch positiv auf die Vermarktung auswirken würde.12


Warum so viele Männer den Ton angeben
Um zu verstehen, warum die Strukturen in unserer Gesellschaft heute so sind wie sie sind, müssen wir uns zunächst mit den Hintergründen beschäftigen. Dafür werfen wir einen kurzen Blick auf die wichtigsten Ergebnisse der Gender Studies und in die Geschichte der Frauenrechte und suchen nach Erklärungsansätzen für die patriarchalen Strukturen, welche noch heute unsere Gesellschaft prägen.
Der Begriff Gender Equality kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Wörtern gender für das Geschlecht und equality für Gleichberechtigung zusammen. Gender Equality bedeutet, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Rechte und auch Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung im Leben bekommen (sollen). Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“, „Niemand darf wegen seines Geschlechtes (…) benachteiligt oder bevorzugt werden“.13 In der Theorie klingt das doch schon mal ganz gut. Leider sieht die Realität aber (noch) anders aus. Die Formulierung von „Männer und Frauen“ in dem Gesetzesartikel weist auch auf ein weiteres Problem hin: das binäre Geschlechtersystem. Wir wissen heute, dass das binäre System von Mann und Frau ein soziales Konstrukt ist und dass es mindestens auf sozialer Ebene mehr als zwei Geschlechter gibt. Darüber hinaus wird in der Wissenschaft stark diskutiert, ob auch die biologische Einteilung von Menschen in männlich und weiblich überhaupt eine Legitimation hat.
Als Heteronormativität bezeichnet man eine Weltanschauung, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert. Das heteronormative Geschlechtermodell kennt nur zwei Geschlechter und geht von einer binären Einteilung des Geschlechts in Mann und Frau aus. Die binäre Geschlechterordnung sieht Heterosexualität dabei als das Naturgegebene an und leugnet damit die Anwesenheit weiterer Geschlechter, jenseits von cis-männlich und cis-weiblich. Alle Menschen, die dieser Heteronormativität und der binären Geschlechterordnung nicht entsprechen, werden als abweichend von der Norm angesehen. Dadurch entsteht ein Machtverhältnis, welches zu Ungleichbehandlungen führt. Und was das alles mit Gleichberechtigung zu tun hat: Feminismus muss intersektional gedacht werden!
Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirken mehrerer Unterdrückungsmechanismen. Das bedeutet, dass verschiedene Formen der Diskriminierung, wie zum Beispiel Sexismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus, nicht einzeln für sich wirken, sondern dass sie sich gegenseitig beeinflussen und dadurch auch neue Formen der Diskriminierung entstehen können. Diese Mehrfachdiskriminierungen können auch aufgrund von geschlechtlicher Identität, sexueller Orientierung, Hautfarbe und vielen weiteren Zuschreibungen entstehen. Erst durch eine intersektionelle Perspektive kann ein annähernd realistisches Bild der Wechselbeziehungen von sozialen Ungleichheiten und Machtverhältnissen betrachtet werden, damit die Vielfalt aller Lebenswirklichkeiten sichtbar wird.
Aber woher kommt denn eigentlich die Ungleichstellung der Geschlechter? In Diskussionen rund um die Gleichberechtigung fällt meistens recht schnell der Begriff Patriachat. Der Begriff bezeichnet ein System von sozialen Beziehungen, Werten, Normen und Verhaltensmustern, welches von Männern geprägt und kontrolliert wird. Das Patriachat meint also eine Gesellschaftsordnung, bei der Männer in Staat und Familie eine bevorzugte Stellung haben. Auch wenn das Patriachat in Deutschland heute nicht mehr so deutlich zu erkennen ist wie zum Beispiel vor 50 Jahren, so reicht ein kurzer Blick in die Politik, in die Vorstände oder allgemein auf den Arbeitsmarkt, um zu erkennen, dass patriarchale Strukturen noch heute wirken.
Die Wurzeln des Patriachats liegen Jahrhunderte zurück. Ein kurzer Blick auf die letzten 130 Jahre verrät aber schon, dass Frauen lange Zeit keine Rechte hatten, um zum Beispiel wählen oder arbeiten zu gehen. Die Geschichte der rechtlichen sowie gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen soll an dieser Stelle nicht im Detail betrachtet werden. Aus dem Zeitstrahl lassen sich jedoch patriarchale Strukturen gut ablesen.
Wie schaffen wir mehr Diversität?
Alles schön und gut, aber Fakt ist (und das nervt): FLINTA*-Personen sind in der Branche immer noch stark unterrepräsentiert und benachteiligt. In den letzten Jahren hat sich in vielen Bereichen zum Glück schon einiges getan auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Dafür sind immer wieder neue Maßnahmen im Gespräch. Es gibt verschiedene Ansätze, die für sinnvoll gehalten werden, darunter die Förderung von jungen Menschen, Mentoring-Programme, weibliche Netzwerke für Austausch und Sichtbarkeit, Events mit Diskussionen zum Thema sowie eine Verhaltens-Guideline mit Selbstverpflichtung.

Eine Quotenregelung bei Konzerten und Festivals wird von knapp der Hälfte der Frauen unterstützt und von einem Fünftel der Männer.14 Neben der Förderung von jungen Menschen ist aber auch das allgemeine Umdenken in der Gesellschaft ausschlaggebend, um die gestartete Entwicklung voranzutreiben. Das bedeutet, dass auch bei den Konsument:innen eine größere Offenheit geschaffen und auf der Managementebene ein zeitgemäßes Denken etabliert werden muss. Dafür ist seitens der Veranstalter:innen mehr Mut notwendig, um diverse Line-ups aufzustellen und Positionen nicht immer mit den gleichen Leuten zu besetzen. Eine frühe Aufklärung sowie die Vermittlung wichtiger Werte und das Aufweichen typischer Männer- und Frauenrollen ist hierfür notwendig. Expert:innen wünschen sich eine größere Sensibilisierung für das Thema Geschlechterminderheiten. Dafür müssen tatsächliche Geschlechterunterschiede aufgezeigt und über die Missstände informiert werden.
Die große Mehrheit ist sich einig, dass generell etwas unternommen werden muss. Eine in vielen Bereichen immer wieder diskutierte Maßnahme ist die Frauenquote. Allgemein wird die Quote mittlerweile zwar als eine sinnvolle Maßnahme anerkannt, dennoch sind die Meinungen zwiegespalten. Gegner:innen der Quote bemängeln, dass die Quote erst ansetzt, wenn es zu spät ist; frühere Maßnahmen seien notwendig, die es Frauen ermöglichen, ihr Talent und ihre Qualität zu zeigen, damit eine Quote auf lange Sicht überflüssig wird. Außerdem fürchten vor allem Männer um eine Benachteiligung des eigenen Geschlechts in der Branche. Auch wenn für alle gilt, dass Qualität wichtiger als eine Quote ist, ist ihnen auch bewusst, dass die aktuelle Ungleichbehandlung nicht auf der geringen Qualität der Frauen basiert.15
Beispiele aus anderen Ländern und auch die Quotenregelung in Aufsichtsräten beweisen: Die Quote wirkt. Durch das Einsetzen einer Quote konnte in einigen Bereichen der Frauenanteil bereits erhöht werden. Interessant dabei: Unternehmen, die sich einer freiwilligen Quote annehmen, erzielen sogar noch bessere Ergebnisse, da sie selber dafür einstehen und sich aktiv für mehr Diversität einsetzen. Heute ist fast unumstritten, dass diversere Teams bessere und kreativere Ergebnisse erzielen und viele Arbeitnehmende wünschen sich, in vielfältigeren Teams zu arbeiten.16 Eine Quote kann also durchaus ein wichtiger Schritt sein, um die gläserne Decke zu durchbrechen und Frauen in höhere Positionen zu bringen, die dann wiederum Vorbilder sein können und neuen Nachwuchs ausbilden.

Die Macht der Netzwerke
Gerade in der Musikbranche wird Netzwerken eine immens große Bedeutung zugeschrieben. Weibliche Netzwerke haben das Ziel, die Sichtbarkeit von FLINTA* zu stärken, Vernetzungspunkte zu bieten und (kreativen) Austausch zu fördern. Es gibt immer mehr Initiativen und Netzwerke in der Branche, die sich der Förderung von Gender Equality angenommen haben. Music Women* Germany hat eine große Datenbank ins Leben gerufen, in der sich alle Frauen aus der Branche eintragen und so Jobs vermittelt werden können.17 Neben dem Dachverband haben sich mittlerweile in vielen Bundesländern entsprechende Netzwerke, wie zum Beispiel women* in music hannover, gebildet, die durch monatliche Treffen und verschiedene Veranstaltungsformate, FLINTA*-Personen zusammenbringen und so deren Sichtbarkeit stärken. Die Keychange-Bewegung setzt sich international für eine Veränderung in der Branche ein und hat unter anderem ein Manifest entwickelt, dem sich Veranstaltende anschließen können.18 Eine Sache ist sicher: Eine Maßnahme alleine wird das Problem der Ungleichbehandlung nicht lösen können und eine gleichberechtige Branche schaffen. Wenn aber alle an einem Strang ziehen und sich auch (gesetzliche) Strukturen ändern, können wir eines Tages hoffentlich von Gender Equality sprechen – und ich sage es mal so: Wir sind auf dem richtigen Weg.