Während Geschlechteridentitäten in vielen Ländern liberaler und Gleichberechtigung selbstverständlicher werden, hat sich im Netz ein Konglomerat von toxischen Influencern, misogynen Foren, Blogs und Webseiten etabliert. Brutale Männlichkeit, Dominanzfantasien, Selbstmitleid in Kombination mit Gewaltfantasien sind hier vorherrschend – in der von Hass und Intoleranz geprägten Online-Subkultur gibt es auch zahlreiche Überschneidungen zu rechtextremen Akteuren. Hinter dem Frauenhass zeigen sich aber auch Unsicherheiten, Ängste und Sehnsüchte. Deshalb sind – gerade bei Jugendlichen – Interventionen wichtig, die konstruktive Lösungen für die Herausforderungen im Zusammenhang mit Geschlechterfragen suchen.
Die sog. Mannosphäre (manosphere im Englischen) ist ein loser Verbund von Webseiten, Blogs, Foren, Social-Media-Profilen und diversen Communitys, die sich alle durch eine ausgesprochene Frauenfeindlichkeit auszeichnen. Diese ist oftmals mit Sexismus, Anti-Feminismus und auch Rassismus gekoppelt. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über einige Communitys und Akteure. Ich vertrete das Argument, dass, obgleich die Männer der Mannosphäre von Hass, Destruktivität und symbolischer und mitunter physischer Aggressivität gekennzeichnet sind, ihre Diskussionen auch von einer tieferen Unsicherheit und Sehnsucht nach Anerkennung zeugen. Ich ende mit ein paar Gedanken dazu, wie aus medienpädagogischer Sicht interveniert werden kann, da es oftmals sehr schwer ist, mit den jungen Männern ins Gespräch zu kommen.
Wie Studien zeigen, hat Frauenfeindlichkeit global zugenommen.
Die Covid-19-Pandemie war begleitet von einem alarmierenden Anstieg häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen im Besonderen.1Heutzutage drückt sich diese Gewalt nicht nur implizit und explizit im Alltag, sondern vor allem im Internet und auf sozialen Medien aus. Im Zeitalter des Rechtspopulismus und verstärkter Angriffe auf Minderheiten hat sich auch ein bestimmtes Männlichkeitsgefühl etabliert. Innerhalb der Mannosphäre gibt es viele Berührungspunkte mit der neuen extremen Rechten, die vor allem während der US-Präsidentschaft Donald Trumps eine starke Präsenz auf sozialen Medien aufwies und die viele Spuren hinterlassen hat. Sowohl die extreme Rechte als auch weite Teile der Mannosphäre weisen eine biologistische Ideologie auf, nach der angeblich traditionelle Rollenbilder und Geschlechternormen durch den Feminismus zerstört würden. Westliche Gesellschaften würden außerdem angeblich von migrantischen Männern „unterwandert“ und dadurch weiter in ihren Rollenbildern erschüttert. Kurzum: Manche Männer fühlen sich von der angeblichen Macht, die Frauen haben, dem Feminismus und der weiblichen Sexualität bedroht. Gleichzeitig fühlen sich diese Männer oftmals nicht begehrenswert und inadäquat. Sie reagieren auf solche existenziellen Versagensgefühle, indem sie sich abschotten und der Mannosphäre zugehörig fühlen. Obgleich es viele Unterschiede innerhalb der vielen Gruppen der Mannosphäre gibt, wird doch die Fantasie „der“ Frau konstruiert und endlos reproduziert. Im Folgenden diskutiere ich überblicksartig „incels“ und „Men Going Their Own Way“ (MGTOW) sowie den Influencer Andrew Tate.

Incels, MGTOW und die Hassliebe zu Frauen
Incel steht für „involuntary celibate” (unfreiwillig zölibatär). Incels sind meist junge Männer, die oft noch nie eine Beziehung mit einer Frau hatten. Sie offenbaren den elementaren Widerspruch der Mannosphäre: ein gleichzeitiges Begehren von und eine Abneigung gegenüber Frauen. Incels offenbaren selbstzerstörerische, abwehrende und nihilistische Dynamiken, wenn sie sich selbst bemitleiden und von einem allgemeinen Hass auf die Welt und auf Frauen im Besonderen sprechen. Ihrer Ansicht nach gibt es eine Art sexuelles Klassensystem. An der Spitze stehen die weißen Chads, Alphamänner, die am attraktivsten sind. Nach Ansicht von incels sind die meisten Frauen nur an Chads interessiert.
Die attraktivsten Frauen werden als Stacys bezeichnet. Für incels ähneln Stacys den hegemonialen Bildern von Schönheit, die oft von den Medien vermittelt werden, z. B. große, blonde, weiße Frauen, die wie Supermodels aussehen. Incels glauben, dass 20% der Bevölkerung aus Chads bestehen und dass 80% der Frauen nur an diesen interessiert sind. Die unteren 20% der Frauen sind bereit, Sex und Beziehungen mit der Mehrheit der Männer zu haben, die von den incels als Normies, Betas oder Cucks bezeichnet werden.
Ganz unten in der Hierarchie stehen incels, die dazu bestimmt sind, für immer allein zu sein. Sie verweisen häufig auf die Biologie und die evolutionäre Natur dessen, was es angeblich bedeutet, männlich und weiblich zu sein. Sie glauben, dass wir in einem Zeitalter des Sozialdarwinismus leben, in dem Frauen sich die Männer aufgrund ihres Aussehens und ihres Einkommens aussuchen können, um die (genetisch) stärksten Kinder zu zeugen. Wie ich ausführlich in meinem Buch „Die Mannosphäre“2zeige, gerieren sich incels somit als defensiv-gehemmt und apathisch. Sie wollen jedoch gleichzeitig gut aussehen, sexuell und wirtschaftlich erfolgreich sein, lehnen diese Dinge aber auch als oberflächlich ab und sind der Meinung, es seien Frauen, die hierfür verantwortlich sein und nicht etwa bestimmte Diskurse oder soziokulturelle Strukturen gegenwärtiger Gesellschaften.
Allerdings sind incels gleichzeitig in einem konstanten Zustand affektiver Spannung und wollen nichts sehnlicher als mit einer Frau zusammen sein. Sie gehen auch über Abwehrmechanismen hinaus und konstruieren Fantasien aktiver Transformation.
Ihre Foren quellen über von Fantasien symbolischer Zerstörung von Frauen. Sie sprechen davon Rache an Frauen zu nehmen, weil sie ignoriert oder abgewiesen wurden. Allerdings sind solche Fantasien oft auch damit gekoppelt, dass incels endlich von Frauen gesehen werden und ihnen in sexuell-unterwürfiger Weise dienen müssen. Diese Community geht also über bloßen Frauenhass hinaus. Ähnlich verhält es sich mit der MGTOW-Community.
Sehnsucht nach Anerkennung
Men Going Their Own Way (MGTOW) ist eine Community, die sich in ähnlichen Widersprüchen wie incels wiederfindet. Die Frau ist als Figur ständig in ihrer Abwesenheit präsent. Der MGTOW-Lebensstil sieht eine völlige Isolierung von Männern vor, sofern dies denn möglich ist. Sie sollen jeglichen Kontakt zu Frauen vermeiden bzw. diesen auf ein Minimum beschränken und vor allem allein leben. Dieser Lebensstil wird in Foren und etwa auf YouTube zelebriert. Allerdings scheint er niemals so ganz realisiert werden zu können, denn die meisten Diskussionen drehen sich vor allem um eins: Frauen. Ähnlich wie incels steht diese Community Frauen feindselig, aber auch ambivalent gegenüber. So schreibt etwa ein User in einem MGTOW-Forum auf der Forenplattform Reddit:
„Wenn ich auf all meine vergangenen Beziehungen und die verschwendete Zeit zurückblicke, fühle ich mich wie ein Narr. Aber ich bin auch dankbar, denn ohne den ganzen Herzschmerz hätte ich mich nie zu dem entwickelt, was ich heute bin. Ich war immer deprimiert, weil meine ganze Existenz darauf basierte, Frauen zu bekommen. Als ich damit aufhörte, nahm ich 100 Pfund ab, wurde reich, lernte 3 weitere Sprachen, schloss das College ab, hörte auf, Drogen zu nehmen, und jetzt ist mir nie langweilig. Ich nutze alle 24 Stunden des Tages, um mich weiterzuentwickeln. Ich nutze sie nicht, um die Liebe meines Lebens zu finden (LOOL, ich weiß) und jetzt bekomme ich 4 Mal mehr Frauen als vorher, sie belästigen mich jetzt, aber ich will sie nicht einmal mehr.“
Natürlich ist es unmöglich zu wissen, ob diese Dinge wahr sind oder sich so zugetragen haben.3Jedoch zeugen sie von einem konstanten Hin und Her zwischen Präsenz und Abwesenheit der Frau. Ich argumentiere, dass der Hass und die Destruktivität, die in der Mannosphäre vorherrschen, nur oberflächlich sind.
In ihrer Überarbeitung der intersubjektiven Psychodynamik jenseits des Ödipuskomplexes stellt die US-Psychoanalytikerin Jessica Benjamin den Begriff der Anerkennung als grundlegendes Moment einer relationalen Ethik und Beziehung zwischen Baby und Betreuungsperson/en in den Vordergrund. Über die physischen Formen der Fürsorge hinaus bieten die Betreuungspersonen die Anerkennung, die Säuglinge brauchen, wünschen und auch zurückgeben. Benjamin betont, dass es sich bei dieser Anerkennung nicht um eine Verschmelzung handelt, sondern um eine Anerkennung der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Menschen, die idealerweise das ganze Leben lang bestehen bleibt. „In dem Moment, in dem wir unsere eigene Unabhängigkeit erkennen, sind wir von einem Anderen abhängig, um diese zu erkennen“4, schreibt Benjamin. Es ist genau diese Form der Anerkennung, die MGTOWs oder incels nicht offerieren können und doch gleichzeitig begehren. Sie konstruieren stattdessen eine sadistische Anerkennung, die auf Unterwürfigkeit basiert. Dieses Begehren nach Anerkennung wurde auch durch die bekannte Internetpersönlichkeit Andrew Tate noch weiter präzisiert und zirkuliert.
Toxischer Influencer: Andrew Tate
Tate, ein ehemaliger amerikanisch-britischer Kickboxer, ist für seine Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen berüchtigt. Mit insgesamt mehr als 11 Milliarden Klicks in den sozialen Medien kennen ihn Kinder und Jugendliche weltweit; ihre Eltern haben oft noch nie von ihm gehört. Tate, der sich selbst als Unternehmer und die am meisten gegoogelte Person bezeichnet, wurde im Dezember 2022 in Rumänien aufgrund des Verdachts des Menschenhandels verhaftet. Neben anderen Unternehmen betreibt Tate die Website „Hustler University“, auf der er jungen Männern verspricht, von „einem ausgewählten Netzwerk von Experten in den Bereichen Unternehmertum, Crypto-Währungen, Investitionen und Wirtschaft“ unterrichtet zu werden.
In krassem Gegensatz zum ethischen Ideal der Anerkennung tritt Tate für etwas Anderes ein: eine Forderung nach Anerkennung, die auf der Notwendigkeit der totalen Unterwerfung der Frau unter den Mann beruht. Nur wenn Tate diese Anerkennung erhält, „belohnt“ er diese sadistische Art der Anerkennung, indem er den Frauen erlaubt, an seiner Seite zu sein und sie als seine Gefährtin zu akzeptieren. Diese Art von Beziehungen predigt er in den sozialen Medien und obgleich viele Plattformen ihn im Laufe der Jahre verbannt haben, hat er dennoch eine loyale Fangemeinde, die seine Videos und Posts weiterhin verbreitet. Tate zeigt sich mit Vorliebe mit nacktem Oberkörper, die gestählten Muskeln im Fokus, mit leicht bekleideten Frauen oder in Luxusautos. Auch die obligatorische Zigarre darf als Phallussymbol natürlich nicht fehlen.
Tates exzessive Darbietungen phallischer Männlichkeit sind somit symptomatisch für ein Verlangen nach Anerkennung, das eine negative narzisstische Form angenommen hat, wie es die Psychoanalyse nennen würde. Es ist gerade diese Negativität, die seine Anziehungskraft ausmacht, insbesondere für junge Männer, die sich unzulänglich oder zurückgelassen fühlen. Der Begriff des Todesnarzissmus des französischen Psychoanalytikers André Green ist hier hilfreich. Green beschreibt ihn als „eine Kultur des Nichts, der Leere, der Selbstverachtung, des destruktiven Rückzugs und der permanenten Selbstentwertung mit einer vorherrschenden masochistischen Qualität“5. Dementsprechend müssen Tates Inszenierungen als Abwehr dieses masochistischen Kerns verstanden werden.
Auch Tate ist von Zweifeln und Unsicherheit geprägt. Und tatsächlich ist es diese Herausforderung, sich selbst zu akzeptieren und als liebenswert anzusehen, an der viele junge Männer der Mannosphäre häufig scheitern und der Grund dafür, dass Tates intensive Fantasien von Dominanz und totaler Macht über Frauen für diese Gruppe attraktiv sind. Tate repräsentiert somit den Todestrieb, die destruktive Seite in jedem Menschen, allerdings wird sie von ihm an Erotik und Sexualität gekoppelt. Er macht Frauen zu sexuellen Objekten und verweigert ihnen jegliche Anerkennung, sondern teilt ihnen mit, dass jede Liaison mit ihm und seinesgleichen eine tödliche, sadistische Dimension freisetzen wird. „Du musst verstehen, dass du, wenn du einmal mir gehörst, für immer mir gehörst“, soll er einer Frau geschrieben haben, die sich auf eine Beziehung mit ihm einlassen wollte, „eine Frau verlässt ihren Mann nie. Ich werde der letzte Mann in deinem Leben sein.“ Einer anderen Frau schrieb er laut dem britischen Guardian:
„Kannst du liebevoll genug sein, um eine Ehefrau zu sein? Um immer an meiner Seite zu sein, wohin ich auch gehe? Mit null Männern außer mir zu reden? Friss oder stirb? Du musst mit mir nach Rumänien ziehen, damit ich ein Auge auf dich haben kann. Du gehörst mir. Das darfst du nicht vergessen. Und verhalte dich auch so. Wir werden bald zusammen sein.” (The Guardian 2023)6
Diese sexualisierte todestriebhafte Orientierung, diese erotische Allianz mit dem Tod, die in der Mannosphäre allgemein so weit verbreitet ist, macht Tate zu einem fieberhaft bewunderten und leidenschaftlich gehassten Mann. Die Art und Weise, in der nicht nur seine Fans, sondern auch diejenigen, die sich ihm widersetzen, mit ihm umgehen, treibt uns alle in einen Zustand der Spaltung. So sehr man Tates phallische Fantasien oder die Destruktivität von incels und MGTOW auch kritisieren sollte, so führt diese Art der Kritik unweigerlich zu einer fortschreitenden Spaltung, bei der alles Schlechte abgelehnt und auf andere projiziert wird. Noch schlimmer ist, dass Tate sich selbst bereits als eine solche Projektionsfolie herrichtet. Digitale Plattformen sind – indem sie Menschen zu solchen Formen der Spaltung verhelfen – lediglich Teil der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme, die diesem Trend zum Verlust des „Anderen“ zugrunde liegen. Die Verantwortung für die Ermöglichung weniger paranoider Formen der Auseinandersetzung liegt auch bei Ihnen und uns allen. Es ist sehr einfach, diese Form der Männlichkeit als „toxisch“ abzutun. Dies bringt uns jedoch nicht weiter.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Jessica Benjamin argumentiert mit den Arbeiten des britischen Psychoanalytikers D. W. Winnicott, dass Anerkennung auch immer in Fantasien der Zerstörung begründet ist. Dies mag paradox erscheinen, aber ist vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Der junge Säugling lernt allmählich, dass die Menschen in seiner Umwelt (z. B. die Mutter) nicht nur in seinem Kopf existieren, sondern auch außerhalb. Für Winnicott geht dieser Übergang mit Fantasien über die Zerstörung einher. Das bedeutet, dass der Andere in der Fantasie zerstört werden muss, um im Äußeren anerkannt zu werden. Wenn dies der Fall ist, existiert er/sie tatsächlich außerhalb der Fantasiewelt des Säuglings. Das bedeutet, dass der Andere die zerstörerischen Fantasien „überlebt“ hat und den Säugling anerkennt. Wenn der Säugling in der Lage gewesen wäre, den anderen vollständig zu negieren, wäre er/sie nicht da, um ihn/sie zu erkennen. In diesem Sinne ist die Zerstörungsfantasie die Grundlage für jede intersubjektive Anerkennung. Können wir hier nicht eine Analogie zu den Fantasien der Mannosphäre ziehen?
Konstruieren die Männer nicht besondere Fantasien der Zerstörung von Frauen, weil sie sich nach Anerkennung sehnen?
Es muss betont werden, dass gerade die Schaffung ihrer toxischen Identitäten die Anerkennung durch die anderen untergräbt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich nicht zutiefst nach einem Gefühl der Anerkennung sehnen würden, das über die unmittelbare Anerkennung durch ihre männlichen Communitys hinausgeht.

Die Männer, die sich eine bestimmte Online-Identität zulegen, haben viele Fragen, Ängste und Unsicherheiten. Wir sollten versuchen mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dies mag online schwierig sein, aber die Schule wäre ein guter Ort, um etwa Workshops rund um das Thema Männlichkeit sowohl mit als auch ohne die Mitschülerinnen anzubieten. Hier kann versucht werden, mit jungen Männern ins Gespräch zu kommen, allerdings nicht, um sie zu kritisieren oder als Frauenfeinde abzustempeln, da sie dies nur noch mehr radikalisieren würde. Es muss eine offene Atmosphäre geschaffen werden, damit Fragen zu gegenwärtiger Männlichkeit, Sexualität, Pornografie, Beziehungen, Krisen und Ängsten schamlos diskutiert werden können. Außerdem könnten im Internet andere Identifikationsfiguren geschaffen werden, und dies passiert mitunter auch schon, sodass den Botschaften und der Anziehungskraft der Mannosphäre etwas entgegengesetzt werden kann, z. B. durch Instagram-, YouTube- oder TikTok-Inhalte, die eine andere Form der Männlichkeit darstellen.